Portfolio Category: Interview

  • Roya

    Roya

    Roya / Berlin

    Roya wächst im Nordosten des Iran auf, in einer turkmenischen Region, in der Stadt Gonbad-e Kavous, als Kind einer Bahai-Familie. Der Glaube ihrer Eltern ist im Iran keine geschützte Minderheit, sondern Ausschlussgrund: Bahai dürfen offiziell nicht studieren, nicht verbeamtet werden, nur selbstständig arbeiten. Schon als Jugendliche fragt sie sich, warum manche Menschen sehr reich sind und mehrere Häuser und Villen besitzen, während andere zur Miete in einem Zimmer mit fünf Kindern hausen müssen. Diese frühe Wut über Ungerechtigkeit wird zum Ausgangspunkt für alles, was folgt.

    Politisiert wird sie mit siebzehn Jahren durch ihren älteren Bruder, der der linken Volksfedajin-Bewegung nahesteht und ihr verbotene Flugblätter und Zeitschriften mitbringt. Die Eltern dürfen davon nichts wissen, denn politische Aktivität eines Kindes gefährdet im Iran die ganze Familie. Kurz nach der Machtübernahme der Islamisten beginnt Roya ein Studium in Maschhad, fünfhunert Kilometer von zuhause entfernt. Es dauert nur anderthalb Semester. An einem gewöhnlichen Samstag erlebt sie mit, wie vor der Universität ein Feuer brennt und Bücher aus der Bibliothek hineingeworfen werden, begleitet von Rufen, die Universität müsse von anders Denkenden gereinigt werden. Was im Iran als Kulturrevolution bezeichnet wird, schließt die Universität für zweieinhalb Jahre und zerstreut die Studierenden über das ganze Land.

    Roya bleibt zunächst in Maschhad, arbeitet im Krankenhaus, oft im Zwölf-Stunden-Takt, und unterstützt aus der Ferne ihre Eltern, denn das Baumwoll- und Getreidegeschäft ihres Vaters wurde vom islamischen Regime verschlossen und plombiert. Roya darf als Bahai politisch nicht aktiv sein, dennoch überschreitet sie dieses Verbot und setzt ihre politische Arbeit im Untergrund fort, in konspirativen Treffen in Cafés rund um die geschlossene Universität. Als die Repression gegen die Linke zunimmt und frühere „Verbündete“ wie die Tudeh-Partei zu Gegnern werden, gerät sie auf eine Fahndungsliste. Sie flieht bei Nacht und ohne Ankündigung aus ihrer Wohnung, überlässt ihr Zimmer der Schwester und sorgt auch für sie aus Sicherheitsgründen für eine neue Unterkunft. Roya zieht weiter nach Teheran. Dort begegnet sie einem Genossen wieder, mit dem sie aus Sicherheitsgründen eine formale Ehe eingeht. Als alleinstehende Frau im Iran zu leben ist damals kaum möglich, ohne sofort Verdacht zu erregen; die Ehe dient als pragmatischer Schutzschild und als Tarnung für geheime Parteisitzungen in der gemeinsamen Wohnung. Aus dieser Notwendigkeit entsteht in der Ausnahmesituation des Untergrunds eine echte Partnerschaft, und die beiden bekommen eine Tochter. Als die Familie über drei Jahre lang innerhalb Irans immer wieder den Wohnort wechseln muss, um unentdeckt zu bleiben, beschließen sie, das Land zu verlassen. Zuerst geht ihr Mann, die Flucht wird aus dem gemeinsamen Vermögen finanziert. Roya hält sich danach noch eine Zeitlang an wechselnden Orten auf, bis sie schließlich ihren gesamten Schmuck verkauft, um Geld für sich und ihre Tochter aufzubringen. Dann kommt die Familie in Deutschland wieder zusammen.

    Erst in Deutschland formiert sich Royas feministische Haltung vollends: Sie erteilt der Erzählung eine Absage, wonach sich die Frauenfrage im Sozialismus von selbst löse. Sie sieht, dass die unbezahlte Care-Arbeit, Kochen, Putzen, Kinderversorgung, selbst in linken Bewegungen weiterhin an den Frauen hängenbleibt. Diese Erkenntnis der Doppelbelastung macht Frauenrechte für sie zu einer eigenständigen Aufgabe, die nicht auf spätere Zeiten verschoben werden darf.

    Zu OMAS GEGEN RECHTS kommt Roya über die Demonstration Unteilbar im Jahr 2019. Der Anblick weißhaariger Frauen mit Schildern und Warnwesten beeindruckt sie so sehr, dass sie sich noch am selben Tag entscheidet, sich einzubringen. Weil sie zu dieser Zeit noch berufstätig ist, bleiben ihr vor allem Abende, Wochenenden und die Sitzungen per Zoom, doch das hält sie nicht davon ab, sich zusätzlich in der Feminismus-AG und in der Antirassismus- und Migrations-AG zu engagieren. In diesen AGs erlebt sie, wie Frauen aus ganz Berlin zusammenkommen, quer über die Bezirke hinweg, manche mit weiten und beschwerlichen Anfahrtswegen. Diese Bereitschaft, trotz Mühe zu kommen, beeindruckt sie immer wieder und trägt sie selbst mit.

    Roya betont, dass ihr Engagement nicht allein aus ihrer eigenen Position als Migrantin heraus entsteht, sie versteht es als Arbeit für die Gesellschaft insgesamt. Besonders schätzt sie an den gebürtig deutschen Omas, dass sie sich nicht darauf zurückziehen, das Thema betreffe sie nicht direkt. Statt die Beine hochzulegen oder sich dem Stricken zu widmen, entscheiden sie sich, auf die Straße zu gehen. Für Roya zeigt sich darin ein Denken, das über die eigene Familie hinausreicht, über den Tellerrand der eigenen Generation hin zu den nächsten. Sie beschreibt die Frauen als bemerkenswert frei von Vorurteilen und offen im Umgang miteinander.

    An Infoständen der OMAS GEGEN RECHTS erlebt Roya selbst wiederholt Anfeindungen. Sie wird aufgrund ihrer Haut- und Haarfarbe beschimpft, ihr wird unterstellt, von Sozialleistungen zu leben, obwohl ihre gesamte Arbeit hier ehrenamtlich ist, jede Stunde am Infostand, jedes verteilte Flugblatt, jedes Gespräch mit Passantinnen und Passanten. Manche lassen sich überzeugen, andere reagieren mit offener Ablehnung. Roya lässt sich davon nicht beirren, sie sieht darin weniger einen persönlichen Angriff als die Enge derjenigen, die sich nicht öffnen können. Ihre Haltung dahinter: Es gibt eine Erde und einen Himmel für alle, unabhängig davon, wo jemand geboren wurde.

    Aus ihrer eigenen Geschichte zieht sie eine klare Verbindung zur Gegenwart. Sie selbst konnte vor vierzig Jahren nach Deutschland kommen, Sprache lernen, studieren, Fuß fassen. Menschen, die heute ankommen, stoßen aus ihrer Sicht viel häufiger auf verschlossene Türen, trotz mitgebrachter Traumata. Wo Menschen keine Chance und keine Wertschätzung erfahren, entsteht aus ihrer Sicht der Nährboden für Radikalisierung, gleich ob bei jungen Männern aus patriarchal geprägten Gesellschaften oder bei jungen Menschen, die sich rechtem Gedankengut zuwenden. Genau darin sieht Roya die Verbindung zwischen islamistischen und rechtsextremen Weltbildern: Beide wollen die Frau zurück ins Haus, beide sprechen jungen Menschen ab, dass sie in der bestehenden Gesellschaft Anerkennung finden können. Deshalb ist Feminismus für sie kein Nebenschauplatz, sondern ein Kernstück ihrer politischen Arbeit gegen rechts und Fundamentalismus.

    Aktuell ist Roya an vier von sieben Tagen der Woche politisch aktiv, neben ihrer Berufstätigkeit an vier Tagen. Manchmal fragt sie sich selbst, wie lange sie dieses Tempo noch durchhalten kann, und doch hat sie in ihrem Leben nie aufgegeben, seit siebenundvierzig Jahren nicht. Was sie dabei trägt, ist der Zusammenhalt unter den Frauen, der ihr immer wieder als wohltuend erscheint, ob bei großen Aktionen oder bei kleinen wie einem Vorlesenachmittag für Demokratie in einer Kita oder in der Fußgängerzone am Infotisch.

    Aufgeben ist für Roya keine Option, denn Aufgeben bedeutet für sie, dass am Ende die Rechten und die Diktatoren gewinnen. Sie will weiterhin kämpfen, solange sie lebt und solange ihre Kraft reicht, in der Hoffnung, dass all die investierte Zeit und Energie eines Tages Früchte trägt, für die nächsten Generationen, die sie mit den anderen Omas im Blick hat.

  • Margarete

    Margarete

    Margarete / Lindau-Bodensee

    Margarete war Lehrerin an einer bayerischen Grund und Hauptschule, wo Klassenleitung meist bedeutet, fast alle Fächer selbst zu unterrichten, ganz gleich, was man studiert hat. Nur wenige Spezialgebiete wie Werken, Sport für Jungen, Schwimmen mit Rettungsabzeichen, Informatik oder Religion übernehmen Fachlehrkräfte. Diese Vielseitigkeit hält sie gerade im Ganztagsunterricht für wichtig, weil eine enge Beziehung zu den Kindern die Grundlage dafür ist, dass überhaupt etwas bei ihnen ankommt.

