Ulli / Lindau-Bodensee

Ulli kommt aus dem Bildungsbürgertum West-Berlins. Sie wuchs in einem Randbezirk auf und besuchte ein humanistisches Gymnasium, das ihr Gerechtigkeitsgefühl früh geschärft hat. Ihr Vater war liberal, in der Familie wurde diskutiert, auch wenn ihre Positionierung nicht immer auf Begeisterung stieß. Fragen nach der Kriegszeit wurden nicht beantwortet. Mit achtzehn tritt sie als eine der ersten Frauen der Alternativen Liste (AL) in Berlin bei, einer grün-alternativen Partei, die 1978 aus der Studierenden- und Umweltbewegung entstand und Vorläuferin der heutigen Grünen war. 1981, mit 22 Jahren, wird sie Bezirksverordnete in Zehlendorf, einem damals bürgerlich-konservativen Bezirk West-Berlins mit einer absoluten CDU-Mehrheit von 54,1%. Die AL ist mit 9,3% erstmalig in die BVV eingezogen. Diese Zeit wird für sie zur politischen Schule, doch während ihrer zweiten Schwangerschaft tritt sie zurück, auch wegen dem Umgang mit ihr als junger Frau in den Ausschüssen und am Stammtisch.

Auf Demonstrationen für den Frieden, gegen Atomkraft, gegen das Waldsterben, für bessere Gesundheitspolitik etc. ist Ulli ihr Leben lang gegangen. Sie war 1980 mehrmals im basisdemokratischen Protestcamp „Republik Freies Wendland“, ein Protest gegen die geplante Erkundung des Salzstock Gorleben als atomares Endlager, damals noch Jahre bevor die späteren Castor-Transporte das Thema erneut auf die Straße brachten. Sie besuchte regelmäßig die vom Abriss bedrohten besetzten Häuser und Objekte in Zehlendorf, während sie gleichzeitig in der Bezirksverordnetenversammlung saß, eine Doppelrolle, die tatsächlich half, Gebäude wie z.B. die Kulturbrauerei Zehlendorf vor dem Abriss zu bewahren. Der Werkhof, die ehemalige Brauerei, ist seit 1986 sozialer Treffpunkt und Ausbildungsort für selbstorganisierte Nutzung. Die Muthesius-Villa gehörte ab 1934 dem jüdischen Kaufhausbesitzer S. Schocken, der enteignet wurde von den Nationalsozialisten und emigrierte. Es ging darum, den Abriss durch Spekulanten zu verhindern und an die jüdischen Vorbesitzer zu erinnern. Das gelang durch die Zusammenarbeit der Besetzerinnen und Besetzer, der AL und des Sanierungsträgers Stattbau, die Villa ist heute saniert und denkmalgeschützt. 1981 gründete sich zudem eine Patenbewegung aus Anwohnerinnen und Anwohnern, Professorinnen und Professoren der Freien Universität und Eltern, um Instandbesetzungen in legale, selbstverwaltete Hausprojekte zu überführen, unter anderem mit Genossenschaftsmodellen gegen spätere Immobilienspekulation. Nicht alle historischen Gebäude konnten so gerettet werden. Ein einschneidendes Erlebnis war im Mai 1981 der Polizeikessel bei der Friedensdemonstration mit 60.000 Teilnehmenden in Berlin anlässlich des Besuchs des US-Außenministers Haig. Ein Kessel bezeichnet eine Einsatztaktik, bei der Polizeikräfte eine Gruppe von Menschen komplett umschließen und am Verlassen des Ortes hindern, eine in Deutschland seit den 1980er Jahren immer wieder umstrittene Praxis, weil sie auch unbeteiligte Passantinnen und Passanten treffen kann. Ulli und ihre Tochter gerieten nicht selbst in den Kessel, jedoch ihre Schwester und Freunde. Das Wegrennen und gejagt werden mit Kind aus der unmittelbaren Nähe dieser Situation hat sie und ihre Familie für Jahre von der Straße ferngehalten.

