Margarete / Lindau-Bodensee

Margarete war Lehrerin an einer bayerischen Grund und Hauptschule, wo Klassenleitung meist bedeutet, fast alle Fächer selbst zu unterrichten, ganz gleich, was man studiert hat. Nur wenige Spezialgebiete wie Werken, Sport für Jungen, Schwimmen mit Rettungsabzeichen, Informatik oder Religion übernehmen Fachlehrkräfte. Diese Vielseitigkeit hält sie gerade im Ganztagsunterricht für wichtig, weil eine enge Beziehung zu den Kindern die Grundlage dafür ist, dass überhaupt etwas bei ihnen ankommt.

Politisch war Margarete den größten Teil ihres Lebens kaum aktiv. Als Studentin bekam sie die Proteste gegen den Vietnamkrieg am Rande mit, ging auch mal am Ersten Mai zu einer Demonstration, mehr aus Neugier als aus Überzeugung. Interesse hatte sie vor allem an Bildungspolitik. Das änderte sich erst im Ruhestand. Rund zwei Jahre nachdem sie aufgehört hatte zu unterrichten, saß sie eines Morgens beim Frühstück vor dem Fernseher und sah eine ältere Dame mit roter Brille und roten Lippen, deren österreichischen Akzent sie sofort erkannte. Es war Monika Salzer aus Wien, die Gründerin der Bewegung OMAS GEGEN RECHTS, die damals ihr Buch darüber vorstellte, warum sie diese Initiative für nötig hielt: Die Demokratie sei der eigenen Generation geschenkt worden, jetzt drohe sie durch rechte Parteien wieder verloren zu gehen, die zu dieser Zeit bereits in mehrere Parlamente eingezogen waren. Margarete dachte an ihren damals kleinen Enkel und wusste: Das mache ich jetzt.

Noch am selben Nachmittag erzählte sie ihrer Freundin Irene davon. Beide ließen die Idee zunächst offen im Raum stehen, bis Margarete wenige Wochen später in der Zeitung von einer Autorenlesung mit Monika Salzer in Bregenz las, organisiert von den OMAS GEGEN RECHTS Vorarlberg. Gemeinsam mit Irene fuhr sie hin, kam mit Salzer und den Vorarlberger OMAS ins Gespräch und begann, sich über die Organisation der Bewegung kundig zu machen, damals noch fast ausschließlich über Facebook-Gruppen. Parallel dazu erfuhr sie über eine Kursteilnehmerin in einem Italienischkurs von Charlie Schweizer, einem Ortshistoriker und ehemaligen Geschichtslehrer, dessen kritische Texte über einen AfD-Funktionär in der Region regelmäßig in der Lokalzeitung erschienen.

Im Dezember 2019 hatte Margarete Monika Salzer gehört, im Januar oder Februar 2020, kurz vor den bayerischen Kommunalwahlen im März, fand die erste eigene Demonstration in Lindau statt, gegen einen Infostand der AfD am Berliner Platz. Organisiert hatten sie andere, aus dem Umfeld der Linken und von Amnesty International, Margarete und rund zehn weitere Frauen, viele ehemalige Kolleginnen aus dem Schuldienst, schlossen sich mit selbst gebastelten Schildern an, die sie von einer bereits bestehenden deutschen OMAS-Website heruntergeladen hatten. Ursprünglich dachten sie, das Thema erledige sich nach der Wahl von selbst, ein Irrtum, wie sich zeigen sollte.

Im März 2020 folgte eine weitere Demonstration auf der Lindauer Insel, organisiert von Amnesty Lindau, gegen einen Antrag der AfD zur Einschränkung der Pressefreiheit. Zur Unterstützung reisten die Vorarlberger OMAS mit dem Zug an. Dort traf Margarete auf Doris aus Kressbronn, die gerade eine eigene Facebook-Gruppe gegründet hatte. Noch am selben Tag entstand daraus die Gruppe OMAS GEGEN RECHTS Bodensee. Über Doris kam der Kontakt zur bundesweiten Vernetzung zustande, die Anna Ohnweiler bereits 2018 mit einer deutschen Facebook-Gruppe begonnen hatte. Die Bodensee-Gruppe selbst ist kein eingetragener Verein und will das auch nicht sein. Mehr als die Hälfte der Frauen ist jedoch individuell Mitglied im bundesweiten Verein OMAS GEGEN RECHTS DEUTSCHLAND e.V., der unter anderem Rechtsschutz und Haftpflichtversicherung für die Anmeldung von Versammlungen bietet. Diese Mitgliedschaft entscheidet jede für sich, verpflichtend ist sie für die Teilnahme an der Bodensee-Gruppe nicht.

Heute zählt der Mailverteiler der OMAS Bodensee etwa 140 Menschen, aktiv in der Organisationsgruppe sind etwa zwölf bis vierzehn. Es gibt mehrere Arbeitsgruppen, darunter eine Theatergruppe, sowie regelmäßige Präsenztage, an denen gemeinsam an Positionen zu aktuellen Themen gearbeitet wird, etwa zu Israel und Palästina oder zu den Begriffen Faschismus und Pazifismus, damit die Gruppe nach außen einheitlich auftreten kann. Eine feste Aktionsform sind die sogenannten Redebänkle, ein niedrigschwelliges Format für Gespräche mit Passantinnen und Passanten. Zu größeren Anlässen wie dem 75. Jahrestag des Grundgesetzes 2024 organisierten die OMAS aufwendigere Aktionen, etwa eine Brandmauer aus beschrifteten Kartons in Lindau.