    Politisch war Margarete den größten Teil ihres Lebens kaum aktiv. Als Studentin bekam sie die Proteste gegen den Vietnamkrieg am Rande mit, ging auch mal am Ersten Mai zu einer Demonstration, mehr aus Neugier als aus Überzeugung. Interesse hatte sie vor allem an Bildungspolitik. Das änderte sich erst im Ruhestand. Rund zwei Jahre nachdem sie aufgehört hatte zu unterrichten, saß sie eines Morgens beim Frühstück vor dem Fernseher und sah eine ältere Dame mit roter Brille und roten Lippen, deren österreichischen Akzent sie sofort erkannte. Es war Monika Salzer aus Wien, die Gründerin der Bewegung OMAS GEGEN RECHTS, die damals ihr Buch darüber vorstellte, warum sie diese Initiative für nötig hielt: Die Demokratie sei der eigenen Generation geschenkt worden, jetzt drohe sie durch rechte Parteien wieder verloren zu gehen, die zu dieser Zeit bereits in mehrere Parlamente eingezogen waren. Margarete dachte an ihren damals kleinen Enkel und wusste: Das mache ich jetzt.

    Noch am selben Nachmittag erzählte sie ihrer Freundin Irene davon. Beide ließen die Idee zunächst offen im Raum stehen, bis Margarete wenige Wochen später in der Zeitung von einer Autorenlesung mit Monika Salzer in Bregenz las, organisiert von den OMAS GEGEN RECHTS Vorarlberg. Gemeinsam mit Irene fuhr sie hin, kam mit Salzer und den Vorarlberger OMAS ins Gespräch und begann, sich über die Organisation der Bewegung kundig zu machen, damals noch fast ausschließlich über Facebook-Gruppen. Parallel dazu erfuhr sie über eine Kursteilnehmerin in einem Italienischkurs von Charlie Schweizer, einem Ortshistoriker und ehemaligen Geschichtslehrer, dessen kritische Texte über einen AfD-Funktionär in der Region regelmäßig in der Lokalzeitung erschienen.

    Im Dezember 2019 hatte Margarete Monika Salzer gehört, im Januar oder Februar 2020, kurz vor den bayerischen Kommunalwahlen im März, fand die erste eigene Demonstration in Lindau statt, gegen einen Infostand der AfD am Berliner Platz. Organisiert hatten sie andere, aus dem Umfeld der Linken und von Amnesty International, Margarete und rund zehn weitere Frauen, viele ehemalige Kolleginnen aus dem Schuldienst, schlossen sich mit selbst gebastelten Schildern an, die sie von einer bereits bestehenden deutschen OMAS-Website heruntergeladen hatten. Ursprünglich dachten sie, das Thema erledige sich nach der Wahl von selbst, ein Irrtum, wie sich zeigen sollte.

    Im März 2020 folgte eine weitere Demonstration auf der Lindauer Insel, organisiert von Amnesty Lindau, gegen einen Antrag der AfD zur Einschränkung der Pressefreiheit. Zur Unterstützung reisten die Vorarlberger OMAS mit dem Zug an. Dort traf Margarete auf Doris aus Kressbronn, die gerade eine eigene Facebook-Gruppe gegründet hatte. Noch am selben Tag entstand daraus die Gruppe OMAS GEGEN RECHTS Bodensee. Über Doris kam der Kontakt zur bundesweiten Vernetzung zustande, die Anna Ohnweiler bereits 2018 mit einer deutschen Facebook-Gruppe begonnen hatte. Die Bodensee-Gruppe selbst ist kein eingetragener Verein und will das auch nicht sein. Mehr als die Hälfte der Frauen ist jedoch individuell Mitglied im bundesweiten Verein OMAS GEGEN RECHTS DEUTSCHLAND e.V., der unter anderem Rechtsschutz und Haftpflichtversicherung für die Anmeldung von Versammlungen bietet. Diese Mitgliedschaft entscheidet jede für sich, verpflichtend ist sie für die Teilnahme an der Bodensee-Gruppe nicht.

    Heute zählt der Mailverteiler der OMAS Bodensee etwa 140 Menschen, aktiv in der Organisationsgruppe sind etwa zwölf bis vierzehn. Es gibt mehrere Arbeitsgruppen, darunter eine Theatergruppe, sowie regelmäßige Präsenztage, an denen gemeinsam an Positionen zu aktuellen Themen gearbeitet wird, etwa zu Israel und Palästina oder zu den Begriffen Faschismus und Pazifismus, damit die Gruppe nach außen einheitlich auftreten kann. Eine feste Aktionsform sind die sogenannten Redebänkle, ein niedrigschwelliges Format für Gespräche mit Passantinnen und Passanten. Zu größeren Anlässen wie dem 75. Jahrestag des Grundgesetzes 2024 organisierten die OMAS aufwendigere Aktionen, etwa eine Brandmauer aus beschrifteten Kartons in Lindau.

    Das familiäre und private Umfeld reagierte gemischt. Ihr ehemaliger Schulleiter zeigte sich überrascht, wie politisch sie geworden ist, findet es aber gut. Ihre Kinder unterstützen sie voll, ihr Sohn nennt sie scherzhaft radikalisiert, eine Rebellin. In ihrem erweiterten Bekanntenkreis erlebt sie dagegen öfter ein Schweigen, wenn das Thema aufkommt, weder Zustimmung noch offener Widerspruch, nur ein Ausweichen. Im Chor, in dem sie singt, erlebt sie beides: viel Unterstützung, aber auch AfD-nahe Mitglieder, die ihr etwa erzählen, sie bekomme angeblich Geld für die Teilnahme an Demonstrationen, ein Gerücht, das sie mit Humor kontert.

    Ein besonderer Stolz ist für sie ihr Enkel. Mit acht Jahren, in der zweiten Klasse, organisierte er in seiner Nachmittagsbetreuung eigenständig eine kleine Unterschriftensammlung und einen Umzug durch die Einrichtung, weil er einen Kickertisch an einem ungünstigen, zu engen Platz für ungerecht hielt. Auf Nachfrage erklärte er später, die OMAS GEGEN RECHTS würden genau das tun, wenn etwas ungerecht sei, ohne dass Margarete mit ihm zuvor ausführlich über AfD oder Faschismus gesprochen hätte. Die Geschichte wurde später sogar Teil eines Beitrags in einer gemeinsamen Kinderzeitung von Stuttgarter Zeitung und Weser-Kurier über die Arbeit der OMAS anlässlich des Grundgesetz-Jubiläums. Bewusst nimmt Margarete ihren Enkel nicht mit auf Demonstrationen, das hält sie für zu früh und nicht altersgerecht, anders als bei manchen Familien, die auch kleine Kinder mitbringen.

    Ein besonderer Höhepunkt für sie war die Reise nach Erfurt, im Sommer 2026, während der bundesweiten Proteste gegen den AfD-Bundesparteitag in der Stadt. Mit einer gewissen Sorge war sie angereist, denn während Doris und andere aus ihrer Gruppe sich einer Blockade anschlossen, wollte Margarete allein durch die Stadt gehen, ohne sichtbare Buttons oder Erkennungszeichen. Doris hatte ihr eingeschärft, vorsichtig zu sein und auf sich aufzupassen. Was sie stattdessen erlebte, war das Gegenteil von Bedrohung: Die ganze Stadt hatte sich mit goldener Rettungsfolie geschmückt, ein Solidaritätszeichen, das sich Erfurt eigens für diese Tage ausgedacht hatte und das in Schaufenstern, an Haustüren und von Balkonen hing. Menschen trugen die Folie auch am Körper, neben Aufklebern und Zeichen wie Regenbogenfahnen. Als Margarete sich einmal verlaufen hatte, sprach sie ein Mann mit genau dieser Goldfolie an, begleitete sie ein Stück des Wegs zur Predigerkirche, und beide erkannten sich sofort als Gleichgesinnte, ohne ein Wort über Politik verlieren zu müssen. Solche Begegnungen wiederholten sich den ganzen Tag: Menschen, die extra aus Rostock, Wilhelmshaven oder Aachen angereist waren, lächelten sich im Vorbeigehen an, bedankten sich gegenseitig dafür, gekommen zu sein, die Reisenden bei den Erfurterinnen und Erfurtern, die Ortsansässigen bei den Angereisten, weil beide Seiten spürten, mit ihrer Sorge um die Demokratie nicht allein zu sein. Margarete nahm zudem an einer Podiumsdiskussion in der Predigerkirche teil, bei der unter anderem die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt und der Linke-Politiker Bodo Ramelow sprachen. Dieses Gefühl von Zusammenhalt und gegenseitiger Bestärkung unter Fremden trägt sie bis heute, sagt sie, es gibt ihr bis in den Alltag hinein Kraft weiterzumachen.

    Nicht alle Begegnungen sind konstruktiv. Bei einem Gesprächsformat der bayerischen Grünen-Politikerin Katharina Schulze geriet Margarete mit zwei Männern aneinander, die das Engagement gegen Rechtsextremismus mit dem Vorwurf konterten, man müsse doch viel mehr gegen Linksextremismus tun. Sie widersprach deutlich, zog sich aber aus dem Gespräch zurück, als es unproduktiv wurde. Mit AfD-Funktionären wie dem AfD-Politiker Rainer Rotfuß, der die OMAS bei einem Infostand öffentlich als alte, ungebildete Frauen ohne Ahnung abtat, führen die OMAS bewusst keine Diskussionen, ein Konsens, den sich die Gruppe über Jahre erarbeitet hat. Mit AfD-Wählerinnen und -Wählern dagegen suchen sie das Gespräch durchaus, sofern es sinnvoll erscheint.

