Archiv: Portfolio

  • Bullshit Bingo

    Bullshit Bingo

    Am 21. Oktober 2026 luden die steirischen OMAS GEGEN RECHTS ins Parkhouse im Stadtpark zum Bullshit Bingo ein, unter dem Titel “Leere Phrasen, leere Versprechungen und offene Drohungen und was wir dagegen machen können”. Das Lokal war bis auf den letzten Tisch gefüllt, mit ein paar OMAS und vielen jüngeren Gästinnen.

    Das Prinzip war einfach: Abgedroschene Phrasen wurden in den Raum gerufen, und alle suchten den passenden Begriff auf ihrer Bingokarte. Wer eine Reihe oder Spalte voll hatte, rief “Bullshit Bingo” und war Gewinner*in des Abends. Ganz nebenbei wurde über Politik gesprochen, dazu gab es satirische Texte von der Kabarettistin Chris Teichmann und dem Poetry Slammer Wittrich.

    Besonders gelacht wurde bei Chris Teichmann, die eine Beschwerdestelle beim Universum spielte. Frustrierte und betroffene Anrufer*innen meldeten sich dort wegen Genderwahnsinn und anderen brisanten Themen, und es wurde ernsthaft versucht, ihnen zu helfen. Die ersten Gewinne waren schnell vergeben, doch die Mitspielerinnen wollten unbedingt weitermachen. So vergingen eineinhalb Stunden wie im Flug, bis auch der letzte Preis verspielt war. Ich freue mich schon auf das nächste Mal.

  • Ursula / Potsdam

    Ursula / Potsdam

    Ursula / Potsdam

    Ursula wächst in Sachsen bei Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz auf und studiert fünf Jahre Geschichte in der Sowjetunion. 1981 kehrt sie zurück und arbeitet bis 1987 an der Akademie der Wissenschaften. Sie promoviert über die deutsch-deutschen Beziehungen Mitte der 1970er Jahre, bekommt zwei Töchter und entscheidet, dass ihr eine Promotion genügt. Der Mauerfall wirbelt alles durcheinander: Manche Menschen hängen ihr Fähnchen plötzlich nach dem Wind, Freundschaften zerbrechen, andere entstehen neu. Ursula organisiert Einzelklagen gegen die Warteschleife für Beschäftigte abgewickelter wissenschaftlicher Einrichtungen. Für sich selbst nimmt sie die Abfindung, denn mit Wendehälsen will sie nicht zusammenarbeiten und sich nicht verbiegen. Nach ersten Jahren der Arbeitslosigkeit und einer ABM beim Frauenbund e.V. landet sie in der Potsdamer Stadtverwaltung, zunächst bei der Rückübertragung von Vermögen, dann in der Ausländerbehörde, wo ihre Russischkenntnisse gefragt sind.

    Die Ostperspektive prägt ihren Blick auf die Gegenwart. Die Baseballschlägerjahre hat sie als Frau mit Familie nicht mehr mitten im Straßenkampf erlebt, doch sie war schockiert über die Hakenkreuz-Schmierereien, die es zu DDR-Zeiten nur vereinzelt gab und die sie selbst nie gesehen hatte. Eine Erklärung für das, was nach der Wende geschah, hat sie bis heute nicht abschließend gefunden. Sie nennt die massenhafte Arbeitslosigkeit in den Plattenbaugebieten, die Wut auf die vermeintlich Linken und die alten Kader sowie Nazis aus dem Westen, die ihre Strukturen in den Osten trugen. Ein rechtsextremes Fundament sei in Deutschland ohnehin nie ganz verschwunden gewesen. Ende der 1990er prügeln sich in Potsdam Rechte und Linke sogar in der Straßenbahn, die Gewalt geht meist von den Rechtsextremen aus, bis deren Köpfe verurteilt sind. Als in der zweiten Hälfte der 1990er die erste Demo gegen Nazis auf dem Alten Markt stattfindet, ist für sie klar, dass sie hingehen muss: „Ich kann nicht anders.“

    15 Jahre koordiniert sie von der Stadtverwaltung aus das Bündnis „Potsdam! bekennt Farbe“. Dabei hat sie den jeweiligen Oberbürgermeister immer an ihrer Seite und kann sich auf sehr engagierte Bündnismitglieder stützen, von den Fraktionen der demokratischen Parteien in der Stadtverordnetenversammlung über Vereine bis hin zur Potsdamer Zivilgesellschaft. Auf den SV Babelsberg 03 und seine Fans kann sie sich bei Demos besonders verlassen. Rückblickend war es ihr bester Job in der Verwaltung. Von sich und ihren Mitarbeitenden hat sie viel abverlangt, aber es war notwendig und richtig.

