Portfolio Category: Deutschland

  • Roya

    Roya

    Roya / Berlin

    Roya wächst im Nordosten des Iran auf, in einer turkmenischen Region, in der Stadt Gonbad-e Kavous, als Kind einer Bahai-Familie. Der Glaube ihrer Eltern ist im Iran keine geschützte Minderheit, sondern Ausschlussgrund: Bahai dürfen offiziell nicht studieren, nicht verbeamtet werden, nur selbstständig arbeiten. Schon als Jugendliche fragt sie sich, warum manche Menschen sehr reich sind und mehrere Häuser und Villen besitzen, während andere zur Miete in einem Zimmer mit fünf Kindern hausen müssen. Diese frühe Wut über Ungerechtigkeit wird zum Ausgangspunkt für alles, was folgt.

    Politisiert wird sie mit siebzehn Jahren durch ihren älteren Bruder, der der linken Volksfedajin-Bewegung nahesteht und ihr verbotene Flugblätter und Zeitschriften mitbringt. Die Eltern dürfen davon nichts wissen, denn politische Aktivität eines Kindes gefährdet im Iran die ganze Familie. Kurz nach der Machtübernahme der Islamisten beginnt Roya ein Studium in Maschhad, fünfhunert Kilometer von zuhause entfernt. Es dauert nur anderthalb Semester. An einem gewöhnlichen Samstag erlebt sie mit, wie vor der Universität ein Feuer brennt und Bücher aus der Bibliothek hineingeworfen werden, begleitet von Rufen, die Universität müsse von anders Denkenden gereinigt werden. Was im Iran als Kulturrevolution bezeichnet wird, schließt die Universität für zweieinhalb Jahre und zerstreut die Studierenden über das ganze Land.

    Roya bleibt zunächst in Maschhad, arbeitet im Krankenhaus, oft im Zwölf-Stunden-Takt, und unterstützt aus der Ferne ihre Eltern, denn das Baumwoll- und Getreidegeschäft ihres Vaters wurde vom islamischen Regime verschlossen und plombiert. Roya darf als Bahai politisch nicht aktiv sein, dennoch überschreitet sie dieses Verbot und setzt ihre politische Arbeit im Untergrund fort, in konspirativen Treffen in Cafés rund um die geschlossene Universität. Als die Repression gegen die Linke zunimmt und frühere „Verbündete“ wie die Tudeh-Partei zu Gegnern werden, gerät sie auf eine Fahndungsliste. Sie flieht bei Nacht und ohne Ankündigung aus ihrer Wohnung, überlässt ihr Zimmer der Schwester und sorgt auch für sie aus Sicherheitsgründen für eine neue Unterkunft. Roya zieht weiter nach Teheran. Dort begegnet sie einem Genossen wieder, mit dem sie aus Sicherheitsgründen eine formale Ehe eingeht. Als alleinstehende Frau im Iran zu leben ist damals kaum möglich, ohne sofort Verdacht zu erregen; die Ehe dient als pragmatischer Schutzschild und als Tarnung für geheime Parteisitzungen in der gemeinsamen Wohnung. Aus dieser Notwendigkeit entsteht in der Ausnahmesituation des Untergrunds eine echte Partnerschaft, und die beiden bekommen eine Tochter. Als die Familie über drei Jahre lang innerhalb Irans immer wieder den Wohnort wechseln muss, um unentdeckt zu bleiben, beschließen sie, das Land zu verlassen. Zuerst geht ihr Mann, die Flucht wird aus dem gemeinsamen Vermögen finanziert. Roya hält sich danach noch eine Zeitlang an wechselnden Orten auf, bis sie schließlich ihren gesamten Schmuck verkauft, um Geld für sich und ihre Tochter aufzubringen. Dann kommt die Familie in Deutschland wieder zusammen.

    Erst in Deutschland formiert sich Royas feministische Haltung vollends: Sie erteilt der Erzählung eine Absage, wonach sich die Frauenfrage im Sozialismus von selbst löse. Sie sieht, dass die unbezahlte Care-Arbeit, Kochen, Putzen, Kinderversorgung, selbst in linken Bewegungen weiterhin an den Frauen hängenbleibt. Diese Erkenntnis der Doppelbelastung macht Frauenrechte für sie zu einer eigenständigen Aufgabe, die nicht auf spätere Zeiten verschoben werden darf.

    Zu OMAS GEGEN RECHTS kommt Roya über die Demonstration Unteilbar im Jahr 2019. Der Anblick weißhaariger Frauen mit Schildern und Warnwesten beeindruckt sie so sehr, dass sie sich noch am selben Tag entscheidet, sich einzubringen. Weil sie zu dieser Zeit noch berufstätig ist, bleiben ihr vor allem Abende, Wochenenden und die Sitzungen per Zoom, doch das hält sie nicht davon ab, sich zusätzlich in der Feminismus-AG und in der Antirassismus- und Migrations-AG zu engagieren. In diesen AGs erlebt sie, wie Frauen aus ganz Berlin zusammenkommen, quer über die Bezirke hinweg, manche mit weiten und beschwerlichen Anfahrtswegen. Diese Bereitschaft, trotz Mühe zu kommen, beeindruckt sie immer wieder und trägt sie selbst mit.

    Roya betont, dass ihr Engagement nicht allein aus ihrer eigenen Position als Migrantin heraus entsteht, sie versteht es als Arbeit für die Gesellschaft insgesamt. Besonders schätzt sie an den gebürtig deutschen Omas, dass sie sich nicht darauf zurückziehen, das Thema betreffe sie nicht direkt. Statt die Beine hochzulegen oder sich dem Stricken zu widmen, entscheiden sie sich, auf die Straße zu gehen. Für Roya zeigt sich darin ein Denken, das über die eigene Familie hinausreicht, über den Tellerrand der eigenen Generation hin zu den nächsten. Sie beschreibt die Frauen als bemerkenswert frei von Vorurteilen und offen im Umgang miteinander.

    An Infoständen der OMAS GEGEN RECHTS erlebt Roya selbst wiederholt Anfeindungen. Sie wird aufgrund ihrer Haut- und Haarfarbe beschimpft, ihr wird unterstellt, von Sozialleistungen zu leben, obwohl ihre gesamte Arbeit hier ehrenamtlich ist, jede Stunde am Infostand, jedes verteilte Flugblatt, jedes Gespräch mit Passantinnen und Passanten. Manche lassen sich überzeugen, andere reagieren mit offener Ablehnung. Roya lässt sich davon nicht beirren, sie sieht darin weniger einen persönlichen Angriff als die Enge derjenigen, die sich nicht öffnen können. Ihre Haltung dahinter: Es gibt eine Erde und einen Himmel für alle, unabhängig davon, wo jemand geboren wurde.

    Aus ihrer eigenen Geschichte zieht sie eine klare Verbindung zur Gegenwart. Sie selbst konnte vor vierzig Jahren nach Deutschland kommen, Sprache lernen, studieren, Fuß fassen. Menschen, die heute ankommen, stoßen aus ihrer Sicht viel häufiger auf verschlossene Türen, trotz mitgebrachter Traumata. Wo Menschen keine Chance und keine Wertschätzung erfahren, entsteht aus ihrer Sicht der Nährboden für Radikalisierung, gleich ob bei jungen Männern aus patriarchal geprägten Gesellschaften oder bei jungen Menschen, die sich rechtem Gedankengut zuwenden. Genau darin sieht Roya die Verbindung zwischen islamistischen und rechtsextremen Weltbildern: Beide wollen die Frau zurück ins Haus, beide sprechen jungen Menschen ab, dass sie in der bestehenden Gesellschaft Anerkennung finden können. Deshalb ist Feminismus für sie kein Nebenschauplatz, sondern ein Kernstück ihrer politischen Arbeit gegen rechts und Fundamentalismus.

    Aktuell ist Roya an vier von sieben Tagen der Woche politisch aktiv, neben ihrer Berufstätigkeit an vier Tagen. Manchmal fragt sie sich selbst, wie lange sie dieses Tempo noch durchhalten kann, und doch hat sie in ihrem Leben nie aufgegeben, seit siebenundvierzig Jahren nicht. Was sie dabei trägt, ist der Zusammenhalt unter den Frauen, der ihr immer wieder als wohltuend erscheint, ob bei großen Aktionen oder bei kleinen wie einem Vorlesenachmittag für Demokratie in einer Kita oder in der Fußgängerzone am Infotisch.

    Aufgeben ist für Roya keine Option, denn Aufgeben bedeutet für sie, dass am Ende die Rechten und die Diktatoren gewinnen. Sie will weiterhin kämpfen, solange sie lebt und solange ihre Kraft reicht, in der Hoffnung, dass all die investierte Zeit und Energie eines Tages Früchte trägt, für die nächsten Generationen, die sie mit den anderen Omas im Blick hat.