Politisch aktiv blieb sie trotzdem, vor allem im Gesundheitswesen, wo sie als Sozialarbeiterin am Aufbau der Hospizarbeit beteiligt war und Jahrzehnte in Bezirks- und Senatsgremien im Gesundheitswesen mitarbeitete. Jahrzehnte war sie zudem als Dozentin in Krankenhäusern, Heimen, Sozialstationen und bei der Behindertenhilfe tätig. Als bewusst unterbezahlte Lehrbeauftragte der Fachhochschule für Sozialarbeit gab sie ihr Wissen an Studierende der Sozialarbeit, für sie eine eigene Form politischer Arbeit. Der Umgang mit Schwerstkranken, Sterbenden und alten Menschen sagt für sie viel über den Zustand einer Gesellschaft aus. Nach dem Umzug von Berlin an den Bodensee gab sie ab 2015 Alphabetisierungskurse für Geflüchtete in Weißensberg und Lindau, in einer Zeit, in der sie noch Hoffnung auf gelingende Integration hatte. Das Umfeld reagierte nicht durchweg positiv: Wir brauchen das Geld für die Deutschen. Sie musste sich zunehmend klar positionieren.

Im Frühjahr 2021 zog es Ulli und ihren Partner zu einem Stand der Omas gegen Rechts auf dem Markt in Lindau und sie kamen mit den Frauen ins Gespräch. Von diesem Tag an gingen beide zu den ihnen möglichen Veranstaltungen, Demos etc. der OMAS, und Ulli engagierte sich, so gut es die eigene Lebenssituation zuließ, mit wechselnder Intensität, aber beständig. Was sie besonders zu den OMAS zog, ist es die Erinnerungskultur nicht zu verlieren und hochzuhalten. Viele Zeitzeugen leben nicht mehr. Die im Beruf erfahrenen Lebensgeschichten, viele waren von zwei Kriegen und Flucht traumatisiert, und die eigene Familiengeschichte, möchte sie nicht vergessen wissen. Mahnen. Die Eltern und Großeltern waren still. Die Omas heute sind laut.

Ihr Vater, Jahrgang 1927, aufgewachsen in einem diakonischen Haushalt in Bethel/Bielefeld, in dem die Großeltern rund um die Uhr 15 Menschen mit Epilepsie betreuten, trat mit zehn Jahren in die Hitlerjugend ein, diente als Flakhelfer und wurde mit siebzehn zur Wehrmacht eingezogen, mit neunzehn als Panzergrenadier geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach zwei Jahren kehrte er traumatisiert mit einundzwanzig zurück und machte ein Notabitur. Über seine Kriegserlebnisse hat er kaum gesprochen, aus Rücksicht auf seine drei Töchter, wie er sagte. Erst mit dem jüngeren Bruder und mit Ullis Sohn, als der sich zwei Jahre bei der Bundeswehr verpflichtete, hat er offener geredet. Ullis Onkel, der Bruder ihres Vaters, meldete sich mit achtzehn freiwillig und fiel mit einundzwanzig in Russland. Bei seinem letzten Heimaturlaub wusste er, dass er nicht zurückkehren würde.

Auch die mütterliche Seite ist von Kriegserfahrungen geprägt. Ihre Mutter, Jahrgang 1934, erlebte als Kind den Krieg in Hamburg, alliierte Bomber zerstörten weite Teile der Stadt, sie wurde später mit Mutter und Geschwistern aufs Land evakuiert, wo Geflüchtete nicht immer freundlich aufgenommen wurden. Sie war u.a. an der Ostsee in Scharbeutz evakuiert, als am 3. Mai 1945 die Cap Arcona und das Begleitschiff Thielbeck durch britische Flugzeuge versenkt wurden. Es starben ca. 7400 KZ-Häftlinge, deren Leichen monatelang in der Lübecker Bucht angeschwemmt wurden. Erst im fortgeschrittenen Stadium ihrer Demenz erzählte sie monatelang vom Krieg, u.a. wie sie als Kinder Kriegsgefangenen, die erschöpft, hungrig und durstig an ihnen vorbei liefen, Wasser geben wollten, und Schaulustige dieses Wasser aus ihren Gefäßen auf den Boden schütteten.

