Hergatz Itzlings, am Dienstag
Der Bahndamm ist gesperrt, der Verkehr wird umgeleitet – direkt an der schmalen Bannerabsperrung vorbei, in der die Demonstrierenden Aufstellung genommen haben. Wer hier steht, steht zwangsläufig nah am Geschehen. Die Autos und Lastwagen donnern im Vorbeifahren dicht an den OMAS GEGEN RECHTS und den anderen Protestierenden vorbei. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt, scheinbar ungerührt, der Gasthof Stiefenhofer.
Das Haus atmet Geschichte: 1680 als Schenke eröffnet und seit 1740 im Besitz der Familie Stiefenhofer, war es über Jahrhunderte der unbestrittene Mittelpunkt des dörflichen Lebens – bekannt für seinen Wurstsalat, die gesellige Atmosphäre und als fester Anlaufpunkt für Reisende. Mit den Einschränkungen der Corona-Pandemie gaben die Wirtsleute den regulären Gastbetrieb auf; der Eigentümer Alois Stiefenhofer junior konzentrierte sich fortan ganz auf die Landwirtschaft. Doch seit Herbst 2024 herrscht hier einmal im Monat eine völlig neue Dynamik: Der AfD-Kreisverband Westallgäu-Lindau nutzt die Räumlichkeiten für seinen regelmäßigen Stammtisch.
Als ich versuchte, die Straßenseite zu wechseln, um das Gebäude aus einer besseren Perspektive zu fotografieren, wurde ich von der Polizei abgehalten. Die Begründung: Privatgrund, der gesamte Bereich gehöre zum Gasthof. Rechtlich ist daran rein gar nichts auszusetzen – es ist das verbriefte Eigentum des Wirts, sein Haus und somit seine legale Ausübung des Hausrechts. Eine Schikane ist es nicht, sondern schlicht geltendes Recht.
Als Gegenbewegung zu diesen Treffen formierte sich bereits im Januar 2025 – und damit seit mehr als einem Jahr – das überparteiliche Bündnis „Hergatz bleibt bunt“. Seither ruft es an jedem ersten Dienstag im Monat zum „Demokratie-Dienstag“ auf. Eine Petition gegen die Treffen hat mittlerweile mehr als 800 Unterschriften eingebracht – beachtlich ist dabei, dass ein gutes Drittel der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner direkt aus Itzlings und der unmittelbaren Umgebung stammt.
Was in dem kleinen Allgäuer Ort verhandelt wird, berührt im Kern eine fundamentale Frage des öffentlichen Raums: Wer darf sich wo Gehör verschaffen, wer wird an den schmalen Rand der Straße verwiesen – und wo genau verläuft die Grenze, ab der die Öffentlichkeit nicht mehr mitreden darf, weil das Hausrecht des Einzelnen beginnt? Die OMAS GEGEN RECHTS besetzen an diesem Dienstag den wohl engsten Platz an der Straße – und sie werden, so viel steht fest, auch im nächsten Monat wieder dort stehen.
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Itzlings, am Dienstag
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Franziska

Franziska / Berlin
Wer in der Berliner Waldsiedlung Zehlendorf vor den roten Ziegeldächern steht, blickt auf eine steingewordene Geschichte. 1938 für die SS erbaut, spiegeln die Häuser noch heute in ihrer Anlage die Hierarchie des NS-Regimes wider: Einzelhäuser für die höheren Dienstgrade, Reihenhäuser für die unteren. Franziska ist hier aufgewachsen — und nach Jahren zurückgekehrt. Sie wohnt wieder in derselben Siedlung, deren Geschichte nach dem Krieg unter neuen Eigentümern und vernichteten Akten weitgehend begraben wurde. Was geblieben ist, sind die Mauern — und die Frage, was man damit macht. Franziska hat ihre Antwort gefunden: Ein paar Straßen entfernt trifft sich ihre Gruppe der OMAS GEGEN RECHTS. Die einstigen Bewohner, sagt sie, rotieren hoffentlich im Grab.
