Ute / Basel

Ute ist in Berlin aufgewachsen, in einer Familie, die die ganze Widersprüchlichkeit der deutschen Nachkriegsgeschichte in sich trug. Ihr Vater, Jahrgang 1923, war SS. Er hat es nie wirklich zugegeben — nur scheibchenweise, spät, und nie ganz. Die Tätowierung am Arm erklärte er dem Kind als Erinnerung aus russischer Gefangenschaft. Erst später hat Ute selbst recherchiert, hat die Jahreszahlen zusammengezählt und verstanden, was sie bedeuten. Er war blond, blauäugig, gross — und er hatte sich aktiv beworben, in einer Zeit, als man sich noch bewerben musste. Später ist er in die SPD gegangen. Ein Umdenken, aber kein ehrliches Eingestehen.

Ihre Grossmutter, bei der sie aufwuchs, war keine überzeugte Nationalsozialistin — aber von der Rassenlehre durchdrungen, kaisertreue Preussin, die Hitler vor allem wegen seines Auftretens ablehnte. Zu brüllig für einen Staatsmann. Utes Mutter wiederum kam aus einer bürgerlichen Beamtenfamilie, ging später zu den Jusos. Ute hatte also alles auf einmal: die preussische Strenge, das beschämte Schweigen, den linken Aufbruch.

Mit 13, 14 war sie, wie sie selbst sagt, richtig radikal. Sie rebellierte — gegen die Herkunft, gegen das Stillhalten, gegen das Funktionieren. Den Gerechtigkeitssinn hatte sie schon als Kind, in der Schule, wenn es hiess: das geht dich doch nichts an. Und sie dachte: aber es ist nicht fair. Das hat sich nie geändert.

In Berlin fand sie früh Anschluss an feministische Kreise, die Friedensbewegung, die Anti-AKW-Bewegung. Sie machte eine Ausbildung zur Krankenschwester — damals hiess es noch so — und arbeitete ehrenamtlich im feministischen Gesundheitszentrum, hatte früh Kontakt zu vergewaltigten und misshandelten Frauen. Bei einer Demo für den Paragraphen 218 malte sie sich einen Embryo auf ihr T-Shirt-Kleid, dazu die Worte: Mein Bauch gehört mir — durchgestrichen. Ein Kameramann der Tagesschau hielt drauf. Das Bild lief. Ihr Arbeitgeber zitierte sie danach zu sich: Als Krankenschwester in Ausbildung sei man ein Vorbild. So verhalte man sich nicht. Ute fand: Es war Freizeit. Sie hatte sich nicht krank gemeldet. Und sie hatte ein Statement gemacht, das in die Zeit gehörte.

Dann kam die eigene Familie, weniger Zeit, weniger Kapazität. Aber der Blick auf die Welt blieb. Als der Rechtsruck sich weltweit ausbreitete, dachte sie: du bist noch fit, du kannst noch was machen. Eine Partei kam nicht in Frage — keine entsprach wirklich dem, was sie sagen würde. Dann hörte sie von den OMAS GEGEN RECHTS in Deutschland, fuhr zweimal nach Heidelberg zu Demos. Und dachte irgendwann: das kann es ja nicht sein, immer von Basel nach Heidelberg. Sie suchte, stiess auf die Grossmütterrevolution, und über sie auf die Schweizer OMAS GEGEN RECHTS. Seitdem ist sie dabei.

Was sie beschäftigt: dass sich alles rückwärtsbewegt. Das Recht auf Abtreibung, das in der Schweiz wie in Deutschland keine echte Freiheit ist, sondern eine geduldete Ausnahme. Die Tradwives auf TikTok, die zurück in die Fünfzigerjahre wollen — oder noch weiter. Der gleiche Hass wie damals, nur anders verpackt. Früher kamen Männer vom Strassenrand und brüllten: scheiß Weiber. Heute kommen sie mit Diskussionsangeboten, stellen Fangfragen, und wenn man mit Fakten antwortet, kommt der eigentliche Hass — über das Äussere, über Catcalling, über Drohungen. Intellektuell verbrämt, sagt Ute, aber im Kern dasselbe.

Bei Infoständen und Mahnwachen hat die Gruppe gelernt, damit umzugehen. Wenn ein Mann eine Frau stundenlang in ein Gespräch bindet, das keines ist, kommt eine andere dazu und sagt: die brauche ich kurz. Oder man sagt selbst: ich merke, wir kommen hier nicht weiter. Und geht. Es gibt inzwischen Selbstbehauptungstrainings in der Gruppe — das erste lief, das nächste ist bereits ausgebucht.

Ute weiss, wie das geht. Sie kennt es seit Jahrzehnten. Und sie teilt dieses Wissen jetzt mit Frauen, für die es neu ist. Viele Schweizer Omas, sagt sie, kennen das nicht — dieses Angemacht-werden, dieses Kleingemacht-werden. Das ist nicht ihr Vorwurf. Es ist einfach eine andere Geschichte.

Ihr Ausblick, auf die Frage nach Hoffnung: dass das Patriarchat endlich brennt. Und für alle, die zuhören — das war kein Aufruf zur Gewalt.