    Ihr Ausblick bleibt zwiespältig, aber im Kern hoffnungsvoll. Erfurt hat ihr gezeigt, dass die meisten Menschen tatsächlich in einer funktionierenden Demokratie leben wollen und bereit sind, dafür etwas zu investieren. Von der Union fordert sie, wirklich nach den eigenen, oft nur behaupteten christlichen Werten zu handeln, statt sich der AfD in Sprache und Positionen anzunähern. Sie ist überzeugt: Die Mehrheit der Menschen steht nicht für Rechtsextremismus, sie muss nur wählen gehen.

  • Uschi /Zürich

    Uschi /Zürich

    Uschi / Zürich

    Wut ist ihr Antrieb. Nicht die stille, die sich nach innen frisst, sondern die laute, die nach außen will. Was gerade passiert auf der Welt, ist dermaßen furchtbar. Und dann ist da noch die Scham. Die Welt, die ihre Generation hinterlässt, ist keine gute. Die Babyboomer waren wie die Maden im Speck. Keine Generation vor ihnen hatte es so gut, keine nach ihnen wird es wohl so gut haben. Und was haben sie daraus gemacht? Die Klimakatastrophe. Die Demokratie, die den Bach runtergeht. Zwei Enkelkinder, denen sie ins Gesicht schauen muss.

    Aufgewachsen ist Uschi im Schwarzwald, in einem politischen Haushalt, der von Widersprüchen geprägt war. Ihr Vater kam aus dem Krieg zurück und drehte sich komplett um. Er baute die SPD im Schwarzwald auf, wurde der rote Max genannt, war durch und durch politisch. Zu Hause war er Sadist. Er schlug sie, war Alkoholiker, lebte zwei Leben, die kaum jemand zusammenbrachte. Ihre Mutter, Malerin aus gutem Haus, still und introvertiert, entpuppte sich erst beim Ausräumen des Hauses als das, was sie wirklich war: hinter Willy Brandt-Büchern standen ihre Nazi-Romane. Wie die beiden zusammengekommen waren? Es waren die frühen Fünfzigerjahre. Als Frau hatte man genommen, was man kriegen konnte. Wenig Männer kamen aus Krieg und Gefangenschaft zurück.

    Geprägt hat sie auch etwas anderes: die Fahrten als Kind mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ins Elsass, auf die Soldatenfriedhöfe des Ersten Weltkriegs. Gräber pflegen, Lagerfeuer, junge Leute, Spiele. Als sie dann 15, 16, 17, 18 war, arbeitete sie mit. Und Verdun. Die Wälder, wo die Erde immer noch verletzt ist. Das Beinhaus, wo die Knochen der Soldaten immer noch liegen. Das hat sich eingebrannt.

    Sie wurde Sozialpädagogin, erkannte aber früh, dass Sozialarbeit Flickwerk ist. Pflaster auf Wunden der Gesellschaft kleben, mehr ist nicht möglich. Man heilt nicht wirklich. Das war ihr nicht genug.Sie sattelte komplett um, lernte zu programmieren, wurde Qualitätssicherung in der IT, dann Trainerin und Moderatorin, Coach, Projektmanagerin, europaweit unterwegs.Politisch bei den Berliner Jusos vorbeigeschaut, abgeschreckt von der Vetternwirtschaft, dem Schachern zwischen Realos und Fundis. Und dann immer grün gewählt.

    Ihre eigenen Ideale hat sie nie verraten.

    Kurz verheiratet, alleinerziehende Mutter. Vor fünfzehn Jahren kam sie nach fast 40 Jahren Leben in Berlin dann in die Schweiz, wegen eines Partners. Seit einem halben Jahr ist sie Schweizerin, hat den deutschen Pass behalten, wegen Europa, nicht wegen Deutschland. Zwei Enkelkinder, heiss geliebt und weit weg in Berlin.

    Was sie von Anfang an gesehen hat und wofür sie lange in Deutschland belächelt wurde: dass Deutschland runterkommt. Die Bahn, die Straßen, die Brücken. Das Dauermeckern, das Warten auf die da oben. Die Schweiz denkt anders. Problem erkannt, Maßnahmen entwickelt, umgesetzt, Problem weg. Nicht weil das System perfekt ist, sondern weil die Haltung eine andere ist: Ich bin der Staat. Wenn ich es nicht richte, wer dann?

    Ihre erste Abstimmung in der Schweiz war ein Aha-Erlebnis. Ein Umschlag, einen Zentimeter dick, sechzehn Punkte, Ja oder Nein. Schulhausbau im Quartier und noch mehr lokale Entscheidungen. Und gesamtschweizerische Punkte. Sie durfte Kandidatinnen und Kandidaten streichen, durch andere ersetzen, quer durch Parteilisten. Anderthalb Stunden hat sie gebraucht. Es hat sie ermächtigt.

    Und dann, nach Trumps Wiederwahl, war ein Punkt erreicht. Das Unflätige wurde wieder salonfähig. Die Verachtung bekam wieder Vorbilder. Sie sah, wie das auf die Schweiz übergriff, wo die SVP seit Jahren daran arbeitet, unter dem Deckmantel der Neutralität eine Gesellschaft umzubauen. Die SVP wird als die Mutter der rechtsradikalen Parteien Europas bezeichnet. Die anderen haben von ihr gelernt, wie man in einer direkten Demokratie Opfergeschichten fährt, wie man im Konsens mitentscheidet und hinterher trotzdem so tut, als wäre man übergangen worden.

    Sie las einen Artikel über die OMAS GEGEN RECHTS, erinnerte sich, dass sie die Bewegung aus Deutschland kannte, und fand heraus, dass sich in Basel eine Gruppe traf. Sie fuhr hin. Irgendwann schälte sich eine Kerngruppe heraus, die sagte: Nägel mit Köpfen. Vereinsgründung. Statuten. Uschi ist Vorständin, mit dabei von Anfang an.

    Was sie bei den OMAS auch antreibt, ist die Frauenfrage. Nicht als Nebenthema, sondern als Kern. Die Schweiz hat das eigenständige Bürgerrecht der Frau erst 1990 per Gesetz verankert. Bis 1952 verlor eine Schweizerin, die einen Ausländer heiratete, automatisch ihren roten Pass, über 85.000 Frauen waren davon betroffen. Für jüdische Frauen und ihre Kinder bedeutete das während dem Dritten Reich oft die Deportation und Ermordung, denn zurück durften sie nicht mehr. Das wird jetzt erst aufgearbeitet.

    Als alte Frau kann sie den Mund aufmachen. Sie hat nichts mehr zu verlieren. Sie kann böse werden, direkt sein, Dinge sagen, die andere nicht sagen. Das ist ihr Oma-Sein. Nicht die kuschelige Alte. Das alte Revoluzzerhuhn.

    Was sie trägt: der Zusammenhalt unter den Aktiven beginnt. Dass Freundschaften entstehen. Dass es ein Netzwerk jenseits der Familie gibt, gerade für Frauen, die zugereist sind und keine familiären Strukturen mehr haben. Dass junge Menschen bei Aktionen stehenbleiben, Buttons nehmen, sagen: macht weiter.
    Aufbegehren und laut werden – auch und gerade für die Enkelkinder.

    Ihr Traum: OMAS GEGEN RECHTS schweizweit, auch in der französischen, der italienischen, der rätoromanischen Schweiz. Eine gesellschaftliche Stimme mit Gewicht. So wie die Klimaseniorinnen, die durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg die Schweizer Klimapolitik vor Gericht brachten und damit europaweit Aufsehen erregten. Es gibt die Schweizer OMAS seit einem Jahr. Dafür haben sie schon verdammt viel auf die Beine gestellt.

  • Irmgard

    Irmgard

    Irmgard / Bodensee

    Seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt (Günter Eich)

    Irmgard war etwa vier Jahre alt, als ihre Oma beiläufig etwas vom Führer erwähnte. Irmgard fragte, wer das sei, und die Oma schickte sie zu ihrem Vater. Der war an diesem Tag zu Hause, setzte sich zu ihr und erzählte von der Begeisterung, mit der viele damals die Welt verändern wollten, und davon, wie daraus Krieg wurde und alles zerstört war. Irmgard wuchs als Kind im Allgäu auf, und es war für sie ganz normal, Männern mit fehlenden Armen zu begegnen, Beinprothesen beim Baden im nahegelegenen See abgeschnallt zu sehen. Ihr eigener Vater trug Durchschüsse in den Armen. Das Gespräch mit ihm dauerte sicher nicht lang, aber es hat ihr ganzes Leben geprägt. Seitdem beschäftigt sie sich mit dem Dritten Reich, hat schon als Jugendliche Fotobücher über Auschwitz betrachtet. Dieses frühe Erwachen legte den ersten, entscheidenden Grundstein für eine Haltung, die sie viele Jahrzehnte später zu den OMAS führen sollte.

    Politisch engagiert war Irmgard schon lange bevor es die OMAS überhaupt gab. Sie lebte in den 70er und 80er Jahren nach ihrem Mathematik- und Germanistikstudium als Reallehrerin in Stuttgart und war mit einem sudanesischen Architekten verheiratet. Mit ihm erlebte sie Rassismus als strukturelles Thema mit.