Franziska, Jahrgang 1959, ist mit dem Wirtschaftswunder aufgewachsen, in einem Zehlendorfer Wohlstand, den sie heute als reinen Zufall des Geburtsortes begreift. Aus einer protestantischen Familie stammend — der Großvater Pfarrer, ein Onkel Theologieprofessor — ist sie selbst aus der Kirche ausgetreten, aber mit einem Satz aufgewachsen, der sie nie losgelassen hat: Wer etwas hat, gibt ab. Politisch interessiert war sie immer, aktivistisch engagiert erst seit 2016, als sie begann, Geflüchtete zu unterstützen. Was als Begleitung einer einzelnen Familie begann, führte sie bald in die Steuerungsgruppe einer der größten Berliner Hilfsorganisationen. Dort lernte sie, was es bedeutet, Strukturen aufzubauen, Netzwerke zu knüpfen, Verantwortung zu tragen. Irgendwann reichte ihr das Lindern nicht mehr — sie wollte die Ursachen bekämpfen, politisch eingreifen.
Den Weg zu den OMAS GEGEN RECHTS fand sie 2019 durch eine Begegnung in einer Kirchengemeinde. Zwei Frauen sagten in der Pause eines Vortrags, sehr stolz: Wir sind OMAS GEGEN RECHTS. Franziska hatte diese Frauen mit ihren Schildern bei Demos gesehen und immer gedacht, das seien Einzelpersonen, die sich ihre Schilder selbst gebastelt hatten — irgendwie putzig. Dass dahinter eine Bewegung steckt, wusste sie nicht. In der Pause ging sie auf die beiden zu. Kurz darauf fuhr sie zu ihrem ersten monatlichen Treffen nach Kreuzberg. Dreißig, vierzig Frauen — das waren damals alle Berliner OMAS. Als man sie fragte, ob sie eine – die erste- Bezirks-Gruppe in Zehlendorf gründen wolle, sagte sie zweimal Nein. Beim Rausgehen sagte sie Ja.
Inzwischen ist die Bewegung in Berlin auf dutzende Stadtteilgruppen angewachsen — und längst weit mehr als eine Reaktion auf die AfD. Die OMAS sind beim Christopher Street Day, bei Klimademos, bei Mahnwachen für Geflüchtete. Sie putzen Stolpersteine, besuchen Gedenkstätten, setzen sich für queere Menschen ein, gegen Frauenfeindlichkeit, gegen Antisemitismus, für Roma, für alle, die von rechts missachtet und diskriminiert werden. Für Franziska ist das kein Widerspruch, sondern eine ganzheitliche Verteidigung des Grundgesetzes: OMA GEGEN RECHTS zu sein bedeutet, sich gegen alles zu wenden, was diese Demokratie von innen aushöhlt.
Ihre Entschlossenheit hat sie an Orte geführt, die sie sich früher nicht zugetraut hätte. Nachts hat sie ein rechtes Graffiti übermalt — nach dem Vorbild der Künstlerin Irmela Mensah-Schramm, die das seit vierzig Jahren macht . Und nach der Correctiv-Recherche hielt sie, gemeinsam mit einer anderen OMA, eine Rede vor 150.000 Menschen auf dem Berliner Reichstagsgelände. Die Rede hatte sie kurz zuvor in nur einer Nacht geschrieben. Auf dem Fahrrad nach Hause dachte sie immer wieder: Habe ich das gerade wirklich gemacht? Sie ist keine Profi-Rednerin — aber vielleicht war genau das der Charme.
Heute trommelt Franziska. Nicht als Freizeitbeschäftigung, sondern als politische Handlung. Wenn Rechte Vorträge halten, stehen sie davor und trommeln so laut, dass kein Livestream dagegen ankommt. Für sie ist das Musik und Widerstand zugleich — und der Moment, in dem sie ganz bei sich ist.
