Probenbesuch: Forumtheater der OMAS GEGEN RECHTS Bodensee
Am 8. Juli 2026 durfte ich an der Probe für ein Forumtheaterstück der OMAS GEGEN RECHTS Bodensee teilnehmen und die Gruppe fotografisch begleiten. Es war die Probe zum Stück „Was ist eigentlich los hier?“, das bald wieder zur Aufführung kommt. Künstlerische Leitung: Irmgard Sollinger. Erarbeitet hatten die Frauen das Stück gemeinsam mit Micha Messermann, Mainz, in nur einer Woche im März 2026.
Was ist Forumtheater?
Forumtheater ist eine Form des interaktiven Theaters, entwickelt vom brasilianischen Regisseur Augusto Boal im Rahmen seines „Theaters der Unterdrückten“. Gezeigt wird zunächst eine Szene mit einem ungelösten Konflikt oder einer Unterdrückungssituation. Danach wird die Szene noch einmal gespielt, und das Publikum darf jederzeit „Stopp!“ rufen, selbst auf die Bühne kommen und eine Figur ersetzen, um auszuprobieren, wie sich die Situation anders lösen ließe. Ziel ist nicht die perfekte Lösung, sondern das gemeinsame Durchspielen von Handlungsmöglichkeiten: Theater als Probebühne für echtes Eingreifen.
Das Stück verknüpft thematisch zwei Zeitebenen. Am Anfang steht ein Kriegerdenkmal, ein Chor singt „Lili Marleen“. Aloys, kriegsversehrt, wird von den Erinnerungen eingeholt und übergibt seiner Nachfahrin Hedi einen schweren Sack: die Last der Vergangenheit, die sie widerwillig schultert.
Im zweiten Teil, in einem Supermarkt, geraten Hedi und ihre Freundin Biggi beim Einkaufen in eine Konfrontation: Kevin, ein junger Mann mit Kapuzenpulli, greift ein schwangeres lesbisches Paar verbal an. Hedi stellt sich schützend dazwischen. Biggi dagegen steht für die Menschen, die nicht hinschauen wollen: Sie nimmt die Attacke zwar wahr, wendet sich aber ab, will damit nichts zu tun haben, ist genervt und will lieber in Ruhe Champagner für ihre Geburtstagsparty kaufen. Als Hedi von Kevin bespuckt wird, bleibt Biggi keine Wahl mehr, als ihrer Freundin notdürftig „beizustehen“; doch kaum ist die Situation vorbei, schiebt sie Hedi von sich weg, mahnt sie, ja nicht ihre Party zu versauen, und verschwindet. Hedi bleibt fassungslos allein zurück: „Ich begreife es nicht, ich begreife es einfach nicht.“
Wie mir die Frauen erzählten, hat das Stück in bisherigen Aufführungen mehrfach für Gänsehaut-Momente gesorgt. Meist stellt sich das Publikum schützend vor das angegriffene queere Paar. Nur einmal bekam stattdessen Kevin Unterstützung aus dem Publikum, und sofort formierte sich die gesamte Zuschauerschaft gegen ihn. Bei dieser Gelegenheit ging auch jemand direkt zu Kevin, fragte ihn, ob ihn denn irgendjemand liebe, und Kevin fiel buchstäblich die Maske herunter, er konnte gar nichts mehr sagen.
Für nächstes Jahr wird überlegt, das Stück näher an die eigenen Erfahrungen der Omas heranzurücken, etwa indem statt des queeren Paares reale Beschimpfungen eingebaut werden, mit denen sich die Frauen selbst immer wieder auseinandersetzen müssen. In seiner Kürze trägt das Stück für mich alles in sich: eine traumatisierte Generation, die ihr Päckchen weitergibt, falsche Ideologien, und der wiederauferstandene Hass gegen Andersdenkende. Es regt zum Mitmachen an und zum Nachdenken.
Kommende Termine:
01.–09.8.26, Friedrichshafen, Kulturufer (Termine noch nicht fixiert)
02.10.26, 15–20 Uhr, Konstanz, Lange Nacht der Demokratie, Münsterplatz
11.10.26, 18:30–19:30 Uhr, Heimenkirch, Paul-Beck-Haus, im Rahmen der Interkulturellen Woche der VHS Lindenberg
Frühjahr 2027: VHS Lindenberg (2. Aufführung im Rahmen eines Projekts zur Aufarbeitung des 3. Reichs) und VHS Lindau
Ich hoffe, eine der kommenden Aufführungen selbst sehen zu können, und freue mich schon sehr darauf.
