
Andrea / Wandlitz
Andrea ist in der DDR aufgewachsen. 1983 kam sie über einen Ringtausch, bei dem drei Familien ihre Wohnungen untereinander tauschten, mit ihrem Mann und zwei Kindern in eine große Dreizimmerwohnung im Prenzlauer Berg. Gern erinnert sie sich an die Hausgemeinschaft, an Kaffee und Kuchen im Hof und an das gegenseitige Einkaufen. Bis heute bewegt sie das Schicksal einer alten Nachbarin, die in dem Haus geboren war, nach der Billigsanierung ausziehen musste und ein halbes Jahr später starb. Sie hatte ihr ganzes Umfeld verloren.
Die Wende erlebte Andrea mit etwa 30, zwei kleine Kinder zu Hause. 1991 begann sie noch ein Fachschulstudium zur Heilerzieherin und arbeitete anschließend 32 Jahre in diesem Beruf, darauf ist sie bis heute stolz. Arbeitslos war sie keinen Tag. Engagiert war sie schon immer. Weil es Amnesty International in der DDR nicht gab, gründete sie nach der Wende im Prenzlauer Berg eine Gruppe, die als erste in den neuen Bundesländern anerkannt wurde. Die Todesstrafe ist für sie staatlicher Mord. Später betreute sie fünf Jahre lang eine tschetschenische Familie. Auf die Einheit blickt sie kritisch, sie hätte sich gewünscht, dass sich beide deutschen Staaten in Ruhe zusammensetzen. Über die D-Mark urteilt sie klar: „Ich denke, damit haben sie uns einfach gekauft.“ Viele im Osten seien bis heute enttäuscht und fühlten sich alleingelassen.
Seit 18 Jahren lebt Andrea in Wandlitz. Der Moment, in dem es ihr reichte, war das Potsdamer Geheimtreffen, bei dem zum ersten Mal von Remigration die Rede war. Eine OMAS-Gruppe gab es nur in Berlin. Also richtete sie eine Mailadresse ein, schrieb sie auf Zettel, schnitt sie aus und verteilte sie am 4. Februar 2024 bei einer großen Menschenkette an Frauen, von denen sie dachte, sie könnten ähnlich denken. Auf dem Parkplatz stand schon ein Auto mit OMAS-Aufkleber. Es gehörte Ulrike. Zu dritt fingen sie an. Eine Berliner OMA kam am Anfang vorbei, um ihnen erste Tipps zur Gründung zu geben. Unter anderem gab sie ihnen den Rat mit, auf dem Land vorsichtig zu sein, den Button nach Versammlungen abzunehmen und Fremde nicht gleich nach Hause einzuladen.
Heute ist Andrea diejenige, die bei den OMAS die Reden hält. Ist es gefährlich, auf dem Dorf gegen rechts einzustehen? Andrea wägt ab. Beschimpft wurden die OMAS bisher kaum, nur an einem Infostand wurden sie einmal von Jugendlichen richtig provoziert. Doch die Stimmung hat sich in ihren 18 Jahren in Wandlitz spürbar verändert. In manchen Dörfern der Gemeinde wählt die Hälfte AfD, insgesamt jeder Dritte, schätzt sie, und der Kopf der Neonazi-Gruppe „Deutsche Jugend Voran“ wohnt im Nachbarort Basdorf. Die AfD baut ihre Infostände gern kurzfristig und versteckt auf, damit kaum Zeit für Gegenprotest bleibt, und im Gemeinderat zermürbte ein AfD-Vertreter alle mit endlosen Anträgen. In Basdorf, wo ein Kulturverein die Baracken eines früheren Zwangsarbeiterlagers als Erinnerungsort erhalten will, sind Gebäude abgebrannt. Wer es war, weiß niemand. Als vor der Landtagswahl dazu aufgerufen wurde, bunte Bänder an den Gartenzaun zu knoten, traute sich Andrea zuerst nicht. Dann tat sie es doch, und es passierte nichts. Schwerer wiegt für sie, dass gerade die Menschen, mit denen die OMAS ins Gespräch kommen wollen, meist einfach weitergehen. Die Spaltung reicht bis in den Freundeskreis. Manche wollten nicht mehr zu ihrem Sommerfest kommen, wenn die OMAS eingeladen sind. Mit ihrer besten Freundin, die sie seit 45 Jahren kennt, hat Andrea vereinbart, Politik außen vor zu lassen. Die Freundschaft ist ihr wichtiger, spalten lassen will sie sich nicht. Und wer weiß, vielleicht hört die Freundin ja doch noch einmal hin.
Tief eingeprägt hat sich ein Demokratietag am Gymnasium, an dem eine Gruppe Zehntklässler nur schwieg, die Mopedhelme vor sich auf dem Tisch. Am Ende blieb ein Mädchen zurück, nahm Andrea am Arm und vertraute ihr an, wie mutig sie das alles finde.
Nach ihrem schönsten Erlebnis gefragt, winkt Andrea ab: „Nur eins? Das geht gar nicht, da waren gleich drei.“ Die Filmvorführung mit dem Team der ZDF-Serie „Doppelhaushälfte“, in der die OMAS sogar mitspielen durften und die inzwischen zur Tradition wird. Das Netzwerktreffen der Brandenburger OMAS in Wandlitz, mit einer langen Rede des Bürgermeisters und Schmalzstullen statt Kuchen, weil sich die OMAS nicht aufs Kuchenbacken reduzieren lassen. Und vor allem die Freundschaften, der Rückhalt, das Wissen, nicht allein zu sein. Für die Zukunft wünscht sie sich mehr Dialog und mehr Offenheit. „Schön wäre es, wenn es uns nicht mehr geben müsste. Aber ich glaube, im Moment sieht es schlecht aus.“