  • Berlin-Charlottenburg, 22. August 2026

    Berlin-Charlottenburg, 22. August 2026

    Am 22. August 2026 begleitete ich die Berliner OMAS GEGEN RECHTS zu der Aktion „Cornern gegen Rechts“ vor dem Rathaus Charlottenburg. Am späten Nachmittag versammelten sie sich dort gemeinsam mit der Plattform „CW hält zusammen“, lokalen linken Gruppen, der Kiez-Antifa und Vertreter*innen der Partei Die Linke Charlottenburg-Wilmersdorf, um lautstark gegen einen dort stattfindenden AfD-„Bürgerdialog“ mit Beatrix von Storch dagegenzuhalten. Flugblätter, Flyer, Musik aus mobilen Boxen, und ein Ruf, der immer wieder über den Vorplatz schallte, sobald jemand das Gebäude betrat: „Von den Alpen bis an die Spree, keiner braucht die AfD!“
    Dann tauchten 2 rechtsoffene Streamer Teams auf: ein älterer Mann mit Schiebermütze und Funkmikrofon im „Guten Morgen“-Hoodie (Fan-Merchandise des befreundeten sächsischen Netzwerks Weichreite TV), sowie die Frauen des Berliner Kanals StraßenEcho TV.
    Für Außenstehende wirkt so etwas oft wie eine spontane Konfrontation. Wer diese Szene länger beobachtet, erkennt darin ein eingeübtes System aus gezielter Schwarm-Provokation. Mit Dreibeinstativen, mehreren parallel laufenden Smartphones und Gimbals bauen solche Streamer*innen eine Kulisse totaler Überwachung auf und kreisen die Aktivistinnen förmlich ein, bis man kaum noch weiß, aus welchem Winkel man gerade gefilmt wird. Bei den beiden Frauen übernahm eine den psychologischen Part: Mit Mikrofon drang sie unerträglich nah in den geschützten Raum der Omas ein, stellte betont scheinheilige Fragen und versuchte, die Demonstrantinnen aus der Reserve zu locken. Das eigentliche Ziel ist das Publikum im Live-Chat auf YouTube, wo hunderte Zuschauerinnen mitheizen und die Streamer*innen anfeuern, noch näher heranzugehen. Das gefilmte Gegenüber wird so zur wehrlosen Zielscheibe im digitalen Raum.
    Weder die Omas noch die anderen linken Aktivistinnen ließen sich das kampflos gefallen. Die Teilnehmer*innen rückten eng zusammen und verschanzten sich hinter Transparenten und Oma Regenschirmen, um sich den ungewollten Aufnahmen zu entziehen. Eine der Omas stellte sich dem kameraführenden Streamer entschlossen entgegen und hielt ihr Protestschild beharrlich vor sein Objektiv. Es entstand ein skurriles Tänzchen, der Streamer wich genervt nach links und rechts aus, um doch noch ein Gesicht einzufangen, die Oma blockierte die Linse konsequent weiter.
    Als der Streamer merkte, dass er gegen den geschlossenen Protest keine verwertbaren Bilder für seinen Chat bekam, wechselte er augenblicklich in die für diese Szene typische Opferrolle: Er lief zu den bereitstehenden Polizeikräften und beschwerte sich über die Behinderung seiner „journalistischen Arbeit“. Die Einsatzkräfte gingen dazwischen und trennten die Parteien. Die Omas erkundigten sich daraufhin besorgt bei der Polizei, wie nah solche Streamer*innen eigentlich kommen dürfen und ob es keinen rechtlichen Mindestabstand gebe. Die Berliner Polizei verwies lediglich auf die geltende Pressefreiheit. Weil sich diese Akteur*innen formell als „Bürgerjournalist*innen“ inszenieren, behielten sie ihren uneingeschränkten Zugang und filmten aus nächster Nähe weiter.

    Trotz dieser massiven psychischen Druckkulisse blieb das Bündnis aus Omas, linken Initiativen und Kiez-Aktivist*innen stabil, laut und friedlich. Sie haben sich von den beiden Streamer-Teams nicht wegfilmen lassen. Genau diese generationenübergreifende Standhaftigkeit zeigt, wie wichtig sichtbare Zivilcourage auf der Straße ist.

  • Margarete

    Margarete

    Margarete / Lindau-Bodensee

    Margarete war Lehrerin an einer bayerischen Grund und Hauptschule, wo Klassenleitung meist bedeutet, fast alle Fächer selbst zu unterrichten, ganz gleich, was man studiert hat. Nur wenige Spezialgebiete wie Werken, Sport für Jungen, Schwimmen mit Rettungsabzeichen, Informatik oder Religion übernehmen Fachlehrkräfte. Diese Vielseitigkeit hält sie gerade im Ganztagsunterricht für wichtig, weil eine enge Beziehung zu den Kindern die Grundlage dafür ist, dass überhaupt etwas bei ihnen ankommt.

    Politisch war Margarete den größten Teil ihres Lebens kaum aktiv. Als Studentin bekam sie die Proteste gegen den Vietnamkrieg am Rande mit, ging auch mal am Ersten Mai zu einer Demonstration, mehr aus Neugier als aus Überzeugung. Interesse hatte sie vor allem an Bildungspolitik. Das änderte sich erst im Ruhestand. Rund zwei Jahre nachdem sie aufgehört hatte zu unterrichten, saß sie eines Morgens beim Frühstück vor dem Fernseher und sah eine ältere Dame mit roter Brille und roten Lippen, deren österreichischen Akzent sie sofort erkannte. Es war Monika Salzer aus Wien, die Gründerin der Bewegung OMAS GEGEN RECHTS, die damals ihr Buch darüber vorstellte, warum sie diese Initiative für nötig hielt: Die Demokratie sei der eigenen Generation geschenkt worden, jetzt drohe sie durch rechte Parteien wieder verloren zu gehen, die zu dieser Zeit bereits in mehrere Parlamente eingezogen waren. Margarete dachte an ihren damals kleinen Enkel und wusste: Das mache ich jetzt.

    Noch am selben Nachmittag erzählte sie ihrer Freundin Irene davon. Beide ließen die Idee zunächst offen im Raum stehen, bis Margarete wenige Wochen später in der Zeitung von einer Autorenlesung mit Monika Salzer in Bregenz las, organisiert von den OMAS GEGEN RECHTS Vorarlberg. Gemeinsam mit Irene fuhr sie hin, kam mit Salzer und den Vorarlberger OMAS ins Gespräch und begann, sich über die Organisation der Bewegung kundig zu machen, damals noch fast ausschließlich über Facebook-Gruppen. Parallel dazu erfuhr sie über eine Kursteilnehmerin in einem Italienischkurs von Charlie Schweizer, einem Ortshistoriker und ehemaligen Geschichtslehrer, dessen kritische Texte über einen AfD-Funktionär in der Region regelmäßig in der Lokalzeitung erschienen.

    Im Dezember 2019 hatte Margarete Monika Salzer gehört, im Januar oder Februar 2020, kurz vor den bayerischen Kommunalwahlen im März, fand die erste eigene Demonstration in Lindau statt, gegen einen Infostand der AfD am Berliner Platz. Organisiert hatten sie andere, aus dem Umfeld der Linken und von Amnesty International, Margarete und rund zehn weitere Frauen, viele ehemalige Kolleginnen aus dem Schuldienst, schlossen sich mit selbst gebastelten Schildern an, die sie von einer bereits bestehenden deutschen OMAS-Website heruntergeladen hatten. Ursprünglich dachten sie, das Thema erledige sich nach der Wahl von selbst, ein Irrtum, wie sich zeigen sollte.

    Im März 2020 folgte eine weitere Demonstration auf der Lindauer Insel, organisiert von Amnesty Lindau, gegen einen Antrag der AfD zur Einschränkung der Pressefreiheit. Zur Unterstützung reisten die Vorarlberger OMAS mit dem Zug an. Dort traf Margarete auf Doris aus Kressbronn, die gerade eine eigene Facebook-Gruppe gegründet hatte. Noch am selben Tag entstand daraus die Gruppe OMAS GEGEN RECHTS Bodensee. Über Doris kam der Kontakt zur bundesweiten Vernetzung zustande, die Anna Ohnweiler bereits 2018 mit einer deutschen Facebook-Gruppe begonnen hatte. Die Bodensee-Gruppe selbst ist kein eingetragener Verein und will das auch nicht sein. Mehr als die Hälfte der Frauen ist jedoch individuell Mitglied im bundesweiten Verein OMAS GEGEN RECHTS DEUTSCHLAND e.V., der unter anderem Rechtsschutz und Haftpflichtversicherung für die Anmeldung von Versammlungen bietet. Diese Mitgliedschaft entscheidet jede für sich, verpflichtend ist sie für die Teilnahme an der Bodensee-Gruppe nicht.