    Dann kam die Rückkehr in die Heimat ihrer Jugend Friedrichshafen am Bodensee. Als Anfang der 1990er Jahre die rechtspopulistischen Republikaner erste Wahlerfolge feierten und in die Landtage einzogen, wachte sie am Wahlsonntag mit dem Gedanken auf, dass man etwas tun müsse. Sie wehrte sich innerlich dagegen, dass sie es sein sollte, aber der Gedanke war einmal gedacht. Noch am selben Abend hatte sie einen Brief an ihre Kolleginnen und Kollegen am Bildungszentrum in Markdorf verfasst. So fand sich eine Gruppe, die viele Jahre an der bundesweiten Interkulturellen Woche teilnahm, und daraus entstand der Verein Solidam, Solidarität mit ausländischen Mitbürgern e.V. Markdorf, den sie zehn Jahre lang leitete, mit deutschen, italienischen, türkischen, iranischen und (damals) jugoslawischen Mitgliedern.

    Neben dieser politischen Arbeit begleitete sie als zweites Thema das Theater. Bereits in Stuttgart spielte sie mit ihren Klassen Schülertheater. Dann am Bodensee in Markdorf baute sie eine Theater-AG auf, die über die Schulzeit ihrer Schülerinnen und Schüler hinaus als „Jasoscha – experimentelles Theater Markdorf“ bestand und Stücke von u.a. Martin Walser und Günter Eich spielte. Intensiv beschäftigte sie sich mit den Theaterformen von Augusto Boal, der in Brasilien unter der Diktatur Wege entwickelte, Kritik zu üben, ohne dafür belangt werden zu können. Besonders das „Unsichtbare Theater“ hatte es ihr angetan: Kontroverse Szenen, die mitten im Alltag gespielt werden, ohne dass die Umstehenden wissen, dass es sich um Theater handelt, und die reichlich Diskussionsstoff bieten, um mit den Umstehenden über ethische und politische Werte ins Gespräch zu kommen. 

    Mit 38 Jahren begann Irmgard noch einmal zu studieren: Diplompädagogik in Weingarten mit den Schwerpunkten Rassismus und Theater. Ihre Diplomarbeit untersuchte Musikschulbücher der Sekundarstufe 1 (Klasse 5-10) zwischen 1970 und 1990 auf rassistische oder abwertende Inhalte und koloniale Untertöne. Diese Untersuchung publizierte sie als Buch.

    Anschließend absolvierte sie eine zweijährige Theaterpädagogik-Ausbildung, ebenfalls berufsbegleitend, und verließ nach 18 Jahren die Schule.

    Mit Diplom und Theaterpädagogik-Ausbildung im Rücken machte sie sich selbständig. Sie hielt Seminare für die Landeszentrale für politische Bildung in Stuttgart. Zwölf Jahre lang arbeitete Irmgard freiberuflich für BMW in München und verwendete Theatermethoden in der internen Kommunikation und der Organisationsentwicklung. Sie spielte z.B. mit Ingenieuren und Arbeitern auf der Bühne, um den Wert der Teamarbeit im Spiel sichtbar zu machen. 

    All diese Puzzleteile, von der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit der Deutschen über den Kampf gegen Alltagsrassismus bis hin zur politischen Wachsamkeit gegenüber Demokratiefeinden führten Irmgard im Ruhestand zu den OMAS.

    Besonders erfreulich war für sie, dass ihre Theatererfahrung und das jahrelange Arbeiten mit Boals Methoden auch bei den OMAS gebraucht wurde. Als der Regisseur Micha Messermann auf die Gruppe zukam, um ein Forumtheaterstück zu entwickeln, übernahm Irmgard die Organisation und war neugierig auf seine Arbeitsweise. Eine Woche lang dauerte der Workshop, der alle begeisterte. Aus den persönlichen Geschichten der Frauen baute Messermann das Stück „Was ist denn hier los?“ Auch Irmgards Erzählung von dem Gespräch mit ihrem Vater über den Krieg wurde zur Grundlage für eine der Figuren im Stück.

    Auf die Frage nach dem Schlimmsten, was ihr als OMA begegnet sei, erzählt sie von einem „Redebänkle“ an der Uferpromenade in Friedrichshafen, das sie und eine Kollegin mit dem Ziel, ganz direkt mit Passanten ins Gespräch zu kommen. aufgebaut hatten. Eine gut gekleidete Frau mittleren Alters griff die OMAS als Organisation an und ereiferte sich, dass Mütter zu Hause bei ihren Kindern bleiben sollten. Irmgard entgegnete, es gehe den OMAS um demokratische Grundrechte für Frauen, damit sie nicht wieder in konservative Rollen gedrängt würden. Doch die Frau blieb bei ihrer Position und verschwand.

    Die Mehrheit der Menschen an diesem Redebänkle war jedoch auf der Seite der OMAS, viele bestärkten sie und stimmten ihnen zu. Es kam auch eine sudanesische Familie vorbei, mit der Irmgard natürlich das Gespräch suchte. Später besuchte sie sie an ihrem Wohnort, eine lose, aber bleibende Bekanntschaft.

    IrmgardsAusblick bleibt zuversichtlich. Sie erzählt von einem Lied, das in der Online-Gruppe der OMAS geteilt wurde. Eine junge Sängerin singt, wie es sie in dunklen Momenten tröste, zu wissen, dass irgendwo immer eine OMA GEGEN RECHTS unterwegs sei, um zu demonstrieren. 

    Die OMAS werden angefeindet, sagt Irmgard, aber das bedeutet auch, dass man sie wahrnimmt, dass sie wichtig sind. Man kann sie nicht übersehen. Eine Organisation von starken Frauen, die für demokratische Werte kämpfen. Das gibt ihr Zuversicht.

  • Brigitte

    Brigitte

    Brigitte / Lindau-Bodensee

    „Ich habe mich nie für „politisch“ gehalten.“ 
    Brigitte weiß genau, wann es angefangen hat. Nicht erst mit den OMAS, viel früher. Als Kind schon spürt sie, wenn Situationen nicht stimmen, wenn Ungerechtigkeit passiert. Später sagt sie ihren Schülerinnen oft:“ Wenn ihr nichts unternehmt und den Mund nicht aufmacht, dann bleibt alles, wie es ist.“

    Sie wird in eine Familie geboren, die vom Krieg gezeichnet ist. Ihr Vater erlebt in sechs Jahren an der Front in Russland alle Gräuel des Krieges; ihre Mutter erlebt den Krieg unter Bombenangriffen auf ihre Heimatstadt und als Rote-Kreuz-Schwester zwischen zusammenbrechenden Fronten und Flüchtlingsströmen.

    Brigitte ist ein Kind, das früh lernt, alleine klarzukommen. Sie entdeckt und erlebt die Macht der Worte. Sie verschlingt alles Lesbare, – Bücher sind ihre Zufluchtswelt -, aber auch die Macht der Worte von Autoritätspersonen: die bewerten, vorschreiben, beschämen, verletzen. Sie nimmt früh wahr, wie unterschiedlich Mädchen und Jungen behandelt werden. 

    Als Heranwachsende stellt sie Fragen, die zu Hause nicht gern gehört werden. Sie findet heraus, dass ihre Mutter beim BDM war, konfrontiert sie und stößt immer wieder nur auf Schweigen. Sie beschafft sich eigenständig Informationen, liest alles, was sie kriegen kann und schaut die Filme der US Armee über die Befreiung der Konzentrationslager. Sie bleibt mit ihrem Entsetzen und ihrer Fassungslosigkeit allein.

    Im Mädchengymnasium gibt es von den Lehrkräften der alten Garde ebenfalls keine Antworten. Ein junger Deutschlehrer liest in Klasse 10 mit den Schülerinnen „Mein Kampf“ und die Propagandareden von Josef Goebbels und hilft ihnen zu verstehen, wie die NSDAP an die Macht kommen konnte, wie Menschen manipuliert wurden und die Demokratie in eine Diktatur umgewandelt wurde. Sie verstehen die ungeheure Macht von Sprache. Vor diesem Hintergrund behandelt der Lehrer auch das Thema Zivilcourage. Das prägt sie für ihr ganzes Leben.

    Ausgestattet mit dem Gespür für Ungleichheit, Ungerechtigkeiten, Machtmissbrauch und dem Willen, Missstände nicht einfach hinzunehmen, betritt sie als junge Frau der 70er Jahre ihren Lebensweg.  

    Sie beginnt ein Lehramtsstudium. Der offen sexistische Umgang von Lehrenden mit den Studentinnen gibt den Ausschlag. Mit den Studentenbewegungen jener Zeit geht sie auf die Straße, solidarisiert sich und tritt erstmals öffentlich für ihre Überzeugungen ein. 

    Als Lehrerin an einem Gymnasium in einem Brennpunkt-Stadtteil wird sie mit den alten Strukturen und Mechanismen des Schulsystems konfrontiert, in denen Kinder, die nicht ins Raster passen, gnadenlos aussortiert werden. Durch einen Ortswechsel in ein anderes Bundesland fällt sie aus dem Schuldienst. 

    Sie wird schwanger und sieht mit Grausen, wie fremdbestimmt Frauen zu der Zeit entbinden müssen, wie sie sich strengen Regeln der Kliniken unterwerfen müssen. Sie liest Leboyer, Lamaze, Read, Kitzinger und erkämpft sich eine Ausbildung in alternativer Geburtsvorbereitung. Sie initiiert und leitet Geburtsvorbereitungskurse für Paare und wird Teil der neu gegründeten „Gesellschaft für Geburtsvorbereitung“, einer deutschlandweiten Welle der Frauenbewegung der 70er Jahre. 

    Ende der 80er macht sie sich selbstständig, gründet eine Nachhilfeschule und arbeitet 20 Jahre lang mit Kindern, die Lern- und Schulprobleme haben. Die individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes in einem geschützten Umfeld ist Kern ihrer Arbeit und entspricht ihrer persönlichen Vorstellung des Unterrichtens.