Was sie antreibt, ist der Wunsch, die Demokratie zu bewahren, in der sie aufgewachsen ist. Nicht weil sie perfekt war — es gab immer Kämpfe, immer Ungerechtigkeiten. Aber sie war nie so existenziell bedroht wie jetzt. Dass ein Antrag zur Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens gestellt wird, ist für Franziska keine abstrakte Forderung, sondern das Dringlichste, was im Moment getan werden kann: den politischen Geldhahn zudrehen, bevor noch mehr Schaden entsteht. Dafür setzt sie ihre gesamte Freizeit ein — und das, sagt sie, tut sie so lange, wie es nötig ist. -

PRÜF-Demo Hamburg 04 26
In Hamburg habe ich die Trommelgruppe der Omas gegen Rechts bei der PRÜF-Demo begleitet — Frauen, die mit Kochtöpfen, Pfannen und Haushaltsgegenständen lautstark für Demokratie eintreten. Und es war gleichzeitig der allererste Auftritt der neuen Blechbläsertruppe, die die Hamburger Omas von nun an begleiten wird.
Die PRÜF-Demos finden jeden zweiten Samstag gleichzeitig in allen Landeshauptstädten statt — mit einer Forderung: Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft werden, sollen vom Bundesverfassungsgericht geprüft werden. → pruef-demos.de
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Karin

Omas gegen Rechts Celle – Gründerin
Karin ist kein mutiger Mensch. Das sagt sie selbst. Und trotzdem stellte sie sich 2019 allein mit einem selbst gebastelten Schild – „Oma gegen Rechts“, montiert auf einen Besenstiel – vor die Touristinformation am Alten Rathaus in Celle. Weil sie einen Fernsehbericht gesehen hatte. Weil die Rechten mehr wurden. Weil sie dachte: Da müsste man was tun. Man müsste sich hinstellen.
Zwei, drei Bekannte hatte sie gefragt. Die wollten nicht. Also stand sie allein.
Die Marktfrauen, die sie vom Einkaufen kannten, sagten: „Wenn Ihnen hier einer was tut, wir beschützen Sie.“ Das hat sie gestärkt. Sie blieb. Und kam wieder. Und wieder. Mit der Zeit wurden sie bekannter, die Gruppe wuchs – und sie kamen sogar in die Zeitung.
Von den Omas gegen Rechts hatte sie gelesen – gegründet 2017 in Österreich, längst in vielen Städten aktiv. In Celle gab es sie nicht. Also gründete Karin sie. Allein, mit einem Besenstiel.
Mit 70 wagte sie einen Neuanfang – allein, ohne Netz, ohne Wurzeln in der Stadt. Sie hatte im Fernsehen von einem Genossenschaftsprojekt in Celle gehört, setzte sich auf die Warteliste und fand schließlich eine kleine Wohnung. In der Nähe alles, was sie brauchte: zwei Apotheken, den Hausarzt, den Friseur, viermal in der Stunde den Bus. Ihren Sohn, Umweltschützer ohne Auto, besucht sie alle sechs Wochen in Bielefeld – mit Zug und Bus natürlich.
Und dabei trägt sie ihre Omas-Plakette. Man sollte sie abnehmen, sagt sie. Aber sie vergisst es einfach. Und dann passiert etwas Schönes: Junge Leute stellen ihr den Koffer aufs Gleis, begleiten sie zum richtigen Bahnsteig, fragen: „Woher kommen Sie denn? Das machen Sie in Celle?“ Fast immer sagen die Menschen: „Ist ja gut, was Sie da machen.“
Das Altwerden, sagt sie, muss nicht so schwer sein. Diese Fürsorglichkeit, diese Begegnungen – das hätte sie nicht erwartet. Und das ist auch der Grund, warum ihr das alles so wichtig ist. Ich möchte nicht, dass das verloren geht.