    Heute zählt der Mailverteiler der OMAS Bodensee etwa 140 Menschen, aktiv in der Organisationsgruppe sind etwa zwölf bis vierzehn. Es gibt mehrere Arbeitsgruppen, darunter eine Theatergruppe, sowie regelmäßige Präsenztage, an denen gemeinsam an Positionen zu aktuellen Themen gearbeitet wird, etwa zu Israel und Palästina oder zu den Begriffen Faschismus und Pazifismus, damit die Gruppe nach außen einheitlich auftreten kann. Eine feste Aktionsform sind die sogenannten Redebänkle, ein niedrigschwelliges Format für Gespräche mit Passantinnen und Passanten. Zu größeren Anlässen wie dem 75. Jahrestag des Grundgesetzes 2024 organisierten die OMAS aufwendigere Aktionen, etwa eine Brandmauer aus beschrifteten Kartons in Lindau.

    Das familiäre und private Umfeld reagierte gemischt. Ihr ehemaliger Schulleiter zeigte sich überrascht, wie politisch sie geworden ist, findet es aber gut. Ihre Kinder unterstützen sie voll, ihr Sohn nennt sie scherzhaft radikalisiert, eine Rebellin. In ihrem erweiterten Bekanntenkreis erlebt sie dagegen öfter ein Schweigen, wenn das Thema aufkommt, weder Zustimmung noch offener Widerspruch, nur ein Ausweichen. Im Chor, in dem sie singt, erlebt sie beides: viel Unterstützung, aber auch AfD-nahe Mitglieder, die ihr etwa erzählen, sie bekomme angeblich Geld für die Teilnahme an Demonstrationen, ein Gerücht, das sie mit Humor kontert.

    Ein besonderer Stolz ist für sie ihr Enkel. Mit acht Jahren, in der zweiten Klasse, organisierte er in seiner Nachmittagsbetreuung eigenständig eine kleine Unterschriftensammlung und einen Umzug durch die Einrichtung, weil er einen Kickertisch an einem ungünstigen, zu engen Platz für ungerecht hielt. Auf Nachfrage erklärte er später, die OMAS GEGEN RECHTS würden genau das tun, wenn etwas ungerecht sei, ohne dass Margarete mit ihm zuvor ausführlich über AfD oder Faschismus gesprochen hätte. Die Geschichte wurde später sogar Teil eines Beitrags in einer gemeinsamen Kinderzeitung von Stuttgarter Zeitung und Weser-Kurier über die Arbeit der OMAS anlässlich des Grundgesetz-Jubiläums. Bewusst nimmt Margarete ihren Enkel nicht mit auf Demonstrationen, das hält sie für zu früh und nicht altersgerecht, anders als bei manchen Familien, die auch kleine Kinder mitbringen.

    Ein besonderer Höhepunkt für sie war die Reise nach Erfurt, im Sommer 2026, während der bundesweiten Proteste gegen den AfD-Bundesparteitag in der Stadt. Mit einer gewissen Sorge war sie angereist, denn während Doris und andere aus ihrer Gruppe sich einer Blockade anschlossen, wollte Margarete allein durch die Stadt gehen, ohne sichtbare Buttons oder Erkennungszeichen. Doris hatte ihr eingeschärft, vorsichtig zu sein und auf sich aufzupassen. Was sie stattdessen erlebte, war das Gegenteil von Bedrohung: Die ganze Stadt hatte sich mit goldener Rettungsfolie geschmückt, ein Solidaritätszeichen, das sich Erfurt eigens für diese Tage ausgedacht hatte und das in Schaufenstern, an Haustüren und von Balkonen hing. Menschen trugen die Folie auch am Körper, neben Aufklebern und Zeichen wie Regenbogenfahnen. Als Margarete sich einmal verlaufen hatte, sprach sie ein Mann mit genau dieser Goldfolie an, begleitete sie ein Stück des Wegs zur Predigerkirche, und beide erkannten sich sofort als Gleichgesinnte, ohne ein Wort über Politik verlieren zu müssen. Solche Begegnungen wiederholten sich den ganzen Tag: Menschen, die extra aus Rostock, Wilhelmshaven oder Aachen angereist waren, lächelten sich im Vorbeigehen an, bedankten sich gegenseitig dafür, gekommen zu sein, die Reisenden bei den Erfurterinnen und Erfurtern, die Ortsansässigen bei den Angereisten, weil beide Seiten spürten, mit ihrer Sorge um die Demokratie nicht allein zu sein. Margarete nahm zudem an einer Podiumsdiskussion in der Predigerkirche teil, bei der unter anderem die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt und der Linke-Politiker Bodo Ramelow sprachen. Dieses Gefühl von Zusammenhalt und gegenseitiger Bestärkung unter Fremden trägt sie bis heute, sagt sie, es gibt ihr bis in den Alltag hinein Kraft weiterzumachen.

    Nicht alle Begegnungen sind konstruktiv. Bei einem Gesprächsformat der bayerischen Grünen-Politikerin Katharina Schulze geriet Margarete mit zwei Männern aneinander, die das Engagement gegen Rechtsextremismus mit dem Vorwurf konterten, man müsse doch viel mehr gegen Linksextremismus tun. Sie widersprach deutlich, zog sich aber aus dem Gespräch zurück, als es unproduktiv wurde. Mit AfD-Funktionären wie dem AfD-Politiker Rainer Rotfuß, der die OMAS bei einem Infostand öffentlich als alte, ungebildete Frauen ohne Ahnung abtat, führen die OMAS bewusst keine Diskussionen, ein Konsens, den sich die Gruppe über Jahre erarbeitet hat. Mit AfD-Wählerinnen und -Wählern dagegen suchen sie das Gespräch durchaus, sofern es sinnvoll erscheint.

    Ihr Ausblick bleibt zwiespältig, aber im Kern hoffnungsvoll. Erfurt hat ihr gezeigt, dass die meisten Menschen tatsächlich in einer funktionierenden Demokratie leben wollen und bereit sind, dafür etwas zu investieren. Von der Union fordert sie, wirklich nach den eigenen, oft nur behaupteten christlichen Werten zu handeln, statt sich der AfD in Sprache und Positionen anzunähern. Sie ist überzeugt: Die Mehrheit der Menschen steht nicht für Rechtsextremismus, sie muss nur wählen gehen.

  • Irmgard

    Irmgard

    Irmgard / Bodensee

    Seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt (Günter Eich)

    Irmgard war etwa vier Jahre alt, als ihre Oma beiläufig etwas vom Führer erwähnte. Irmgard fragte, wer das sei, und die Oma schickte sie zu ihrem Vater. Der war an diesem Tag zu Hause, setzte sich zu ihr und erzählte von der Begeisterung, mit der viele damals die Welt verändern wollten, und davon, wie daraus Krieg wurde und alles zerstört war. Irmgard wuchs als Kind im Allgäu auf, und es war für sie ganz normal, Männern mit fehlenden Armen zu begegnen, Beinprothesen beim Baden im nahegelegenen See abgeschnallt zu sehen. Ihr eigener Vater trug Durchschüsse in den Armen. Das Gespräch mit ihm dauerte sicher nicht lang, aber es hat ihr ganzes Leben geprägt. Seitdem beschäftigt sie sich mit dem Dritten Reich, hat schon als Jugendliche Fotobücher über Auschwitz betrachtet. Dieses frühe Erwachen legte den ersten, entscheidenden Grundstein für eine Haltung, die sie viele Jahrzehnte später zu den OMAS führen sollte.

    Politisch engagiert war Irmgard schon lange bevor es die OMAS überhaupt gab. Sie lebte in den 70er und 80er Jahren nach ihrem Mathematik- und Germanistikstudium als Reallehrerin in Stuttgart und war mit einem sudanesischen Architekten verheiratet. Mit ihm erlebte sie Rassismus als strukturelles Thema mit.

    Dann kam die Rückkehr in die Heimat ihrer Jugend Friedrichshafen am Bodensee. Als Anfang der 1990er Jahre die rechtspopulistischen Republikaner erste Wahlerfolge feierten und in die Landtage einzogen, wachte sie am Wahlsonntag mit dem Gedanken auf, dass man etwas tun müsse. Sie wehrte sich innerlich dagegen, dass sie es sein sollte, aber der Gedanke war einmal gedacht. Noch am selben Abend hatte sie einen Brief an ihre Kolleginnen und Kollegen am Bildungszentrum in Markdorf verfasst. So fand sich eine Gruppe, die viele Jahre an der bundesweiten Interkulturellen Woche teilnahm, und daraus entstand der Verein Solidam, Solidarität mit ausländischen Mitbürgern e.V. Markdorf, den sie zehn Jahre lang leitete, mit deutschen, italienischen, türkischen, iranischen und (damals) jugoslawischen Mitgliedern.