Das familiäre und private Umfeld reagierte gemischt. Ihr ehemaliger Schulleiter zeigte sich überrascht, wie politisch sie geworden ist, findet es aber gut. Ihre Kinder unterstützen sie voll, ihr Sohn nennt sie scherzhaft radikalisiert, eine Rebellin. In ihrem erweiterten Bekanntenkreis erlebt sie dagegen öfter ein Schweigen, wenn das Thema aufkommt, weder Zustimmung noch offener Widerspruch, nur ein Ausweichen. Im Chor, in dem sie singt, erlebt sie beides: viel Unterstützung, aber auch AfD-nahe Mitglieder, die ihr etwa erzählen, sie bekomme angeblich Geld für die Teilnahme an Demonstrationen, ein Gerücht, das sie mit Humor kontert.

Ein besonderer Stolz ist für sie ihr Enkel. Mit acht Jahren, in der zweiten Klasse, organisierte er in seiner Nachmittagsbetreuung eigenständig eine kleine Unterschriftensammlung und einen Umzug durch die Einrichtung, weil er einen Kickertisch an einem ungünstigen, zu engen Platz für ungerecht hielt. Auf Nachfrage erklärte er später, die OMAS GEGEN RECHTS würden genau das tun, wenn etwas ungerecht sei, ohne dass Margarete mit ihm zuvor ausführlich über AfD oder Faschismus gesprochen hätte. Die Geschichte wurde später sogar Teil eines Beitrags in einer gemeinsamen Kinderzeitung von Stuttgarter Zeitung und Weser-Kurier über die Arbeit der OMAS anlässlich des Grundgesetz-Jubiläums. Bewusst nimmt Margarete ihren Enkel nicht mit auf Demonstrationen, das hält sie für zu früh und nicht altersgerecht, anders als bei manchen Familien, die auch kleine Kinder mitbringen.

Ein besonderer Höhepunkt für sie war die Reise nach Erfurt, im Sommer 2026, während der bundesweiten Proteste gegen den AfD-Bundesparteitag in der Stadt. Mit einer gewissen Sorge war sie angereist, denn während Doris und andere aus ihrer Gruppe sich einer Blockade anschlossen, wollte Margarete allein durch die Stadt gehen, ohne sichtbare Buttons oder Erkennungszeichen. Doris hatte ihr eingeschärft, vorsichtig zu sein und auf sich aufzupassen. Was sie stattdessen erlebte, war das Gegenteil von Bedrohung: Die ganze Stadt hatte sich mit goldener Rettungsfolie geschmückt, ein Solidaritätszeichen, das sich Erfurt eigens für diese Tage ausgedacht hatte und das in Schaufenstern, an Haustüren und von Balkonen hing. Menschen trugen die Folie auch am Körper, neben Aufklebern und Zeichen wie Regenbogenfahnen. Als Margarete sich einmal verlaufen hatte, sprach sie ein Mann mit genau dieser Goldfolie an, begleitete sie ein Stück des Wegs zur Predigerkirche, und beide erkannten sich sofort als Gleichgesinnte, ohne ein Wort über Politik verlieren zu müssen. Solche Begegnungen wiederholten sich den ganzen Tag: Menschen, die extra aus Rostock, Wilhelmshaven oder Aachen angereist waren, lächelten sich im Vorbeigehen an, bedankten sich gegenseitig dafür, gekommen zu sein, die Reisenden bei den Erfurterinnen und Erfurtern, die Ortsansässigen bei den Angereisten, weil beide Seiten spürten, mit ihrer Sorge um die Demokratie nicht allein zu sein. Margarete nahm zudem an einer Podiumsdiskussion in der Predigerkirche teil, bei der unter anderem die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt und der Linke-Politiker Bodo Ramelow sprachen. Dieses Gefühl von Zusammenhalt und gegenseitiger Bestärkung unter Fremden trägt sie bis heute, sagt sie, es gibt ihr bis in den Alltag hinein Kraft weiterzumachen.

Nicht alle Begegnungen sind konstruktiv. Bei einem Gesprächsformat der bayerischen Grünen-Politikerin Katharina Schulze geriet Margarete mit zwei Männern aneinander, die das Engagement gegen Rechtsextremismus mit dem Vorwurf konterten, man müsse doch viel mehr gegen Linksextremismus tun. Sie widersprach deutlich, zog sich aber aus dem Gespräch zurück, als es unproduktiv wurde. Mit AfD-Funktionären wie dem AfD-Politiker Rainer Rotfuß, der die OMAS bei einem Infostand öffentlich als alte, ungebildete Frauen ohne Ahnung abtat, führen die OMAS bewusst keine Diskussionen, ein Konsens, den sich die Gruppe über Jahre erarbeitet hat. Mit AfD-Wählerinnen und -Wählern dagegen suchen sie das Gespräch durchaus, sofern es sinnvoll erscheint.

Ihr Ausblick bleibt zwiespältig, aber im Kern hoffnungsvoll. Erfurt hat ihr gezeigt, dass die meisten Menschen tatsächlich in einer funktionierenden Demokratie leben wollen und bereit sind, dafür etwas zu investieren. Von der Union fordert sie, wirklich nach den eigenen, oft nur behaupteten christlichen Werten zu handeln, statt sich der AfD in Sprache und Positionen anzunähern. Sie ist überzeugt: Die Mehrheit der Menschen steht nicht für Rechtsextremismus, sie muss nur wählen gehen.