Portfolio Category: Deutschland
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Probenbesuch: Forumtheater der OMAS GEGEN RECHTS Bodensee
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Itzlings, am Dienstag
Hergatz Itzlings, am Dienstag
Der Bahndamm ist gesperrt, der Verkehr wird umgeleitet – direkt an der schmalen Bannerabsperrung vorbei, in der die Demonstrierenden Aufstellung genommen haben. Wer hier steht, steht zwangsläufig nah am Geschehen. Die Autos und Lastwagen donnern im Vorbeifahren dicht an den OMAS GEGEN RECHTS und den anderen Protestierenden vorbei. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt, scheinbar ungerührt, der Gasthof Stiefenhofer.
Das Haus atmet Geschichte: 1680 als Schenke eröffnet und seit 1740 im Besitz der Familie Stiefenhofer, war es über Jahrhunderte der unbestrittene Mittelpunkt des dörflichen Lebens – bekannt für seinen Wurstsalat, die gesellige Atmosphäre und als fester Anlaufpunkt für Reisende. Mit den Einschränkungen der Corona-Pandemie gaben die Wirtsleute den regulären Gastbetrieb auf; der Eigentümer Alois Stiefenhofer junior konzentrierte sich fortan ganz auf die Landwirtschaft. Doch seit Herbst 2024 herrscht hier einmal im Monat eine völlig neue Dynamik: Der AfD-Kreisverband Westallgäu-Lindau nutzt die Räumlichkeiten für seinen regelmäßigen Stammtisch.
Als ich versuchte, die Straßenseite zu wechseln, um das Gebäude aus einer besseren Perspektive zu fotografieren, wurde ich von der Polizei abgehalten. Die Begründung: Privatgrund, der gesamte Bereich gehöre zum Gasthof. Rechtlich ist daran rein gar nichts auszusetzen – es ist das verbriefte Eigentum des Wirts, sein Haus und somit seine legale Ausübung des Hausrechts. Eine Schikane ist es nicht, sondern schlicht geltendes Recht.
Als Gegenbewegung zu diesen Treffen formierte sich bereits im Januar 2025 – und damit seit mehr als einem Jahr – das überparteiliche Bündnis „Hergatz bleibt bunt“. Seither ruft es an jedem ersten Dienstag im Monat zum „Demokratie-Dienstag“ auf. Eine Petition gegen die Treffen hat mittlerweile mehr als 800 Unterschriften eingebracht – beachtlich ist dabei, dass ein gutes Drittel der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner direkt aus Itzlings und der unmittelbaren Umgebung stammt.
Was in dem kleinen Allgäuer Ort verhandelt wird, berührt im Kern eine fundamentale Frage des öffentlichen Raums: Wer darf sich wo Gehör verschaffen, wer wird an den schmalen Rand der Straße verwiesen – und wo genau verläuft die Grenze, ab der die Öffentlichkeit nicht mehr mitreden darf, weil das Hausrecht des Einzelnen beginnt? Die OMAS GEGEN RECHTS besetzen an diesem Dienstag den wohl engsten Platz an der Straße – und sie werden, so viel steht fest, auch im nächsten Monat wieder dort stehen. -

Franziska

Franziska / Berlin
Wer in der Berliner Waldsiedlung Zehlendorf vor den roten Ziegeldächern steht, blickt auf eine steingewordene Geschichte. 1938 für die SS erbaut, spiegeln die Häuser noch heute in ihrer Anlage die Hierarchie des NS-Regimes wider: Einzelhäuser für die höheren Dienstgrade, Reihenhäuser für die unteren. Franziska ist hier aufgewachsen — und nach Jahren zurückgekehrt. Sie wohnt wieder in derselben Siedlung, deren Geschichte nach dem Krieg unter neuen Eigentümern und vernichteten Akten weitgehend begraben wurde. Was geblieben ist, sind die Mauern — und die Frage, was man damit macht. Franziska hat ihre Antwort gefunden: Ein paar Straßen entfernt trifft sich ihre Gruppe der OMAS GEGEN RECHTS. Die einstigen Bewohner, sagt sie, rotieren hoffentlich im Grab.
