Portfolio Category: Interview

  • Angelika

    Angelika

    Angelika / Berlin

    Angelikas politisches Bewusstsein erwachte in Namibia. Als sie knapp 13 Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie in das damalige Südwestafrika. Sie erlebte die Brutalität der Apartheid unmittelbar, doch zu Hause wurde darüber geschwiegen.

    Ihre Eltern gehörten zur Kriegsgeneration, die das Schweigen perfektioniert hatte: Es wurde weder über den Nationalsozialismus noch über das Unrecht in Afrika gesprochen. Erst viel später erfuhr Angelika, dass ihre Mutter beim BDM gewesen war und zeitlebens tief in rassistischen Denkmustern verhaftet blieb.

    Ihr Vater war ein Widerspruch. Als Sohn eines evangelischen Pfarrers und geprägt durch eine Kindheit in Shanghai, war er ein Humanist, der eine lebendige Gesprächskultur am Esstisch etablierte — stundenlang wurde über Bücher, Tagesaktuelles und „Gott und die Welt“ diskutiert. Doch auch diese Offenheit hatte eine klare Grenze: Über seine eigene Vergangenheit verlor er kein Wort. Dieser Teil seiner Geschichte blieb unangetastet
    Trotz dieses selektiven Schweigens prägte die Diskussionsfreude im Hause Angelika und später ihr Kind. Ihre Tochter bemerkte schon früh den Unterschied zu ihrem Umfeld: „Mama, meine Klassenkameraden kennen das gar nicht, dass man stundenlang am Tisch sitzt und diskutiert. Bei denen wird gegessen und dann geht jeder seiner Wege.“

    Angelika zog Anfang der 80er Jahre nach Berlin und wurde alleinerziehende Mutter einer schwarzen Tochter. Plötzlich war Rassismus für sie kein abstraktes Thema mehr, sondern eine persönliche, tägliche Erfahrung.

    Nach der Unabhängigkeit Namibias wollte Angelikas Vater sie und seine Enkelin einladen, mit ihm dorthin zu reisen. Angelika lehnte ab und konfrontierte ihn mit der schmerzhaften Wahrheit: „Papa, hast du nie gemerkt, was das für ein faschistisches System war? Deine Enkelin und ich hätten dort damals nicht einmal mit dir im selben Hotel wohnen dürfen. Wir hätten im Slum leben müssen.“ Ihr Vater fuhr schließlich allein. Erst nach seiner Rückkehr konnte er das Schweigen brechen und gestand ein: „Du hattest recht. Es war ein faschistisches System.“ Dass er diese Realität am Ende anerkannte, bedeutet Angelika bis heute viel.

    Heute sitzt sie wieder am Tisch, diesmal mit ihrer erwachsenen Tochter. Doch die Gespräche haben eine bedrückende Wendung genommen: Sie überlegen ernsthaft, wohin sie ausweichen könnten, falls die politische Lage in Deutschland weiter eskaliert. Es ist nicht nur diese Sorge um die Zukunft ihrer Familie, die Angelika 2018, angetrieben durch die Pegida-Aufmärsche, zu den OMAS GEGEN RECHTS führte.

    In der AG Feminismus bringt Angelika sich aktiv ein, und in der Stadtteilgruppe Mitte hat sie heute den Hut auf — eine von dreien, die die Gruppe gemeinsam leiten. Ihr Ziel ist es, dass die Gesellschaft das Reden nicht verlernt. Ihr Plädoyer: Wir müssen wieder an einen Tisch kommen — über alle Unterschiede hinweg, ohne populistische Phrasen, dafür mit echtem Zuhören. „Wir haben der nächsten Generation diese Welt mit eingebrockt“, sagt Angelika bestimmt, „jetzt ist es unsere Pflicht zu helfen, dass die Demokratie erhalten bleibt und auch die nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt haben.“ Aufgeben ist für sie keine Option.

  • Gudrun

    Gudrun

    Gudrun / Graz

    Gudrun hat lange unterrichtet – PR, Journalismus, Kommunikation. Und irgendwann hat sie in ihren Seminarräumen etwas bemerkt, das sie nicht loslassen wollte. Junge Frauen, die sagten: Ich möchte eigentlich Familie. Kinder. Zu Hause bleiben. Nichts dagegen – aber es war der Ton. Die Leichtigkeit, mit der Dinge abgegeben wurden, für die Frauen vor ihnen jahrzehntelang gekämpft hatten. Das Recht auf eigenes Geld. Auf einen eigenen Beruf. Auf ein Leben, das nicht durch den Mann definiert wird. Als wären das keine Errungenschaften, sondern Optionen. Nett zu haben, aber verzichtbar.

    Das hat in ihr gearbeitet.

    Dann kam der Herbst 2024. Die Omas gegen Rechts suchten Frauen für eine Aktion im Rahmen des Steirischen Herbstes – ausdrücklich nicht nur Omas, sondern Frauen aller Generationen. Gudrun sah den Aufruf, meldete sich, und verstand beim ersten Lesen, worum es geht. Die Rückwärtsparade.

