Portfolio Category: Interview

  • Rosmarie

    Rosmarie

    Rosemarie / Basel

    Rosmarie wurde in einem Land geboren, in dem Frauen noch nicht wählen durften. Das Frauenstimmrecht kam in der Schweiz erst 1971 — nicht weil es so beschlossen wurde, sondern weil die Männer es ihnen per Abstimmung erlaubten. Im Kanton Appenzell Innerrhoden dauerte es bis 1991, erzwungen durch das Bundesgericht. Rosmarie war 13, als es endlich so weit war.

    Sie erinnert sich an Kleinigkeiten aus der Kindheit, die ihr gezeigt haben, dass etwas nicht stimmte — ohne dass sie damals hätte sagen können, was. An den Briefkästen in ihrem Haus standen nur Männernamen. Nur bei ihrer Familie stand H. und E. Brunner-Leemann — immerhin erkennbar ein Ehepaar. Die Töchter standen auch dort nicht drauf. Aber immerhin.

    Einmal wollte ihre Mutter auf dem Polizeiposten eine Identitätskarte für die Tochter beantragen — etwas ganz Gewöhnliches. Der Polizist druckste. Das dürfe sie nicht, da müsse ihr Mann kommen. Rosmarie stand daneben, an der Hand ihrer Mutter, und spürte, wie diese neben ihr kochte. Sie gingen wieder, ohne etwas erreicht zu haben. Rosmarie verstand das nicht. Aber sie spürte es.

    In der Schule hatte sie einen Geschichtslehrer, der das Dritte Reich intensiv durchnahm. Das Mittelalter, sagte er, könnt ihr selber nachlesen — aber die jüngste Geschichte, die euch prägt, die müsst ihr kennen. Rosmarie wusste viel, schon bevor sie die Schule abschloss. Dann kam das Theologiestudium. Was nützen die schönsten Gedankengebäude, wenn sie nicht in der Realität stattfinden, fragte sie sich. Die radikale Freundlichkeit — das war etwas, das sie dort trainierte. Und die Anti-AKW-Bewegung beschäftigte sie, auch wenn sie nicht demonstrieren ging. Sie dachte darüber nach. So war sie schon immer: nicht wegschauen, nachdenken, Position beziehen.

    Was sie in der Schweiz beobachtete, beunruhigte sie zunehmend. Seit den 1970er Jahren drängt rechtspopulistisches bis rechtsextremes Denken immer weiter in die Mitte der Gesellschaft — auch über die Sprache. Wörter wie Überfremdung tauchten damals auf. Die Muster kehren seitdem immer wieder, nur leicht verkleidet. Gerade erst wurde über die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative abgestimmt, lanciert von der SVP — ein Label, das Rosmarie als verlogen bezeichnet: Grüne Themen werden von derselben Seite sonst regelmäßig abgeschmettert. Die Initiative wurde abgelehnt. Aber es geht weiter. Immer diese Spaltung: wir und die anderen. Das sei Gift, sagt sie — für die, die so denken, und erst recht für die, die es betrifft.

    2018 las sie in einer Zeitung, dass Monika Salzer in Wien die OMAS GEGEN RECHTS gegründet hatte und dass in Deutschland erste Gruppen entstehen. Das hat sie, sagt sie, wie elektrisiert. Ja genau, genau das. In der Schweiz gab es nichts. Sie recherchierte, knüpfte Kontakte nach Deutschland, traf bei einem Besuch in Berlin eine Berliner Oma. Und sie fand die GrossmütterRevolution — eine Schweizer Organisation, ursprünglich vom Migros Kulturprozent finanziert, seit 2022 als eigenständiger Verein organisiert. Ein grosses Thema dort ist Care-Arbeit: die unbezahlte, unsichtbare Arbeit, die gesellschaftlich kaum anerkannt wird — ein Thema, bei dem alte Frauen, wie Rosmarie sagt, ein Lied mit vielen Strophen singen können. Rosmarie ist heute Präsidentin des Vereins. Und sie erzählte dort von ihrem Traum: OMAS GEGEN RECHTS in der Schweiz zu gründen. Sie fand Gleichgesinnte. Fünf Frauen aus der GrossmütterRevolution Basel taten sich zusammen — in der Schweiz braucht es nicht mehr als das, einen Handschlag, und der Verein ist gegründet. Rosmaries Mann baute die Website.

    Im Herbst 2024 erschien im Tagesanzeiger ein Interview mit einem Kenner der rechtsextremen Szene. Er erwähnte, dass es in der Schweiz auch OMAS GEGEN RECHTS gebe — er hatte die Website gefunden. Von da an kamen die Anfragen. Im März 2025 gründeten sie den Verein. Dann luden sie Monika Salzer ein, dazu Dörte Schnell aus Worpswede, und eine Journalistin des Tagesanzeigers. Der Artikel, der daraus entstand, löste eine Welle aus: Innerhalb eines Jahres wuchsen die Schweizer OMAS GEGEN RECHTS von zwei Dutzend auf über 250 Frauen. Heute gibt es aktive Gruppen in fünf Regionen, weitere entstehen gerade.

    Die OMAS GEGEN RECHTS Schweiz haben in Basel bereits drei Mahnwachen veranstaltet. Auf dem Barfüßerplatz, dem Theaterplatz und dem Marktplatz klebten sie ein großes Schweizer Kreuz auf den Boden, legten Transparente als Grenzmarkierung aus und gingen mit Passantinnen und Passanten ins Gespräch. Es gab auch Männer, die einem dann die Welt erklären wollten. Manchmal anstrengend. Aber es gab gute Gespräche.