    Im Ruhestand engagiert sie sich in einer Initiative für Schulentwicklung, unterstützt die „Fridays-for-Future“ Bewegung, unterrichtet in Flüchtlingsklassen, ist Lernpatin bei der Kinderstiftung. 

    Mit wachsender Sorge beobachtet sie die Entwicklung der neu gegründeten AfD. Begrifflichkeiten und Symbole der Nazi-Zeit werden gesellschaftsfähig. Offen ausgesprochen bleiben sie ungeahndet. Fassungslos registriert sie wachsenden Antisemitismus; daß so etwas in Deutschland wieder geschehen kann, ist für Brigitte unerträglich. Der Correctiv-Bericht von Januar 2024 lenkt den Blick auf einen Begriff mit Durchschlagskraft: Remigration.

    Bei der ersten großen Demo geht sie wieder auf die Straße – mit einem selbstgebastelten Schild: Nie wieder ist jetzt! Auf der Rückseite steht: Rechtes Gedankengut gefährdet unser aller Freiheit.

    Bei einer Aktion am nächsten Tagt trifft sie auf die OMAS GEGEN RECHTS und wird gleich  Mitglied. Seitdem ist sie aktiv dabei, steht an Infoständen, geht auf Demonstrationen, sucht das Gespräch. Das ist ihre Stärke: mit Menschen reden, auch mit denen, die anders denken. Ihr ist wichtig, gerade jene zu erreichen, die bei rechter Machtübernahme am stärksten bedroht wären.

    Trotz aller Anstrengungen steigen die Umfragewerte für die AfD. In ihrem Dorf, in dem die AfD zuletzt auf über 17 Prozent gekommen ist, lebt sie als einzige Oma gegen Rechts. Im Gespräch mit Nachbarn kommt das Thema AfD zur Sprache, und zwei gestandene Menschen in ihrem Alter gestehen ihr, dass sie sich inzwischen nicht mehr trauen, offen zu sagen, wie sie wirklich denken. Genau das ist für Brigitte der eigentliche Anfang: Wenn Menschen aufhören, ihre Meinung zu sagen, aus Vorsicht oder aus Angst vor der eigenen Nachbarschaft.

    „Die radikalen Umstrukturierungspläne der AfD mit ihren menschenverachtenden Inhalten bedrohen alles, was mir besonders wichtig ist: Menschenwürde, Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung. Trotz aller Brüche und Neuanfänge habe ich die beste Zeit der Bundesrepublik erlebt. Die Frauen haben sich auf dem Weg zur Gleichberechtigung selbst ermächtigt, Missstände zu benennen und zu beseitigen. Ganz einfach, weil es möglich war und weil die Frauen verstanden haben, wieviel Power entsteht, wenn man gemeinsam ein Ziel verfolgt. Das ist die Power der OMAS GEGEN RECHTS. Es ist unsere Aufgabe, jungen Menschen zu vermitteln, die Freiheiten in unserer Demokratie wertzuschätzen, zu nutzen und zu verteidigen.“

    Ihr schönstes Erlebnis bei den OMAS ist nicht ein einzelner Moment, sondern die Verbundenheit mit all den tollen Frauen in einer großen Frauenbewegung.

    Ihr hoffnungsvollster Ausblick bleibt schlicht und klar: ein AfD-Verbot, und zwar jetzt.

  • Ulli

    Ulli

    Ulli / Lindau-Bodensee

    Ulli kommt aus dem Bildungsbürgertum West-Berlins. Sie wuchs in einem Randbezirk auf und besuchte ein humanistisches Gymnasium, das ihr Gerechtigkeitsgefühl früh geschärft hat. Ihr Vater war liberal, in der Familie wurde diskutiert, auch wenn ihre Positionierung nicht immer auf Begeisterung stieß. Fragen nach der Kriegszeit wurden nicht beantwortet. Mit achtzehn tritt sie als eine der ersten Frauen der Alternativen Liste (AL) in Berlin bei, einer grün-alternativen Partei, die 1978 aus der Studierenden- und Umweltbewegung entstand und Vorläuferin der heutigen Grünen war. 1981, mit 22 Jahren, wird sie Bezirksverordnete in Zehlendorf, einem damals bürgerlich-konservativen Bezirk West-Berlins mit einer absoluten CDU-Mehrheit von 54,1%. Die AL ist mit 9,3% erstmalig in die BVV eingezogen. Diese Zeit wird für sie zur politischen Schule, doch während ihrer zweiten Schwangerschaft tritt sie zurück, auch wegen dem Umgang mit ihr als junger Frau in den Ausschüssen und am Stammtisch.

    Auf Demonstrationen für den Frieden, gegen Atomkraft, gegen das Waldsterben, für bessere Gesundheitspolitik etc. ist Ulli ihr Leben lang gegangen. Sie war 1980 mehrmals im basisdemokratischen Protestcamp „Republik Freies Wendland“, ein Protest gegen die geplante Erkundung des Salzstock Gorleben als atomares Endlager, damals noch Jahre bevor die späteren Castor-Transporte das Thema erneut auf die Straße brachten. Sie besuchte regelmäßig die vom Abriss bedrohten besetzten Häuser und Objekte in Zehlendorf, während sie gleichzeitig in der Bezirksverordnetenversammlung saß, eine Doppelrolle, die tatsächlich half, Gebäude wie z.B. die Kulturbrauerei Zehlendorf vor dem Abriss zu bewahren. Der Werkhof, die ehemalige Brauerei, ist seit 1986 sozialer Treffpunkt und Ausbildungsort für selbstorganisierte Nutzung. Die Muthesius-Villa gehörte ab 1934 dem jüdischen Kaufhausbesitzer S. Schocken, der enteignet wurde von den Nationalsozialisten und emigrierte. Es ging darum, den Abriss durch Spekulanten zu verhindern und an die jüdischen Vorbesitzer zu erinnern. Das gelang durch die Zusammenarbeit der Besetzerinnen und Besetzer, der AL und des Sanierungsträgers Stattbau, die Villa ist heute saniert und denkmalgeschützt. 1981 gründete sich zudem eine Patenbewegung aus Anwohnerinnen und Anwohnern, Professorinnen und Professoren der Freien Universität und Eltern, um Instandbesetzungen in legale, selbstverwaltete Hausprojekte zu überführen, unter anderem mit Genossenschaftsmodellen gegen spätere Immobilienspekulation. Nicht alle historischen Gebäude konnten so gerettet werden. Ein einschneidendes Erlebnis war im Mai 1981 der Polizeikessel bei der Friedensdemonstration mit 60.000 Teilnehmenden in Berlin anlässlich des Besuchs des US-Außenministers Haig. Ein Kessel bezeichnet eine Einsatztaktik, bei der Polizeikräfte eine Gruppe von Menschen komplett umschließen und am Verlassen des Ortes hindern, eine in Deutschland seit den 1980er Jahren immer wieder umstrittene Praxis, weil sie auch unbeteiligte Passantinnen und Passanten treffen kann. Ulli und ihre Tochter gerieten nicht selbst in den Kessel, jedoch ihre Schwester und Freunde. Das Wegrennen und gejagt werden mit Kind aus der unmittelbaren Nähe dieser Situation hat sie und ihre Familie für Jahre von der Straße ferngehalten.

    Politisch aktiv blieb sie trotzdem, vor allem im Gesundheitswesen, wo sie als Sozialarbeiterin am Aufbau der Hospizarbeit beteiligt war und Jahrzehnte in Bezirks- und Senatsgremien im Gesundheitswesen mitarbeitete. Jahrzehnte war sie zudem als Dozentin in Krankenhäusern, Heimen, Sozialstationen und bei der Behindertenhilfe tätig. Als bewusst unterbezahlte Lehrbeauftragte der Fachhochschule für Sozialarbeit gab sie ihr Wissen an Studierende der Sozialarbeit, für sie eine eigene Form politischer Arbeit. Der Umgang mit Schwerstkranken, Sterbenden und alten Menschen sagt für sie viel über den Zustand einer Gesellschaft aus. Nach dem Umzug von Berlin an den Bodensee gab sie ab 2015 Alphabetisierungskurse für Geflüchtete in Weißensberg und Lindau, in einer Zeit, in der sie noch Hoffnung auf gelingende Integration hatte. Das Umfeld reagierte nicht durchweg positiv: Wir brauchen das Geld für die Deutschen. Sie musste sich zunehmend klar positionieren.

    Im Frühjahr 2021 zog es Ulli und ihren Partner zu einem Stand der Omas gegen Rechts auf dem Markt in Lindau und sie kamen mit den Frauen ins Gespräch. Von diesem Tag an gingen beide zu den ihnen möglichen Veranstaltungen, Demos etc. der OMAS, und Ulli engagierte sich, so gut es die eigene Lebenssituation zuließ, mit wechselnder Intensität, aber beständig. Was sie besonders zu den OMAS zog, ist es die Erinnerungskultur nicht zu verlieren und hochzuhalten. Viele Zeitzeugen leben nicht mehr. Die im Beruf erfahrenen Lebensgeschichten, viele waren von zwei Kriegen und Flucht traumatisiert, und die eigene Familiengeschichte, möchte sie nicht vergessen wissen. Mahnen. Die Eltern und Großeltern waren still. Die Omas heute sind laut.