    2019 gehört Ursula zu den fünf Frauen, die auf Einladung einer Pastorin der französisch-reformierten Gemeinde die Potsdamer OMAS GEGEN RECHTS gründen. Corona übersteht die Gruppe dank ihrer Mini-Protokolle, heute stehen rund 100 Frauen und Männer im Verteiler. Unvergessen bleibt die Menschenkette um den Landtag nach der Correctiv-Recherche, als so viele neue OMAS dazukamen, dass schon das Kaffeekochen für alle zur Herausforderung wurde.

    Die Frage, ob Opas dazugehören dürfen, spaltet die Gruppen. Ursula erlebt dabei einen Unterschied zwischen Ost und West: Im Osten gibt es kaum Opas. In Potsdam sind sie willkommen, vier einfache Chatregeln gelten für alle, entschieden wird beim monatlichen Treffen.

    Gerade ringt Ursula mit der Brandenburger SPD um ein klares Ja zum AfD-Verbotsverfahren und ärgert sich über die ständige Verschleppung. Aufgeben kommt für sie nicht infrage. Ein Satz des Linken-Politikers Jan van Aken begleitet sie: „Die letzte Schlacht gewinnen wir. Und wenn wir sie verlieren, dann war es nicht die letzte.“

  • Es brennt, Kanzleramt Berlin, 03.10.2026

    Es brennt, Kanzleramt Berlin, 03.10.2026

    Am 3. Oktober 2026, dem Tag der Deutschen Einheit, waren Anna und ich vor dem Bundeskanzleramt bei der Aktion Es brennt. Um 12 Uhr reichten sich überall im Land Menschen die Hände, symbolisch verbunden zu einer Kette vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe bis zum Kanzleramt in Berlin. Hinter dem Aufruf stehen mehr als hundert Organisationen, von Umweltverbänden über Kirchengemeinden bis zu zahlreichen Gruppen der OMAS GEGEN RECHTS. Auch die OMAS in Wandlitz hatten in ihrem Ort eine eigene Menschenkette angemeldet.

    Der Anlass ist bitter. Die Veranstalter*innen zählen für 2026 bereits 16.300 Hitzetote in Deutschland, Brände bedrohten Ortschaften, der Rhein sank auf einen historischen Tiefststand. Gefordert wird, das Grundgesetz konsequent einzuhalten, unsere Lebensgrundlagen zu schützen, das Wohl aller vor den Profit weniger zu stellen, erneuerbaren Energien Vorrang zu geben und bei Mobilität, Ernährung und Wohnen endlich umzusteuern. Klimaschutz und Demokratie gehören dabei zusammen, denn wer den Klimawandel leugnet, steht politisch oft auch ganz rechts.
    In Berlin haben die Omas for Future die Veranstaltung mitgetragen. Sie hielten Reden und stellten die Ordner*innen. Um 12 Uhr wurde es still vor dem Kanzleramt, eine gemeinsame Schweigeminute im Gedenken an die Hitzetoten. Wir haben gesungen, und dann hielten alle ein weißes Blatt Papier in die Höhe. Ein leeres Blatt als Zeichen für das, was die Politik bisher schuldig geblieben ist. Auf diese Blätter wurde anschließend ein Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz geschrieben. Zum Abschluss sprach die Klimaaktivistin Luisa Neubauer von Fridays for Future, gemeinsam mit den Omas for Future und weiteren Redner*innen.
    Ein leises, aber eindringliches Bild: Viele Menschen, Hand in Hand, mit weißem Papier vor dem Kanzleramt. Es brennt, und wir stehen auf.

