Brigitte / Lindau-Bodensee

„Ich habe mich nie für „politisch“ gehalten.“ 
Brigitte weiß genau, wann es angefangen hat. Nicht erst mit den OMAS, viel früher. Als Kind schon spürt sie, wenn Situationen nicht stimmen, wenn Ungerechtigkeit passiert. Später sagt sie ihren Schülerinnen oft:“ Wenn ihr nichts unternehmt und den Mund nicht aufmacht, dann bleibt alles, wie es ist.“

Sie wird in eine Familie geboren, die vom Krieg gezeichnet ist. Ihr Vater erlebt in sechs Jahren an der Front in Russland alle Gräuel des Krieges; ihre Mutter erlebt den Krieg unter Bombenangriffen auf ihre Heimatstadt und als Rote-Kreuz-Schwester zwischen zusammenbrechenden Fronten und Flüchtlingsströmen.

Brigitte ist ein Kind, das früh lernt, alleine klarzukommen. Sie entdeckt und erlebt die Macht der Worte. Sie verschlingt alles Lesbare, – Bücher sind ihre Zufluchtswelt -, aber auch die Macht der Worte von Autoritätspersonen: die bewerten, vorschreiben, beschämen, verletzen. Sie nimmt früh wahr, wie unterschiedlich Mädchen und Jungen behandelt werden. 

Als Heranwachsende stellt sie Fragen, die zu Hause nicht gern gehört werden. Sie findet heraus, dass ihre Mutter beim BDM war, konfrontiert sie und stößt immer wieder nur auf Schweigen. Sie beschafft sich eigenständig Informationen, liest alles, was sie kriegen kann und schaut die Filme der US Armee über die Befreiung der Konzentrationslager. Sie bleibt mit ihrem Entsetzen und ihrer Fassungslosigkeit allein.

Im Mädchengymnasium gibt es von den Lehrkräften der alten Garde ebenfalls keine Antworten. Ein junger Deutschlehrer liest in Klasse 10 mit den Schülerinnen „Mein Kampf“ und die Propagandareden von Josef Goebbels und hilft ihnen zu verstehen, wie die NSDAP an die Macht kommen konnte, wie Menschen manipuliert wurden und die Demokratie in eine Diktatur umgewandelt wurde. Sie verstehen die ungeheure Macht von Sprache. Vor diesem Hintergrund behandelt der Lehrer auch das Thema Zivilcourage. Das prägt sie für ihr ganzes Leben.

Ausgestattet mit dem Gespür für Ungleichheit, Ungerechtigkeiten, Machtmissbrauch und dem Willen, Missstände nicht einfach hinzunehmen, betritt sie als junge Frau der 70er Jahre ihren Lebensweg.  

Sie beginnt ein Lehramtsstudium. Der offen sexistische Umgang von Lehrenden mit den Studentinnen gibt den Ausschlag. Mit den Studentenbewegungen jener Zeit geht sie auf die Straße, solidarisiert sich und tritt erstmals öffentlich für ihre Überzeugungen ein. 

Als Lehrerin an einem Gymnasium in einem Brennpunkt-Stadtteil wird sie mit den alten Strukturen und Mechanismen des Schulsystems konfrontiert, in denen Kinder, die nicht ins Raster passen, gnadenlos aussortiert werden. Durch einen Ortswechsel in ein anderes Bundesland fällt sie aus dem Schuldienst. 

Sie wird schwanger und sieht mit Grausen, wie fremdbestimmt Frauen zu der Zeit entbinden müssen, wie sie sich strengen Regeln der Kliniken unterwerfen müssen. Sie liest Leboyer, Lamaze, Read, Kitzinger und erkämpft sich eine Ausbildung in alternativer Geburtsvorbereitung. Sie initiiert und leitet Geburtsvorbereitungskurse für Paare und wird Teil der neu gegründeten „Gesellschaft für Geburtsvorbereitung“, einer deutschlandweiten Welle der Frauenbewegung der 70er Jahre. 

Ende der 80er macht sie sich selbstständig, gründet eine Nachhilfeschule und arbeitet 20 Jahre lang mit Kindern, die Lern- und Schulprobleme haben. Die individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes in einem geschützten Umfeld ist Kern ihrer Arbeit und entspricht ihrer persönlichen Vorstellung des Unterrichtens.

Im Ruhestand engagiert sie sich in einer Initiative für Schulentwicklung, unterstützt die „Fridays-for-Future“ Bewegung, unterrichtet in Flüchtlingsklassen, ist Lernpatin bei der Kinderstiftung. 

Mit wachsender Sorge beobachtet sie die Entwicklung der neu gegründeten AfD. Begrifflichkeiten und Symbole der Nazi-Zeit werden gesellschaftsfähig. Offen ausgesprochen bleiben sie ungeahndet. Fassungslos registriert sie wachsenden Antisemitismus; daß so etwas in Deutschland wieder geschehen kann, ist für Brigitte unerträglich. Der Correctiv-Bericht von Januar 2024 lenkt den Blick auf einen Begriff mit Durchschlagskraft: Remigration.

Bei der ersten großen Demo geht sie wieder auf die Straße – mit einem selbstgebastelten Schild: Nie wieder ist jetzt! Auf der Rückseite steht: Rechtes Gedankengut gefährdet unser aller Freiheit.

Bei einer Aktion am nächsten Tagt trifft sie auf die OMAS GEGEN RECHTS und wird gleich  Mitglied. Seitdem ist sie aktiv dabei, steht an Infoständen, geht auf Demonstrationen, sucht das Gespräch. Das ist ihre Stärke: mit Menschen reden, auch mit denen, die anders denken. Ihr ist wichtig, gerade jene zu erreichen, die bei rechter Machtübernahme am stärksten bedroht wären.

Trotz aller Anstrengungen steigen die Umfragewerte für die AfD. In ihrem Dorf, in dem die AfD zuletzt auf über 17 Prozent gekommen ist, lebt sie als einzige Oma gegen Rechts. Im Gespräch mit Nachbarn kommt das Thema AfD zur Sprache, und zwei gestandene Menschen in ihrem Alter gestehen ihr, dass sie sich inzwischen nicht mehr trauen, offen zu sagen, wie sie wirklich denken. Genau das ist für Brigitte der eigentliche Anfang: Wenn Menschen aufhören, ihre Meinung zu sagen, aus Vorsicht oder aus Angst vor der eigenen Nachbarschaft.

„Die radikalen Umstrukturierungspläne der AfD mit ihren menschenverachtenden Inhalten bedrohen alles, was mir besonders wichtig ist: Menschenwürde, Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung. Trotz aller Brüche und Neuanfänge habe ich die beste Zeit der Bundesrepublik erlebt. Die Frauen haben sich auf dem Weg zur Gleichberechtigung selbst ermächtigt, Missstände zu benennen und zu beseitigen. Ganz einfach, weil es möglich war und weil die Frauen verstanden haben, wieviel Power entsteht, wenn man gemeinsam ein Ziel verfolgt. Das ist die Power der OMAS GEGEN RECHTS. Es ist unsere Aufgabe, jungen Menschen zu vermitteln, die Freiheiten in unserer Demokratie wertzuschätzen, zu nutzen und zu verteidigen.“

Ihr schönstes Erlebnis bei den OMAS ist nicht ein einzelner Moment, sondern die Verbundenheit mit all den tollen Frauen in einer großen Frauenbewegung.

Ihr hoffnungsvollster Ausblick bleibt schlicht und klar: ein AfD-Verbot, und zwar jetzt.