    Im Herbst, am 25. November — dem internationalen Gedenktag für Femizide — planen die Schweizer OMAS eine Sternfahrt nach Bern. Orangefarbene Pulswärmer werden gestrickt und verschenkt, als Mahnmal. Strickend, alle in Orange, fahren sie gemeinsam mit dem Zug. Auf dem Bundesplatz dann eine Aktion.

    Und wenn sie manchmal in die Welt schaut und denkt, das ist ein Schlamassel, was wir hier veranstalten — dann ist es dieser Zusammenhalt, der sie trägt. Frauen, die sich finden. Die das gleiche beunruhigt. Die gemeinsam ein Gegengewicht setzen wollen. Diese Verbundenheit, sagt Rosmarie, gibt ihr Kraft. Und Mut. Und Lebenslust.

  • Brigitta

    Brigitta

    Brigitta / Basel

    Brigitta ist keine Oma. Das sagt sie selbst, ohne Umschweife. Wenn jemand das anmerkt, antwortet sie inzwischen spontan: aber ich bin gegen rechts. Eine Freundin würde schon das Label abturnen. Brigittas Nichte findet es cool. Brigitta selbst identifiziert sich nicht als Oma — aber sie versteht die Strategie dahinter. Wenn du Oma hörst, denkst du: harmlose alte Frau. Und genau das ist der Trick. Man wird angehört, macht keinen Druck wie der schwarze Block, und sagt trotzdem das Wichtige. Auf einmal sind ältere Frauen die lauteste zivilgesellschaftliche Bewegung — sichtbar, laut, ernst genommen.

    Aufgewachsen ist Brigitta in Frankfurt, in den 1960ern und 70ern. Ihre Mutter war Geschichtslehrerin, die Eltern linksliberal. Nationalsozialismus und Faschismus waren in der Schule ein Thema — was damals keineswegs selbstverständlich war. Mit 16 hat sie Schulstreik gemacht, mit 17 gegen Nazis demonstriert. Es gab Lehrer, die sie wirklich geprägt haben. Und es gab jedes Jahr am 17. Juni einen Naziaufmarsch in Frankfurt — und dagegen Rock gegen Rechts, mit Zehntausenden Menschen und grossen Bands. Das hat sie geformt.

    Dann England, dann Basel. Seit 15 Jahren lebt sie in der Schweiz, und Gleichgesinnte zu finden ist nicht immer leicht. Als sie hörte, dass sich die OMAS GEGEN RECHTS in Basel gründen, hatte sie gerade einen gebrochenen Fuss. Sie ging trotzdem hin. Die Omas kannte sie schon aus deutschen Medien, von den Demos gegen jene Veranstaltung, über die Korrektiv berichtet hatte — die grösste Demonstrationswelle seit langem. Die Omas waren immer dabei. Und Brigitta dachte jedes Mal: schade, ich bin ja in der Schweiz.

    Jetzt ist sie dabei. Was ihr am besten gefällt: dass sie bei Demos nicht mehr allein rumläuft. Dass Frauen zusammen sind, gemeinsam Ideen entwickeln und Aktionen machen. Das trägt.

    Was sie über die Schweiz denkt, sagt sie direkt. Die Schweizer Volks Partei hat 30 Prozent. Ihre Wahlkämpfe und Plakate wurden zumindest zeitweise von SVP-nahen Leuten für die AfD konzipiert — die Verbindungen sind eng. Die Schweiz ist kein EU-Mitglied, aber über Schengen und bilaterale Verträge eng eingebunden — und die SVP lanciert trotzdem alle zwei Jahre eine Initiative dagegen. Immer das gleiche Thema: Migration, Ausländerfeindlichkeit, Anti-EU. Basel hat die letzte Masseneinwanderungsinitiative mit 75 Prozent abgelehnt — der höchste Wert im ganzen Land. Die Städte denken anders als das Land. Aber gegen 30 Prozent SVP kommt man nicht mit einer Handvoll Omas an — das weiss Brigitta selbst.

    Und trotzdem: dranbleiben, Schritt für Schritt, immer wieder Präsenz zeigen. So haben sie es in den 70ern und 80ern mit der Klimabewegung gemacht. Und sie glaubt, dass die OMAS GEGEN RECHTS gerade für junge Menschen ansprechend sind. Junge Männer wählen heute rechts — Krisen machen Angst, und die Rechten bieten einfache Antworten. Aber viele junge Menschen haben Omas. Und wenn man nur ein oder zwei mitnimmt, ist schon etwas gewonnen.

    Man tut, was man kann.

  • Ilse

    Ilse

    Ilse / Graz

    Ilses Vater hörte viel Radio und redete gern über Politik — mit seinem besten Freund aus der Weststeiermark, über Kommunismus, Sozialismus, die Schwarzen. Das Kind hörte zu, bekam Erklärungen, und das linke Spektrum war von da an nah. Die Kreisky-Regierung hat den Rest erledigt: Ilse konnte die Matura machen, weil die Bildungsreform Stipendien, Schulgeld und gratis Schulbücher möglich machte. Ohne das wäre es sich für ihre Familie nicht ausgegangen.

    Dann hat sie das  „Das zweite Geschlecht“ von Simone de Beauvoir gelesen, und ein Schleier fiel. Im Parlament keine Frauen, in den juristischen Gremien keine Frauen, in der Regierung Kreisky eine erste einzige Ministerin — die Dr. Firnberg, über die gelacht wurde, weil sie eine Frau war. In den 70er und 80er Jahren lernte Ilse in Graz die ersten Feministinnen des Frauenzentrums Bergmanngasse, Studentinnen der Karl-Franzens-Universität, kennen. Sie war schüchtern, erstarrte vor Ehrfurcht vor diesen Frauen, die entschieden auftraten und reden konnten. Reden lernen war ihr Lebenstraum. Sie kam in politische Kreise, in Lesbenkreise, und man unterstützte sich gegenseitig.