Sie besuchte einen Vortrag über 1933. Wie einfach es damals ging: ganz systematisch, ganz strukturiert – man erleichterte den Menschen das Leben und zog sie so auf die eigene Seite. Das ist so. Und nichts anderes passiert heute auch. Was sie antreibt, ist eine ganz konkrete Frage: In was für einer Gesellschaft werden die nächsten Generationen leben? Für mich ist es nicht mehr so wichtig. Aber was ist mit denen, die weiterleben müssen?
Uns kriegt niemand mehr von der Straße runter.
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Nora

Nora / Berlin
Nora hat sich früh dafür interessiert warum Menschen so handeln wie sie handeln. Zu Verstehen war und ist ihr Antrieb. Aus der beginnend naiven Frage wurde ein Beruf. Ihre Überzeugung ist, dass Menschen, die bewusster mit sich umgehen und sich selber besser verstehen zufriedener miteinander leben können.
Den Anstoß politisch aktiv zu werden gab die Correctiv-Recherche über die Remigrationspläne. Ihr und ihrer Frau wurde endgültig klar: Wegschauen ist keine Option. „Wer jetzt schweigt, ist mitverantwortlich.“ Was folgte, war die spontane Anmeldung bei den OMAS GEGEN RECHTS.
Was sie dort miteinbringt, ist genau das, was ihr wichtig ist: Die Fähigkeit hinzuschauen, auch wenn es wehtut und einen Umgang damit zu finden. Menschen, sagt sie, haben eine große Unfähigkeit negative Gefühle auszuhalten. Das Verdrängen und Meiden sind die Wurzel von viel Leid. Darin sieht sie einen zentralen Schlüssel der Wirksamkeit rechter Propaganda. Ihr Erklärungsmodell ist so einfach wie überzeugend: Unser Gehirn funktioniert noch im „Urmodus“. Durch die aktuell krisengeschüttelte und bedrohlich empfundene Zeit sind wir im Daueralarm. Diese Daueranspannung kann nicht durch einen klar identifizierbaren Feind (z.B. Tiger) mit Flucht, Sieg oder Niederlage aufgelöst werden. Das nutzen rechte Propagandisten und schaffen „Ersatztiger“. Greifbare Feindbilder, an denen sich Angst und Aggression ausrichten kann. Das wirkt entlastend. Wer das nicht erkennt ist offen für Manipulation.
Sie sieht das wichtigste Gegenmittel nicht primär in mehr Information.Es geht eher um Gefühle, darum eine größere Unsicherheitskompetenz zu ermöglichen und bewusster auch mit unangenehmen Gefühlen umgehen zu können. Dabei sind stabile Zonen durch Gemeinschaft und Teilhabe wichtig. Das bedeutet auch erfahrbar zu machen, dass Freiheit und Demokratie keine Last sind, sondern etwas, was sich gut anfühlt. „Guck mal, wie geil ist das denn hier leben zu dürfen!“
Diese Inhalte und Anliegen versucht sie in unterschiedlichen Medien, auf Podien oder Veranstaltungen der OMAS GEGEN RECHTS einzubringen.
Das Schlimmste, was sie erlebt hat: eine sogenannte „Friedensdemonstration“ in Berlin, bei der 15.000 Rechtsextremisten, Querdenker und Sympathisanten durch die Stadt zogen. Die OMAS GEGEN RECHTS wurden von der Polizei in einem kleinen abgesperrten Bereich geschützt — ein Schutz, der sich wie ein Käfig anfühlte. Die Masse zog vorbei, einige fotografierten und waren in Wort und Haltung aggressiv.“ Wir fühlten uns bedroht und ie wie diejenigen, die falsch waren.“ Danach fuhr Nora mit dem Fahrrad am Kudamm vorbei. Die Menschen saßen im Café, schoben Kinderwagen. Normale Welt. Der Tanz auf dem Vulkan. Es wirkte auf sie surreal und deprimierend.
