
Uschi / Zürich
Wut ist ihr Antrieb. Nicht die stille, die sich nach innen frisst, sondern die laute, die nach außen will. Was gerade passiert auf der Welt, ist dermaßen furchtbar. Und dann ist da noch die Scham. Die Welt, die ihre Generation hinterlässt, ist keine gute. Die Babyboomer waren wie die Maden im Speck. Keine Generation vor ihnen hatte es so gut, keine nach ihnen wird es wohl so gut haben. Und was haben sie daraus gemacht? Die Klimakatastrophe. Die Demokratie, die den Bach runtergeht. Zwei Enkelkinder, denen sie ins Gesicht schauen muss.
Aufgewachsen ist Uschi im Schwarzwald, in einem politischen Haushalt, der von Widersprüchen geprägt war. Ihr Vater kam aus dem Krieg zurück und drehte sich komplett um. Er baute die SPD im Schwarzwald auf, wurde der rote Max genannt, war durch und durch politisch. Zu Hause war er Sadist. Er schlug sie, war Alkoholiker, lebte zwei Leben, die kaum jemand zusammenbrachte. Ihre Mutter, Malerin aus gutem Haus, still und introvertiert, entpuppte sich erst beim Ausräumen des Hauses als das, was sie wirklich war: hinter Willy Brandt-Büchern standen ihre Nazi-Romane. Wie die beiden zusammengekommen waren? Es waren die frühen Fünfzigerjahre. Als Frau hatte man genommen, was man kriegen konnte. Wenig Männer kamen aus Krieg und Gefangenschaft zurück.
Geprägt hat sie auch etwas anderes: die Fahrten als Kind mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ins Elsass, auf die Soldatenfriedhöfe des Ersten Weltkriegs. Gräber pflegen, Lagerfeuer, junge Leute, Spiele. Als sie dann 15, 16, 17, 18 war, arbeitete sie mit. Und Verdun. Die Wälder, wo die Erde immer noch verletzt ist. Das Beinhaus, wo die Knochen der Soldaten immer noch liegen. Das hat sich eingebrannt.
Sie wurde Sozialpädagogin, erkannte aber früh, dass Sozialarbeit Flickwerk ist. Pflaster auf Wunden der Gesellschaft kleben, mehr ist nicht möglich. Man heilt nicht wirklich. Das war ihr nicht genug.Sie sattelte komplett um, lernte zu programmieren, wurde Qualitätssicherung in der IT, dann Trainerin und Moderatorin, Coach, Projektmanagerin, europaweit unterwegs.Politisch bei den Berliner Jusos vorbeigeschaut, abgeschreckt von der Vetternwirtschaft, dem Schachern zwischen Realos und Fundis. Und dann immer grün gewählt.
Ihre eigenen Ideale hat sie nie verraten.
Kurz verheiratet, alleinerziehende Mutter. Vor fünfzehn Jahren kam sie nach fast 40 Jahren Leben in Berlin dann in die Schweiz, wegen eines Partners. Seit einem halben Jahr ist sie Schweizerin, hat den deutschen Pass behalten, wegen Europa, nicht wegen Deutschland. Zwei Enkelkinder, heiss geliebt und weit weg in Berlin.
Was sie von Anfang an gesehen hat und wofür sie lange in Deutschland belächelt wurde: dass Deutschland runterkommt. Die Bahn, die Straßen, die Brücken. Das Dauermeckern, das Warten auf die da oben. Die Schweiz denkt anders. Problem erkannt, Maßnahmen entwickelt, umgesetzt, Problem weg. Nicht weil das System perfekt ist, sondern weil die Haltung eine andere ist: Ich bin der Staat. Wenn ich es nicht richte, wer dann?
Ihre erste Abstimmung in der Schweiz war ein Aha-Erlebnis. Ein Umschlag, einen Zentimeter dick, sechzehn Punkte, Ja oder Nein. Schulhausbau im Quartier und noch mehr lokale Entscheidungen. Und gesamtschweizerische Punkte. Sie durfte Kandidatinnen und Kandidaten streichen, durch andere ersetzen, quer durch Parteilisten. Anderthalb Stunden hat sie gebraucht. Es hat sie ermächtigt.
Und dann, nach Trumps Wiederwahl, war ein Punkt erreicht. Das Unflätige wurde wieder salonfähig. Die Verachtung bekam wieder Vorbilder. Sie sah, wie das auf die Schweiz übergriff, wo die SVP seit Jahren daran arbeitet, unter dem Deckmantel der Neutralität eine Gesellschaft umzubauen. Die SVP wird als die Mutter der rechtsradikalen Parteien Europas bezeichnet. Die anderen haben von ihr gelernt, wie man in einer direkten Demokratie Opfergeschichten fährt, wie man im Konsens mitentscheidet und hinterher trotzdem so tut, als wäre man übergangen worden.
Sie las einen Artikel über die OMAS GEGEN RECHTS, erinnerte sich, dass sie die Bewegung aus Deutschland kannte, und fand heraus, dass sich in Basel eine Gruppe traf. Sie fuhr hin. Irgendwann schälte sich eine Kerngruppe heraus, die sagte: Nägel mit Köpfen. Vereinsgründung. Statuten. Uschi ist Vorständin, mit dabei von Anfang an.
Was sie bei den OMAS auch antreibt, ist die Frauenfrage. Nicht als Nebenthema, sondern als Kern. Die Schweiz hat das eigenständige Bürgerrecht der Frau erst 1990 per Gesetz verankert. Bis 1952 verlor eine Schweizerin, die einen Ausländer heiratete, automatisch ihren roten Pass, über 85.000 Frauen waren davon betroffen. Für jüdische Frauen und ihre Kinder bedeutete das während dem Dritten Reich oft die Deportation und Ermordung, denn zurück durften sie nicht mehr. Das wird jetzt erst aufgearbeitet.
Als alte Frau kann sie den Mund aufmachen. Sie hat nichts mehr zu verlieren. Sie kann böse werden, direkt sein, Dinge sagen, die andere nicht sagen. Das ist ihr Oma-Sein. Nicht die kuschelige Alte. Das alte Revoluzzerhuhn.
Was sie trägt: der Zusammenhalt unter den Aktiven beginnt. Dass Freundschaften entstehen. Dass es ein Netzwerk jenseits der Familie gibt, gerade für Frauen, die zugereist sind und keine familiären Strukturen mehr haben. Dass junge Menschen bei Aktionen stehenbleiben, Buttons nehmen, sagen: macht weiter.
Aufbegehren und laut werden – auch und gerade für die Enkelkinder.
Ihr Traum: OMAS GEGEN RECHTS schweizweit, auch in der französischen, der italienischen, der rätoromanischen Schweiz. Eine gesellschaftliche Stimme mit Gewicht. So wie die Klimaseniorinnen, die durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg die Schweizer Klimapolitik vor Gericht brachten und damit europaweit Aufsehen erregten. Es gibt die Schweizer OMAS seit einem Jahr. Dafür haben sie schon verdammt viel auf die Beine gestellt.