    Neben dieser politischen Arbeit begleitete sie als zweites Thema das Theater. Bereits in Stuttgart spielte sie mit ihren Klassen Schülertheater. Dann am Bodensee in Markdorf baute sie eine Theater-AG auf, die über die Schulzeit ihrer Schülerinnen und Schüler hinaus als „Jasoscha – experimentelles Theater Markdorf“ bestand und Stücke von u.a. Martin Walser und Günter Eich spielte. Intensiv beschäftigte sie sich mit den Theaterformen von Augusto Boal, der in Brasilien unter der Diktatur Wege entwickelte, Kritik zu üben, ohne dafür belangt werden zu können. Besonders das „Unsichtbare Theater“ hatte es ihr angetan: Kontroverse Szenen, die mitten im Alltag gespielt werden, ohne dass die Umstehenden wissen, dass es sich um Theater handelt, und die reichlich Diskussionsstoff bieten, um mit den Umstehenden über ethische und politische Werte ins Gespräch zu kommen. 

    Mit 38 Jahren begann Irmgard noch einmal zu studieren: Diplompädagogik in Weingarten mit den Schwerpunkten Rassismus und Theater. Ihre Diplomarbeit untersuchte Musikschulbücher der Sekundarstufe 1 (Klasse 5-10) zwischen 1970 und 1990 auf rassistische oder abwertende Inhalte und koloniale Untertöne. Diese Untersuchung publizierte sie als Buch.

    Anschließend absolvierte sie eine zweijährige Theaterpädagogik-Ausbildung, ebenfalls berufsbegleitend, und verließ nach 18 Jahren die Schule.

    Mit Diplom und Theaterpädagogik-Ausbildung im Rücken machte sie sich selbständig. Sie hielt Seminare für die Landeszentrale für politische Bildung in Stuttgart. Zwölf Jahre lang arbeitete Irmgard freiberuflich für BMW in München und verwendete Theatermethoden in der internen Kommunikation und der Organisationsentwicklung. Sie spielte z.B. mit Ingenieuren und Arbeitern auf der Bühne, um den Wert der Teamarbeit im Spiel sichtbar zu machen. 

    All diese Puzzleteile, von der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit der Deutschen über den Kampf gegen Alltagsrassismus bis hin zur politischen Wachsamkeit gegenüber Demokratiefeinden führten Irmgard im Ruhestand zu den OMAS.

    Besonders erfreulich war für sie, dass ihre Theatererfahrung und das jahrelange Arbeiten mit Boals Methoden auch bei den OMAS gebraucht wurde. Als der Regisseur Micha Messermann auf die Gruppe zukam, um ein Forumtheaterstück zu entwickeln, übernahm Irmgard die Organisation und war neugierig auf seine Arbeitsweise. Eine Woche lang dauerte der Workshop, der alle begeisterte. Aus den persönlichen Geschichten der Frauen baute Messermann das Stück „Was ist denn hier los?“ Auch Irmgards Erzählung von dem Gespräch mit ihrem Vater über den Krieg wurde zur Grundlage für eine der Figuren im Stück.

    Auf die Frage nach dem Schlimmsten, was ihr als OMA begegnet sei, erzählt sie von einem „Redebänkle“ an der Uferpromenade in Friedrichshafen, das sie und eine Kollegin mit dem Ziel, ganz direkt mit Passanten ins Gespräch zu kommen. aufgebaut hatten. Eine gut gekleidete Frau mittleren Alters griff die OMAS als Organisation an und ereiferte sich, dass Mütter zu Hause bei ihren Kindern bleiben sollten. Irmgard entgegnete, es gehe den OMAS um demokratische Grundrechte für Frauen, damit sie nicht wieder in konservative Rollen gedrängt würden. Doch die Frau blieb bei ihrer Position und verschwand.

    Die Mehrheit der Menschen an diesem Redebänkle war jedoch auf der Seite der OMAS, viele bestärkten sie und stimmten ihnen zu. Es kam auch eine sudanesische Familie vorbei, mit der Irmgard natürlich das Gespräch suchte. Später besuchte sie sie an ihrem Wohnort, eine lose, aber bleibende Bekanntschaft.

    IrmgardsAusblick bleibt zuversichtlich. Sie erzählt von einem Lied, das in der Online-Gruppe der OMAS geteilt wurde. Eine junge Sängerin singt, wie es sie in dunklen Momenten tröste, zu wissen, dass irgendwo immer eine OMA GEGEN RECHTS unterwegs sei, um zu demonstrieren. 

    Die OMAS werden angefeindet, sagt Irmgard, aber das bedeutet auch, dass man sie wahrnimmt, dass sie wichtig sind. Man kann sie nicht übersehen. Eine Organisation von starken Frauen, die für demokratische Werte kämpfen. Das gibt ihr Zuversicht.

  • Brigitte

    Brigitte

    Brigitte / Lindau-Bodensee

    „Ich habe mich nie für „politisch“ gehalten.“ 
    Brigitte weiß genau, wann es angefangen hat. Nicht erst mit den OMAS, viel früher. Als Kind schon spürt sie, wenn Situationen nicht stimmen, wenn Ungerechtigkeit passiert. Später sagt sie ihren Schülerinnen oft:“ Wenn ihr nichts unternehmt und den Mund nicht aufmacht, dann bleibt alles, wie es ist.“

    Sie wird in eine Familie geboren, die vom Krieg gezeichnet ist. Ihr Vater erlebt in sechs Jahren an der Front in Russland alle Gräuel des Krieges; ihre Mutter erlebt den Krieg unter Bombenangriffen auf ihre Heimatstadt und als Rote-Kreuz-Schwester zwischen zusammenbrechenden Fronten und Flüchtlingsströmen.

    Brigitte ist ein Kind, das früh lernt, alleine klarzukommen. Sie entdeckt und erlebt die Macht der Worte. Sie verschlingt alles Lesbare, – Bücher sind ihre Zufluchtswelt -, aber auch die Macht der Worte von Autoritätspersonen: die bewerten, vorschreiben, beschämen, verletzen. Sie nimmt früh wahr, wie unterschiedlich Mädchen und Jungen behandelt werden. 

    Als Heranwachsende stellt sie Fragen, die zu Hause nicht gern gehört werden. Sie findet heraus, dass ihre Mutter beim BDM war, konfrontiert sie und stößt immer wieder nur auf Schweigen. Sie beschafft sich eigenständig Informationen, liest alles, was sie kriegen kann und schaut die Filme der US Armee über die Befreiung der Konzentrationslager. Sie bleibt mit ihrem Entsetzen und ihrer Fassungslosigkeit allein.

    Im Mädchengymnasium gibt es von den Lehrkräften der alten Garde ebenfalls keine Antworten. Ein junger Deutschlehrer liest in Klasse 10 mit den Schülerinnen „Mein Kampf“ und die Propagandareden von Josef Goebbels und hilft ihnen zu verstehen, wie die NSDAP an die Macht kommen konnte, wie Menschen manipuliert wurden und die Demokratie in eine Diktatur umgewandelt wurde. Sie verstehen die ungeheure Macht von Sprache. Vor diesem Hintergrund behandelt der Lehrer auch das Thema Zivilcourage. Das prägt sie für ihr ganzes Leben.

    Ausgestattet mit dem Gespür für Ungleichheit, Ungerechtigkeiten, Machtmissbrauch und dem Willen, Missstände nicht einfach hinzunehmen, betritt sie als junge Frau der 70er Jahre ihren Lebensweg.  

    Sie beginnt ein Lehramtsstudium. Der offen sexistische Umgang von Lehrenden mit den Studentinnen gibt den Ausschlag. Mit den Studentenbewegungen jener Zeit geht sie auf die Straße, solidarisiert sich und tritt erstmals öffentlich für ihre Überzeugungen ein. 

    Als Lehrerin an einem Gymnasium in einem Brennpunkt-Stadtteil wird sie mit den alten Strukturen und Mechanismen des Schulsystems konfrontiert, in denen Kinder, die nicht ins Raster passen, gnadenlos aussortiert werden. Durch einen Ortswechsel in ein anderes Bundesland fällt sie aus dem Schuldienst. 

    Sie wird schwanger und sieht mit Grausen, wie fremdbestimmt Frauen zu der Zeit entbinden müssen, wie sie sich strengen Regeln der Kliniken unterwerfen müssen. Sie liest Leboyer, Lamaze, Read, Kitzinger und erkämpft sich eine Ausbildung in alternativer Geburtsvorbereitung. Sie initiiert und leitet Geburtsvorbereitungskurse für Paare und wird Teil der neu gegründeten „Gesellschaft für Geburtsvorbereitung“, einer deutschlandweiten Welle der Frauenbewegung der 70er Jahre. 