Das Schönste: der erste CSD in Marzahn. Eine Handvoll OMAS GEGEN RECHTS mit großen Schildern, auf dem Weg zur Demonstration. Die Teilnehmenden sahen sie von Weitem — und jubelten. Dass ihr hier seid. Danke.Besonders beeindruckt hat sie die Aussage einer Historikerin: „Der Beginn menschlicher Gemeinschaft und sozialer Kompetenz lässt sich an einem verheilten urzeitlichen Oberschenkelknochen ausmachen. Jemand hat für diesen Menschen gesorgt, obwohl er nicht mehr laufen konnte.“ Das ist eine zentrale menschliche Entwicklung, die Nora für erhaltenswert hält. Und für die sie sich — neben ihrem Beruf, neben allem anderen — einsetzt.
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Jeany

Jeany / Berlin
Jeany kommt aus einem Dorf im tiefsten Schwarzwald. Sie wuchs bis zu ihrem 16ten Lebensjahr in einem gut situierten Elternhaus auf, indem Geld und Ansehen wichtiger als menschliche Wärme waren. Sie musste früh lernen und spüren was fehlt. Sowohl ihre früh bewusste Homosexualität, als auch ihre nicht standesgemäßen Freunde erfuhren eine tiefe Abneigung. Freunde durften mit der Begründung: „Wir wollen hier Keinen durchfüttern“, nicht zu Besuch bleiben. Und das war nur ein Beispiel unter vielen, durchaus auch traumatischen Erfahrungen, die sie prägten.
Mit 13 reagierte sie auf die grundlegende Aussage ihrer Eltern: „Es gibt im Leben zwei Dinge — „Geld oder Liebe“ mit der Erwiderung: „dann lieber die Liebe suchen gehen zu wollen.“ Diese Entscheidung leitet ihr Leben bis heute.
Mit Anfang 20 war sie politisch sehr aktiv — hat Frauencafés mitaufgebaut, Frauenbegegnungsstätten mitgegründet, sich für homosexuelle Menschen und Minderheiten eingesetzt. Dann kam der Beruf, eine Selbstfindungsphase, das Leben. Die Politik trat vorerst in den Hintergrund.
In den letzten Jahren merkte sie zunehmend eine ungute Veränderung in der Gesellschaft, die sie unruhig machte. Der entscheidende Auslöser tätig werden zu wollen, war die Correctiv Recherche und das „Öffentlich Werden“ der Remigrationspläne der AfD. Sie und ihre Frau schauten sich an und beschlossen aktiv zu werden.
Jeany sagte: “Ich möchte mir in die Augen gucken können. Ich möchte am Ende meines Lebens vor Gott aufrecht stehen können.“
Beide meldeten sich bei den OMAS GEGEN RECHTS an, gingen hin und blieben. Dort gab es so viele Möglichkeiten aktiv zu werden. TikTok gehörte von Anfang an dazu, obwohl weder Jeany noch ihre Frau sich vorab für TikTok interessiert hatten. Ihre Mitoma Franzi hatte kurz vorab als eine der ersten in Kenntnis der Bedeutung für jüngere Menschen und des Missbrauchs durch rechtsextreme Propaganda einen eigenen TIKTOK Kanal gestartet.
Das erste Video floppte. Aber sie machten weiter, wurden kreativer und wuchsen mit ihrer Aufgabe. Ein Waschmittel-Video „AfD: Aris frischer Duft“ wurde ein echter Hit — rot, grün versiffte Flecken ließen sich trotz des Waschmittel AfD einfach nicht entfernen., woraufhin dieses untaugliche Mittel wütend weggeschmissen wurde. Die Kommentare junger Menschen: „Wenn OMAS GEGEN RECHTS Werbung machen würden, würde ich wieder Fernsehen gucken.“
Heute macht Jeany zusammen mit ihrer Frau TikTok, generiert Ideen, informiert und setzt unterschiedliche Ideen um. Sie arbeitet mittlerweile mit anderen Omas im deutschlandweiten TikTok Kanal und fördert darüber auch die Vernetzung der unterschiedlichen Oma Gruppen.. Es ist ein großer Teil ihrer Freizeit — und manchmal braucht es die Kunst, sich selbst zu bremsen, damit die Energie nicht versiegt.