Franziska, Jahrgang 1959, ist mit dem Wirtschaftswunder aufgewachsen, in einem Zehlendorfer Wohlstand, den sie heute als reinen Zufall des Geburtsortes begreift. Aus einer protestantischen Familie stammend — der Großvater Pfarrer, ein Onkel Theologieprofessor — ist sie selbst aus der Kirche ausgetreten, aber mit einem Satz aufgewachsen, der sie nie losgelassen hat: Wer etwas hat, gibt ab. Politisch interessiert war sie immer, aktivistisch engagiert erst seit 2016, als sie begann, Geflüchtete zu unterstützen. Was als Begleitung einer einzelnen Familie begann, führte sie bald in die Steuerungsgruppe einer der größten Berliner Hilfsorganisationen. Dort lernte sie, was es bedeutet, Strukturen aufzubauen, Netzwerke zu knüpfen, Verantwortung zu tragen. Irgendwann reichte ihr das Lindern nicht mehr — sie wollte die Ursachen bekämpfen, politisch eingreifen.
Den Weg zu den OMAS GEGEN RECHTS fand sie 2019 durch eine Begegnung in einer Kirchengemeinde. Zwei Frauen sagten in der Pause eines Vortrags, sehr stolz: Wir sind OMAS GEGEN RECHTS. Franziska hatte diese Frauen mit ihren Schildern bei Demos gesehen und immer gedacht, das seien Einzelpersonen, die sich ihre Schilder selbst gebastelt hatten — irgendwie putzig. Dass dahinter eine Bewegung steckt, wusste sie nicht. In der Pause ging sie auf die beiden zu. Kurz darauf fuhr sie zu ihrem ersten monatlichen Treffen nach Kreuzberg. Dreißig, vierzig Frauen — das waren damals alle Berliner OMAS. Als man sie fragte, ob sie eine – die erste- Bezirks-Gruppe in Zehlendorf gründen wolle, sagte sie zweimal Nein. Beim Rausgehen sagte sie Ja.
Inzwischen ist die Bewegung in Berlin auf dutzende Stadtteilgruppen angewachsen — und längst weit mehr als eine Reaktion auf die AfD. Die OMAS sind beim Christopher Street Day, bei Klimademos, bei Mahnwachen für Geflüchtete. Sie putzen Stolpersteine, besuchen Gedenkstätten, setzen sich für queere Menschen ein, gegen Frauenfeindlichkeit, gegen Antisemitismus, für Roma, für alle, die von rechts missachtet und diskriminiert werden. Für Franziska ist das kein Widerspruch, sondern eine ganzheitliche Verteidigung des Grundgesetzes: OMA GEGEN RECHTS zu sein bedeutet, sich gegen alles zu wenden, was diese Demokratie von innen aushöhlt.
Ihre Entschlossenheit hat sie an Orte geführt, die sie sich früher nicht zugetraut hätte. Nachts hat sie ein rechtes Graffiti übermalt — nach dem Vorbild der Künstlerin Irmela Mensah-Schramm, die das seit vierzig Jahren macht . Und nach der Correctiv-Recherche hielt sie, gemeinsam mit einer anderen OMA, eine Rede vor 150.000 Menschen auf dem Berliner Reichstagsgelände. Die Rede hatte sie kurz zuvor in nur einer Nacht geschrieben. Auf dem Fahrrad nach Hause dachte sie immer wieder: Habe ich das gerade wirklich gemacht? Sie ist keine Profi-Rednerin — aber vielleicht war genau das der Charme.
Heute trommelt Franziska. Nicht als Freizeitbeschäftigung, sondern als politische Handlung. Wenn Rechte Vorträge halten, stehen sie davor und trommeln so laut, dass kein Livestream dagegen ankommt. Für sie ist das Musik und Widerstand zugleich — und der Moment, in dem sie ganz bei sich ist.
