Irmgard / Bodensee

Seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt (Günter Eich)

Irmgard war etwa vier Jahre alt, als ihre Oma beiläufig etwas vom Führer erwähnte. Irmgard fragte, wer das sei, und die Oma schickte sie zu ihrem Vater. Der war an diesem Tag zu Hause, setzte sich zu ihr und erzählte von der Begeisterung, mit der viele damals die Welt verändern wollten, und davon, wie daraus Krieg wurde und alles zerstört war. Irmgard wuchs als Kind im Allgäu auf, und es war für sie ganz normal, Männern mit fehlenden Armen zu begegnen, Beinprothesen beim Baden im nahegelegenen See abgeschnallt zu sehen. Ihr eigener Vater trug Durchschüsse in den Armen. Das Gespräch mit ihm dauerte sicher nicht lang, aber es hat ihr ganzes Leben geprägt. Seitdem beschäftigt sie sich mit dem Dritten Reich, hat schon als Jugendliche Fotobücher über Auschwitz betrachtet. Dieses frühe Erwachen legte den ersten, entscheidenden Grundstein für eine Haltung, die sie viele Jahrzehnte später zu den OMAS führen sollte.

Politisch engagiert war Irmgard schon lange bevor es die OMAS überhaupt gab. Sie lebte in den 70er und 80er Jahren nach ihrem Mathematik- und Germanistikstudium als Reallehrerin in Stuttgart und war mit einem sudanesischen Architekten verheiratet. Mit ihm erlebte sie Rassismus als strukturelles Thema mit.

Dann kam die Rückkehr in die Heimat ihrer Jugend Friedrichshafen am Bodensee. Als Anfang der 1990er Jahre die rechtspopulistischen Republikaner erste Wahlerfolge feierten und in die Landtage einzogen, wachte sie am Wahlsonntag mit dem Gedanken auf, dass man etwas tun müsse. Sie wehrte sich innerlich dagegen, dass sie es sein sollte, aber der Gedanke war einmal gedacht. Noch am selben Abend hatte sie einen Brief an ihre Kolleginnen und Kollegen am Bildungszentrum in Markdorf verfasst. So fand sich eine Gruppe, die viele Jahre an der bundesweiten Interkulturellen Woche teilnahm, und daraus entstand der Verein Solidam, Solidarität mit ausländischen Mitbürgern e.V. Markdorf, den sie zehn Jahre lang leitete, mit deutschen, italienischen, türkischen, iranischen und (damals) jugoslawischen Mitgliedern.

Neben dieser politischen Arbeit begleitete sie als zweites Thema das Theater. Bereits in Stuttgart spielte sie mit ihren Klassen Schülertheater. Dann am Bodensee in Markdorf baute sie eine Theater-AG auf, die über die Schulzeit ihrer Schülerinnen und Schüler hinaus als „Jasoscha – experimentelles Theater Markdorf“ bestand und Stücke von u.a. Martin Walser und Günter Eich spielte. Intensiv beschäftigte sie sich mit den Theaterformen von Augusto Boal, der in Brasilien unter der Diktatur Wege entwickelte, Kritik zu üben, ohne dafür belangt werden zu können. Besonders das „Unsichtbare Theater“ hatte es ihr angetan: Kontroverse Szenen, die mitten im Alltag gespielt werden, ohne dass die Umstehenden wissen, dass es sich um Theater handelt, und die reichlich Diskussionsstoff bieten, um mit den Umstehenden über ethische und politische Werte ins Gespräch zu kommen. 

Mit 38 Jahren begann Irmgard noch einmal zu studieren: Diplompädagogik in Weingarten mit den Schwerpunkten Rassismus und Theater. Ihre Diplomarbeit untersuchte Musikschulbücher der Sekundarstufe 1 (Klasse 5-10) zwischen 1970 und 1990 auf rassistische oder abwertende Inhalte und koloniale Untertöne. Diese Untersuchung publizierte sie als Buch.

Anschließend absolvierte sie eine zweijährige Theaterpädagogik-Ausbildung, ebenfalls berufsbegleitend, und verließ nach 18 Jahren die Schule.

Mit Diplom und Theaterpädagogik-Ausbildung im Rücken machte sie sich selbständig. Sie hielt Seminare für die Landeszentrale für politische Bildung in Stuttgart. Zwölf Jahre lang arbeitete Irmgard freiberuflich für BMW in München und verwendete Theatermethoden in der internen Kommunikation und der Organisationsentwicklung. Sie spielte z.B. mit Ingenieuren und Arbeitern auf der Bühne, um den Wert der Teamarbeit im Spiel sichtbar zu machen. 

All diese Puzzleteile, von der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit der Deutschen über den Kampf gegen Alltagsrassismus bis hin zur politischen Wachsamkeit gegenüber Demokratiefeinden führten Irmgard im Ruhestand zu den OMAS.

Besonders erfreulich war für sie, dass ihre Theatererfahrung und das jahrelange Arbeiten mit Boals Methoden auch bei den OMAS gebraucht wurde. Als der Regisseur Micha Messermann auf die Gruppe zukam, um ein Forumtheaterstück zu entwickeln, übernahm Irmgard die Organisation und war neugierig auf seine Arbeitsweise. Eine Woche lang dauerte der Workshop, der alle begeisterte. Aus den persönlichen Geschichten der Frauen baute Messermann das Stück „Was ist denn hier los?“ Auch Irmgards Erzählung von dem Gespräch mit ihrem Vater über den Krieg wurde zur Grundlage für eine der Figuren im Stück.

Auf die Frage nach dem Schlimmsten, was ihr als OMA begegnet sei, erzählt sie von einem „Redebänkle“ an der Uferpromenade in Friedrichshafen, das sie und eine Kollegin mit dem Ziel, ganz direkt mit Passanten ins Gespräch zu kommen. aufgebaut hatten. Eine gut gekleidete Frau mittleren Alters griff die OMAS als Organisation an und ereiferte sich, dass Mütter zu Hause bei ihren Kindern bleiben sollten. Irmgard entgegnete, es gehe den OMAS um demokratische Grundrechte für Frauen, damit sie nicht wieder in konservative Rollen gedrängt würden. Doch die Frau blieb bei ihrer Position und verschwand.

Die Mehrheit der Menschen an diesem Redebänkle war jedoch auf der Seite der OMAS, viele bestärkten sie und stimmten ihnen zu. Es kam auch eine sudanesische Familie vorbei, mit der Irmgard natürlich das Gespräch suchte. Später besuchte sie sie an ihrem Wohnort, eine lose, aber bleibende Bekanntschaft.

IrmgardsAusblick bleibt zuversichtlich. Sie erzählt von einem Lied, das in der Online-Gruppe der OMAS geteilt wurde. Eine junge Sängerin singt, wie es sie in dunklen Momenten tröste, zu wissen, dass irgendwo immer eine OMA GEGEN RECHTS unterwegs sei, um zu demonstrieren. 

Die OMAS werden angefeindet, sagt Irmgard, aber das bedeutet auch, dass man sie wahrnimmt, dass sie wichtig sind. Man kann sie nicht übersehen. Eine Organisation von starken Frauen, die für demokratische Werte kämpfen. Das gibt ihr Zuversicht.