    Ende der 80er macht sie sich selbstständig, gründet eine Nachhilfeschule und arbeitet 20 Jahre lang mit Kindern, die Lern- und Schulprobleme haben. Die individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes in einem geschützten Umfeld ist Kern ihrer Arbeit und entspricht ihrer persönlichen Vorstellung des Unterrichtens.

    Im Ruhestand engagiert sie sich in einer Initiative für Schulentwicklung, unterstützt die „Fridays-for-Future“ Bewegung, unterrichtet in Flüchtlingsklassen, ist Lernpatin bei der Kinderstiftung. 

    Mit wachsender Sorge beobachtet sie die Entwicklung der neu gegründeten AfD. Begrifflichkeiten und Symbole der Nazi-Zeit werden gesellschaftsfähig. Offen ausgesprochen bleiben sie ungeahndet. Fassungslos registriert sie wachsenden Antisemitismus; daß so etwas in Deutschland wieder geschehen kann, ist für Brigitte unerträglich. Der Correctiv-Bericht von Januar 2024 lenkt den Blick auf einen Begriff mit Durchschlagskraft: Remigration.

    Bei der ersten großen Demo geht sie wieder auf die Straße – mit einem selbstgebastelten Schild: Nie wieder ist jetzt! Auf der Rückseite steht: Rechtes Gedankengut gefährdet unser aller Freiheit.

    Bei einer Aktion am nächsten Tagt trifft sie auf die OMAS GEGEN RECHTS und wird gleich  Mitglied. Seitdem ist sie aktiv dabei, steht an Infoständen, geht auf Demonstrationen, sucht das Gespräch. Das ist ihre Stärke: mit Menschen reden, auch mit denen, die anders denken. Ihr ist wichtig, gerade jene zu erreichen, die bei rechter Machtübernahme am stärksten bedroht wären.

    Trotz aller Anstrengungen steigen die Umfragewerte für die AfD. In ihrem Dorf, in dem die AfD zuletzt auf über 17 Prozent gekommen ist, lebt sie als einzige Oma gegen Rechts. Im Gespräch mit Nachbarn kommt das Thema AfD zur Sprache, und zwei gestandene Menschen in ihrem Alter gestehen ihr, dass sie sich inzwischen nicht mehr trauen, offen zu sagen, wie sie wirklich denken. Genau das ist für Brigitte der eigentliche Anfang: Wenn Menschen aufhören, ihre Meinung zu sagen, aus Vorsicht oder aus Angst vor der eigenen Nachbarschaft.

    „Die radikalen Umstrukturierungspläne der AfD mit ihren menschenverachtenden Inhalten bedrohen alles, was mir besonders wichtig ist: Menschenwürde, Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung. Trotz aller Brüche und Neuanfänge habe ich die beste Zeit der Bundesrepublik erlebt. Die Frauen haben sich auf dem Weg zur Gleichberechtigung selbst ermächtigt, Missstände zu benennen und zu beseitigen. Ganz einfach, weil es möglich war und weil die Frauen verstanden haben, wieviel Power entsteht, wenn man gemeinsam ein Ziel verfolgt. Das ist die Power der OMAS GEGEN RECHTS. Es ist unsere Aufgabe, jungen Menschen zu vermitteln, die Freiheiten in unserer Demokratie wertzuschätzen, zu nutzen und zu verteidigen.“

    Ihr schönstes Erlebnis bei den OMAS ist nicht ein einzelner Moment, sondern die Verbundenheit mit all den tollen Frauen in einer großen Frauenbewegung.

    Ihr hoffnungsvollster Ausblick bleibt schlicht und klar: ein AfD-Verbot, und zwar jetzt.

  • Ulli

    Ulli

    Ulli / Lindau-Bodensee

    Ulli kommt aus dem Bildungsbürgertum West-Berlins. Sie wuchs in einem Randbezirk auf und besuchte ein humanistisches Gymnasium, das ihr Gerechtigkeitsgefühl früh geschärft hat. Ihr Vater war liberal, in der Familie wurde diskutiert, auch wenn ihre Positionierung nicht immer auf Begeisterung stieß. Fragen nach der Kriegszeit wurden nicht beantwortet. Mit achtzehn tritt sie als eine der ersten Frauen der Alternativen Liste (AL) in Berlin bei, einer grün-alternativen Partei, die 1978 aus der Studierenden- und Umweltbewegung entstand und Vorläuferin der heutigen Grünen war. 1981, mit 22 Jahren, wird sie Bezirksverordnete in Zehlendorf, einem damals bürgerlich-konservativen Bezirk West-Berlins mit einer absoluten CDU-Mehrheit von 54,1%. Die AL ist mit 9,3% erstmalig in die BVV eingezogen. Diese Zeit wird für sie zur politischen Schule, doch während ihrer zweiten Schwangerschaft tritt sie zurück, auch wegen dem Umgang mit ihr als junger Frau in den Ausschüssen und am Stammtisch.

    Auf Demonstrationen für den Frieden, gegen Atomkraft, gegen das Waldsterben, für bessere Gesundheitspolitik etc. ist Ulli ihr Leben lang gegangen. Sie war 1980 mehrmals im basisdemokratischen Protestcamp „Republik Freies Wendland“, ein Protest gegen die geplante Erkundung des Salzstock Gorleben als atomares Endlager, damals noch Jahre bevor die späteren Castor-Transporte das Thema erneut auf die Straße brachten. Sie besuchte regelmäßig die vom Abriss bedrohten besetzten Häuser und Objekte in Zehlendorf, während sie gleichzeitig in der Bezirksverordnetenversammlung saß, eine Doppelrolle, die tatsächlich half, Gebäude wie z.B. die Kulturbrauerei Zehlendorf vor dem Abriss zu bewahren. Der Werkhof, die ehemalige Brauerei, ist seit 1986 sozialer Treffpunkt und Ausbildungsort für selbstorganisierte Nutzung. Die Muthesius-Villa gehörte ab 1934 dem jüdischen Kaufhausbesitzer S. Schocken, der enteignet wurde von den Nationalsozialisten und emigrierte. Es ging darum, den Abriss durch Spekulanten zu verhindern und an die jüdischen Vorbesitzer zu erinnern. Das gelang durch die Zusammenarbeit der Besetzerinnen und Besetzer, der AL und des Sanierungsträgers Stattbau, die Villa ist heute saniert und denkmalgeschützt. 1981 gründete sich zudem eine Patenbewegung aus Anwohnerinnen und Anwohnern, Professorinnen und Professoren der Freien Universität und Eltern, um Instandbesetzungen in legale, selbstverwaltete Hausprojekte zu überführen, unter anderem mit Genossenschaftsmodellen gegen spätere Immobilienspekulation. Nicht alle historischen Gebäude konnten so gerettet werden. Ein einschneidendes Erlebnis war im Mai 1981 der Polizeikessel bei der Friedensdemonstration mit 60.000 Teilnehmenden in Berlin anlässlich des Besuchs des US-Außenministers Haig. Ein Kessel bezeichnet eine Einsatztaktik, bei der Polizeikräfte eine Gruppe von Menschen komplett umschließen und am Verlassen des Ortes hindern, eine in Deutschland seit den 1980er Jahren immer wieder umstrittene Praxis, weil sie auch unbeteiligte Passantinnen und Passanten treffen kann. Ulli und ihre Tochter gerieten nicht selbst in den Kessel, jedoch ihre Schwester und Freunde. Das Wegrennen und gejagt werden mit Kind aus der unmittelbaren Nähe dieser Situation hat sie und ihre Familie für Jahre von der Straße ferngehalten.

    Politisch aktiv blieb sie trotzdem, vor allem im Gesundheitswesen, wo sie als Sozialarbeiterin am Aufbau der Hospizarbeit beteiligt war und Jahrzehnte in Bezirks- und Senatsgremien im Gesundheitswesen mitarbeitete. Jahrzehnte war sie zudem als Dozentin in Krankenhäusern, Heimen, Sozialstationen und bei der Behindertenhilfe tätig. Als bewusst unterbezahlte Lehrbeauftragte der Fachhochschule für Sozialarbeit gab sie ihr Wissen an Studierende der Sozialarbeit, für sie eine eigene Form politischer Arbeit. Der Umgang mit Schwerstkranken, Sterbenden und alten Menschen sagt für sie viel über den Zustand einer Gesellschaft aus. Nach dem Umzug von Berlin an den Bodensee gab sie ab 2015 Alphabetisierungskurse für Geflüchtete in Weißensberg und Lindau, in einer Zeit, in der sie noch Hoffnung auf gelingende Integration hatte. Das Umfeld reagierte nicht durchweg positiv: Wir brauchen das Geld für die Deutschen. Sie musste sich zunehmend klar positionieren.

