
Ulrice / Wandlitz
Ulrice bezeichnet sich selbst als Spät-68erin. Geboren in Hamburg, verbrachte sie ihre ersten 14 Jahre in Schleswig-Holstein am Plöner See. Politisch geprägt hat sie die 68er-Bewegung, Rudi Dutschke verehrte sie sehr. Im Studium engagierte sie sich bei den Jusos und im AStA, und 1978 gründete sie, hochschwanger mit ihrem ersten Kind, gemeinsam mit ihrem Mann die Grünen in Hanau. Den größten Teil ihres Lebens verbrachte sie in Hessen. Sie wurde Lehrerin und später Schulleiterin an einer staatlichen Schule, während ihr Mann als Gründungslehrer die Waldorfschule in Bad Nauheim aufbaute. Mit einem Augenzwinkern erzählt sie, sie habe schließlich das Hobby ihres Mannes finanzieren müssen.
Nach Wandlitz kam sie, um ihre Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Ihr ältester Sohn lebt hier, seine Frau stammt aus der Gegend, eine Ost-West-Ehe. Die Landschaft erinnert Ulrice an die Seen ihrer Kindheit. Doch Teile der Familie und viele in ihrem Mehrfamilienhaus wählen rechts, und über Politik wird geschwiegen. Den Ruf ihres neuen Wohnorts bekommen die OMAS regelmäßig zu spüren. Wandlitz ist bis heute berühmt für die Waldsiedlung, in der die DDR-Führung lebte, und so landen böse Kommentare über „die reichen Witwen aus Wandlitz“ bei ihnen, als gehörten sie zur alten Politprominenz.
Nach der Pensionierung vor rund zehn Jahren ging Ulrice über den Runden Tisch in die Flüchtlingsarbeit und gibt bis heute Hausaufgabenhilfe im Wandlitzer Flüchtlingsheim. Besonders freut sie sich über Geschichten wie die ihres Fensterputzers, eines früheren Bewohners des Heims, der sich mit einer Reinigungsfirma selbstständig gemacht hat. Die Ängste rund um das Heim kennt sie auch aus nächster Nähe: Eine Nachbarin des Heims hat ein Schild „Vorsicht, bissiger Hund“ an der Tür, aus Angst vor den Geflüchteten. Über den Runden Tisch fand Ulrice zu Wandlitz zeigt Haltung und von dort zu den OMAS GEGEN RECHTS.
Auf der Straße erlebt sie, wie schwer echte Gespräche geworden sind. „Die reden nicht mit uns, weil wir OMAS GEGEN RECHTS sind. Du bist einsortiert in eine Schublade.“ Das gilt sogar für die literarischen Nachmittage der OMAS: Die örtliche Buchhändlerin weiß, dass viel mehr Menschen zu den Lesungen kämen, stünde nicht „gegen rechts“ auf der Einladung. Bedroht fühlt sich Ulrice trotzdem nicht. Beschimpft werden die OMAS selten, sie spricht schmunzelnd von einer Art Welpenschutz, weil sich an ältere Damen keiner so recht herantraut. Beunruhigend findet sie anderes, etwa dass eine geplante Verlegung von Stolpersteinen in Wandlitz kurzfristig abgesagt wurde und niemand weiß, warum. Humor behalten die OMAS trotzdem. Als Friedrich Merz meinte, die Linksgrünen hätten nicht alle Tassen im Schrank, schickten sie ihm kurzerhand Tassen.
Das Schönste ist für Ulrice der Zusammenhalt unter Frauen mit sehr unterschiedlichen Biografien. Im Lauf der Zeit, zuletzt wieder bei der Vorbereitung eines Demokratietags, wurde ihr bewusst, dass die OMAS aus dem Osten eine Diktatur noch am eigenen Leib erlebt haben. Das immer mitzudenken, ist ihr ganz wichtig geworden. Am traurigsten war der Tod einer OMA aus der Gruppe. Ulrice hofft, dass das Pendel irgendwann zurückschwingt. Die AfD einfach mal regieren zu lassen, hält sie für brandgefährlich: „So hat das bei Hitler auch angefangen.“