    In einer historischen Frauengruppe entstand während des Geschichtestudiums die Idee der Frauenstadtspaziergänge durch Graz — ein Projekt, das sie über Jahrzehnte begleitete und erst 2007 an zwei jüngere Frauen übergab. Die Spaziergänge gibt es bis heute. Zwei Bücher über Grazer Frauengeschichte hat Ilse mitherausgegeben. 2003 arbeitete sie an den WOMENT-Würdigungstafeln im Rahmen der Kulturhauptstadt Graz — 23 Tafeln, die heute noch in der Innenstadt sichtbar sind und an Feministinnen, Widerstandskämpferinnen und frauenpolitische Einrichtungen erinnern. Frauen, sagt Ilse, waren schon immer widerständig — die Geschichte wird nur meist von Männern geschrieben.

    Als 2017 in Österreich die dritte Regierung mit FPÖ-Beteiligung gebildet wurde, gründeten Monika Salzer und Susanne Scholl in Wien die OMAS GEGEN RECHTS. In Graz bildete sich rasch eine eigene Gruppe. Ilse ging im Jänner 2018 zu einer ersten Sitzung in der Stadtschenke — und fand dort Feministinnen, die sie zum Teil schon kannte: Frauen, die seit Jahrzehnten in der feministischen Szene, in der Weiterbildung, im Frauenrat gearbeitet hatten. Das Vertrauen war sofort da. Dass der Name anfangs wenig einladend klang, gibt sie offen zu. Aber dann sah sie, wer Monika Salzer war, wie die Grazerinnen dachten — und blieb.

    Biologische Oma ist Ilse nicht, sie hat keine Kinder. Aber sie fühlt sich als Omageneration, die über das eigene Umfeld hinaus denkt, für die nächsten Generationen. Die Gruppe in Graz zählt heute rund 25 Aktive — Lehrerinnen, Architektinnen in Pension, Kabarettistinnen — und tritt bei Mahnwachen vor dem Landhaus auf, bei Performances und Marktspaziergängen, im Gespräch mit Menschen über Politik und Wahlverhalten. Ilse gehört zu den fünf Sprecherinnen. Was sie am meisten schätzt, ist die Gemeinschaft und die Stunden, in denen die Sprecherinnen ohne Tagesordnung zusammensitzen und die Gedanken schweifen lassen.

    Als Ilse den Grazer Frauenpreis bekam und ein Interview in der Steirerin erschien, waren in ihrer Herkunftsgemeinde plötzlich alle stolz auf sie. Wegen des Preises — nicht wegen dem, wofür er vergeben wurde. Was sie inhaltlich macht, wofür sie steht, das blieb unkommentiert. In einer Gemeinde, in der traditionell schwarz und blau gewählt wird und über ihre politische Arbeit schlicht nicht gesprochen wird, war die Auszeichnung als solche das Ereignis. Das Zweischneidige daran hat sie nicht übersehen.

    Die jungen offenen und kritischen Menschen und die wunderbaren OMAS ermutigen sie und stimmen sie immer wieder optimistisch. Jüngere Frauen fragen immer öfter, ob sie zu den OMAS GEGEN RECHTS stoßen können — auch wenn sie noch keine Omas sind. Die Antwort ist ja. Die Gruppe arbeitet mit jungen Frauen von der Akrosphäre in Graz zusammen, hat Aktionen der Letzten Generation begleitet und unterstützt. Eine Spange zwischen ganz jung und alt, sagt Ilse. Das sei das Neue daran — dass nicht nur die Jungen auf die Straße gehen, sondern auch die Alten. Und dass alte Frauen laut und sichtbar sind. Das war lange anders.

    Was sie am meisten beunruhigt: dass Menschen nicht wahrnehmen, wie gefährlich der Rechtsextremismus ist. Dass die hetzerischen und oft verharmlosenden Reden der FPÖ geglaubt werden. Dass der ORF in der Steiermark die OMAS GEGEN RECHTS seit dem rechts/rechtsextremen Regierungswechsel 2025 nicht mehr interviewt. Das nennt sie nicht traurig. Das nennt sie erschreckend.

  • Franziska

    Franziska

    Franziska / Berlin

    Wer in der Berliner Waldsiedlung Zehlendorf vor den roten Ziegeldächern steht, blickt auf eine steingewordene Geschichte. 1938 für die SS erbaut, spiegeln die Häuser noch heute in ihrer Anlage die Hierarchie des NS-Regimes wider: Einzelhäuser für die höheren Dienstgrade, Reihenhäuser für die unteren. Franziska ist hier aufgewachsen — und nach Jahren zurückgekehrt. Sie wohnt wieder in derselben Siedlung, deren Geschichte nach dem Krieg unter neuen Eigentümern und vernichteten Akten weitgehend begraben wurde. Was geblieben ist, sind die Mauern — und die Frage, was man damit macht. Franziska hat ihre Antwort gefunden: Ein paar Straßen entfernt trifft sich ihre Gruppe der OMAS GEGEN RECHTS. Die einstigen Bewohner, sagt sie, rotieren hoffentlich im Grab.