    Im Frühjahr 2021 zog es Ulli und ihren Partner zu einem Stand der Omas gegen Rechts auf dem Markt in Lindau und sie kamen mit den Frauen ins Gespräch. Von diesem Tag an gingen beide zu den ihnen möglichen Veranstaltungen, Demos etc. der OMAS, und Ulli engagierte sich, so gut es die eigene Lebenssituation zuließ, mit wechselnder Intensität, aber beständig. Was sie besonders zu den OMAS zog, ist es die Erinnerungskultur nicht zu verlieren und hochzuhalten. Viele Zeitzeugen leben nicht mehr. Die im Beruf erfahrenen Lebensgeschichten, viele waren von zwei Kriegen und Flucht traumatisiert, und die eigene Familiengeschichte, möchte sie nicht vergessen wissen. Mahnen. Die Eltern und Großeltern waren still. Die Omas heute sind laut.

    Ihr Vater, Jahrgang 1927, aufgewachsen in einem diakonischen Haushalt in Bethel/Bielefeld, in dem die Großeltern rund um die Uhr 15 Menschen mit Epilepsie betreuten, trat mit zehn Jahren in die Hitlerjugend ein, diente als Flakhelfer und wurde mit siebzehn zur Wehrmacht eingezogen, mit neunzehn als Panzergrenadier geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach zwei Jahren kehrte er traumatisiert mit einundzwanzig zurück und machte ein Notabitur. Über seine Kriegserlebnisse hat er kaum gesprochen, aus Rücksicht auf seine drei Töchter, wie er sagte. Erst mit dem jüngeren Bruder und mit Ullis Sohn, als der sich zwei Jahre bei der Bundeswehr verpflichtete, hat er offener geredet. Ullis Onkel, der Bruder ihres Vaters, meldete sich mit achtzehn freiwillig und fiel mit einundzwanzig in Russland. Bei seinem letzten Heimaturlaub wusste er, dass er nicht zurückkehren würde.

    Auch die mütterliche Seite ist von Kriegserfahrungen geprägt. Ihre Mutter, Jahrgang 1934, erlebte als Kind den Krieg in Hamburg, alliierte Bomber zerstörten weite Teile der Stadt, sie wurde später mit Mutter und Geschwistern aufs Land evakuiert, wo Geflüchtete nicht immer freundlich aufgenommen wurden. Sie war u.a. an der Ostsee in Scharbeutz evakuiert, als am 3. Mai 1945 die Cap Arcona und das Begleitschiff Thielbeck durch britische Flugzeuge versenkt wurden. Es starben ca. 7400 KZ-Häftlinge, deren Leichen monatelang in der Lübecker Bucht angeschwemmt wurden. Erst im fortgeschrittenen Stadium ihrer Demenz erzählte sie monatelang vom Krieg, u.a. wie sie als Kinder Kriegsgefangenen, die erschöpft, hungrig und durstig an ihnen vorbei liefen, Wasser geben wollten, und Schaulustige dieses Wasser aus ihren Gefäßen auf den Boden schütteten.

    Aus all dem zieht Ulli für sich die klare Haltung: Nie wieder ist jetzt, Antifaschismus, verbunden mit einem ebenso langen Umweltengagement. Sie hat den Bericht des Club Of Rome, eine einflussreiche Studie von 1972 über die Grenzen des globalen Wachstums, schon vor fünfzig Jahren gelesen. Es war alles bekannt, was uns heute um die Ohren fliegt.

    Was Ulli an den OMAS besonders schätzt, ist, dass sich wirklich jede und jeder nach den eigenen Möglichkeiten einbringen kann. Ein zeitweiliger Rückzug ist kein Problem, das Erfahrungswissen in der Gruppe ist riesig, und man geht gut miteinander um. Es tut ihr einfach gut, mit Menschen zusammen zu sein, die angesichts der aktuellen Lage ähnlich empfinden, gerade hier auf dem Land. Solange die Kräfte reichen, will sie etwas tun, um Menschen zum Nachdenken zu bewegen, damit die Welt und unser Land enkeltauglich bleiben. Nicht überall erzählt sie, was sie macht, mit Aufklebern am Auto fährt sie hier nicht mehr herum, die Weste zieht sie vor der Demo an. Gleichzeitig erlebt sie durchaus Offenheit: eine CSU-Kreisrätin a.D. und frühere langjährige Vorsitzende der CSU Frauen Union sagte an einem Stand in Lindau, es wäre gut, sich zu vernetzen, das Land brauche die OMAS.

    Ulli hat gelernt, toleranter zu werden und Schubladen abzulegen, besonders deutlich wurde ihr das bei einer Brandmauer-Aktion der Gruppe. Die OMAS hatten viele Umzugskartons vorbereitet, jeder Mensch beschriftete einen Karton mit einem Begriff: Inklusion, Demokratie, Gerechtigkeit, Feminismus etc. und stellte ihn als persönlichen Stein auf die symbolische Brandmauer. Als Ulli sah, wie Lindauer/Innen aus unterschiedlichen demokratischen Lagern schrieben, dachte sie: Hör auf mit deinen Schubladen, wir sind Demokratinnen und Demokraten, wichtig ist, dass wir zusammenstehen für die Demokratie und Vielfalt. Für Passantinnen und Passanten war die Kartonmauer vor allem ein Gesprächsanlass, für Ulli eine der eindrucksvollsten Aktionen überhaupt. Mit Menschen, die den OMAS ablehnend gegenüberstehen, ist genau das oft schwierig, anders als früher, als sie mit Wahlflyern auf der Straße noch ins Gespräch kam.

    Heute wird man im Vorbeigehen dumm dreist angegangen, mit Sätzen wie Ihr seid ja alle Demenz, oder am Stand zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes: Ich bin nicht für das Grundgesetz, ich bin für die Verfassung. Bevor Ulli antworten konnte, sind die Leute schon weiter. Man wird attackiert, ohne dass ein Gespräch daraus wird, obwohl genau das ihr Ziel ist. Mit rechtsextremen Funktionärinnen und Funktionären vom Schlage eines Dr. Rotfuß und ähnlichen Akteuren reden die OMAS bewusst nicht, mit den übrigen Bürgerinnen und Bürgern aber sehr wohl. Bedrohliche Situationen hat Ulli bislang nicht erlebt, nur kleinere, hingeworfene Anfeindungen.

    Das Positivste bleibt für sie die Gemeinschaft, sich mit einem gemeinsamen Nenner nach außen zu zeigen. Die Themen, die in ihr brennen, nach außen zu tragen, gleicht für sie einer Graswurzelbewegung: Wer einmal infiziert wurde und darüber weiterredet, steckt andere an, und es wächst und wächst, ihr persönlich zwar viel zu langsam, aber stetig, und das gibt ihr Antrieb. Ihre größte Angst ist, dass der Rechtsruck weiter voranschreitet, mit einer Verrohung der Sprache, die für sie längst nicht nur ein Thema der AfD ist. In Bayern lässt sie es besonders fassungslos zurück, dass es die Freien Wähler und die CSU gibt und trotzdem ein so großer Anteil an AfD-Zustimmung bleibt. Dass sich das noch weiter verschiebt, ist ihre Angst, doch letztlich ist sie überzeugt, dass die Mehrheit woanders steht. Das ist ihre Motivation für die Zukunft: dass sich diese Mehrheit auch zeigt. Und dass die Erinnerungskultur hochgehalten wird, weil die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sterben und es nun an der jüngeren Generation liegt, dieses Wissen weiterzutragen.

    Zu Hause lagern bei Ulli mehrere Kisten mit Dokumenten, Feldpostbriefen und Literatur vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg, Hinterlassenschaften ihres gefallenen Onkels, ihrer Tante und ihres Vaters. Sie hat sie im letzten Moment vor der Entsorgung gerettet und will sie nun katalogisieren und dem Schulmuseum Friedrichshafen übergeben.

    Dass ihr Vater damals kaum über seine Kriegserlebnisse gesprochen hat, führt Ulli darauf zurück, dass viele in seiner Generation diese Büchse der Pandora nie geöffnet haben. Das weiß sie aus den vielen Hunderten Sterbebegleitungen ihrer Hospizarbeit: Diese Generation hielt ihre eigene Rückschau oft erst im Angesicht des nahenden Lebensendes, vorher nicht. Manche Ehepaare erzählten sich nach dem Krieg ein einziges Mal, was geschehen war, und lebten danach jahrzehntelang zusammen, ohne je wieder ein Wort darüber zu verlieren. Für Ulli eine zutiefst verstörende Vorstellung, was diese Menschen Jahrzehnte an Traumata in sich verschlossen hatten.