    Eine Gruppe von Frauen geht die Herrengasse hinunter – rückwärts. Die Musik, zunächst bunt und vielstimmig, wird mit jedem Schritt eintöniger. Die farbigen Blusen verschwinden, darunter nur mehr Grau. Die Bewegungen werden kleiner, langsamer, zuletzt nur noch ein Schlurfen. Am Hauptplatz, vor dem Rathaus, stehen die Frauen schließlich mit Kochtöpfen und Kochlöffeln: Nur noch für Herd und Kind zuständig, für sonst nichts.

    Es ist das mahnende Bild einer Gesellschaft, die zwar heute noch immer in patriarchalen Strukturen verhaftet ist, mit diesem Rückwärtsgang aber zeigt, wie viel tiefer die Unfreiheit der Frauen in der Vergangenheit war und wie schnell erkämpfte Rechte wieder im Grau verschwinden können.

    Es war geprobt worden, dreimal. Es war poetisch, präzise, wütend auf die richtige Art. Und Gudrun stand mittendrin und dachte: Genau das. Genau das habe ich in meinen Seminarräumen gespürt – und hier steht es als Bild auf der Straße.

    Dass diese Aktion danach kaum Medienecho fand, hat sie nicht überrascht – aber als jemand, die ihr Berufsleben damit verbracht hat, Kommunikation zu verstehen, konnte sie es nicht einfach hinnehmen. Wenn eine so kraftvolle Aktion unsichtbar bleibt, stimmt etwas nicht. Seit der Pensionierung hat sie die Zeit, etwas dagegen zu tun. Sie hat den Instagram-Kanal der Omas gegen Rechts Steiermark übernommen.

    Die eigentliche Wurzel aber liegt tiefer. Gudruns Großmütter waren beide erwerbstätig – in einer Zeit, in der Frauen ihrer gesellschaftlichen Schicht eigentlich zu Hause zu bleiben hatten. Das Patriarchat hatte klare Vorstellungen: Der Mann verdient, die Frau verwaltet. So gehörte es sich. Ihre Großmütter haben sich nicht daran gehalten. Nicht laut, nicht mit Manifest – einfach mit der Tatsache ihres Lebens. Sie haben gearbeitet, Kinder großgezogen, Haushalt geführt, und waren dabei, soweit Gudrun das als Enkelin erlebt hat, von bemerkenswerter Fröhlichkeit. Nicht weil es leicht war. Sondern weil sie wussten, wer sie sind.

    Das ist Feminismus, auch wenn sie dieses Wort nie benutzt haben.

    Und genau das hat Gudrun an ihre Tochter weitergegeben: Steh auf eigenen Beinen. Verdien dein eigenes Geld. Nicht als Absicherung für den Notfall – sondern weil Abhängigkeit keine Basis für ein selbstbestimmtes Leben ist. Eine Partnerschaft kann schön sein, eine Bereicherung, eine Erweiterung. Aber sie darf keine Notwendigkeit sein. Und das, merkt Gudrun, verlangt auch etwas von den Männern: den Willen, Macht abzugeben. Eine feministischere Gesellschaft bedeutet, dass Macht geteilt wird – und das ist nicht selbstverständlich. Noch nicht.

    Jetzt möchte Gudrun selbst diese Oma sein. Die, die es vorlebt. Die zeigt, dass man nicht wegschaut. Die jetzt erst richtig anfängt. Ihre eigenen Großmütter haben ihr gezeigt, dass es geht – durch ihr Leben, nicht durch ihre Worte. Das ist ihre Geschichte. Und die möchte sie weiterschreiben.

  • Gundi

    Gundi

    Omas gegen Rechts Celle / Hannover

    Gundi ist von Natur aus optimistisch. Das sagt sie selbst. Vielleicht hat sie das von ihrem Vater.

    Ihr Vater war Arbeiterkind, aufgewachsen in Hannover-Linden, keine feine Gegend. Sie hatten nichts, spielten auf der Straße. Dann kam Hitler – und sammelte diese Kinder ein. Dem Vater ermöglichte er das Segelfliegen, Ausflüge zum Flugplatz Ithwiesen, Kameradschaft, Abenteuer. Statt auf der Straße plötzlich in der Luft. Er war glücklich. Er war vielleicht vierzehn.

    Er wurde Pilot. Wurde abgeschossen. Kam 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück – ohne Haare, wie alle, wegen der Läuse. Gundis Mutter sah den Zug ankommen, schaute aus dem Fenster des Lazaretts und dachte: Gott, halbe Kinder haben sie da zusammengesammelt. Dann schnappte sie sich den Vater. Der hatte keine Zeit, traumatisiert zu sein.

    Im Alter sagte er: Ich habe eigentlich ein schönes Leben gehabt. Ich musste in den Krieg und bin gesund wiedergekommen. Und ich musste nie einen Totschießen. Das war ihm wichtig. Das hat er festgehalten.