Aus all dem zieht Ulli für sich die klare Haltung: Nie wieder ist jetzt, Antifaschismus, verbunden mit einem ebenso langen Umweltengagement. Sie hat den Bericht des Club Of Rome, eine einflussreiche Studie von 1972 über die Grenzen des globalen Wachstums, schon vor fünfzig Jahren gelesen. Es war alles bekannt, was uns heute um die Ohren fliegt.

Was Ulli an den OMAS besonders schätzt, ist, dass sich wirklich jede und jeder nach den eigenen Möglichkeiten einbringen kann. Ein zeitweiliger Rückzug ist kein Problem, das Erfahrungswissen in der Gruppe ist riesig, und man geht gut miteinander um. Es tut ihr einfach gut, mit Menschen zusammen zu sein, die angesichts der aktuellen Lage ähnlich empfinden, gerade hier auf dem Land. Solange die Kräfte reichen, will sie etwas tun, um Menschen zum Nachdenken zu bewegen, damit die Welt und unser Land enkeltauglich bleiben. Nicht überall erzählt sie, was sie macht, mit Aufklebern am Auto fährt sie hier nicht mehr herum, die Weste zieht sie vor der Demo an. Gleichzeitig erlebt sie durchaus Offenheit: eine CSU-Kreisrätin a.D. und frühere langjährige Vorsitzende der CSU Frauen Union sagte an einem Stand in Lindau, es wäre gut, sich zu vernetzen, das Land brauche die OMAS.

Ulli hat gelernt, toleranter zu werden und Schubladen abzulegen, besonders deutlich wurde ihr das bei einer Brandmauer-Aktion der Gruppe. Die OMAS hatten viele Umzugskartons vorbereitet, jeder Mensch beschriftete einen Karton mit einem Begriff: Inklusion, Demokratie, Gerechtigkeit, Feminismus etc. und stellte ihn als persönlichen Stein auf die symbolische Brandmauer. Als Ulli sah, wie Lindauer/Innen aus unterschiedlichen demokratischen Lagern schrieben, dachte sie: Hör auf mit deinen Schubladen, wir sind Demokratinnen und Demokraten, wichtig ist, dass wir zusammenstehen für die Demokratie und Vielfalt. Für Passantinnen und Passanten war die Kartonmauer vor allem ein Gesprächsanlass, für Ulli eine der eindrucksvollsten Aktionen überhaupt. Mit Menschen, die den OMAS ablehnend gegenüberstehen, ist genau das oft schwierig, anders als früher, als sie mit Wahlflyern auf der Straße noch ins Gespräch kam.

Heute wird man im Vorbeigehen dumm dreist angegangen, mit Sätzen wie Ihr seid ja alle Demenz, oder am Stand zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes: Ich bin nicht für das Grundgesetz, ich bin für die Verfassung. Bevor Ulli antworten konnte, sind die Leute schon weiter. Man wird attackiert, ohne dass ein Gespräch daraus wird, obwohl genau das ihr Ziel ist. Mit rechtsextremen Funktionärinnen und Funktionären vom Schlage eines Dr. Rotfuß und ähnlichen Akteuren reden die OMAS bewusst nicht, mit den übrigen Bürgerinnen und Bürgern aber sehr wohl. Bedrohliche Situationen hat Ulli bislang nicht erlebt, nur kleinere, hingeworfene Anfeindungen.