    Ihr Vater, Jahrgang 1927, aufgewachsen in einem diakonischen Haushalt in Bethel/Bielefeld, in dem die Großeltern rund um die Uhr 15 Menschen mit Epilepsie betreuten, trat mit zehn Jahren in die Hitlerjugend ein, diente als Flakhelfer und wurde mit siebzehn zur Wehrmacht eingezogen, mit neunzehn als Panzergrenadier geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach zwei Jahren kehrte er traumatisiert mit einundzwanzig zurück und machte ein Notabitur. Über seine Kriegserlebnisse hat er kaum gesprochen, aus Rücksicht auf seine drei Töchter, wie er sagte. Erst mit dem jüngeren Bruder und mit Ullis Sohn, als der sich zwei Jahre bei der Bundeswehr verpflichtete, hat er offener geredet. Ullis Onkel, der Bruder ihres Vaters, meldete sich mit achtzehn freiwillig und fiel mit einundzwanzig in Russland. Bei seinem letzten Heimaturlaub wusste er, dass er nicht zurückkehren würde.

    Auch die mütterliche Seite ist von Kriegserfahrungen geprägt. Ihre Mutter, Jahrgang 1934, erlebte als Kind den Krieg in Hamburg, alliierte Bomber zerstörten weite Teile der Stadt, sie wurde später mit Mutter und Geschwistern aufs Land evakuiert, wo Geflüchtete nicht immer freundlich aufgenommen wurden. Sie war u.a. an der Ostsee in Scharbeutz evakuiert, als am 3. Mai 1945 die Cap Arcona und das Begleitschiff Thielbeck durch britische Flugzeuge versenkt wurden. Es starben ca. 7400 KZ-Häftlinge, deren Leichen monatelang in der Lübecker Bucht angeschwemmt wurden. Erst im fortgeschrittenen Stadium ihrer Demenz erzählte sie monatelang vom Krieg, u.a. wie sie als Kinder Kriegsgefangenen, die erschöpft, hungrig und durstig an ihnen vorbei liefen, Wasser geben wollten, und Schaulustige dieses Wasser aus ihren Gefäßen auf den Boden schütteten.

    Aus all dem zieht Ulli für sich die klare Haltung: Nie wieder ist jetzt, Antifaschismus, verbunden mit einem ebenso langen Umweltengagement. Sie hat den Bericht des Club Of Rome, eine einflussreiche Studie von 1972 über die Grenzen des globalen Wachstums, schon vor fünfzig Jahren gelesen. Es war alles bekannt, was uns heute um die Ohren fliegt.

    Was Ulli an den OMAS besonders schätzt, ist, dass sich wirklich jede und jeder nach den eigenen Möglichkeiten einbringen kann. Ein zeitweiliger Rückzug ist kein Problem, das Erfahrungswissen in der Gruppe ist riesig, und man geht gut miteinander um. Es tut ihr einfach gut, mit Menschen zusammen zu sein, die angesichts der aktuellen Lage ähnlich empfinden, gerade hier auf dem Land. Solange die Kräfte reichen, will sie etwas tun, um Menschen zum Nachdenken zu bewegen, damit die Welt und unser Land enkeltauglich bleiben. Nicht überall erzählt sie, was sie macht, mit Aufklebern am Auto fährt sie hier nicht mehr herum, die Weste zieht sie vor der Demo an. Gleichzeitig erlebt sie durchaus Offenheit: eine CSU-Kreisrätin a.D. und frühere langjährige Vorsitzende der CSU Frauen Union sagte an einem Stand in Lindau, es wäre gut, sich zu vernetzen, das Land brauche die OMAS.

    Ulli hat gelernt, toleranter zu werden und Schubladen abzulegen, besonders deutlich wurde ihr das bei einer Brandmauer-Aktion der Gruppe. Die OMAS hatten viele Umzugskartons vorbereitet, jeder Mensch beschriftete einen Karton mit einem Begriff: Inklusion, Demokratie, Gerechtigkeit, Feminismus etc. und stellte ihn als persönlichen Stein auf die symbolische Brandmauer. Als Ulli sah, wie Lindauer/Innen aus unterschiedlichen demokratischen Lagern schrieben, dachte sie: Hör auf mit deinen Schubladen, wir sind Demokratinnen und Demokraten, wichtig ist, dass wir zusammenstehen für die Demokratie und Vielfalt. Für Passantinnen und Passanten war die Kartonmauer vor allem ein Gesprächsanlass, für Ulli eine der eindrucksvollsten Aktionen überhaupt. Mit Menschen, die den OMAS ablehnend gegenüberstehen, ist genau das oft schwierig, anders als früher, als sie mit Wahlflyern auf der Straße noch ins Gespräch kam.

    Heute wird man im Vorbeigehen dumm dreist angegangen, mit Sätzen wie Ihr seid ja alle Demenz, oder am Stand zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes: Ich bin nicht für das Grundgesetz, ich bin für die Verfassung. Bevor Ulli antworten konnte, sind die Leute schon weiter. Man wird attackiert, ohne dass ein Gespräch daraus wird, obwohl genau das ihr Ziel ist. Mit rechtsextremen Funktionärinnen und Funktionären vom Schlage eines Dr. Rotfuß und ähnlichen Akteuren reden die OMAS bewusst nicht, mit den übrigen Bürgerinnen und Bürgern aber sehr wohl. Bedrohliche Situationen hat Ulli bislang nicht erlebt, nur kleinere, hingeworfene Anfeindungen.

    Das Positivste bleibt für sie die Gemeinschaft, sich mit einem gemeinsamen Nenner nach außen zu zeigen. Die Themen, die in ihr brennen, nach außen zu tragen, gleicht für sie einer Graswurzelbewegung: Wer einmal infiziert wurde und darüber weiterredet, steckt andere an, und es wächst und wächst, ihr persönlich zwar viel zu langsam, aber stetig, und das gibt ihr Antrieb. Ihre größte Angst ist, dass der Rechtsruck weiter voranschreitet, mit einer Verrohung der Sprache, die für sie längst nicht nur ein Thema der AfD ist. In Bayern lässt sie es besonders fassungslos zurück, dass es die Freien Wähler und die CSU gibt und trotzdem ein so großer Anteil an AfD-Zustimmung bleibt. Dass sich das noch weiter verschiebt, ist ihre Angst, doch letztlich ist sie überzeugt, dass die Mehrheit woanders steht. Das ist ihre Motivation für die Zukunft: dass sich diese Mehrheit auch zeigt. Und dass die Erinnerungskultur hochgehalten wird, weil die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sterben und es nun an der jüngeren Generation liegt, dieses Wissen weiterzutragen.

    Zu Hause lagern bei Ulli mehrere Kisten mit Dokumenten, Feldpostbriefen und Literatur vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg, Hinterlassenschaften ihres gefallenen Onkels, ihrer Tante und ihres Vaters. Sie hat sie im letzten Moment vor der Entsorgung gerettet und will sie nun katalogisieren und dem Schulmuseum Friedrichshafen übergeben.

    Dass ihr Vater damals kaum über seine Kriegserlebnisse gesprochen hat, führt Ulli darauf zurück, dass viele in seiner Generation diese Büchse der Pandora nie geöffnet haben. Das weiß sie aus den vielen Hunderten Sterbebegleitungen ihrer Hospizarbeit: Diese Generation hielt ihre eigene Rückschau oft erst im Angesicht des nahenden Lebensendes, vorher nicht. Manche Ehepaare erzählten sich nach dem Krieg ein einziges Mal, was geschehen war, und lebten danach jahrzehntelang zusammen, ohne je wieder ein Wort darüber zu verlieren. Für Ulli eine zutiefst verstörende Vorstellung, was diese Menschen Jahrzehnte an Traumata in sich verschlossen hatten.

    Erst nach dem Tod ihres Vaters erzählte ihr Onkel, dass ihr Vater in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in den Rheinwiesenlagern versucht hatte, einen Füllfederhalter zu behalten, den er von seinem gefallenen Bruder geschenkt bekommen hatte. Er flehte den Wachsoldaten an, der Soldat zertrat ihn vor seinen Augen. Dass ihr Vater seinen Töchtern das in der Pubertät nicht erzählt hat, versteht Ulli heute. Aus ihrer Hospizarbeit hat sie gelernt: Bevor man geht, hält man noch einmal Rückschau auf das eigene Leben, um Dinge loszuwerden.

    Woher der Satz Nie wieder ist jetzt ursprünglich stammt, weiß Ulli nicht, doch sie findet ihn genial und zutiefst wichtig. Der Großteil der Menschen, die hier leben, steht ihrer Überzeugung nach nicht für Rechtsextremismus, sie sind mehr, vielfältig und bunt, artikulieren sich nur oft nicht laut und sichtbar genug. Ihr Wunsch ist es, durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte mehr Rundung für ihr Leben zu gewinnen, wohlwissend, dass solche Traumata wie ein schwerer Sack über Generationen weitergetragen werden und in das eigene Leben wirken.

    Der gesamte Lebensweg ihres Vaters war von dem Aufwachsen im Nationalsozialismus geprägt. Er wurde Fürsorger, weil er obdachlosen, alkoholkranken und haltlosen jungen Menschen nach dem Krieg einen neuen Lebensweg eröffnen wollte. Er wurde später Psychologe, Soziologe und Psychoanalytiker. Nun ist es an Ulli, die Kisten mit den Büchern weiterzugeben. Das Engagement bei den OMAS bedeutet für sie eine echte Selbstermächtigung. Mit so vielen klugen, weisen Frauen in einer Reihe zu stehen, gibt ihr die Kraft und den Mut, weiterzumachen und Hoffnung zu haben.