    Aber er hat sich auch immer vorgeworfen, dass er nicht gesehen hat, was sie wirklich vorhaben. Dass er sich hat einfangen lassen. Dass es ihm sogar gefallen hat. Er war noch ein Kind – aber das milderte das schlechte Gewissen nicht ganz. Und er hat immer gesagt: Niemals wieder würde er sich seine Gesinnung auf einen Knopf drucken lassen. Niemals wieder.

    Daraus wurde ein Vollblutgewerkschafter. Betriebsrat, SPD, das Bewusstsein, dass Arbeiter sich zusammentun müssen, um irgendetwas zu erreichen. Gundi ist damit aufgewachsen – als selbstverständliche Wahrheit, nicht als Ideologie.

    Sie selbst hat immer schon gemacht. Schülersprecherin und Mitarbeiterin im AStA, Gewerkschaft, Klimademos, eine Bürgerinitiative im Dorf. Und dann, 2019, ein Zeitungsartikel: In Hannover gründet sich eine Gruppe Omas gegen Rechts. Kommen Sie vorbei. Gundi kam. 40, 50 Frauen standen in einem Raum, der viel zu klein war. Ein Zettel ging rum. Dann gings los.

    Sie standen mit Ständen in der Innenstadt, zwei-, dreimal die Woche. Sie fuhren ins Umland, morgens um sechs zum Burgdorfer Pferdemarkt, weil die Bauern früh sind. Weil die Rechten sich in Dörfern einnisten – als netter Herr Müller, der die Jugendmannschaft trainiert, der brav spendet, der zum Bürgermeister gewählt wird.

    So kam sie auch nach Celle. Irgendeine Veranstaltung, die Hannoveraner fuhren mit. Sie lernte die Celler Gruppe kennen, die war überschaubarer und persönlicher als im großen Hannover und trotzdem hat sie vielfältige und zahlreiche Aktionen. Ausserdem ist demonstrieren vorm Schloss einfach toll

  • Claudia

    Claudia

    Omas gegen Rechts Celle

    Claudia suchte lange nach einer Gruppe in Celle. Während Corona gab es keine. Dann, nach Corona, sah sie auf einer Demonstration jemanden mit einer Omas-Weste. Sie sprach sie an. „Wir treffen uns jeden Mittwoch auf dem Markt. Komm einfach dazu.“ Claudia kam. Dann zum ersten Stammtisch. Seitdem ist sie dabei.

    Der Auslöser war nicht ein einzelner Moment. Die AfD wurde stärker, die Stimmen mehr, die Gefahr größer. Und ihre ältere Schwester in Lübeck war längst bei den Omas – das hatte sie noch einmal aufmerksamer gemacht. Es ist jetzt Zeit, was zu tun.

    Damals waren sie vier, maximal fünf. Sigrid übernahm die Koordination als Sprecherin, baute Netzwerke auf, gab der Gruppe Sichtbarkeit. Lange trafen sie sich zum Stammtisch in einem Mutter-Kind-Café – dem einzigen Ort in Celle, der sie haben wollte. Als die Gruppe wuchs, zogen sie weiter in den Stadtteiltreff. Dort sind sie heute gerne gesehen, machen gemeinsam Aktionen. Eine tolle Truppe, sagt Claudia.

    Die AfD mache es gerissen, sagt sie. Über TikTok und soziale Medien, mit einfachen Antworten, mit Sündenböcken. Nichts anderes als das, was die NSDAP gemacht hat. Das macht mich so wütend. Junge Menschen fragten nicht nach, weil sie unzufrieden seien und Angst hätten. Und die alten Parteien? Die könnten davon lernen – tun es aber nicht.

    Am Infostand sagte einmal jemand zu ihr: Alle Ausländer müssen raus. Claudia fragte ruhig: „Was machen Sie, wenn Sie in drei Wochen einen Herzinfarkt haben? Sie gehen ins Krankenhaus? Ist aber keiner mehr.“ Wer macht denn die Arbeit, die viele nicht machen wollen? In den Siebzigern waren es die Gastarbeiter. Heute sind es Menschen, die hierher gekommen sind und dieses Land längst mitaufbauen. Das sind Deutsche. Viele hier geboren.

    Vor Wahlen standen sie bei Infoständen im Winter, frierend, in der Kälte. Und dann fingen sie an zu singen. Und da dachte Claudia zum ersten Mal: Wie toll ist das. Wir sind nicht alleine.

    Ihre Hoffnung: Dass sie etwas bewirken. Dass noch mehr Menschen kommen. Dass die AfD niemals allein regiert. Man kann auch bescheidener leben und trotzdem glücklicher sein – wenn es nicht immer nur darum geht, was kaufe ich mir als nächstes. Die Omas geben ihr diese Hoffnung. Weil sie gemeinsam dastehen. Sollte wirklich das Allerschlimmste passieren – wir sind immer noch da.