    Erst nach dem Tod ihres Vaters erzählte ihr Onkel, dass ihr Vater in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in den Rheinwiesenlagern versucht hatte, einen Füllfederhalter zu behalten, den er von seinem gefallenen Bruder geschenkt bekommen hatte. Er flehte den Wachsoldaten an, der Soldat zertrat ihn vor seinen Augen. Dass ihr Vater seinen Töchtern das in der Pubertät nicht erzählt hat, versteht Ulli heute. Aus ihrer Hospizarbeit hat sie gelernt: Bevor man geht, hält man noch einmal Rückschau auf das eigene Leben, um Dinge loszuwerden.

    Woher der Satz Nie wieder ist jetzt ursprünglich stammt, weiß Ulli nicht, doch sie findet ihn genial und zutiefst wichtig. Der Großteil der Menschen, die hier leben, steht ihrer Überzeugung nach nicht für Rechtsextremismus, sie sind mehr, vielfältig und bunt, artikulieren sich nur oft nicht laut und sichtbar genug. Ihr Wunsch ist es, durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte mehr Rundung für ihr Leben zu gewinnen, wohlwissend, dass solche Traumata wie ein schwerer Sack über Generationen weitergetragen werden und in das eigene Leben wirken.

    Der gesamte Lebensweg ihres Vaters war von dem Aufwachsen im Nationalsozialismus geprägt. Er wurde Fürsorger, weil er obdachlosen, alkoholkranken und haltlosen jungen Menschen nach dem Krieg einen neuen Lebensweg eröffnen wollte. Er wurde später Psychologe, Soziologe und Psychoanalytiker. Nun ist es an Ulli, die Kisten mit den Büchern weiterzugeben. Das Engagement bei den OMAS bedeutet für sie eine echte Selbstermächtigung. Mit so vielen klugen, weisen Frauen in einer Reihe zu stehen, gibt ihr die Kraft und den Mut, weiterzumachen und Hoffnung zu haben.

  • Hergatz / Karsee

    Hergatz / Karsee


    Hergatz / Karsee, 14. Juli 2026

    Der Aufruf kam kurzfristig. Das Bündnis Solidarisches Allgäu hatte für den Abend zu einer Eilkundgebung vor dem Rathaus in Hergatz gerufen, als Reaktion auf Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen den AfD-Stadtrat und Kreisrat Christian Thomas wegen des Verdachts der schweren Körperverletzung. Thomas ist in der Region bekannt als Organisator der AfD-Stammtische im Gasthof Stiefenhofer in Itzlings – jenem Lokal, vor dem die OMAS GEGEN RECHTS Bodensee und das Bündnis „Hergatz bleibt bunt“ jeden ersten Dienstag im Monat demonstrieren. Die Staatsanwaltschaft Kempten hatte bereits bestätigt, dass Thomas bei einer früheren Demonstration Teilnehmende mit Pfefferspray besprüht haben soll.
    Rund achtzig Menschen fanden sich spontan an diesem Abend vor dem Rathaus ein. Ich begleitete die OMAS GEGEN RECHTS Bodensee, die sich für diesen Abend aufgeteilt hatten, denn eigentlich war für denselben Tag eine Aktion in Karsee geplant.

    In Karsee, einem Ortsteil von Wangen im Allgäu, fand zeitgleich eine Informationsveranstaltung statt, die mehr als zweihundert Menschen in die Turnhalle zog. Hintergrund: Das Gasthaus Adler hatte sich in den vergangenen Jahren zunehmend zu einem Treffpunkt für Querdenker, Impfgegner und Verschwörungstheoretiker entwickelt. Das Landesamt für Verfassungsschutz stellte bei manchen Veranstaltungen dort extremistische Bezüge ins Milieu der Reichsbürger fest. Der Theologe und Sektenbeauftragte Matthias Pöhlmann referierte über rechte Esoterik und Verschwörungsglauben – ein Phänomen, das sich zunehmend auch im ländlichen Raum ausbreitet, oft unbemerkt, unter dem Deckmantel von Yoga-Kursen, Rohkostabenden oder alternativen Bildungsangeboten. Das Dorfbündnis Karseer Mitte, ein Zusammenschluss von rund siebzig Einzelpersonen, Vereinen und Firmen aus dem Ort, hatte den Abend organisiert.

    Es war ein Dienstag, an dem deutlich wurde, wie viel gleichzeitig passiert – und wie dünn die Decke manchmal ist.

  • Probenbesuch: Forumtheater der OMAS GEGEN RECHTS Bodensee

    Probenbesuch: Forumtheater der OMAS GEGEN RECHTS Bodensee

    Probenbesuch: Forumtheater der OMAS GEGEN RECHTS Bodensee

    Am 8. Juli 2026 durfte ich an der Probe für ein Forumtheaterstück der OMAS GEGEN RECHTS Bodensee teilnehmen und die Gruppe fotografisch begleiten. Es war die Probe zum Stück „Was ist eigentlich los hier?“, das bald wieder zur Aufführung kommt. Künstlerische Leitung: Irmgard Sollinger. Erarbeitet hatten die Frauen das Stück gemeinsam mit Micha Messermann, Mainz, in nur einer Woche im März 2026.

    Was ist Forumtheater?
    Forumtheater ist eine Form des interaktiven Theaters, entwickelt vom brasilianischen Regisseur Augusto Boal im Rahmen seines „Theaters der Unterdrückten“. Gezeigt wird zunächst eine Szene mit einem ungelösten Konflikt oder einer Unterdrückungssituation. Danach wird die Szene noch einmal gespielt, und das Publikum darf jederzeit „Stopp!“ rufen, selbst auf die Bühne kommen und eine Figur ersetzen, um auszuprobieren, wie sich die Situation anders lösen ließe. Ziel ist nicht die perfekte Lösung, sondern das gemeinsame Durchspielen von Handlungsmöglichkeiten: Theater als Probebühne für echtes Eingreifen.

    Das Stück verknüpft thematisch zwei Zeitebenen. Am Anfang steht ein Kriegerdenkmal, ein Chor singt „Lili Marleen“. Aloys, kriegsversehrt, wird von den Erinnerungen eingeholt und übergibt seiner Nachfahrin Hedi einen schweren Sack: die Last der Vergangenheit, die sie widerwillig schultert.

    Im zweiten Teil, in einem Supermarkt, geraten Hedi und ihre Freundin Biggi beim Einkaufen in eine Konfrontation: Kevin, ein junger Mann mit Kapuzenpulli, greift ein schwangeres lesbisches Paar verbal an. Hedi stellt sich schützend dazwischen. Biggi dagegen steht für die Menschen, die nicht hinschauen wollen: Sie nimmt die Attacke zwar wahr, wendet sich aber ab, will damit nichts zu tun haben, ist genervt und will lieber in Ruhe Champagner für ihre Geburtstagsparty kaufen. Als Hedi von Kevin bespuckt wird, bleibt Biggi keine Wahl mehr, als ihrer Freundin notdürftig „beizustehen“; doch kaum ist die Situation vorbei, schiebt sie Hedi von sich weg, mahnt sie, ja nicht ihre Party zu versauen, und verschwindet. Hedi bleibt fassungslos allein zurück: „Ich begreife es nicht, ich begreife es einfach nicht.“
    Wie mir die Frauen erzählten, hat das Stück in bisherigen Aufführungen mehrfach für Gänsehaut-Momente gesorgt. Meist stellt sich das Publikum schützend vor das angegriffene queere Paar. Nur einmal bekam stattdessen Kevin Unterstützung aus dem Publikum, und sofort formierte sich die gesamte Zuschauerschaft gegen ihn. Bei dieser Gelegenheit ging auch jemand direkt zu Kevin, fragte ihn, ob ihn denn irgendjemand liebe, und Kevin fiel buchstäblich die Maske herunter, er konnte gar nichts mehr sagen.

    Für nächstes Jahr wird überlegt, das Stück näher an die eigenen Erfahrungen der Omas heranzurücken, etwa indem statt des queeren Paares reale Beschimpfungen eingebaut werden, mit denen sich die Frauen selbst immer wieder auseinandersetzen müssen. In seiner Kürze trägt das Stück für mich alles in sich: eine traumatisierte Generation, die ihr Päckchen weitergibt, falsche Ideologien, und der wiederauferstandene Hass gegen Andersdenkende. Es regt zum Mitmachen an und zum Nachdenken.

    Kommende Termine:
    01.–09.8.26, Friedrichshafen, Kulturufer (Termine noch nicht fixiert)
    02.10.26, 15–20 Uhr, Konstanz, Lange Nacht der Demokratie, Münsterplatz
    11.10.26, 18:30–19:30 Uhr, Heimenkirch, Paul-Beck-Haus, im Rahmen der Interkulturellen Woche der VHS Lindenberg
    Frühjahr 2027: VHS Lindenberg (2. Aufführung im Rahmen eines Projekts zur Aufarbeitung des 3. Reichs) und VHS Lindau

    Ich hoffe, eine der kommenden Aufführungen selbst sehen zu können, und freue mich schon sehr darauf.