    Franziska, Jahrgang 1959, ist mit dem Wirtschaftswunder aufgewachsen, in einem Zehlendorfer Wohlstand, den sie heute als reinen Zufall des Geburtsortes begreift. Aus einer protestantischen Familie stammend — der Großvater Pfarrer, ein Onkel Theologieprofessor — ist sie selbst aus der Kirche ausgetreten, aber mit einem Satz aufgewachsen, der sie nie losgelassen hat: Wer etwas hat, gibt ab. Politisch interessiert war sie immer, aktivistisch engagiert erst seit 2016, als sie begann, Geflüchtete zu unterstützen. Was als Begleitung einer einzelnen Familie begann, führte sie bald in die Steuerungsgruppe einer der größten Berliner Hilfsorganisationen. Dort lernte sie, was es bedeutet, Strukturen aufzubauen, Netzwerke zu knüpfen, Verantwortung zu tragen. Irgendwann reichte ihr das Lindern nicht mehr — sie wollte die Ursachen bekämpfen, politisch eingreifen.

    Den Weg zu den OMAS GEGEN RECHTS fand sie 2019 durch eine Begegnung in einer Kirchengemeinde. Zwei Frauen sagten in der Pause eines Vortrags, sehr stolz: Wir sind OMAS GEGEN RECHTS. Franziska hatte diese Frauen mit ihren Schildern bei Demos gesehen und immer gedacht, das seien Einzelpersonen, die sich ihre Schilder selbst gebastelt hatten — irgendwie putzig. Dass dahinter eine Bewegung steckt, wusste sie nicht. In der Pause ging sie auf die beiden zu. Kurz darauf fuhr sie zu ihrem ersten monatlichen Treffen nach Kreuzberg. Dreißig, vierzig Frauen — das waren damals alle Berliner OMAS. Als man sie fragte, ob sie eine – die erste- Bezirks-Gruppe in Zehlendorf gründen wolle, sagte sie zweimal Nein. Beim Rausgehen sagte sie Ja.

    Inzwischen ist die Bewegung in Berlin auf dutzende Stadtteilgruppen angewachsen — und längst weit mehr als eine Reaktion auf die AfD. Die OMAS sind beim Christopher Street Day, bei Klimademos, bei Mahnwachen für Geflüchtete. Sie putzen Stolpersteine, besuchen Gedenkstätten, setzen sich für queere Menschen ein, gegen Frauenfeindlichkeit, gegen Antisemitismus, für Roma, für alle, die von rechts missachtet und diskriminiert werden. Für Franziska ist das kein Widerspruch, sondern eine ganzheitliche Verteidigung des Grundgesetzes: OMA GEGEN RECHTS zu sein bedeutet, sich gegen alles zu wenden, was diese Demokratie von innen aushöhlt.

    Ihre Entschlossenheit hat sie an Orte geführt, die sie sich früher nicht zugetraut hätte. Nachts hat sie ein rechtes Graffiti übermalt — nach dem Vorbild der Künstlerin Irmela Mensah-Schramm, die das seit vierzig Jahren macht . Und nach der Correctiv-Recherche hielt sie, gemeinsam mit einer anderen OMA, eine Rede vor 150.000 Menschen auf dem Berliner Reichstagsgelände. Die Rede hatte sie kurz zuvor in nur einer Nacht geschrieben. Auf dem Fahrrad nach Hause dachte sie immer wieder: Habe ich das gerade wirklich gemacht? Sie ist keine Profi-Rednerin — aber vielleicht war genau das der Charme.
    Heute trommelt Franziska. Nicht als Freizeitbeschäftigung, sondern als politische Handlung. Wenn Rechte Vorträge halten, stehen sie davor und trommeln so laut, dass kein Livestream dagegen ankommt. Für sie ist das Musik und Widerstand zugleich — und der Moment, in dem sie ganz bei sich ist.

    Was sie antreibt, ist der Wunsch, die Demokratie zu bewahren, in der sie aufgewachsen ist. Nicht weil sie perfekt war — es gab immer Kämpfe, immer Ungerechtigkeiten. Aber sie war nie so existenziell bedroht wie jetzt. Dass ein Antrag zur Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens gestellt wird, ist für Franziska keine abstrakte Forderung, sondern das Dringlichste, was im Moment getan werden kann: den politischen Geldhahn zudrehen, bevor noch mehr Schaden entsteht. Dafür setzt sie ihre gesamte Freizeit ein — und das, sagt sie, tut sie so lange, wie es nötig ist.

  • Rosemarie

    Rosemarie

    Rosemarie / Berlin

    Rosemarie wollte Ägyptologin werden. Nach 1945 wurde das Fach in West-Berlin nicht angeboten — nur privat in Freiburg. Aber Freiburg war zu weit, kein Stipendium, kein Geld, und die Mutter wollte sie nicht alleine lassen. Also Theologie. Nebenbei heimlich Gesang am Konservatorium — heimlich, weil die Mutter eine Opernsängerin als Tochter ungefähr so willkommen geheißen hätte wie eine Straßenkünstlerin. Dann Querflöte. Dann Lyrik, Hieroglyphen, Altgriechisch. Dann, irgendwann, TikTok — für die OMAS GEGEN RECHTS.

    Das Muster ist klar: Wenn etwas sie interessiert, macht sie es. Nicht für den Beruf, nicht für den Lebenslauf. Einfach um es zu wissen, um es zu können. Das hat sie von ihrem Vater, der sich als Privatgelehrter durch verschiedene Wissensgebiete bewegte und in seinem Hause jeden als Gast willkommen hieß — Künstler, Wissenschaftler, Handwerker. Nur Politiker nicht. Die haben alle schmutzige Hände, soll er gesagt haben.

    Das Elternhaus war preußisch-evangelisch, humanistisch, mit einem klaren Grundsatz: Wer privilegiert ist, hat Pflichten. Nicht Rechte — Pflichten. Sich um andere kümmern, die weniger haben. Nicht aus Mitleid, sondern weil es selbstverständlich ist. Rosemarie betont das ausdrücklich: Es ist einfach der Boden, auf dem sie gewachsen ist. Was man daraus macht, ist die eigene Sache.

