Rosemarie / Berlin

Rosemarie wollte Ägyptologin werden. Nach 1945 wurde das Fach in West-Berlin nicht angeboten — nur privat in Freiburg. Aber Freiburg war zu weit, kein Stipendium, kein Geld, und die Mutter wollte sie nicht alleine lassen. Also Theologie. Nebenbei heimlich Gesang am Konservatorium — heimlich, weil die Mutter eine Opernsängerin als Tochter ungefähr so willkommen geheißen hätte wie eine Straßenkünstlerin. Dann Querflöte. Dann Lyrik, Hieroglyphen, Altgriechisch. Dann, irgendwann, TikTok — für die OMAS GEGEN RECHTS.

Das Muster ist klar: Wenn etwas sie interessiert, macht sie es. Nicht für den Beruf, nicht für den Lebenslauf. Einfach um es zu wissen, um es zu können. Das hat sie von ihrem Vater, der sich als Privatgelehrter durch verschiedene Wissensgebiete bewegte und in seinem Hause jeden als Gast willkommen hieß — Künstler, Wissenschaftler, Handwerker. Nur Politiker nicht. Die haben alle schmutzige Hände, soll er gesagt haben.

Das Elternhaus war preußisch-evangelisch, humanistisch, mit einem klaren Grundsatz: Wer privilegiert ist, hat Pflichten. Nicht Rechte — Pflichten. Sich um andere kümmern, die weniger haben. Nicht aus Mitleid, sondern weil es selbstverständlich ist. Rosemarie betont das ausdrücklich: Es ist einfach der Boden, auf dem sie gewachsen ist. Was man daraus macht, ist die eigene Sache.

Bei den OMAS GEGEN RECHTS ist sie nicht deswegen, weil sie besonders politisch wäre. Sie bezeichnet sich selbst als eher karitativ, sozial, mitmenschlich. Aber was gegen die Menschlichkeit geht, wie das Programm der AfD, das geht ihr gegen den Strich — und darum geht sie auf die Barrikaden. Die Stolpersteine liebt sie besonders: nicht das Putzen selbst, denn sie ist dafür nicht mehr beweglich genug, sondern das Gedenken an den betreffenden Menschen, dem der Stein gehört. Und das Laufen dazwischen, die Gespräche, die dabei entstehen. Da lerne ich die Frauen wirklich kennen — ihre Seele, ihre Einstellung, ihr Sein. Im Plenum redet man fürs Plenum. Auf dem Weg zum nächsten Stolperstein redet man miteinander.Ihre Enkelinnen in Frankfurt sind längst dabei — sie gehen zu OMAS-Veranstaltungen und CSDs mit, wenn sie können. Und sind stolz auf ihre Oma. Das freut sie weil es zeigt, dass etwas weitergeht.

Ihre Analyse der politischen Lage ist scharf und ohne Illusionen. Die Rechten bedienen Emotionen — Zugehörigkeit, Angst, Neid — die in jedem Menschen stecken und sich nicht wegargumentieren lassen. Was fehlt, sind Gegennarrative, die genauso einfach und genauso menschlich sind. Nicht elitär. Nicht komplex. Einfach wahr.

Ob es eine Lösung gibt? Rosemarie überlegt — und gründet dann kurzerhand eine neue Partei. Zumindest gedanklich. Erstmal würde sie sehr viele Menschen auf anspruchsvolle humanitäre Gedanken und Ziele einstimmen. Gar nicht philosophisch — einfach mitmenschlich. Schon das schafft ja kaum einer.

Bis dahin schreibt sie Gedichte, Kurzgeschichten und TikTok-Limericks, geht zu Stolpersteinen und Demos mit den OMAS GEGEN RECHTS, liest in Kitas aus pädagogisch und demokratisch wertvollen Kinderbüchern vor, unterstützt den Deutschunterricht in einer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und Migranten — und wird 120.