Im Austausch mit anderen Menschen gibt es unterschiedliche Reaktionen. Manchmal fühlt sie sich wie das wandelnde schlechte Gewissen der passiven Mitbürger*innen. Dann wird es still, wenn sie erzählt.
Während ihrer Aktivitäten auf der Straße und im Netz gibt es gelegentlich Anfeindungen. Aber es gibt auch die Momente, die alles tragen: junge Menschen und auch die Queer Community, die auf sie zukommen, sie umarmen und einfach sagen — danke, dass ihr hier seid.
Was sie antreibt,: „Ich möchte erhalten, was wir errungen haben – das Bewusstsein für unserer Werte wieder schärfen. Demokratie ist die beste Staatsform, die wir haben! Wir sollten mit der Erde leben — nicht von ihr. Als Teil eines Organismus, der nur funktioniert, wenn alle füreinander sorgen.
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CSD & PRÜF-Demo Potsdam
CSD & PRÜF-Demo Potsdam
Am 9. Mai hatte ich die Freude, ein paar Omas gegen Rechts aus Potsdam kennenzulernen — und habe die Berliner Trommelgruppe begleitet, die gemeinsam mit den Potsdamer Omas den CSD und die PRÜF-Demo unterstützt hat. Laut, bunt und entschlossen.
Der Christopher Street Day ist ein Zeichen für die Rechte und Sichtbarkeit von queeren Menschen — und es ist kein Zufall, dass er heute nicht mehr nur in den großen Städten stattfindet. Gerade in Brandenburg, wo die AfD immer stärker wird, ist es wichtig, dass der CSD auch in kleineren Gemeinden auf die Straße kommt. Sichtbarkeit dort, wo sie am meisten gebraucht wird.
Die PRÜF-Demos finden jeden zweiten Samstag gleichzeitig in allen Landeshauptstädten statt — mit einer Forderung: Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft werden, sollen vom Bundesverfassungsgericht geprüft werden. → pruef-demos.de -

Angelika

Angelika / Berlin
Angelikas politisches Bewusstsein erwachte in Namibia. Als sie knapp 13 Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie in das damalige Südwestafrika. Sie erlebte die Brutalität der Apartheid unmittelbar, doch zu Hause wurde darüber geschwiegen.
Ihre Eltern gehörten zur Kriegsgeneration, die das Schweigen perfektioniert hatte: Es wurde weder über den Nationalsozialismus noch über das Unrecht in Afrika gesprochen. Erst viel später erfuhr Angelika, dass ihre Mutter beim BDM gewesen war und zeitlebens tief in rassistischen Denkmustern verhaftet blieb.
Ihr Vater war ein Widerspruch. Als Sohn eines evangelischen Pfarrers und geprägt durch eine Kindheit in Shanghai, war er ein Humanist, der eine lebendige Gesprächskultur am Esstisch etablierte — stundenlang wurde über Bücher, Tagesaktuelles und „Gott und die Welt“ diskutiert. Doch auch diese Offenheit hatte eine klare Grenze: Über seine eigene Vergangenheit verlor er kein Wort. Dieser Teil seiner Geschichte blieb unangetastet
Trotz dieses selektiven Schweigens prägte die Diskussionsfreude im Hause Angelika und später ihr Kind. Ihre Tochter bemerkte schon früh den Unterschied zu ihrem Umfeld: „Mama, meine Klassenkameraden kennen das gar nicht, dass man stundenlang am Tisch sitzt und diskutiert. Bei denen wird gegessen und dann geht jeder seiner Wege.“
Angelika zog Anfang der 80er Jahre nach Berlin und wurde alleinerziehende Mutter einer schwarzen Tochter. Plötzlich war Rassismus für sie kein abstraktes Thema mehr, sondern eine persönliche, tägliche Erfahrung.