  • Mahnwache / Wandlitz

    Mahnwache / Wandlitz

    Am 29. September 2026 war ich bei den OMAS GEGEN RECHTS in Wandlitz, eine knappe Stunde nördlich von Berlin. Wandlitz besteht aus neun Ortsteilen mit gut 24.000 Einwohner*innen, liegt wunderschön zwischen Wäldern und Seen, hat aber keinen richtigen Ortskern. Berühmt ist der Name bis heute durch die Waldsiedlung, in der das SED-Politbüro wohnte. Die Menschen hier sind bunt gemischt: Zugezogene aus Berlin und dem Westen, alteingesessene Familien, frühere SED-Kader und Migrant*innen, die sich etabliert haben, etwa an der Supermarktkasse oder mit einer eigenen Reinigungsfirma. In manchen Dörfern der Gemeinde wählt die Hälfte AfD.

    Wie zermürbt der Ort manchmal wirkt, erzählt die Geschichte seines Sees. Nach der Wende ging der Wandlitzer See in Privatbesitz, der heutige Eigentümer, ein Anwalt aus Düsseldorf, kaufte ihn einst für rund 400.000 Euro. Nun will er 180 Hektar Wasserfläche an die Gemeinde verkaufen, zunächst für 2,7 Millionen, inzwischen für 1,1 Millionen Euro. Die lukrativen Uferflächen behält er. Ob die Bürger*innen darüber abstimmen dürfen, ist noch offen.

    Die OMAS GEGEN RECHTS Wandlitz gibt es seit Februar 2024. Heute sind sie zehn bis elf, darunter zwei Opas. Einmal im Monat stehen sie vor dem Rathaus und dem Gemeindeamt. Normalerweise bauen sie dort eine große Brandmauer aus Schildern auf, darauf steht, wofür die OMAS eintreten und wogegen sie sich stellen. Denn darauf legen sie Wert: „Wir sind zwar die OMAS GEGEN RECHTS, aber wir sind auch ganz, ganz viel für.“Es kamen erstaunlich viele Menschen vorbei, von Senior*innen bis zu Schüler*innen. Es ergaben sich Gespräche, Flyer wurden mitgenommen, und die berühmten OMA-Kekse öffneten wie immer die Tür. 
    Die nächsten Termine stehen schon: eine Menschenkette am 3. Oktober und ein Gedenken am 9. November – von den OMAS angemeldet haben. Dass an einem Montag auch die Montagsspaziergänger*innen unterwegs sind, nehmen sie gelassen. Dann müssen die eben auf die andere Staßenseite.
    In Wandlitz stehen die OMAS nicht in einer anonymen Großstadtmenge. Hier kennt man sich, und genau das macht ihre Beharrlichkeit so bemerkenswert.

  • Andrea / Wandlitz

    Andrea / Wandlitz

    Andrea / Wandlitz

    Andrea ist in der DDR aufgewachsen. 1983 kam sie über einen Ringtausch, bei dem drei Familien ihre Wohnungen untereinander tauschten, mit ihrem Mann und zwei Kindern in eine große Dreizimmerwohnung im Prenzlauer Berg. Gern erinnert sie sich an die Hausgemeinschaft, an Kaffee und Kuchen im Hof und an das gegenseitige Einkaufen. Bis heute bewegt sie das Schicksal einer alten Nachbarin, die in dem Haus geboren war, nach der Billigsanierung ausziehen musste und ein halbes Jahr später starb. Sie hatte ihr ganzes Umfeld verloren.

    Die Wende erlebte Andrea mit etwa 30, zwei kleine Kinder zu Hause. 1991 begann sie noch ein Fachschulstudium zur Heilerzieherin und arbeitete anschließend 32 Jahre in diesem Beruf, darauf ist sie bis heute stolz. Arbeitslos war sie keinen Tag. Engagiert war sie schon immer. Weil es Amnesty International in der DDR nicht gab, gründete sie nach der Wende im Prenzlauer Berg eine Gruppe, die als erste in den neuen Bundesländern anerkannt wurde. Die Todesstrafe ist für sie staatlicher Mord. Später betreute sie fünf Jahre lang eine tschetschenische Familie. Auf die Einheit blickt sie kritisch, sie hätte sich gewünscht, dass sich beide deutschen Staaten in Ruhe zusammensetzen. Über die D-Mark urteilt sie klar: „Ich denke, damit haben sie uns einfach gekauft.“ Viele im Osten seien bis heute enttäuscht und fühlten sich alleingelassen.

