Am 22. August 2026 begleitete ich die Berliner OMAS GEGEN RECHTS zu der Aktion „Cornern gegen Rechts“ vor dem Rathaus Charlottenburg. Am späten Nachmittag versammelten sie sich dort gemeinsam mit der Plattform „CW hält zusammen“, lokalen linken Gruppen, der Kiez-Antifa und Vertreter*innen der Partei Die Linke Charlottenburg-Wilmersdorf, um lautstark gegen einen dort stattfindenden AfD-„Bürgerdialog“ mit Beatrix von Storch dagegenzuhalten. Flugblätter, Flyer, Musik aus mobilen Boxen, und ein Ruf, der immer wieder über den Vorplatz schallte, sobald jemand das Gebäude betrat: „Von den Alpen bis an die Spree, keiner braucht die AfD!“
Dann tauchten 2 rechtsoffene Streamer Teams auf: ein älterer Mann mit Schiebermütze und Funkmikrofon im „Guten Morgen“-Hoodie (Fan-Merchandise des befreundeten sächsischen Netzwerks Weichreite TV), sowie die Frauen des Berliner Kanals StraßenEcho TV.
Für Außenstehende wirkt so etwas oft wie eine spontane Konfrontation. Wer diese Szene länger beobachtet, erkennt darin ein eingeübtes System aus gezielter Schwarm-Provokation. Mit Dreibeinstativen, mehreren parallel laufenden Smartphones und Gimbals bauen solche Streamer*innen eine Kulisse totaler Überwachung auf und kreisen die Aktivistinnen förmlich ein, bis man kaum noch weiß, aus welchem Winkel man gerade gefilmt wird. Bei den beiden Frauen übernahm eine den psychologischen Part: Mit Mikrofon drang sie unerträglich nah in den geschützten Raum der Omas ein, stellte betont scheinheilige Fragen und versuchte, die Demonstrantinnen aus der Reserve zu locken. Das eigentliche Ziel ist das Publikum im Live-Chat auf YouTube, wo hunderte Zuschauerinnen mitheizen und die Streamer*innen anfeuern, noch näher heranzugehen. Das gefilmte Gegenüber wird so zur wehrlosen Zielscheibe im digitalen Raum.
Weder die Omas noch die anderen linken Aktivistinnen ließen sich das kampflos gefallen. Die Teilnehmer*innen rückten eng zusammen und verschanzten sich hinter Transparenten und Oma Regenschirmen, um sich den ungewollten Aufnahmen zu entziehen. Eine der Omas stellte sich dem kameraführenden Streamer entschlossen entgegen und hielt ihr Protestschild beharrlich vor sein Objektiv. Es entstand ein skurriles Tänzchen, der Streamer wich genervt nach links und rechts aus, um doch noch ein Gesicht einzufangen, die Oma blockierte die Linse konsequent weiter.
Als der Streamer merkte, dass er gegen den geschlossenen Protest keine verwertbaren Bilder für seinen Chat bekam, wechselte er augenblicklich in die für diese Szene typische Opferrolle: Er lief zu den bereitstehenden Polizeikräften und beschwerte sich über die Behinderung seiner „journalistischen Arbeit“. Die Einsatzkräfte gingen dazwischen und trennten die Parteien. Die Omas erkundigten sich daraufhin besorgt bei der Polizei, wie nah solche Streamer*innen eigentlich kommen dürfen und ob es keinen rechtlichen Mindestabstand gebe. Die Berliner Polizei verwies lediglich auf die geltende Pressefreiheit. Weil sich diese Akteur*innen formell als „Bürgerjournalist*innen“ inszenieren, behielten sie ihren uneingeschränkten Zugang und filmten aus nächster Nähe weiter.

Trotz dieser massiven psychischen Druckkulisse blieb das Bündnis aus Omas, linken Initiativen und Kiez-Aktivist*innen stabil, laut und friedlich. Sie haben sich von den beiden Streamer-Teams nicht wegfilmen lassen. Genau diese generationenübergreifende Standhaftigkeit zeigt, wie wichtig sichtbare Zivilcourage auf der Straße ist.