  • Christel

    Christel

    Christel / Basel

    Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt und dass man etwas tun muss, das kennt Christel seit Jahrzehnten. Der Anlass ändert sich, das Gefühl bleibt. Sie war jahrelang berufstätig, in leitender Funktion, jahrzehntelang Mitglied bei Amnesty International. Ungerechtigkeit hat sie nie kalt gelassen. Was sie immer geärgert hat: wenn jemand seine Position ausnutzt, um jemanden Schwächeren zu treffen. Und die Mitläufer. Die, die alles akzeptieren, nichts sagen und sich nachher rausnehmen.

    Politisiert hat sie ihr Vater, Jahrgang 1920. Er wurde 1939 direkt eingezogen, war in der Ukraine, auf der Krim, am Elbrus. Er hat ihr viel erzählt. Und als der Krieg in der Ukraine begann, dachte sie: jetzt geht das wieder los. Wir befinden uns wieder in einer ähnlichen Situation. Das hat sie betroffen gemacht. Und der Rechtsdruck, die Ungerechtigkeiten, das alles zusammen. Im März letzten Jahres sah sie, dass es eine Veranstaltung der OMAS GEGEN RECHTS gibt. Sie ging hin. Seitdem ist sie dabei.

    Was sie an den OMAS schätzt: das breite Spektrum. Man ist nicht auf eine einzige Linie fixiert. Es geht gegen Rechts, gegen Ausgrenzung, im Prinzip gegen jede Ungerechtigkeit, wo sie auch herkommt. Und Menschen, die sich positionieren, sagt sie, haben wenigstens noch ein Gesicht. Schlimmer sind die, die schweigen und innerlich längst einer Meinung sind. Das hat sie gerade erst wieder erlebt, als sie vor der Abstimmung vom 14. Juni mit Bekannten sprach, Menschen, die sie zu kennen glaubte. Und dann kamen Ansichten zum Vorschein, mit denen sie nicht gerechnet hatte.

    Einmal, bei der Arbeit in der Spitex, fragte sie eine Kundin, was sie so mache. Die Sprache kam auf die OMAS GEGEN RECHTS. Die Kundin bekam einen Wutanfall. Es ging hin und her. Am Ende sagte Christel: wir haben jetzt unterschiedliche Meinungen gehabt, das ist eine Sachdiskussion, und ich werde Sie am Freitag wieder besuchen. Die Kundin: das ist in Ordnung. Am Freitag war es kein Thema mehr. Den Kontakt nicht abbrechen, das ist ihr wichtig. Zwei Blöcke, in der Mitte nichts, und man trifft sich nicht mehr: das ist für sie eine der größten Gefahren.

    Ihr Berufsleben hat sie geprägt. Sie leitete ein gemischtes Team, viele Nationen, viele Charaktere. Sie erlebte, wie bereichernd das sein kann, wenn man die Unterschiede nicht bewertet, sondern nutzt. Wir sind alle unterschiedlich, aber wir sind gleich viel wert. Das war ihr Grundsatz. Und sie hat gelernt: Integration beginnt mit Willkommen heißen. Wer von Anfang an abgewertet wird, zieht sich zurück, bildet Parallelwelten. Wer gesehen wird, bringt mit, was er hat.

    Auch bei den OMAS lernt sie noch. Sie ist neu dabei, die anderen haben Jahrzehnte politische Erfahrung. Manchmal gibt es Reibung im Netz, eine erklärt etwas, eine andere fühlt sich herabgesetzt. Christel lacht darüber, im Prinzip ist das überall gleich. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht. Und sie lernt enorm viel. Das macht ihr Freude.

    Was ihr Ausblick ist: Die OMAS GEGEN RECHTS Schweiz sind noch jung, es ist viel Bewegung drin. Und was sie besonders freut: Bei den Mahnwachen sind junge Frauen auf sie zugekommen. Die finden es toll, was die Omas machen. Christel hat ihnen gesagt: das ist eure Zukunft. Ob es im Kleinen bleibt oder größer wird, das ist ihr egal. Dass es anregt und etwas mitgibt, das reicht

  • Margot

    Margot

    Margot / Basel

    Margot kommt aus der Frauenbewegung. Das prägt sie bis heute.

    In den frühen 1980er Jahren war sie Kindergärtnerin in Basel, engagiert in einer Frauenorganisation namens OFRA. Mit einer Gruppe von Kolleginnen, Kindergärtnerinnen, Hauswirtschafts- und Werklehrerinnen stellte sie fest, dass ihre Berufsgruppen systematisch schlechter entlöhnt wurden als andere Lehrerberufe. Typische Frauenberufe, typisch schlecht bezahlt. Sie entschlossen sich zu klagen. Es dauerte fünf Jahre, der Kanton wies sie immer wieder ab. Am Ende zogen sie vor das Bundesgericht und gewannen. Die gesamte Berufsgruppe bekam rückwirkend Lohn ausbezahlt. Als der Kanton dann auch noch die Steuern auf einmal einziehen wollte, klagten sie erneut und gewannen erneut. Margot hat dabei gelernt, wie Politik abläuft. Und was es bedeutet, wenn Frauen zusammenhalten.

    In den Nullerjahren erkrankte sie. Der Rollstuhl kam, und mit ihm eine neue Realität: Türen, die zu schmal sind. Häuser, die nicht zugänglich sind. Eine Stadt, die nicht für sie gebaut wurde. Aber auch eine Erfahrung, die sie selbst überraschte sie wurde nie angefeindet wegen des Rollstuhls. Und sie stellte fest, dass der Rollstuhl ihr bei Aktionen sogar eine Art Narrenfreiheit gibt. Sie fährt auf Menschen zu, fragt, ob sie abstimmen gehen, ob sie sich informiert haben. Die meisten bleiben stehen. Die meisten reden.

    Nach Corona merkte sie, dass sie sich wieder engagieren wollte. Nicht nur für Frauenrechte — auch für das grössere Bild. Der Rechtsrutsch in der Schweiz, in Europa, in der Welt beschäftigte sie. Dann las sie, dass sich eine Gruppe OMAS GEGEN RECHTS in der Schweiz gründen würde. Sie schrieb sich ein — mit einem mulmigen Gefühl. Nicht wegen der Politik, sondern wegen der Menschen. Wie würden sie mit ihr umgehen? Würde der Rollstuhl ein Hindernis sein? Sie wollte nicht als die arme „Behinderte„wahrgenommen werden. Sie wollte als ganze Frau wahrgenommen werden, mit allem, was sie mitbringt.

    Beim ersten Treffen in einem Café in Basel schaute sie genau hin. Sie fand Frauen, die sie interessierten. Als es darum ging, wo man sich das nächste Mal treffen sollte, machte Margot einen Schritt, der ihr nicht leichtfiel: Sie lud die Gruppe zu sich nach Hause ein. Sie wohnt in der Nähe des Bahnhofs in Basel, hat einen grossen Raum, einen riesigen Tisch. Kommt doch zu mir, sagte sie. Seitdem bereut sie es keinen Tag.

    Was ihr die OMAS gegeben haben, sagt sie, ist ein Geschenk. Im Alter neue tolle Frauen kennenzulernen — das soll schwierig sein. Bei ihr ist es das Gegenteil. Frauen, mit denen sie am gleichen Strick zieht. Und ihr Rollstuhl, sagt sie, spielt dabei überhaupt keine Rolle.

    Ihr Ausblick ist ehrlich. In Basel sind etwa 40 bis 50 Frauen als Mitglieder eingetragen — aber aktiv sind es wenige. Als sie von einer Freiburger Gruppe hörte, die 50 aktive Omas hat, dachte sie: wo sind wir? Sie hofft auf Wachstum, auch im Baselland. Und sie denkt an die Migrantinnen in der Stadt — fast die Hälfte der Basler Bevölkerung hat Migrationshintergrund. Diese Frauen zu erreichen wäre wichtig. Und schwierig. Aber es wäre ein nächster Schritt.

  • Ute

    Ute

    Ute / Basel

    Ute ist in Berlin aufgewachsen, in einer Familie, die die ganze Widersprüchlichkeit der deutschen Nachkriegsgeschichte in sich trug. Ihr Vater, Jahrgang 1923, war SS. Er hat es nie wirklich zugegeben — nur scheibchenweise, spät, und nie ganz. Die Tätowierung am Arm erklärte er dem Kind als Erinnerung aus russischer Gefangenschaft. Erst später hat Ute selbst recherchiert, hat die Jahreszahlen zusammengezählt und verstanden, was sie bedeuten. Er war blond, blauäugig, gross — und er hatte sich aktiv beworben, in einer Zeit, als man sich noch bewerben musste. Später ist er in die SPD gegangen. Ein Umdenken, aber kein ehrliches Eingestehen.

    Ihre Grossmutter, bei der sie aufwuchs, war keine überzeugte Nationalsozialistin — aber von der Rassenlehre durchdrungen, kaisertreue Preussin, die Hitler vor allem wegen seines Auftretens ablehnte. Zu brüllig für einen Staatsmann. Utes Mutter wiederum kam aus einer bürgerlichen Beamtenfamilie, ging später zu den Jusos. Ute hatte also alles auf einmal: die preussische Strenge, das beschämte Schweigen, den linken Aufbruch.

    Mit 13, 14 war sie, wie sie selbst sagt, richtig radikal. Sie rebellierte — gegen die Herkunft, gegen das Stillhalten, gegen das Funktionieren. Den Gerechtigkeitssinn hatte sie schon als Kind, in der Schule, wenn es hiess: das geht dich doch nichts an. Und sie dachte: aber es ist nicht fair. Das hat sich nie geändert.