    Seit 18 Jahren lebt Andrea in Wandlitz. Der Moment, in dem es ihr reichte, war das Potsdamer Geheimtreffen, bei dem zum ersten Mal von Remigration die Rede war. Eine OMAS-Gruppe gab es nur in Berlin. Also richtete sie eine Mailadresse ein, schrieb sie auf Zettel, schnitt sie aus und verteilte sie am 4. Februar 2024 bei einer großen Menschenkette an Frauen, von denen sie dachte, sie könnten ähnlich denken. Auf dem Parkplatz stand schon ein Auto mit OMAS-Aufkleber. Es gehörte Ulrike. Zu dritt fingen sie an. Eine Berliner OMA kam am Anfang vorbei, um ihnen erste Tipps zur Gründung zu geben. Unter anderem gab sie ihnen den Rat mit, auf dem Land vorsichtig zu sein, den Button nach Versammlungen abzunehmen und Fremde nicht gleich nach Hause einzuladen.

    Heute ist Andrea diejenige, die bei den OMAS die Reden hält. Ist es gefährlich, auf dem Dorf gegen rechts einzustehen? Andrea wägt ab. Beschimpft wurden die OMAS bisher kaum, nur an einem Infostand wurden sie einmal von Jugendlichen richtig provoziert. Doch die Stimmung hat sich in ihren 18 Jahren in Wandlitz spürbar verändert. In manchen Dörfern der Gemeinde wählt die Hälfte AfD, insgesamt jeder Dritte, schätzt sie, und der Kopf der Neonazi-Gruppe „Deutsche Jugend Voran“ wohnt im Nachbarort Basdorf. Die AfD baut ihre Infostände gern kurzfristig und versteckt auf, damit kaum Zeit für Gegenprotest bleibt, und im Gemeinderat zermürbte ein AfD-Vertreter alle mit endlosen Anträgen. In Basdorf, wo ein Kulturverein die Baracken eines früheren Zwangsarbeiterlagers als Erinnerungsort erhalten will, sind Gebäude abgebrannt. Wer es war, weiß niemand. Als vor der Landtagswahl dazu aufgerufen wurde, bunte Bänder an den Gartenzaun zu knoten, traute sich Andrea zuerst nicht. Dann tat sie es doch, und es passierte nichts. Schwerer wiegt für sie, dass gerade die Menschen, mit denen die OMAS ins Gespräch kommen wollen, meist einfach weitergehen. Die Spaltung reicht bis in den Freundeskreis. Manche wollten nicht mehr zu ihrem Sommerfest kommen, wenn die OMAS eingeladen sind. Mit ihrer besten Freundin, die sie seit 45 Jahren kennt, hat Andrea vereinbart, Politik außen vor zu lassen. Die Freundschaft ist ihr wichtiger, spalten lassen will sie sich nicht. Und wer weiß, vielleicht hört die Freundin ja doch noch einmal hin.

    Tief eingeprägt hat sich ein Demokratietag am Gymnasium, an dem eine Gruppe Zehntklässler nur schwieg, die Mopedhelme vor sich auf dem Tisch. Am Ende blieb ein Mädchen zurück, nahm Andrea am Arm und vertraute ihr an, wie mutig sie das alles finde.

    Nach ihrem schönsten Erlebnis gefragt, winkt Andrea ab: „Nur eins? Das geht gar nicht, da waren gleich drei.“ Die Filmvorführung mit dem Team der ZDF-Serie „Doppelhaushälfte“, in der die OMAS sogar mitspielen durften und die inzwischen zur Tradition wird. Das Netzwerktreffen der Brandenburger OMAS in Wandlitz, mit einer langen Rede des Bürgermeisters und Schmalzstullen statt Kuchen, weil sich die OMAS nicht aufs Kuchenbacken reduzieren lassen. Und vor allem die Freundschaften, der Rückhalt, das Wissen, nicht allein zu sein. Für die Zukunft wünscht sie sich mehr Dialog und mehr Offenheit. „Schön wäre es, wenn es uns nicht mehr geben müsste. Aber ich glaube, im Moment sieht es schlecht aus.“