Nach der Unabhängigkeit Namibias wollte Angelikas Vater sie und seine Enkelin einladen, mit ihm dorthin zu reisen. Angelika lehnte ab und konfrontierte ihn mit der schmerzhaften Wahrheit: „Papa, hast du nie gemerkt, was das für ein faschistisches System war? Deine Enkelin und ich hätten dort damals nicht einmal mit dir im selben Hotel wohnen dürfen. Wir hätten im Slum leben müssen.“ Ihr Vater fuhr schließlich allein. Erst nach seiner Rückkehr konnte er das Schweigen brechen und gestand ein: „Du hattest recht. Es war ein faschistisches System.“ Dass er diese Realität am Ende anerkannte, bedeutet Angelika bis heute viel.
Heute sitzt sie wieder am Tisch, diesmal mit ihrer erwachsenen Tochter. Doch die Gespräche haben eine bedrückende Wendung genommen: Sie überlegen ernsthaft, wohin sie ausweichen könnten, falls die politische Lage in Deutschland weiter eskaliert. Es ist nicht nur diese Sorge um die Zukunft ihrer Familie, die Angelika 2018, angetrieben durch die Pegida-Aufmärsche, zu den OMAS GEGEN RECHTS führte.
In der AG Feminismus bringt Angelika sich aktiv ein, und in der Stadtteilgruppe Mitte hat sie heute den Hut auf — eine von dreien, die die Gruppe gemeinsam leiten. Ihr Ziel ist es, dass die Gesellschaft das Reden nicht verlernt. Ihr Plädoyer: Wir müssen wieder an einen Tisch kommen — über alle Unterschiede hinweg, ohne populistische Phrasen, dafür mit echtem Zuhören. „Wir haben der nächsten Generation diese Welt mit eingebrockt“, sagt Angelika bestimmt, „jetzt ist es unsere Pflicht zu helfen, dass die Demokratie erhalten bleibt und auch die nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt haben.“ Aufgeben ist für sie keine Option. -

Gundi

Omas gegen Rechts Celle / Hannover
Gundi ist von Natur aus optimistisch. Das sagt sie selbst. Vielleicht hat sie das von ihrem Vater.
Ihr Vater war Arbeiterkind, aufgewachsen in Hannover-Linden, keine feine Gegend. Sie hatten nichts, spielten auf der Straße. Dann kam Hitler – und sammelte diese Kinder ein. Dem Vater ermöglichte er das Segelfliegen, Ausflüge zum Flugplatz Ithwiesen, Kameradschaft, Abenteuer. Statt auf der Straße plötzlich in der Luft. Er war glücklich. Er war vielleicht vierzehn.
Er wurde Pilot. Wurde abgeschossen. Kam 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück – ohne Haare, wie alle, wegen der Läuse. Gundis Mutter sah den Zug ankommen, schaute aus dem Fenster des Lazaretts und dachte: Gott, halbe Kinder haben sie da zusammengesammelt. Dann schnappte sie sich den Vater. Der hatte keine Zeit, traumatisiert zu sein.
Im Alter sagte er: Ich habe eigentlich ein schönes Leben gehabt. Ich musste in den Krieg und bin gesund wiedergekommen. Und ich musste nie einen Totschießen. Das war ihm wichtig. Das hat er festgehalten.
Aber er hat sich auch immer vorgeworfen, dass er nicht gesehen hat, was sie wirklich vorhaben. Dass er sich hat einfangen lassen. Dass es ihm sogar gefallen hat. Er war noch ein Kind – aber das milderte das schlechte Gewissen nicht ganz. Und er hat immer gesagt: Niemals wieder würde er sich seine Gesinnung auf einen Knopf drucken lassen. Niemals wieder.
Daraus wurde ein Vollblutgewerkschafter. Betriebsrat, SPD, das Bewusstsein, dass Arbeiter sich zusammentun müssen, um irgendetwas zu erreichen. Gundi ist damit aufgewachsen – als selbstverständliche Wahrheit, nicht als Ideologie.