  • Itzlings, am Dienstag

    Itzlings, am Dienstag

    Hergatz Itzlings, am Dienstag

    Der Bahndamm ist gesperrt, der Verkehr wird umgeleitet – direkt an der schmalen Bannerabsperrung vorbei, in der die Demonstrierenden Aufstellung genommen haben. Wer hier steht, steht zwangsläufig nah am Geschehen. Die Autos und Lastwagen donnern im Vorbeifahren dicht an den OMAS GEGEN RECHTS und den anderen Protestierenden vorbei. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt, scheinbar ungerührt, der Gasthof Stiefenhofer.
    Das Haus atmet Geschichte: 1680 als Schenke eröffnet und seit 1740 im Besitz der Familie Stiefenhofer, war es über Jahrhunderte der unbestrittene Mittelpunkt des dörflichen Lebens – bekannt für seinen Wurstsalat, die gesellige Atmosphäre und als fester Anlaufpunkt für Reisende. Mit den Einschränkungen der Corona-Pandemie gaben die Wirtsleute den regulären Gastbetrieb auf; der Eigentümer Alois Stiefenhofer junior konzentrierte sich fortan ganz auf die Landwirtschaft. Doch seit Herbst 2024 herrscht hier einmal im Monat eine völlig neue Dynamik: Der AfD-Kreisverband Westallgäu-Lindau nutzt die Räumlichkeiten für seinen regelmäßigen Stammtisch.
    Als ich versuchte, die Straßenseite zu wechseln, um das Gebäude aus einer besseren Perspektive zu fotografieren, wurde ich von der Polizei abgehalten. Die Begründung: Privatgrund, der gesamte Bereich gehöre zum Gasthof. Rechtlich ist daran rein gar nichts auszusetzen – es ist das verbriefte Eigentum des Wirts, sein Haus und somit seine legale Ausübung des Hausrechts. Eine Schikane ist es nicht, sondern schlicht geltendes Recht.
    Als Gegenbewegung zu diesen Treffen formierte sich bereits im Januar 2025 – und damit seit mehr als einem Jahr – das überparteiliche Bündnis „Hergatz bleibt bunt“. Seither ruft es an jedem ersten Dienstag im Monat zum „Demokratie-Dienstag“ auf. Eine Petition gegen die Treffen hat mittlerweile mehr als 800 Unterschriften eingebracht – beachtlich ist dabei, dass ein gutes Drittel der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner direkt aus Itzlings und der unmittelbaren Umgebung stammt.
    Was in dem kleinen Allgäuer Ort verhandelt wird, berührt im Kern eine fundamentale Frage des öffentlichen Raums: Wer darf sich wo Gehör verschaffen, wer wird an den schmalen Rand der Straße verwiesen – und wo genau verläuft die Grenze, ab der die Öffentlichkeit nicht mehr mitreden darf, weil das Hausrecht des Einzelnen beginnt? Die OMAS GEGEN RECHTS besetzen an diesem Dienstag den wohl engsten Platz an der Straße – und sie werden, so viel steht fest, auch im nächsten Monat wieder dort stehen.

  • Franziska

    Franziska

    Franziska / Berlin

    Wer in der Berliner Waldsiedlung Zehlendorf vor den roten Ziegeldächern steht, blickt auf eine steingewordene Geschichte. 1938 für die SS erbaut, spiegeln die Häuser noch heute in ihrer Anlage die Hierarchie des NS-Regimes wider: Einzelhäuser für die höheren Dienstgrade, Reihenhäuser für die unteren. Franziska ist hier aufgewachsen — und nach Jahren zurückgekehrt. Sie wohnt wieder in derselben Siedlung, deren Geschichte nach dem Krieg unter neuen Eigentümern und vernichteten Akten weitgehend begraben wurde. Was geblieben ist, sind die Mauern — und die Frage, was man damit macht. Franziska hat ihre Antwort gefunden: Ein paar Straßen entfernt trifft sich ihre Gruppe der OMAS GEGEN RECHTS. Die einstigen Bewohner, sagt sie, rotieren hoffentlich im Grab.

    Franziska, Jahrgang 1959, ist mit dem Wirtschaftswunder aufgewachsen, in einem Zehlendorfer Wohlstand, den sie heute als reinen Zufall des Geburtsortes begreift. Aus einer protestantischen Familie stammend — der Großvater Pfarrer, ein Onkel Theologieprofessor — ist sie selbst aus der Kirche ausgetreten, aber mit einem Satz aufgewachsen, der sie nie losgelassen hat: Wer etwas hat, gibt ab. Politisch interessiert war sie immer, aktivistisch engagiert erst seit 2016, als sie begann, Geflüchtete zu unterstützen. Was als Begleitung einer einzelnen Familie begann, führte sie bald in die Steuerungsgruppe einer der größten Berliner Hilfsorganisationen. Dort lernte sie, was es bedeutet, Strukturen aufzubauen, Netzwerke zu knüpfen, Verantwortung zu tragen. Irgendwann reichte ihr das Lindern nicht mehr — sie wollte die Ursachen bekämpfen, politisch eingreifen.

    Den Weg zu den OMAS GEGEN RECHTS fand sie 2019 durch eine Begegnung in einer Kirchengemeinde. Zwei Frauen sagten in der Pause eines Vortrags, sehr stolz: Wir sind OMAS GEGEN RECHTS. Franziska hatte diese Frauen mit ihren Schildern bei Demos gesehen und immer gedacht, das seien Einzelpersonen, die sich ihre Schilder selbst gebastelt hatten — irgendwie putzig. Dass dahinter eine Bewegung steckt, wusste sie nicht. In der Pause ging sie auf die beiden zu. Kurz darauf fuhr sie zu ihrem ersten monatlichen Treffen nach Kreuzberg. Dreißig, vierzig Frauen — das waren damals alle Berliner OMAS. Als man sie fragte, ob sie eine – die erste- Bezirks-Gruppe in Zehlendorf gründen wolle, sagte sie zweimal Nein. Beim Rausgehen sagte sie Ja.

    Inzwischen ist die Bewegung in Berlin auf dutzende Stadtteilgruppen angewachsen — und längst weit mehr als eine Reaktion auf die AfD. Die OMAS sind beim Christopher Street Day, bei Klimademos, bei Mahnwachen für Geflüchtete. Sie putzen Stolpersteine, besuchen Gedenkstätten, setzen sich für queere Menschen ein, gegen Frauenfeindlichkeit, gegen Antisemitismus, für Roma, für alle, die von rechts missachtet und diskriminiert werden. Für Franziska ist das kein Widerspruch, sondern eine ganzheitliche Verteidigung des Grundgesetzes: OMA GEGEN RECHTS zu sein bedeutet, sich gegen alles zu wenden, was diese Demokratie von innen aushöhlt.

    Ihre Entschlossenheit hat sie an Orte geführt, die sie sich früher nicht zugetraut hätte. Nachts hat sie ein rechtes Graffiti übermalt — nach dem Vorbild der Künstlerin Irmela Mensah-Schramm, die das seit vierzig Jahren macht . Und nach der Correctiv-Recherche hielt sie, gemeinsam mit einer anderen OMA, eine Rede vor 150.000 Menschen auf dem Berliner Reichstagsgelände. Die Rede hatte sie kurz zuvor in nur einer Nacht geschrieben. Auf dem Fahrrad nach Hause dachte sie immer wieder: Habe ich das gerade wirklich gemacht? Sie ist keine Profi-Rednerin — aber vielleicht war genau das der Charme.
    Heute trommelt Franziska. Nicht als Freizeitbeschäftigung, sondern als politische Handlung. Wenn Rechte Vorträge halten, stehen sie davor und trommeln so laut, dass kein Livestream dagegen ankommt. Für sie ist das Musik und Widerstand zugleich — und der Moment, in dem sie ganz bei sich ist.

    Was sie antreibt, ist der Wunsch, die Demokratie zu bewahren, in der sie aufgewachsen ist. Nicht weil sie perfekt war — es gab immer Kämpfe, immer Ungerechtigkeiten. Aber sie war nie so existenziell bedroht wie jetzt. Dass ein Antrag zur Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens gestellt wird, ist für Franziska keine abstrakte Forderung, sondern das Dringlichste, was im Moment getan werden kann: den politischen Geldhahn zudrehen, bevor noch mehr Schaden entsteht. Dafür setzt sie ihre gesamte Freizeit ein — und das, sagt sie, tut sie so lange, wie es nötig ist.