  • Ulrice / Wandlitz

    Ulrice / Wandlitz

    Ulrice / Wandlitz

    Ulrice bezeichnet sich selbst als Spät-68erin. Geboren in Hamburg, verbrachte sie ihre ersten 14 Jahre in Schleswig-Holstein am Plöner See. Politisch geprägt hat sie die 68er-Bewegung, Rudi Dutschke verehrte sie sehr. Im Studium engagierte sie sich bei den Jusos und im AStA, und 1978 gründete sie, hochschwanger mit ihrem ersten Kind, gemeinsam mit ihrem Mann die Grünen in Hanau. Den größten Teil ihres Lebens verbrachte sie in Hessen. Sie wurde Lehrerin und später Schulleiterin an einer staatlichen Schule, während ihr Mann als Gründungslehrer die Waldorfschule in Bad Nauheim aufbaute. Mit einem Augenzwinkern erzählt sie, sie habe schließlich das Hobby ihres Mannes finanzieren müssen.

    Nach Wandlitz kam sie, um ihre Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Ihr ältester Sohn lebt hier, seine Frau stammt aus der Gegend, eine Ost-West-Ehe. Die Landschaft erinnert Ulrice an die Seen ihrer Kindheit. Doch Teile der Familie und viele in ihrem Mehrfamilienhaus wählen rechts, und über Politik wird geschwiegen. Den Ruf ihres neuen Wohnorts bekommen die OMAS regelmäßig zu spüren. Wandlitz ist bis heute berühmt für die Waldsiedlung, in der die DDR-Führung lebte, und so landen böse Kommentare über „die reichen Witwen aus Wandlitz“ bei ihnen, als gehörten sie zur alten Politprominenz.

    Nach der Pensionierung vor rund zehn Jahren ging Ulrice über den Runden Tisch in die Flüchtlingsarbeit und gibt bis heute Hausaufgabenhilfe im Wandlitzer Flüchtlingsheim. Besonders freut sie sich über Geschichten wie die ihres Fensterputzers, eines früheren Bewohners des Heims, der sich mit einer Reinigungsfirma selbstständig gemacht hat. Die Ängste rund um das Heim kennt sie auch aus nächster Nähe: Eine Nachbarin des Heims hat ein Schild „Vorsicht, bissiger Hund“ an der Tür, aus Angst vor den Geflüchteten. Über den Runden Tisch fand Ulrice zu Wandlitz zeigt Haltung und von dort zu den OMAS GEGEN RECHTS.

    Auf der Straße erlebt sie, wie schwer echte Gespräche geworden sind. „Die reden nicht mit uns, weil wir OMAS GEGEN RECHTS sind. Du bist einsortiert in eine Schublade.“ Das gilt sogar für die literarischen Nachmittage der OMAS: Die örtliche Buchhändlerin weiß, dass viel mehr Menschen zu den Lesungen kämen, stünde nicht „gegen rechts“ auf der Einladung. Bedroht fühlt sich Ulrice trotzdem nicht. Beschimpft werden die OMAS selten, sie spricht schmunzelnd von einer Art Welpenschutz, weil sich an ältere Damen keiner so recht herantraut. Beunruhigend findet sie anderes, etwa dass eine geplante Verlegung von Stolpersteinen in Wandlitz kurzfristig abgesagt wurde und niemand weiß, warum. Humor behalten die OMAS trotzdem. Als Friedrich Merz meinte, die Linksgrünen hätten nicht alle Tassen im Schrank, schickten sie ihm kurzerhand Tassen.

    Das Schönste ist für Ulrice der Zusammenhalt unter Frauen mit sehr unterschiedlichen Biografien. Im Lauf der Zeit, zuletzt wieder bei der Vorbereitung eines Demokratietags, wurde ihr bewusst, dass die OMAS aus dem Osten eine Diktatur noch am eigenen Leib erlebt haben. Das immer mitzudenken, ist ihr ganz wichtig geworden. Am traurigsten war der Tod einer OMA aus der Gruppe. Ulrice hofft, dass das Pendel irgendwann zurückschwingt. Die AfD einfach mal regieren zu lassen, hält sie für brandgefährlich: „So hat das bei Hitler auch angefangen.“