Was sie antreibt, ist der Wunsch, die Demokratie zu bewahren, in der sie aufgewachsen ist. Nicht weil sie perfekt war — es gab immer Kämpfe, immer Ungerechtigkeiten. Aber sie war nie so existenziell bedroht wie jetzt. Dass ein Antrag zur Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens gestellt wird, ist für Franziska keine abstrakte Forderung, sondern das Dringlichste, was im Moment getan werden kann: den politischen Geldhahn zudrehen, bevor noch mehr Schaden entsteht. Dafür setzt sie ihre gesamte Freizeit ein — und das, sagt sie, tut sie so lange, wie es nötig ist. -

PRÜF-Demo Hamburg 04 26
In Hamburg habe ich die Trommelgruppe der Omas gegen Rechts bei der PRÜF-Demo begleitet — Frauen, die mit Kochtöpfen, Pfannen und Haushaltsgegenständen lautstark für Demokratie eintreten. Und es war gleichzeitig der allererste Auftritt der neuen Blechbläsertruppe, die die Hamburger Omas von nun an begleiten wird.
Die PRÜF-Demos finden jeden zweiten Samstag gleichzeitig in allen Landeshauptstädten statt — mit einer Forderung: Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft werden, sollen vom Bundesverfassungsgericht geprüft werden. → pruef-demos.de
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Rosemarie

Rosemarie / Berlin
Rosemarie wollte Ägyptologin werden. Nach 1945 wurde das Fach in West-Berlin nicht angeboten — nur privat in Freiburg. Aber Freiburg war zu weit, kein Stipendium, kein Geld, und die Mutter wollte sie nicht alleine lassen. Also Theologie. Nebenbei heimlich Gesang am Konservatorium — heimlich, weil die Mutter eine Opernsängerin als Tochter ungefähr so willkommen geheißen hätte wie eine Straßenkünstlerin. Dann Querflöte. Dann Lyrik, Hieroglyphen, Altgriechisch. Dann, irgendwann, TikTok — für die OMAS GEGEN RECHTS.
Das Muster ist klar: Wenn etwas sie interessiert, macht sie es. Nicht für den Beruf, nicht für den Lebenslauf. Einfach um es zu wissen, um es zu können. Das hat sie von ihrem Vater, der sich als Privatgelehrter durch verschiedene Wissensgebiete bewegte und in seinem Hause jeden als Gast willkommen hieß — Künstler, Wissenschaftler, Handwerker. Nur Politiker nicht. Die haben alle schmutzige Hände, soll er gesagt haben.
Das Elternhaus war preußisch-evangelisch, humanistisch, mit einem klaren Grundsatz: Wer privilegiert ist, hat Pflichten. Nicht Rechte — Pflichten. Sich um andere kümmern, die weniger haben. Nicht aus Mitleid, sondern weil es selbstverständlich ist. Rosemarie betont das ausdrücklich: Es ist einfach der Boden, auf dem sie gewachsen ist. Was man daraus macht, ist die eigene Sache.
Bei den OMAS GEGEN RECHTS ist sie nicht deswegen, weil sie besonders politisch wäre. Sie bezeichnet sich selbst als eher karitativ, sozial, mitmenschlich. Aber was gegen die Menschlichkeit geht, wie das Programm der AfD, das geht ihr gegen den Strich — und darum geht sie auf die Barrikaden. Die Stolpersteine liebt sie besonders: nicht das Putzen selbst, denn sie ist dafür nicht mehr beweglich genug, sondern das Gedenken an den betreffenden Menschen, dem der Stein gehört. Und das Laufen dazwischen, die Gespräche, die dabei entstehen. Da lerne ich die Frauen wirklich kennen — ihre Seele, ihre Einstellung, ihr Sein. Im Plenum redet man fürs Plenum. Auf dem Weg zum nächsten Stolperstein redet man miteinander.Ihre Enkelinnen in Frankfurt sind längst dabei — sie gehen zu OMAS-Veranstaltungen und CSDs mit, wenn sie können. Und sind stolz auf ihre Oma. Das freut sie weil es zeigt, dass etwas weitergeht.
Ihre Analyse der politischen Lage ist scharf und ohne Illusionen. Die Rechten bedienen Emotionen — Zugehörigkeit, Angst, Neid — die in jedem Menschen stecken und sich nicht wegargumentieren lassen. Was fehlt, sind Gegennarrative, die genauso einfach und genauso menschlich sind. Nicht elitär. Nicht komplex. Einfach wahr.