    Bei den OMAS GEGEN RECHTS ist sie nicht deswegen, weil sie besonders politisch wäre. Sie bezeichnet sich selbst als eher karitativ, sozial, mitmenschlich. Aber was gegen die Menschlichkeit geht, wie das Programm der AfD, das geht ihr gegen den Strich — und darum geht sie auf die Barrikaden. Die Stolpersteine liebt sie besonders: nicht das Putzen selbst, denn sie ist dafür nicht mehr beweglich genug, sondern das Gedenken an den betreffenden Menschen, dem der Stein gehört. Und das Laufen dazwischen, die Gespräche, die dabei entstehen. Da lerne ich die Frauen wirklich kennen — ihre Seele, ihre Einstellung, ihr Sein. Im Plenum redet man fürs Plenum. Auf dem Weg zum nächsten Stolperstein redet man miteinander.Ihre Enkelinnen in Frankfurt sind längst dabei — sie gehen zu OMAS-Veranstaltungen und CSDs mit, wenn sie können. Und sind stolz auf ihre Oma. Das freut sie weil es zeigt, dass etwas weitergeht.

    Ihre Analyse der politischen Lage ist scharf und ohne Illusionen. Die Rechten bedienen Emotionen — Zugehörigkeit, Angst, Neid — die in jedem Menschen stecken und sich nicht wegargumentieren lassen. Was fehlt, sind Gegennarrative, die genauso einfach und genauso menschlich sind. Nicht elitär. Nicht komplex. Einfach wahr.

    Ob es eine Lösung gibt? Rosemarie überlegt — und gründet dann kurzerhand eine neue Partei. Zumindest gedanklich. Erstmal würde sie sehr viele Menschen auf anspruchsvolle humanitäre Gedanken und Ziele einstimmen. Gar nicht philosophisch — einfach mitmenschlich. Schon das schafft ja kaum einer.

    Bis dahin schreibt sie Gedichte, Kurzgeschichten und TikTok-Limericks, geht zu Stolpersteinen und Demos mit den OMAS GEGEN RECHTS, liest in Kitas aus pädagogisch und demokratisch wertvollen Kinderbüchern vor, unterstützt den Deutschunterricht in einer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und Migranten — und wird 120.

  • Karin

    Karin

    Omas gegen Rechts Celle – Gründerin

    Karin ist kein mutiger Mensch. Das sagt sie selbst. Und trotzdem stellte sie sich 2019 allein mit einem selbst gebastelten Schild – „Oma gegen Rechts“, montiert auf  einen Besenstiel – vor die Touristinformation am Alten Rathaus in Celle. Weil sie einen Fernsehbericht gesehen hatte. Weil die Rechten mehr wurden. Weil sie dachte: Da müsste man was tun. Man müsste sich hinstellen.

    Zwei, drei Bekannte hatte sie gefragt. Die wollten nicht. Also stand sie allein.

    Die Marktfrauen, die sie vom Einkaufen kannten, sagten: „Wenn Ihnen hier einer was tut, wir beschützen Sie.“ Das hat sie gestärkt. Sie blieb. Und kam wieder. Und wieder. Mit der Zeit wurden sie bekannter, die Gruppe wuchs – und sie kamen sogar in die Zeitung.

    Von den Omas gegen Rechts hatte sie gelesen – gegründet 2017 in Österreich, längst in vielen Städten aktiv. In Celle gab es sie nicht. Also gründete Karin sie. Allein, mit einem Besenstiel.

    Mit 70 wagte sie einen Neuanfang – allein, ohne Netz, ohne Wurzeln in der Stadt. Sie hatte im Fernsehen von einem Genossenschaftsprojekt in Celle gehört, setzte sich auf die Warteliste und fand schließlich eine kleine Wohnung. In der Nähe alles, was sie brauchte: zwei Apotheken, den Hausarzt, den Friseur, viermal in der Stunde den Bus. Ihren Sohn, Umweltschützer ohne Auto, besucht sie alle sechs Wochen in Bielefeld – mit Zug und Bus natürlich.

    Und dabei trägt sie ihre Omas-Plakette. Man sollte sie abnehmen, sagt sie. Aber sie vergisst es einfach. Und dann passiert etwas Schönes: Junge Leute stellen ihr den Koffer aufs Gleis, begleiten sie zum richtigen Bahnsteig, fragen: „Woher kommen Sie denn? Das machen Sie in Celle?“ Fast immer sagen die Menschen: „Ist ja gut, was Sie da machen.“

    Das Altwerden, sagt sie, muss nicht so schwer sein. Diese Fürsorglichkeit, diese Begegnungen – das hätte sie nicht erwartet. Und das ist auch der Grund, warum ihr das alles so wichtig ist. Ich möchte nicht, dass das verloren geht.

    Sie besuchte einen Vortrag über 1933. Wie einfach es damals ging: ganz systematisch, ganz strukturiert – man erleichterte den Menschen das Leben und zog sie so auf die eigene Seite. Das ist so. Und nichts anderes passiert heute auch. Was sie antreibt, ist eine ganz konkrete Frage: In was für einer Gesellschaft werden die nächsten Generationen leben? Für mich ist es nicht mehr so wichtig. Aber was ist mit denen, die weiterleben müssen?

    Uns kriegt niemand mehr von der Straße runter.