  • Demokratieerziehung durch Kinderbücher Generalprobe

    Demokratieerziehung durch Kinderbücher Generalprobe

    Am 23. September 2026 war ich bei der Generalprobe der Leseomas der AG Demokratie Lesen der OMAS GEGEN RECHTS Berlin Süd/West dabei.
    Das Theaterstück mit anschließendem Bilderbuchkino richtet sich an 5. und 6. Grundschulklassen und stellt unter dem Titel „Demokratieerziehung durch Kinderbücher“ die Vision von Jella Lepman vor. Die jüdische Journalistin überlebte den Nationalsozialismus im Londoner Exil und baute nach Kriegsende die Internationale Jugendbibliothek in München auf, weil sie überzeugt war, dass Demokratie bei den Kindern beginnt.
    Viele Omas waren gekommen, um die Probe zu sehen, und spendeten den Darstellerinnen kräftig Applaus. Die Leseomas führen Lepman und ihren Freund Erich Kästner in einer selbst aufgeführten Talkshow vor.

    Danach zeigen sie Ausschnitte aus „Die Konferenz der Tiere“, dem gemeinsamen Buch von Lepman und Kästner. Zum ersten Mal habe ich ein Bilderbuchkino live miterlebt und fand es sehr unterhaltsam, wie die Schauspielerinnen mit den Tieren agierten. Die Bilder von Walter Trier illustrierten das Ganze eindrucksvoll.

    Ich hoffe, dass viele Kinder das Stück sehen werden und bin gespannt auf die Diskussionen, die danach in den Klassen entstehen. Für mich war es eine rundum gelungene Darstellung von Lepmans Leben und der Geschichte der Kinderbibliothek und ein starkes Zeichen dafür, wie wichtig Demokratieerziehung schon bei Kindern ist.

  • Stern Demo berlin

    Stern Demo berlin

    Am Samstag, den 12. September 2026, eine Woche vor der Berlin-Wahl, fand in Berlin die Sterndemo statt, unter dem Motto „Zeit, dass sich was dreht“. Sieben Demozüge liefen sternförmig aus der ganzen Stadt zum Roten Rathaus zusammen, mehr als 80 Organisationen und Initiativen waren beteiligt. Die Polizei zählte rund 18.000 Menschen, die Veranstalter sprachen von 32.000, am Roten Rathaus selbst wurde von der Bühne aus sogar eine Zahl von rund 38.000 genannt, solche Differenzen zwischen Polizei-, Veranstalter- und Bühnenangaben sind bei Großdemonstrationen keine Seltenheit.

    Meine Freundin Anna, selbst Fotografin, und ich haben die OMAS an diesem Tag begleitet und fotografisch festgehalten. Einer der Demozüge kam zunächst an der Kreuzung Friedrichstraße vorbei, wo Franziska mit ihrer Trommelgruppe in neuen T-Shirts stand und laut und kraftvoll gegen rechts trommelte. Von dort ging es weiter zur Neuen Wache Unter den Linden, wo die OMAS GEGEN RECHTS von 13:30 bis 15:15 Uhr ihre eigene Kundgebung abhielten, unter dem Motto „Schutz der Demokratie und Menschenrechte, klare Kante gegen Rechts!“, mit Reden, Musikbeiträgen und gemeinsamem Singen. Aufgetreten ist dort das Rap-Duo Global Origins, ein Berliner Projekt um den MC Selim Toth, seit 2020 aktiv, das auf Deutsch und Spanisch gegen Rassismus rappt, ihr Oma-Shoutout hatte echt Wumms. Anschließend schlossen sich die OMAS dem Demozug zum Roten Rathaus an.
    Am Roten Rathaus fand ab 16 Uhr die Abschlusskundgebung statt, mit zahlreichen Redebeiträgen und Musik-Acts bis etwa 17:30 Uhr. Katja Karger vom DGB Berlin-Brandenburg sprach, Luisa Neubauer spielte mit einer Band Schlagzeug und coverte Songs gegen rechts, und der queere Popsänger Leopold trat mit seinem Song „Love is no Utopia“ auf. Auch Angelika von der OMAS-GEGEN-RECHTS-Ortsgruppe Mitte hielt dort eine Rede. Auch die rechten Streamerinnen waren wieder da, die wir schon aus Charlottenburg kannten. Ein als Krokodil verkleideter Demo-Teilnehmer verhinderte diesmal, dass sie ungestört filmen konnten, immer wieder hielt er ihnen seine Antifa-Flagge vor die Kamera. Bis in den Abend wurde anschließend bei einem Abschluss-Rave weitergefeiert.