Ob es eine Lösung gibt? Rosemarie überlegt — und gründet dann kurzerhand eine neue Partei. Zumindest gedanklich. Erstmal würde sie sehr viele Menschen auf anspruchsvolle humanitäre Gedanken und Ziele einstimmen. Gar nicht philosophisch — einfach mitmenschlich. Schon das schafft ja kaum einer.
Bis dahin schreibt sie Gedichte, Kurzgeschichten und TikTok-Limericks, geht zu Stolpersteinen und Demos mit den OMAS GEGEN RECHTS, liest in Kitas aus pädagogisch und demokratisch wertvollen Kinderbüchern vor, unterstützt den Deutschunterricht in einer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und Migranten — und wird 120.
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Karin

Omas gegen Rechts Celle – Gründerin
Karin ist kein mutiger Mensch. Das sagt sie selbst. Und trotzdem stellte sie sich 2019 allein mit einem selbst gebastelten Schild – „Oma gegen Rechts“, montiert auf einen Besenstiel – vor die Touristinformation am Alten Rathaus in Celle. Weil sie einen Fernsehbericht gesehen hatte. Weil die Rechten mehr wurden. Weil sie dachte: Da müsste man was tun. Man müsste sich hinstellen.
Zwei, drei Bekannte hatte sie gefragt. Die wollten nicht. Also stand sie allein.
Die Marktfrauen, die sie vom Einkaufen kannten, sagten: „Wenn Ihnen hier einer was tut, wir beschützen Sie.“ Das hat sie gestärkt. Sie blieb. Und kam wieder. Und wieder. Mit der Zeit wurden sie bekannter, die Gruppe wuchs – und sie kamen sogar in die Zeitung.
Von den Omas gegen Rechts hatte sie gelesen – gegründet 2017 in Österreich, längst in vielen Städten aktiv. In Celle gab es sie nicht. Also gründete Karin sie. Allein, mit einem Besenstiel.
Mit 70 wagte sie einen Neuanfang – allein, ohne Netz, ohne Wurzeln in der Stadt. Sie hatte im Fernsehen von einem Genossenschaftsprojekt in Celle gehört, setzte sich auf die Warteliste und fand schließlich eine kleine Wohnung. In der Nähe alles, was sie brauchte: zwei Apotheken, den Hausarzt, den Friseur, viermal in der Stunde den Bus. Ihren Sohn, Umweltschützer ohne Auto, besucht sie alle sechs Wochen in Bielefeld – mit Zug und Bus natürlich.
Und dabei trägt sie ihre Omas-Plakette. Man sollte sie abnehmen, sagt sie. Aber sie vergisst es einfach. Und dann passiert etwas Schönes: Junge Leute stellen ihr den Koffer aufs Gleis, begleiten sie zum richtigen Bahnsteig, fragen: „Woher kommen Sie denn? Das machen Sie in Celle?“ Fast immer sagen die Menschen: „Ist ja gut, was Sie da machen.“
Das Altwerden, sagt sie, muss nicht so schwer sein. Diese Fürsorglichkeit, diese Begegnungen – das hätte sie nicht erwartet. Und das ist auch der Grund, warum ihr das alles so wichtig ist. Ich möchte nicht, dass das verloren geht.
Sie besuchte einen Vortrag über 1933. Wie einfach es damals ging: ganz systematisch, ganz strukturiert – man erleichterte den Menschen das Leben und zog sie so auf die eigene Seite. Das ist so. Und nichts anderes passiert heute auch. Was sie antreibt, ist eine ganz konkrete Frage: In was für einer Gesellschaft werden die nächsten Generationen leben? Für mich ist es nicht mehr so wichtig. Aber was ist mit denen, die weiterleben müssen?
Uns kriegt niemand mehr von der Straße runter.
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Nora

Nora / Berlin
Nora hat sich früh dafür interessiert warum Menschen so handeln wie sie handeln. Zu Verstehen war und ist ihr Antrieb. Aus der beginnend naiven Frage wurde ein Beruf. Ihre Überzeugung ist, dass Menschen, die bewusster mit sich umgehen und sich selber besser verstehen zufriedener miteinander leben können.
Den Anstoß politisch aktiv zu werden gab die Correctiv-Recherche über die Remigrationspläne. Ihr und ihrer Frau wurde endgültig klar: Wegschauen ist keine Option. „Wer jetzt schweigt, ist mitverantwortlich.“ Was folgte, war die spontane Anmeldung bei den OMAS GEGEN RECHTS.