  • Nora

    Nora

    Nora / Berlin

    Nora hat sich früh dafür interessiert warum Menschen so handeln wie sie handeln. Zu Verstehen war und ist ihr Antrieb. Aus der beginnend naiven Frage wurde ein Beruf.  Ihre Überzeugung ist, dass Menschen, die bewusster mit sich umgehen und sich selber besser verstehen zufriedener miteinander leben können.

    Den Anstoß politisch aktiv zu werden gab die Correctiv-Recherche über die Remigrationspläne. Ihr und ihrer Frau wurde endgültig klar: Wegschauen ist keine Option. „Wer jetzt schweigt, ist mitverantwortlich.“ Was folgte, war die spontane Anmeldung bei den OMAS GEGEN RECHTS.

    Was sie dort miteinbringt, ist genau das, was ihr wichtig ist: Die Fähigkeit hinzuschauen, auch wenn es wehtut und einen Umgang damit zu finden. Menschen, sagt sie, haben eine große Unfähigkeit negative Gefühle auszuhalten. Das Verdrängen und Meiden sind die Wurzel von viel Leid. Darin sieht sie einen zentralen Schlüssel der Wirksamkeit rechter Propaganda. Ihr Erklärungsmodell ist so einfach wie überzeugend:  Unser Gehirn funktioniert noch im „Urmodus“. Durch die aktuell krisengeschüttelte und bedrohlich empfundene Zeit sind wir im Daueralarm. Diese Daueranspannung kann nicht durch einen klar identifizierbaren Feind (z.B. Tiger) mit Flucht, Sieg oder Niederlage aufgelöst werden. Das nutzen rechte Propagandisten und schaffen „Ersatztiger“. Greifbare Feindbilder, an denen sich Angst und Aggression ausrichten kann. Das wirkt entlastend. Wer das nicht erkennt ist offen für Manipulation.

    Sie sieht das wichtigste Gegenmittel nicht primär in mehr Information.Es geht eher um Gefühle, darum eine größere Unsicherheitskompetenz zu ermöglichen und bewusster auch mit unangenehmen Gefühlen umgehen zu können. Dabei sind stabile Zonen durch Gemeinschaft und Teilhabe wichtig. Das bedeutet auch erfahrbar zu machen, dass Freiheit und Demokratie keine Last sind, sondern etwas, was sich gut anfühlt. „Guck mal, wie geil ist das denn hier leben zu dürfen!“

    Diese Inhalte und Anliegen versucht sie in unterschiedlichen Medien, auf Podien oder Veranstaltungen der OMAS GEGEN RECHTS einzubringen.

    Das Schlimmste, was sie erlebt hat: eine sogenannte „Friedensdemonstration“ in Berlin, bei der 15.000 Rechtsextremisten, Querdenker und Sympathisanten durch die Stadt zogen. Die OMAS GEGEN RECHTS wurden von der Polizei in einem kleinen abgesperrten Bereich geschützt — ein Schutz, der sich wie ein Käfig anfühlte. Die Masse zog vorbei, einige fotografierten und waren in Wort und Haltung aggressiv.“ Wir fühlten uns bedroht und ie wie diejenigen, die falsch waren.“ Danach fuhr Nora mit dem Fahrrad am Kudamm vorbei. Die Menschen saßen im Café, schoben Kinderwagen. Normale Welt. Der Tanz auf dem Vulkan. Es wirkte auf sie surreal und deprimierend.

    Das Schönste: der erste CSD in Marzahn. Eine Handvoll OMAS GEGEN RECHTS mit großen Schildern, auf dem Weg zur Demonstration. Die Teilnehmenden sahen sie von Weitem — und jubelten. Dass ihr hier seid. Danke.

    Besonders beeindruckt hat sie die Aussage einer Historikerin: „Der Beginn menschlicher Gemeinschaft und sozialer Kompetenz lässt sich an einem verheilten urzeitlichen Oberschenkelknochen ausmachen. Jemand hat für diesen Menschen gesorgt, obwohl er nicht mehr laufen konnte.“ Das ist eine zentrale menschliche Entwicklung, die Nora für erhaltenswert hält. Und für die sie sich — neben ihrem Beruf, neben allem anderen — einsetzt.

  • Jeany

    Jeany

    Jeany / Berlin

    Jeany kommt aus einem Dorf im tiefsten Schwarzwald. Sie wuchs bis zu ihrem 16ten Lebensjahr in einem gut situierten Elternhaus auf, indem Geld und Ansehen wichtiger als menschliche Wärme waren. Sie musste früh lernen und spüren was fehlt. Sowohl ihre früh bewusste Homosexualität, als auch ihre nicht standesgemäßen Freunde erfuhren eine tiefe Abneigung. Freunde durften mit der Begründung: „Wir wollen hier Keinen durchfüttern“, nicht zu Besuch bleiben. Und das war nur ein Beispiel unter vielen, durchaus auch traumatischen Erfahrungen, die sie prägten.

    Mit 13 reagierte sie auf die grundlegende Aussage ihrer Eltern: „Es gibt im Leben zwei Dinge — „Geld oder Liebe“ mit der Erwiderung: „dann lieber die Liebe suchen gehen zu wollen.“ Diese Entscheidung leitet ihr Leben bis heute.

    Mit Anfang 20 war sie politisch sehr aktiv — hat Frauencafés mitaufgebaut, Frauenbegegnungsstätten mitgegründet, sich für homosexuelle Menschen und Minderheiten eingesetzt. Dann kam der Beruf, eine Selbstfindungsphase, das Leben. Die Politik trat vorerst in den Hintergrund.

    In den letzten Jahren merkte sie zunehmend eine ungute Veränderung in der Gesellschaft, die sie unruhig machte. Der entscheidende Auslöser tätig werden zu wollen, war die Correctiv Recherche und das „Öffentlich Werden“ der Remigrationspläne der AfD. Sie und ihre Frau schauten sich an und beschlossen aktiv zu werden.