  • Doris / Zürich

    Doris / Zürich

    Doris / Zürich

    Politik war bei Doris immer schon zu Hause. Aufgewachsen in der Nähe von Zürich, in einer Familie, in der das Zeitgeschehen zum Alltag gehörte wie das Essen selbst. Ihre Eltern, beide politisch interessiert und linksorientiert, ohne je einer Partei beizutreten, diskutierten alles: das Inland, das Ausland, die Welt. Sonntags gab es beim Braten den Internationalen Frühschoppen mit Werner Höfer, Korrespondenten aus England, Frankreich, vier Ländern gleichzeitig am Tisch. In der Schule fiel sie damit auf, dass sie sich für Politik interessierte. Das war nicht üblich in diesem Alter.

    Was sie früh prägte, war auch das, was sie an ihrer Mutter beobachtete. An Abstimmungssonntagen war diese schlecht aufgelegt, pfütterte den ganzen Tag: das ist eine Schweinerei, das geht doch nicht. Das eidgenössische Frauenstimmrecht kam erst 1971. Bis dahin durfte Doris‘ Mutter bei den wichtigen Entscheiden nicht mitbestimmen. Als es endlich so weit war, zog die ganze Familie ins Wahllokal, in Sonntagskleidern, wie es sich gehörte. Das hat Doris nie vergessen.

    Sie wusste früh, was sie wollte: Familie, ja, aber kein Grund, den Beruf aufzugeben. Als Pflegefachfrau arbeitete sie immer mindestens sechzig Prozent, auch als die Kinder klein waren. Krippen gab es kaum, im ganzen Stadtkreis gerade zwei, auf Jahre hinaus belegt. Also half man sich: Grosseltern, eine Kinderfrau, eine Nachbarin in ähnlicher Situation. Es war streng. Und es war ihr wichtig.

    Am 14. Juni 1991 war ihr erster Sohn drei Monate alt. Trotzdem war sie dabei, beim ersten grossen Schweizer Frauenstreik, unter dem Motto „Wenn Frau will, steht alles still.“ Ihre Mutter kam mit, zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Demo, mit über sechzig. Ihr Mann bekam von seinem Chef einen bezahlten Urlaubstag, mit den Worten: Wir Männer müssen doch zusammenhalten. Doris lacht noch heute darüber, aber der Unterton ist unüberhörbar.

    Jahrelang engagierte sie sich in der Berufspolitik, für die Pflegenden, für einen Frauenberuf, der endlich als solcher gehört werden sollte. Dann kamen Schule, Karriere, Leitungsfunktionen. Das politische Engagement schlief ein wenig ein. Nicht das Denken. Nur der Moment, wieder öffentlich zu werden.

    Der kam mit Trumps Wiederwahl. Was sie daran traf, war nicht nur das Ereignis selbst, sondern was es in der Sprache und im Ton bewirkte: dass Verächtlichkeit wieder salonfähig wurde. Sie sah, wie das Pendel sich bewegte, und sie sah, dass es die Schweiz nicht ausließ. Dabei hatte sie das schwerfällige, langwierige politische System der Schweiz oft verflucht. Jetzt war sie froh darum. Weil es ein Korrektiv ist – und weil dieses Korrektiv unter Druck geraten ist. Die SVP, die ursprüngliche Bauernpartei, die unter Christoph Blocher zur dominanten Kraft des Landes umgebaut wurde, setzt die direkte Demokratie geschickt als Instrument ein, untergräbt aber gleichzeitig ihre Grundlagen. Volksentscheide werden umgangen, Parlamentsmehrheiten für Dinge mobilisiert, die das Volk längst entschieden hatte – etwa den Ausstieg aus der Atomkraft.

    Dann stieß sie darauf: Eine Gruppe plante, die OMAS GEGEN RECHTS in der Schweiz zu gründen. Sie nahm Kontakt auf. Und sie dachte: Das ist es. Das ist der Teil der Politik, der mich wirklich umtreibt.

    Was sie meint, wenn sie sagt „gegen Rechts“, erklärt sie genau. Das Problem sind jene, die schweigen, wenn jemand wie Andreas Glarner Sibel Arslan, eine Grünen-Nationalrätin, vor laufender Kamera „Arschlan“ nennt, oder die Handynummer einer Lehrerin öffentlich macht und Hunderte Schmährufe folgen. Der Kern sind die anderen, die das alles sehen und nichts sagen. Die machen sich mitschuldig. Die sind gefährlicher für die politische Kultur als jene, die laut poltern.