Das Positivste bleibt für sie die Gemeinschaft, sich mit einem gemeinsamen Nenner nach außen zu zeigen. Die Themen, die in ihr brennen, nach außen zu tragen, gleicht für sie einer Graswurzelbewegung: Wer einmal infiziert wurde und darüber weiterredet, steckt andere an, und es wächst und wächst, ihr persönlich zwar viel zu langsam, aber stetig, und das gibt ihr Antrieb. Ihre größte Angst ist, dass der Rechtsruck weiter voranschreitet, mit einer Verrohung der Sprache, die für sie längst nicht nur ein Thema der AfD ist. In Bayern lässt sie es besonders fassungslos zurück, dass es die Freien Wähler und die CSU gibt und trotzdem ein so großer Anteil an AfD-Zustimmung bleibt. Dass sich das noch weiter verschiebt, ist ihre Angst, doch letztlich ist sie überzeugt, dass die Mehrheit woanders steht. Das ist ihre Motivation für die Zukunft: dass sich diese Mehrheit auch zeigt. Und dass die Erinnerungskultur hochgehalten wird, weil die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sterben und es nun an der jüngeren Generation liegt, dieses Wissen weiterzutragen.

Zu Hause lagern bei Ulli mehrere Kisten mit Dokumenten, Feldpostbriefen und Literatur vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg, Hinterlassenschaften ihres gefallenen Onkels, ihrer Tante und ihres Vaters. Sie hat sie im letzten Moment vor der Entsorgung gerettet und will sie nun katalogisieren und dem Schulmuseum Friedrichshafen übergeben.

Dass ihr Vater damals kaum über seine Kriegserlebnisse gesprochen hat, führt Ulli darauf zurück, dass viele in seiner Generation diese Büchse der Pandora nie geöffnet haben. Das weiß sie aus den vielen Hunderten Sterbebegleitungen ihrer Hospizarbeit: Diese Generation hielt ihre eigene Rückschau oft erst im Angesicht des nahenden Lebensendes, vorher nicht. Manche Ehepaare erzählten sich nach dem Krieg ein einziges Mal, was geschehen war, und lebten danach jahrzehntelang zusammen, ohne je wieder ein Wort darüber zu verlieren. Für Ulli eine zutiefst verstörende Vorstellung, was diese Menschen Jahrzehnte an Traumata in sich verschlossen hatten.

Erst nach dem Tod ihres Vaters erzählte ihr Onkel, dass ihr Vater in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in den Rheinwiesenlagern versucht hatte, einen Füllfederhalter zu behalten, den er von seinem gefallenen Bruder geschenkt bekommen hatte. Er flehte den Wachsoldaten an, der Soldat zertrat ihn vor seinen Augen. Dass ihr Vater seinen Töchtern das in der Pubertät nicht erzählt hat, versteht Ulli heute. Aus ihrer Hospizarbeit hat sie gelernt: Bevor man geht, hält man noch einmal Rückschau auf das eigene Leben, um Dinge loszuwerden.

Woher der Satz Nie wieder ist jetzt ursprünglich stammt, weiß Ulli nicht, doch sie findet ihn genial und zutiefst wichtig. Der Großteil der Menschen, die hier leben, steht ihrer Überzeugung nach nicht für Rechtsextremismus, sie sind mehr, vielfältig und bunt, artikulieren sich nur oft nicht laut und sichtbar genug. Ihr Wunsch ist es, durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte mehr Rundung für ihr Leben zu gewinnen, wohlwissend, dass solche Traumata wie ein schwerer Sack über Generationen weitergetragen werden und in das eigene Leben wirken.

Der gesamte Lebensweg ihres Vaters war von dem Aufwachsen im Nationalsozialismus geprägt. Er wurde Fürsorger, weil er obdachlosen, alkoholkranken und haltlosen jungen Menschen nach dem Krieg einen neuen Lebensweg eröffnen wollte. Er wurde später Psychologe, Soziologe und Psychoanalytiker. Nun ist es an Ulli, die Kisten mit den Büchern weiterzugeben. Das Engagement bei den OMAS bedeutet für sie eine echte Selbstermächtigung. Mit so vielen klugen, weisen Frauen in einer Reihe zu stehen, gibt ihr die Kraft und den Mut, weiterzumachen und Hoffnung zu haben.