    Jeany sagte:  “Ich möchte mir in die Augen gucken können. Ich möchte am Ende meines Lebens vor Gott aufrecht stehen können.“

    Beide meldeten sich bei den OMAS GEGEN RECHTS an, gingen hin und blieben. Dort gab es so viele Möglichkeiten aktiv zu werden. TikTok gehörte von Anfang an dazu, obwohl weder Jeany noch ihre Frau sich vorab für TikTok interessiert hatten. Ihre Mitoma Franzi hatte kurz vorab als eine der ersten in Kenntnis der Bedeutung für jüngere Menschen und des Missbrauchs durch rechtsextreme Propaganda einen eigenen TIKTOK Kanal gestartet.

    Das erste Video floppte. Aber sie machten weiter, wurden kreativer und wuchsen mit ihrer Aufgabe. Ein Waschmittel-Video „AfD: Aris frischer Duft“ wurde ein echter Hit — rot, grün versiffte Flecken ließen sich trotz des Waschmittel AfD einfach nicht entfernen., woraufhin dieses untaugliche Mittel wütend weggeschmissen wurde. Die Kommentare junger Menschen: „Wenn OMAS GEGEN RECHTS Werbung machen würden, würde ich wieder Fernsehen gucken.“

    Heute macht Jeany zusammen mit ihrer Frau TikTok, generiert Ideen, informiert und setzt unterschiedliche Ideen um. Sie arbeitet mittlerweile mit anderen Omas im deutschlandweiten TikTok Kanal und fördert darüber auch die Vernetzung der unterschiedlichen Oma Gruppen.. Es ist ein großer Teil ihrer Freizeit — und manchmal braucht es die Kunst, sich selbst zu bremsen, damit die Energie nicht versiegt.

    Im Austausch mit anderen Menschen gibt es unterschiedliche Reaktionen. Manchmal fühlt sie sich wie das wandelnde schlechte Gewissen der passiven Mitbürger*innen. Dann wird es still, wenn sie erzählt.

    Während ihrer Aktivitäten auf der Straße und im Netz gibt es gelegentlich Anfeindungen. Aber es gibt auch die Momente, die alles tragen: junge Menschen und auch die Queer Community, die auf sie zukommen, sie umarmen und einfach sagen — danke, dass ihr hier seid.

    Was sie antreibt,: „Ich möchte erhalten, was wir errungen haben – das Bewusstsein für unserer Werte wieder schärfen. Demokratie ist die beste Staatsform, die wir haben! Wir sollten mit der Erde leben — nicht von ihr. Als Teil eines Organismus, der nur funktioniert, wenn alle füreinander sorgen.

  • Angelika

    Angelika

    Angelika / Berlin

    Angelikas politisches Bewusstsein erwachte in Namibia. Als sie knapp 13 Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie in das damalige Südwestafrika. Sie erlebte die Brutalität der Apartheid unmittelbar, doch zu Hause wurde darüber geschwiegen.

    Ihre Eltern gehörten zur Kriegsgeneration, die das Schweigen perfektioniert hatte: Es wurde weder über den Nationalsozialismus noch über das Unrecht in Afrika gesprochen. Erst viel später erfuhr Angelika, dass ihre Mutter beim BDM gewesen war und zeitlebens tief in rassistischen Denkmustern verhaftet blieb.

    Ihr Vater war ein Widerspruch. Als Sohn eines evangelischen Pfarrers und geprägt durch eine Kindheit in Shanghai, war er ein Humanist, der eine lebendige Gesprächskultur am Esstisch etablierte — stundenlang wurde über Bücher, Tagesaktuelles und „Gott und die Welt“ diskutiert. Doch auch diese Offenheit hatte eine klare Grenze: Über seine eigene Vergangenheit verlor er kein Wort. Dieser Teil seiner Geschichte blieb unangetastet
    Trotz dieses selektiven Schweigens prägte die Diskussionsfreude im Hause Angelika und später ihr Kind. Ihre Tochter bemerkte schon früh den Unterschied zu ihrem Umfeld: „Mama, meine Klassenkameraden kennen das gar nicht, dass man stundenlang am Tisch sitzt und diskutiert. Bei denen wird gegessen und dann geht jeder seiner Wege.“

    Angelika zog Anfang der 80er Jahre nach Berlin und wurde alleinerziehende Mutter einer schwarzen Tochter. Plötzlich war Rassismus für sie kein abstraktes Thema mehr, sondern eine persönliche, tägliche Erfahrung.

    Nach der Unabhängigkeit Namibias wollte Angelikas Vater sie und seine Enkelin einladen, mit ihm dorthin zu reisen. Angelika lehnte ab und konfrontierte ihn mit der schmerzhaften Wahrheit: „Papa, hast du nie gemerkt, was das für ein faschistisches System war? Deine Enkelin und ich hätten dort damals nicht einmal mit dir im selben Hotel wohnen dürfen. Wir hätten im Slum leben müssen.“ Ihr Vater fuhr schließlich allein. Erst nach seiner Rückkehr konnte er das Schweigen brechen und gestand ein: „Du hattest recht. Es war ein faschistisches System.“ Dass er diese Realität am Ende anerkannte, bedeutet Angelika bis heute viel.

    Heute sitzt sie wieder am Tisch, diesmal mit ihrer erwachsenen Tochter. Doch die Gespräche haben eine bedrückende Wendung genommen: Sie überlegen ernsthaft, wohin sie ausweichen könnten, falls die politische Lage in Deutschland weiter eskaliert. Es ist nicht nur diese Sorge um die Zukunft ihrer Familie, die Angelika 2018, angetrieben durch die Pegida-Aufmärsche, zu den OMAS GEGEN RECHTS führte.