    In Berlin fand sie früh Anschluss an feministische Kreise, die Friedensbewegung, die Anti-AKW-Bewegung. Sie machte eine Ausbildung zur Krankenschwester — damals hiess es noch so — und arbeitete ehrenamtlich im feministischen Gesundheitszentrum, hatte früh Kontakt zu vergewaltigten und misshandelten Frauen. Bei einer Demo für den Paragraphen 218 malte sie sich einen Embryo auf ihr T-Shirt-Kleid, dazu die Worte: Mein Bauch gehört mir — durchgestrichen. Ein Kameramann der Tagesschau hielt drauf. Das Bild lief. Ihr Arbeitgeber zitierte sie danach zu sich: Als Krankenschwester in Ausbildung sei man ein Vorbild. So verhalte man sich nicht. Ute fand: Es war Freizeit. Sie hatte sich nicht krank gemeldet. Und sie hatte ein Statement gemacht, das in die Zeit gehörte.

    Dann kam die eigene Familie, weniger Zeit, weniger Kapazität. Aber der Blick auf die Welt blieb. Als der Rechtsruck sich weltweit ausbreitete, dachte sie: du bist noch fit, du kannst noch was machen. Eine Partei kam nicht in Frage — keine entsprach wirklich dem, was sie sagen würde. Dann hörte sie von den OMAS GEGEN RECHTS in Deutschland, fuhr zweimal nach Heidelberg zu Demos. Und dachte irgendwann: das kann es ja nicht sein, immer von Basel nach Heidelberg. Sie suchte, stiess auf die Grossmütterrevolution, und über sie auf die Schweizer OMAS GEGEN RECHTS. Seitdem ist sie dabei.

    Was sie beschäftigt: dass sich alles rückwärtsbewegt. Das Recht auf Abtreibung, das in der Schweiz wie in Deutschland keine echte Freiheit ist, sondern eine geduldete Ausnahme. Die Tradwives auf TikTok, die zurück in die Fünfzigerjahre wollen — oder noch weiter. Der gleiche Hass wie damals, nur anders verpackt. Früher kamen Männer vom Strassenrand und brüllten: scheiß Weiber. Heute kommen sie mit Diskussionsangeboten, stellen Fangfragen, und wenn man mit Fakten antwortet, kommt der eigentliche Hass — über das Äussere, über Catcalling, über Drohungen. Intellektuell verbrämt, sagt Ute, aber im Kern dasselbe.

    Bei Infoständen und Mahnwachen hat die Gruppe gelernt, damit umzugehen. Wenn ein Mann eine Frau stundenlang in ein Gespräch bindet, das keines ist, kommt eine andere dazu und sagt: die brauche ich kurz. Oder man sagt selbst: ich merke, wir kommen hier nicht weiter. Und geht. Es gibt inzwischen Selbstbehauptungstrainings in der Gruppe — das erste lief, das nächste ist bereits ausgebucht.

    Ute weiss, wie das geht. Sie kennt es seit Jahrzehnten. Und sie teilt dieses Wissen jetzt mit Frauen, für die es neu ist. Viele Schweizer Omas, sagt sie, kennen das nicht — dieses Angemacht-werden, dieses Kleingemacht-werden. Das ist nicht ihr Vorwurf. Es ist einfach eine andere Geschichte.

    Ihr Ausblick, auf die Frage nach Hoffnung: dass das Patriarchat endlich brennt. Und für alle, die zuhören — das war kein Aufruf zur Gewalt.

  • Rosmarie

    Rosmarie

    Rosemarie / Basel

    Rosmarie wurde in einem Land geboren, in dem Frauen noch nicht wählen durften. Das Frauenstimmrecht kam in der Schweiz erst 1971 — nicht weil es so beschlossen wurde, sondern weil die Männer es ihnen per Abstimmung erlaubten. Im Kanton Appenzell Innerrhoden dauerte es bis 1991, erzwungen durch das Bundesgericht. Rosmarie war 13, als es endlich so weit war.

    Sie erinnert sich an Kleinigkeiten aus der Kindheit, die ihr gezeigt haben, dass etwas nicht stimmte — ohne dass sie damals hätte sagen können, was. An den Briefkästen in ihrem Haus standen nur Männernamen. Nur bei ihrer Familie stand H. und E. Brunner-Leemann — immerhin erkennbar ein Ehepaar. Die Töchter standen auch dort nicht drauf. Aber immerhin.

    Einmal wollte ihre Mutter auf dem Polizeiposten eine Identitätskarte für die Tochter beantragen — etwas ganz Gewöhnliches. Der Polizist druckste. Das dürfe sie nicht, da müsse ihr Mann kommen. Rosmarie stand daneben, an der Hand ihrer Mutter, und spürte, wie diese neben ihr kochte. Sie gingen wieder, ohne etwas erreicht zu haben. Rosmarie verstand das nicht. Aber sie spürte es.

    In der Schule hatte sie einen Geschichtslehrer, der das Dritte Reich intensiv durchnahm. Das Mittelalter, sagte er, könnt ihr selber nachlesen — aber die jüngste Geschichte, die euch prägt, die müsst ihr kennen. Rosmarie wusste viel, schon bevor sie die Schule abschloss. Dann kam das Theologiestudium. Was nützen die schönsten Gedankengebäude, wenn sie nicht in der Realität stattfinden, fragte sie sich. Die radikale Freundlichkeit — das war etwas, das sie dort trainierte. Und die Anti-AKW-Bewegung beschäftigte sie, auch wenn sie nicht demonstrieren ging. Sie dachte darüber nach. So war sie schon immer: nicht wegschauen, nachdenken, Position beziehen.

    Was sie in der Schweiz beobachtete, beunruhigte sie zunehmend. Seit den 1970er Jahren drängt rechtspopulistisches bis rechtsextremes Denken immer weiter in die Mitte der Gesellschaft — auch über die Sprache. Wörter wie Überfremdung tauchten damals auf. Die Muster kehren seitdem immer wieder, nur leicht verkleidet. Gerade erst wurde über die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative abgestimmt, lanciert von der SVP — ein Label, das Rosmarie als verlogen bezeichnet: Grüne Themen werden von derselben Seite sonst regelmäßig abgeschmettert. Die Initiative wurde abgelehnt. Aber es geht weiter. Immer diese Spaltung: wir und die anderen. Das sei Gift, sagt sie — für die, die so denken, und erst recht für die, die es betrifft.

    2018 las sie in einer Zeitung, dass Monika Salzer in Wien die OMAS GEGEN RECHTS gegründet hatte und dass in Deutschland erste Gruppen entstehen. Das hat sie, sagt sie, wie elektrisiert. Ja genau, genau das. In der Schweiz gab es nichts. Sie recherchierte, knüpfte Kontakte nach Deutschland, traf bei einem Besuch in Berlin eine Berliner Oma. Und sie fand die GrossmütterRevolution — eine Schweizer Organisation, ursprünglich vom Migros Kulturprozent finanziert, seit 2022 als eigenständiger Verein organisiert. Ein grosses Thema dort ist Care-Arbeit: die unbezahlte, unsichtbare Arbeit, die gesellschaftlich kaum anerkannt wird — ein Thema, bei dem alte Frauen, wie Rosmarie sagt, ein Lied mit vielen Strophen singen können. Rosmarie ist heute Präsidentin des Vereins. Und sie erzählte dort von ihrem Traum: OMAS GEGEN RECHTS in der Schweiz zu gründen. Sie fand Gleichgesinnte. Fünf Frauen aus der GrossmütterRevolution Basel taten sich zusammen — in der Schweiz braucht es nicht mehr als das, einen Handschlag, und der Verein ist gegründet. Rosmaries Mann baute die Website.

    Im Herbst 2024 erschien im Tagesanzeiger ein Interview mit einem Kenner der rechtsextremen Szene. Er erwähnte, dass es in der Schweiz auch OMAS GEGEN RECHTS gebe — er hatte die Website gefunden. Von da an kamen die Anfragen. Im März 2025 gründeten sie den Verein. Dann luden sie Monika Salzer ein, dazu Dörte Schnell aus Worpswede, und eine Journalistin des Tagesanzeigers. Der Artikel, der daraus entstand, löste eine Welle aus: Innerhalb eines Jahres wuchsen die Schweizer OMAS GEGEN RECHTS von zwei Dutzend auf über 250 Frauen. Heute gibt es aktive Gruppen in fünf Regionen, weitere entstehen gerade.

    Die OMAS GEGEN RECHTS Schweiz haben in Basel bereits drei Mahnwachen veranstaltet. Auf dem Barfüßerplatz, dem Theaterplatz und dem Marktplatz klebten sie ein großes Schweizer Kreuz auf den Boden, legten Transparente als Grenzmarkierung aus und gingen mit Passantinnen und Passanten ins Gespräch. Es gab auch Männer, die einem dann die Welt erklären wollten. Manchmal anstrengend. Aber es gab gute Gespräche.

    Im Herbst, am 25. November — dem internationalen Gedenktag für Femizide — planen die Schweizer OMAS eine Sternfahrt nach Bern. Orangefarbene Pulswärmer werden gestrickt und verschenkt, als Mahnmal. Strickend, alle in Orange, fahren sie gemeinsam mit dem Zug. Auf dem Bundesplatz dann eine Aktion.

    Und wenn sie manchmal in die Welt schaut und denkt, das ist ein Schlamassel, was wir hier veranstalten — dann ist es dieser Zusammenhalt, der sie trägt. Frauen, die sich finden. Die das gleiche beunruhigt. Die gemeinsam ein Gegengewicht setzen wollen. Diese Verbundenheit, sagt Rosmarie, gibt ihr Kraft. Und Mut. Und Lebenslust.