Was sie dort miteinbringt, ist genau das, was ihr wichtig ist: Die Fähigkeit hinzuschauen, auch wenn es wehtut und einen Umgang damit zu finden. Menschen, sagt sie, haben eine große Unfähigkeit negative Gefühle auszuhalten. Das Verdrängen und Meiden sind die Wurzel von viel Leid. Darin sieht sie einen zentralen Schlüssel der Wirksamkeit rechter Propaganda. Ihr Erklärungsmodell ist so einfach wie überzeugend: Unser Gehirn funktioniert noch im „Urmodus“. Durch die aktuell krisengeschüttelte und bedrohlich empfundene Zeit sind wir im Daueralarm. Diese Daueranspannung kann nicht durch einen klar identifizierbaren Feind (z.B. Tiger) mit Flucht, Sieg oder Niederlage aufgelöst werden. Das nutzen rechte Propagandisten und schaffen „Ersatztiger“. Greifbare Feindbilder, an denen sich Angst und Aggression ausrichten kann. Das wirkt entlastend. Wer das nicht erkennt ist offen für Manipulation.
Sie sieht das wichtigste Gegenmittel nicht primär in mehr Information.Es geht eher um Gefühle, darum eine größere Unsicherheitskompetenz zu ermöglichen und bewusster auch mit unangenehmen Gefühlen umgehen zu können. Dabei sind stabile Zonen durch Gemeinschaft und Teilhabe wichtig. Das bedeutet auch erfahrbar zu machen, dass Freiheit und Demokratie keine Last sind, sondern etwas, was sich gut anfühlt. „Guck mal, wie geil ist das denn hier leben zu dürfen!“
Diese Inhalte und Anliegen versucht sie in unterschiedlichen Medien, auf Podien oder Veranstaltungen der OMAS GEGEN RECHTS einzubringen.
Das Schlimmste, was sie erlebt hat: eine sogenannte „Friedensdemonstration“ in Berlin, bei der 15.000 Rechtsextremisten, Querdenker und Sympathisanten durch die Stadt zogen. Die OMAS GEGEN RECHTS wurden von der Polizei in einem kleinen abgesperrten Bereich geschützt — ein Schutz, der sich wie ein Käfig anfühlte. Die Masse zog vorbei, einige fotografierten und waren in Wort und Haltung aggressiv.“ Wir fühlten uns bedroht und ie wie diejenigen, die falsch waren.“ Danach fuhr Nora mit dem Fahrrad am Kudamm vorbei. Die Menschen saßen im Café, schoben Kinderwagen. Normale Welt. Der Tanz auf dem Vulkan. Es wirkte auf sie surreal und deprimierend.
Das Schönste: der erste CSD in Marzahn. Eine Handvoll OMAS GEGEN RECHTS mit großen Schildern, auf dem Weg zur Demonstration. Die Teilnehmenden sahen sie von Weitem — und jubelten. Dass ihr hier seid. Danke.Besonders beeindruckt hat sie die Aussage einer Historikerin: „Der Beginn menschlicher Gemeinschaft und sozialer Kompetenz lässt sich an einem verheilten urzeitlichen Oberschenkelknochen ausmachen. Jemand hat für diesen Menschen gesorgt, obwohl er nicht mehr laufen konnte.“ Das ist eine zentrale menschliche Entwicklung, die Nora für erhaltenswert hält. Und für die sie sich — neben ihrem Beruf, neben allem anderen — einsetzt.
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Jeany

Jeany / Berlin
Jeany kommt aus einem Dorf im tiefsten Schwarzwald. Sie wuchs bis zu ihrem 16ten Lebensjahr in einem gut situierten Elternhaus auf, indem Geld und Ansehen wichtiger als menschliche Wärme waren. Sie musste früh lernen und spüren was fehlt. Sowohl ihre früh bewusste Homosexualität, als auch ihre nicht standesgemäßen Freunde erfuhren eine tiefe Abneigung. Freunde durften mit der Begründung: „Wir wollen hier Keinen durchfüttern“, nicht zu Besuch bleiben. Und das war nur ein Beispiel unter vielen, durchaus auch traumatischen Erfahrungen, die sie prägten.
