Ursula / Potsdam

Ursula wächst in Sachsen bei Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz auf und studiert fünf Jahre Geschichte in der Sowjetunion. 1981 kehrt sie zurück und arbeitet bis 1987 an der Akademie der Wissenschaften. Sie promoviert über die deutsch-deutschen Beziehungen Mitte der 1970er Jahre, bekommt zwei Töchter und entscheidet, dass ihr eine Promotion genügt. Der Mauerfall wirbelt alles durcheinander: Manche Menschen hängen ihr Fähnchen plötzlich nach dem Wind, Freundschaften zerbrechen, andere entstehen neu. Ursula organisiert Einzelklagen gegen die Warteschleife für Beschäftigte abgewickelter wissenschaftlicher Einrichtungen. Für sich selbst nimmt sie die Abfindung, denn mit Wendehälsen will sie nicht zusammenarbeiten und sich nicht verbiegen. Nach ersten Jahren der Arbeitslosigkeit und einer ABM beim Frauenbund e.V. landet sie in der Potsdamer Stadtverwaltung, zunächst bei der Rückübertragung von Vermögen, dann in der Ausländerbehörde, wo ihre Russischkenntnisse gefragt sind.

Die Ostperspektive prägt ihren Blick auf die Gegenwart. Die Baseballschlägerjahre hat sie als Frau mit Familie nicht mehr mitten im Straßenkampf erlebt, doch sie war schockiert über die Hakenkreuz-Schmierereien, die es zu DDR-Zeiten nur vereinzelt gab und die sie selbst nie gesehen hatte. Eine Erklärung für das, was nach der Wende geschah, hat sie bis heute nicht abschließend gefunden. Sie nennt die massenhafte Arbeitslosigkeit in den Plattenbaugebieten, die Wut auf die vermeintlich Linken und die alten Kader sowie Nazis aus dem Westen, die ihre Strukturen in den Osten trugen. Ein rechtsextremes Fundament sei in Deutschland ohnehin nie ganz verschwunden gewesen. Ende der 1990er prügeln sich in Potsdam Rechte und Linke sogar in der Straßenbahn, die Gewalt geht meist von den Rechtsextremen aus, bis deren Köpfe verurteilt sind. Als in der zweiten Hälfte der 1990er die erste Demo gegen Nazis auf dem Alten Markt stattfindet, ist für sie klar, dass sie hingehen muss: „Ich kann nicht anders.“

15 Jahre koordiniert sie von der Stadtverwaltung aus das Bündnis „Potsdam! bekennt Farbe“. Dabei hat sie den jeweiligen Oberbürgermeister immer an ihrer Seite und kann sich auf sehr engagierte Bündnismitglieder stützen, von den Fraktionen der demokratischen Parteien in der Stadtverordnetenversammlung über Vereine bis hin zur Potsdamer Zivilgesellschaft. Auf den SV Babelsberg 03 und seine Fans kann sie sich bei Demos besonders verlassen. Rückblickend war es ihr bester Job in der Verwaltung. Von sich und ihren Mitarbeitenden hat sie viel abverlangt, aber es war notwendig und richtig.

2019 gehört Ursula zu den fünf Frauen, die auf Einladung einer Pastorin der französisch-reformierten Gemeinde die Potsdamer OMAS GEGEN RECHTS gründen. Corona übersteht die Gruppe dank ihrer Mini-Protokolle, heute stehen rund 100 Frauen und Männer im Verteiler. Unvergessen bleibt die Menschenkette um den Landtag nach der Correctiv-Recherche, als so viele neue OMAS dazukamen, dass schon das Kaffeekochen für alle zur Herausforderung wurde.

Die Frage, ob Opas dazugehören dürfen, spaltet die Gruppen. Ursula erlebt dabei einen Unterschied zwischen Ost und West: Im Osten gibt es kaum Opas. In Potsdam sind sie willkommen, vier einfache Chatregeln gelten für alle, entschieden wird beim monatlichen Treffen.

Gerade ringt Ursula mit der Brandenburger SPD um ein klares Ja zum AfD-Verbotsverfahren und ärgert sich über die ständige Verschleppung. Aufgeben kommt für sie nicht infrage. Ein Satz des Linken-Politikers Jan van Aken begleitet sie: „Die letzte Schlacht gewinnen wir. Und wenn wir sie verlieren, dann war es nicht die letzte.“