Christel / Basel

Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt und dass man etwas tun muss, das kennt Christel seit Jahrzehnten. Der Anlass ändert sich, das Gefühl bleibt. Sie war jahrelang berufstätig, in leitender Funktion, jahrzehntelang Mitglied bei Amnesty International. Ungerechtigkeit hat sie nie kalt gelassen. Was sie immer geärgert hat: wenn jemand seine Position ausnutzt, um jemanden Schwächeren zu treffen. Und die Mitläufer. Die, die alles akzeptieren, nichts sagen und sich nachher rausnehmen.

Politisiert hat sie ihr Vater, Jahrgang 1920. Er wurde 1939 direkt eingezogen, war in der Ukraine, auf der Krim, am Elbrus. Er hat ihr viel erzählt. Und als der Krieg in der Ukraine begann, dachte sie: jetzt geht das wieder los. Wir befinden uns wieder in einer ähnlichen Situation. Das hat sie betroffen gemacht. Und der Rechtsdruck, die Ungerechtigkeiten, das alles zusammen. Im März letzten Jahres sah sie, dass es eine Veranstaltung der OMAS GEGEN RECHTS gibt. Sie ging hin. Seitdem ist sie dabei.

Was sie an den OMAS schätzt: das breite Spektrum. Man ist nicht auf eine einzige Linie fixiert. Es geht gegen Rechts, gegen Ausgrenzung, im Prinzip gegen jede Ungerechtigkeit, wo sie auch herkommt. Und Menschen, die sich positionieren, sagt sie, haben wenigstens noch ein Gesicht. Schlimmer sind die, die schweigen und innerlich längst einer Meinung sind. Das hat sie gerade erst wieder erlebt, als sie vor der Abstimmung vom 14. Juni mit Bekannten sprach, Menschen, die sie zu kennen glaubte. Und dann kamen Ansichten zum Vorschein, mit denen sie nicht gerechnet hatte.

Einmal, bei der Arbeit in der Spitex, fragte sie eine Kundin, was sie so mache. Die Sprache kam auf die OMAS GEGEN RECHTS. Die Kundin bekam einen Wutanfall. Es ging hin und her. Am Ende sagte Christel: wir haben jetzt unterschiedliche Meinungen gehabt, das ist eine Sachdiskussion, und ich werde Sie am Freitag wieder besuchen. Die Kundin: das ist in Ordnung. Am Freitag war es kein Thema mehr. Den Kontakt nicht abbrechen, das ist ihr wichtig. Zwei Blöcke, in der Mitte nichts, und man trifft sich nicht mehr: das ist für sie eine der größten Gefahren.

Ihr Berufsleben hat sie geprägt. Sie leitete ein gemischtes Team, viele Nationen, viele Charaktere. Sie erlebte, wie bereichernd das sein kann, wenn man die Unterschiede nicht bewertet, sondern nutzt. Wir sind alle unterschiedlich, aber wir sind gleich viel wert. Das war ihr Grundsatz. Und sie hat gelernt: Integration beginnt mit Willkommen heißen. Wer von Anfang an abgewertet wird, zieht sich zurück, bildet Parallelwelten. Wer gesehen wird, bringt mit, was er hat.

Auch bei den OMAS lernt sie noch. Sie ist neu dabei, die anderen haben Jahrzehnte politische Erfahrung. Manchmal gibt es Reibung im Netz, eine erklärt etwas, eine andere fühlt sich herabgesetzt. Christel lacht darüber, im Prinzip ist das überall gleich. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht. Und sie lernt enorm viel. Das macht ihr Freude.

Was ihr Ausblick ist: Die OMAS GEGEN RECHTS Schweiz sind noch jung, es ist viel Bewegung drin. Und was sie besonders freut: Bei den Mahnwachen sind junge Frauen auf sie zugekommen. Die finden es toll, was die Omas machen. Christel hat ihnen gesagt: das ist eure Zukunft. Ob es im Kleinen bleibt oder größer wird, das ist ihr egal. Dass es anregt und etwas mitgibt, das reicht