    In der AG Feminismus bringt Angelika sich aktiv ein, und in der Stadtteilgruppe Mitte hat sie heute den Hut auf — eine von dreien, die die Gruppe gemeinsam leiten. Ihr Ziel ist es, dass die Gesellschaft das Reden nicht verlernt. Ihr Plädoyer: Wir müssen wieder an einen Tisch kommen — über alle Unterschiede hinweg, ohne populistische Phrasen, dafür mit echtem Zuhören. „Wir haben der nächsten Generation diese Welt mit eingebrockt“, sagt Angelika bestimmt, „jetzt ist es unsere Pflicht zu helfen, dass die Demokratie erhalten bleibt und auch die nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt haben.“ Aufgeben ist für sie keine Option.

  • Gudrun

    Gudrun

    Gudrun / Graz

    Gudrun hat lange unterrichtet – PR, Journalismus, Kommunikation. Und irgendwann hat sie in ihren Seminarräumen etwas bemerkt, das sie nicht loslassen wollte. Junge Frauen, die sagten: Ich möchte eigentlich Familie. Kinder. Zu Hause bleiben. Nichts dagegen – aber es war der Ton. Die Leichtigkeit, mit der Dinge abgegeben wurden, für die Frauen vor ihnen jahrzehntelang gekämpft hatten. Das Recht auf eigenes Geld. Auf einen eigenen Beruf. Auf ein Leben, das nicht durch den Mann definiert wird. Als wären das keine Errungenschaften, sondern Optionen. Nett zu haben, aber verzichtbar.

    Das hat in ihr gearbeitet.

    Dann kam der Herbst 2024. Die Omas gegen Rechts suchten Frauen für eine Aktion im Rahmen des Steirischen Herbstes – ausdrücklich nicht nur Omas, sondern Frauen aller Generationen. Gudrun sah den Aufruf, meldete sich, und verstand beim ersten Lesen, worum es geht. Die Rückwärtsparade.

    Eine Gruppe von Frauen geht die Herrengasse hinunter – rückwärts. Die Musik, zunächst bunt und vielstimmig, wird mit jedem Schritt eintöniger. Die farbigen Blusen verschwinden, darunter nur mehr Grau. Die Bewegungen werden kleiner, langsamer, zuletzt nur noch ein Schlurfen. Am Hauptplatz, vor dem Rathaus, stehen die Frauen schließlich mit Kochtöpfen und Kochlöffeln: Nur noch für Herd und Kind zuständig, für sonst nichts.

    Es ist das mahnende Bild einer Gesellschaft, die zwar heute noch immer in patriarchalen Strukturen verhaftet ist, mit diesem Rückwärtsgang aber zeigt, wie viel tiefer die Unfreiheit der Frauen in der Vergangenheit war und wie schnell erkämpfte Rechte wieder im Grau verschwinden können.

    Es war geprobt worden, dreimal. Es war poetisch, präzise, wütend auf die richtige Art. Und Gudrun stand mittendrin und dachte: Genau das. Genau das habe ich in meinen Seminarräumen gespürt – und hier steht es als Bild auf der Straße.

    Dass diese Aktion danach kaum Medienecho fand, hat sie nicht überrascht – aber als jemand, die ihr Berufsleben damit verbracht hat, Kommunikation zu verstehen, konnte sie es nicht einfach hinnehmen. Wenn eine so kraftvolle Aktion unsichtbar bleibt, stimmt etwas nicht. Seit der Pensionierung hat sie die Zeit, etwas dagegen zu tun. Sie hat den Instagram-Kanal der Omas gegen Rechts Steiermark übernommen.

    Die eigentliche Wurzel aber liegt tiefer. Gudruns Großmütter waren beide erwerbstätig – in einer Zeit, in der Frauen ihrer gesellschaftlichen Schicht eigentlich zu Hause zu bleiben hatten. Das Patriarchat hatte klare Vorstellungen: Der Mann verdient, die Frau verwaltet. So gehörte es sich. Ihre Großmütter haben sich nicht daran gehalten. Nicht laut, nicht mit Manifest – einfach mit der Tatsache ihres Lebens. Sie haben gearbeitet, Kinder großgezogen, Haushalt geführt, und waren dabei, soweit Gudrun das als Enkelin erlebt hat, von bemerkenswerter Fröhlichkeit. Nicht weil es leicht war. Sondern weil sie wussten, wer sie sind.

    Das ist Feminismus, auch wenn sie dieses Wort nie benutzt haben.

    Und genau das hat Gudrun an ihre Tochter weitergegeben: Steh auf eigenen Beinen. Verdien dein eigenes Geld. Nicht als Absicherung für den Notfall – sondern weil Abhängigkeit keine Basis für ein selbstbestimmtes Leben ist. Eine Partnerschaft kann schön sein, eine Bereicherung, eine Erweiterung. Aber sie darf keine Notwendigkeit sein. Und das, merkt Gudrun, verlangt auch etwas von den Männern: den Willen, Macht abzugeben. Eine feministischere Gesellschaft bedeutet, dass Macht geteilt wird – und das ist nicht selbstverständlich. Noch nicht.

    Jetzt möchte Gudrun selbst diese Oma sein. Die, die es vorlebt. Die zeigt, dass man nicht wegschaut. Die jetzt erst richtig anfängt. Ihre eigenen Großmütter haben ihr gezeigt, dass es geht – durch ihr Leben, nicht durch ihre Worte. Das ist ihre Geschichte. Und die möchte sie weiterschreiben.