Mit 13 reagierte sie auf die grundlegende Aussage ihrer Eltern: „Es gibt im Leben zwei Dinge — „Geld oder Liebe“ mit der Erwiderung: „dann lieber die Liebe suchen gehen zu wollen.“ Diese Entscheidung leitet ihr Leben bis heute.
Mit Anfang 20 war sie politisch sehr aktiv — hat Frauencafés mitaufgebaut, Frauenbegegnungsstätten mitgegründet, sich für homosexuelle Menschen und Minderheiten eingesetzt. Dann kam der Beruf, eine Selbstfindungsphase, das Leben. Die Politik trat vorerst in den Hintergrund.
In den letzten Jahren merkte sie zunehmend eine ungute Veränderung in der Gesellschaft, die sie unruhig machte. Der entscheidende Auslöser tätig werden zu wollen, war die Correctiv Recherche und das „Öffentlich Werden“ der Remigrationspläne der AfD. Sie und ihre Frau schauten sich an und beschlossen aktiv zu werden.
Jeany sagte: “Ich möchte mir in die Augen gucken können. Ich möchte am Ende meines Lebens vor Gott aufrecht stehen können.“
Beide meldeten sich bei den OMAS GEGEN RECHTS an, gingen hin und blieben. Dort gab es so viele Möglichkeiten aktiv zu werden. TikTok gehörte von Anfang an dazu, obwohl weder Jeany noch ihre Frau sich vorab für TikTok interessiert hatten. Ihre Mitoma Franzi hatte kurz vorab als eine der ersten in Kenntnis der Bedeutung für jüngere Menschen und des Missbrauchs durch rechtsextreme Propaganda einen eigenen TIKTOK Kanal gestartet.
Das erste Video floppte. Aber sie machten weiter, wurden kreativer und wuchsen mit ihrer Aufgabe. Ein Waschmittel-Video „AfD: Aris frischer Duft“ wurde ein echter Hit — rot, grün versiffte Flecken ließen sich trotz des Waschmittel AfD einfach nicht entfernen., woraufhin dieses untaugliche Mittel wütend weggeschmissen wurde. Die Kommentare junger Menschen: „Wenn OMAS GEGEN RECHTS Werbung machen würden, würde ich wieder Fernsehen gucken.“
Heute macht Jeany zusammen mit ihrer Frau TikTok, generiert Ideen, informiert und setzt unterschiedliche Ideen um. Sie arbeitet mittlerweile mit anderen Omas im deutschlandweiten TikTok Kanal und fördert darüber auch die Vernetzung der unterschiedlichen Oma Gruppen.. Es ist ein großer Teil ihrer Freizeit — und manchmal braucht es die Kunst, sich selbst zu bremsen, damit die Energie nicht versiegt.
Im Austausch mit anderen Menschen gibt es unterschiedliche Reaktionen. Manchmal fühlt sie sich wie das wandelnde schlechte Gewissen der passiven Mitbürger*innen. Dann wird es still, wenn sie erzählt.
Während ihrer Aktivitäten auf der Straße und im Netz gibt es gelegentlich Anfeindungen. Aber es gibt auch die Momente, die alles tragen: junge Menschen und auch die Queer Community, die auf sie zukommen, sie umarmen und einfach sagen — danke, dass ihr hier seid.
Was sie antreibt,: „Ich möchte erhalten, was wir errungen haben – das Bewusstsein für unserer Werte wieder schärfen. Demokratie ist die beste Staatsform, die wir haben! Wir sollten mit der Erde leben — nicht von ihr. Als Teil eines Organismus, der nur funktioniert, wenn alle füreinander sorgen.
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CSD & PRÜF-Demo Potsdam
CSD & PRÜF-Demo Potsdam
Am 9. Mai hatte ich die Freude, ein paar Omas gegen Rechts aus Potsdam kennenzulernen — und habe die Berliner Trommelgruppe begleitet, die gemeinsam mit den Potsdamer Omas den CSD und die PRÜF-Demo unterstützt hat. Laut, bunt und entschlossen.