    Bei den OMAS GEGEN RECHTS ist sie heute Matronin der Regiogruppe Zürich und Teil des gesamtschweizerischen Matronats. Ihren Ausblick formuliert sie realistisch, ohne Bescheidenheit. Sie ist bald siebzig, hat längst damit abgeschlossen, die Welt retten zu müssen. Aber wenn sie zwei, drei Frauen in ihrem Leben dazu bringen kann, ein paar Dinge anders zu sehen, dann hat sie viel vollbracht. Eine Freundin, seit fünfundzwanzig Jahren bekannt, ist in all dieser Zeit nie zur Abstimmung gegangen. Doris meldet sich jetzt vor wichtigen Abstimmungen bei ihr. Manchmal geht die Freundin hin. Das reicht.

    Bei den Mahnwachen kommen junge Frauen auf die OMAS zu. Die finden es toll, was die Alten machen. Doris sagt ihnen: Das ist eure Zukunft. Ihr Mann trägt inzwischen einen OMAS-Button. Ihre Söhne sind politische junge Männer geworden. Ob es im Kleinen bleibt oder größer wird, das ist ihr egal. Dass es etwas mitgibt, das reicht.

  • Magdeburg Tag der Demokratie

    Magdeburg Tag der Demokratie

    Am 5. September 2026, dem Samstag vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bin ich mit mehreren OMAS von Berlin nach Magdeburg gefahren, zum Tag der Demokratie. Rund 200 bis 300 OMAS GEGEN RECHTS aus ganz Deutschland waren angereist. Organisiert hat unsere Zugfahrt Susanne, eine OMA aus Berlin, die trotz Schienenersatzverkehr alle sicher hin und zurück gebracht hat. Dafür an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.
    Um 13:30 Uhr startete die Demonstration am Willy-Brandt-Platz vor dem Hauptbahnhof, Christiane von den Magdeburger OMAS eröffnete, dann sangen wir gemeinsam und zogen zum Domplatz. Es regnete immer wieder und war stürmisch. Ab 15 Uhr liefen dort Musik und Reden beim Demokratiefestival des Bündnisses Sachsen-Anhalt. Weltoffen!, unter anderem sprachen Luisa Neubauer, Sebastian Krumbiegel und Angela von den OMAS GEGEN RECHTS Halberstadt als Zeitzeugin der friedlichen Revolution. Etwa 8.000 Menschen zogen mit, bis zu 20.000 waren im Tagesverlauf am Domplatz, das Fest endete gegen 20 Uhr.

    Trotz Regen und Wind war die Stimmung ausgelassen, es wurde viel gesungen. Besonders berührt hat mich eine OMA mit Gitarre, die „Omas in Ost und West“ anstimmte, nach der Melodie von Wellerman, Text von Constanze Becker:
    Die Welt ist komplizierter heut doch das verstehn nicht alle Leute
    Sie folgen zu viel TikTok, auf Zeitung ham sie null Bock
    Refrain:
    OMAS in Ost und West die geben stets ihr Allerbest
    gegen die rechte Glut mit Herz und auch viel Mut, Hu!

    Am Ende der Demo kreuzte ein nationalistischer Autokorso der AfD den Weg der OMAS. Weidel und Chrupalla waren an diesem Tag ebenfalls in der Stadt, zum Wahlkampfabschluss der AfD im AMO Kulturhaus, ihnen persönlich zu begegnen, blieb uns zum Glück erspart. Den Autokorso haben wir leider mitbekommen.
    Am Sonntag dann die Wahl: Die AfD wurde mit 43,8 Prozent stärkste Kraft in Sachsen-Anhalt, ein hohes und bitteres Ergebnis. Trotzdem entschied sich in der Summe die Mehrheit für demokratische Parteien, CDU, SPD, Grüne, Linke und BSW kamen zusammen auf gut 56 Prozent und mit 44 von 83 Sitzen auf eine rechnerische Mehrheit ohne die AfD.

    Dieser Tag in Magdeburg hat trotz allem gezeigt, wie viele Menschen quer durch die Generationen zusammenhalten und für die Demokratie einstehen.