Sie selbst hat immer schon gemacht. Schülersprecherin und Mitarbeiterin im AStA, Gewerkschaft, Klimademos, eine Bürgerinitiative im Dorf. Und dann, 2019, ein Zeitungsartikel: In Hannover gründet sich eine Gruppe Omas gegen Rechts. Kommen Sie vorbei. Gundi kam. 40, 50 Frauen standen in einem Raum, der viel zu klein war. Ein Zettel ging rum. Dann gings los.
Sie standen mit Ständen in der Innenstadt, zwei-, dreimal die Woche. Sie fuhren ins Umland, morgens um sechs zum Burgdorfer Pferdemarkt, weil die Bauern früh sind. Weil die Rechten sich in Dörfern einnisten – als netter Herr Müller, der die Jugendmannschaft trainiert, der brav spendet, der zum Bürgermeister gewählt wird.
So kam sie auch nach Celle. Irgendeine Veranstaltung, die Hannoveraner fuhren mit. Sie lernte die Celler Gruppe kennen, die war überschaubarer und persönlicher als im großen Hannover und trotzdem hat sie vielfältige und zahlreiche Aktionen. Ausserdem ist demonstrieren vorm Schloss einfach toll
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Claudia

Omas gegen Rechts Celle
Claudia suchte lange nach einer Gruppe in Celle. Während Corona gab es keine. Dann, nach Corona, sah sie auf einer Demonstration jemanden mit einer Omas-Weste. Sie sprach sie an. „Wir treffen uns jeden Mittwoch auf dem Markt. Komm einfach dazu.“ Claudia kam. Dann zum ersten Stammtisch. Seitdem ist sie dabei.
Der Auslöser war nicht ein einzelner Moment. Die AfD wurde stärker, die Stimmen mehr, die Gefahr größer. Und ihre ältere Schwester in Lübeck war längst bei den Omas – das hatte sie noch einmal aufmerksamer gemacht. Es ist jetzt Zeit, was zu tun.
Damals waren sie vier, maximal fünf. Sigrid übernahm die Koordination als Sprecherin, baute Netzwerke auf, gab der Gruppe Sichtbarkeit. Lange trafen sie sich zum Stammtisch in einem Mutter-Kind-Café – dem einzigen Ort in Celle, der sie haben wollte. Als die Gruppe wuchs, zogen sie weiter in den Stadtteiltreff. Dort sind sie heute gerne gesehen, machen gemeinsam Aktionen. Eine tolle Truppe, sagt Claudia.
Die AfD mache es gerissen, sagt sie. Über TikTok und soziale Medien, mit einfachen Antworten, mit Sündenböcken. Nichts anderes als das, was die NSDAP gemacht hat. Das macht mich so wütend. Junge Menschen fragten nicht nach, weil sie unzufrieden seien und Angst hätten. Und die alten Parteien? Die könnten davon lernen – tun es aber nicht.
Am Infostand sagte einmal jemand zu ihr: Alle Ausländer müssen raus. Claudia fragte ruhig: „Was machen Sie, wenn Sie in drei Wochen einen Herzinfarkt haben? Sie gehen ins Krankenhaus? Ist aber keiner mehr.“ Wer macht denn die Arbeit, die viele nicht machen wollen? In den Siebzigern waren es die Gastarbeiter. Heute sind es Menschen, die hierher gekommen sind und dieses Land längst mitaufbauen. Das sind Deutsche. Viele hier geboren.
Vor Wahlen standen sie bei Infoständen im Winter, frierend, in der Kälte. Und dann fingen sie an zu singen. Und da dachte Claudia zum ersten Mal: Wie toll ist das. Wir sind nicht alleine.
Ihre Hoffnung: Dass sie etwas bewirken. Dass noch mehr Menschen kommen. Dass die AfD niemals allein regiert. Man kann auch bescheidener leben und trotzdem glücklicher sein – wenn es nicht immer nur darum geht, was kaufe ich mir als nächstes. Die Omas geben ihr diese Hoffnung. Weil sie gemeinsam dastehen. Sollte wirklich das Allerschlimmste passieren – wir sind immer noch da.