Der Christopher Street Day ist ein Zeichen für die Rechte und Sichtbarkeit von queeren Menschen — und es ist kein Zufall, dass er heute nicht mehr nur in den großen Städten stattfindet. Gerade in Brandenburg, wo die AfD immer stärker wird, ist es wichtig, dass der CSD auch in kleineren Gemeinden auf die Straße kommt. Sichtbarkeit dort, wo sie am meisten gebraucht wird.
Die PRÜF-Demos finden jeden zweiten Samstag gleichzeitig in allen Landeshauptstädten statt — mit einer Forderung: Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft werden, sollen vom Bundesverfassungsgericht geprüft werden. → pruef-demos.de -

Angelika

Angelika / Berlin
Angelikas politisches Bewusstsein erwachte in Namibia. Als sie knapp 13 Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie in das damalige Südwestafrika. Sie erlebte die Brutalität der Apartheid unmittelbar, doch zu Hause wurde darüber geschwiegen.
Ihre Eltern gehörten zur Kriegsgeneration, die das Schweigen perfektioniert hatte: Es wurde weder über den Nationalsozialismus noch über das Unrecht in Afrika gesprochen. Erst viel später erfuhr Angelika, dass ihre Mutter beim BDM gewesen war und zeitlebens tief in rassistischen Denkmustern verhaftet blieb.
Ihr Vater war ein Widerspruch. Als Sohn eines evangelischen Pfarrers und geprägt durch eine Kindheit in Shanghai, war er ein Humanist, der eine lebendige Gesprächskultur am Esstisch etablierte — stundenlang wurde über Bücher, Tagesaktuelles und „Gott und die Welt“ diskutiert. Doch auch diese Offenheit hatte eine klare Grenze: Über seine eigene Vergangenheit verlor er kein Wort. Dieser Teil seiner Geschichte blieb unangetastet
Trotz dieses selektiven Schweigens prägte die Diskussionsfreude im Hause Angelika und später ihr Kind. Ihre Tochter bemerkte schon früh den Unterschied zu ihrem Umfeld: „Mama, meine Klassenkameraden kennen das gar nicht, dass man stundenlang am Tisch sitzt und diskutiert. Bei denen wird gegessen und dann geht jeder seiner Wege.“
Angelika zog Anfang der 80er Jahre nach Berlin und wurde alleinerziehende Mutter einer schwarzen Tochter. Plötzlich war Rassismus für sie kein abstraktes Thema mehr, sondern eine persönliche, tägliche Erfahrung.
Nach der Unabhängigkeit Namibias wollte Angelikas Vater sie und seine Enkelin einladen, mit ihm dorthin zu reisen. Angelika lehnte ab und konfrontierte ihn mit der schmerzhaften Wahrheit: „Papa, hast du nie gemerkt, was das für ein faschistisches System war? Deine Enkelin und ich hätten dort damals nicht einmal mit dir im selben Hotel wohnen dürfen. Wir hätten im Slum leben müssen.“ Ihr Vater fuhr schließlich allein. Erst nach seiner Rückkehr konnte er das Schweigen brechen und gestand ein: „Du hattest recht. Es war ein faschistisches System.“ Dass er diese Realität am Ende anerkannte, bedeutet Angelika bis heute viel.
Heute sitzt sie wieder am Tisch, diesmal mit ihrer erwachsenen Tochter. Doch die Gespräche haben eine bedrückende Wendung genommen: Sie überlegen ernsthaft, wohin sie ausweichen könnten, falls die politische Lage in Deutschland weiter eskaliert. Es ist nicht nur diese Sorge um die Zukunft ihrer Familie, die Angelika 2018, angetrieben durch die Pegida-Aufmärsche, zu den OMAS GEGEN RECHTS führte.
In der AG Feminismus bringt Angelika sich aktiv ein, und in der Stadtteilgruppe Mitte hat sie heute den Hut auf — eine von dreien, die die Gruppe gemeinsam leiten. Ihr Ziel ist es, dass die Gesellschaft das Reden nicht verlernt. Ihr Plädoyer: Wir müssen wieder an einen Tisch kommen — über alle Unterschiede hinweg, ohne populistische Phrasen, dafür mit echtem Zuhören. „Wir haben der nächsten Generation diese Welt mit eingebrockt“, sagt Angelika bestimmt, „jetzt ist es unsere Pflicht zu helfen, dass die Demokratie erhalten bleibt und auch die nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt haben.“ Aufgeben ist für sie keine Option.