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  • Probenbesuch: Forumtheater der OMAS GEGEN RECHTS Bodensee

    Probenbesuch: Forumtheater der OMAS GEGEN RECHTS Bodensee

    Probenbesuch: Forumtheater der OMAS GEGEN RECHTS Bodensee

    Am 8. Juli 2026 durfte ich an der Probe für ein Forumtheaterstück der OMAS GEGEN RECHTS Bodensee teilnehmen und die Gruppe fotografisch begleiten. Es war die Probe zum Stück „Was ist eigentlich los hier?“, das bald wieder zur Aufführung kommt. Künstlerische Leitung: Irmgard Sollinger. Erarbeitet hatten die Frauen das Stück gemeinsam mit Micha Messermann, Mainz, in nur einer Woche im März 2026.

    Was ist Forumtheater?
    Forumtheater ist eine Form des interaktiven Theaters, entwickelt vom brasilianischen Regisseur Augusto Boal im Rahmen seines „Theaters der Unterdrückten“. Gezeigt wird zunächst eine Szene mit einem ungelösten Konflikt oder einer Unterdrückungssituation. Danach wird die Szene noch einmal gespielt, und das Publikum darf jederzeit „Stopp!“ rufen, selbst auf die Bühne kommen und eine Figur ersetzen, um auszuprobieren, wie sich die Situation anders lösen ließe. Ziel ist nicht die perfekte Lösung, sondern das gemeinsame Durchspielen von Handlungsmöglichkeiten: Theater als Probebühne für echtes Eingreifen.

    Das Stück verknüpft thematisch zwei Zeitebenen. Am Anfang steht ein Kriegerdenkmal, ein Chor singt „Lili Marleen“. Aloys, kriegsversehrt, wird von den Erinnerungen eingeholt und übergibt seiner Nachfahrin Hedi einen schweren Sack: die Last der Vergangenheit, die sie widerwillig schultert.

    Im zweiten Teil, in einem Supermarkt, geraten Hedi und ihre Freundin Biggi beim Einkaufen in eine Konfrontation: Kevin, ein junger Mann mit Kapuzenpulli, greift ein schwangeres lesbisches Paar verbal an. Hedi stellt sich schützend dazwischen. Biggi dagegen steht für die Menschen, die nicht hinschauen wollen: Sie nimmt die Attacke zwar wahr, wendet sich aber ab, will damit nichts zu tun haben, ist genervt und will lieber in Ruhe Champagner für ihre Geburtstagsparty kaufen. Als Hedi von Kevin bespuckt wird, bleibt Biggi keine Wahl mehr, als ihrer Freundin notdürftig „beizustehen“; doch kaum ist die Situation vorbei, schiebt sie Hedi von sich weg, mahnt sie, ja nicht ihre Party zu versauen, und verschwindet. Hedi bleibt fassungslos allein zurück: „Ich begreife es nicht, ich begreife es einfach nicht.“
    Wie mir die Frauen erzählten, hat das Stück in bisherigen Aufführungen mehrfach für Gänsehaut-Momente gesorgt. Meist stellt sich das Publikum schützend vor das angegriffene queere Paar. Nur einmal bekam stattdessen Kevin Unterstützung aus dem Publikum, und sofort formierte sich die gesamte Zuschauerschaft gegen ihn. Bei dieser Gelegenheit ging auch jemand direkt zu Kevin, fragte ihn, ob ihn denn irgendjemand liebe, und Kevin fiel buchstäblich die Maske herunter, er konnte gar nichts mehr sagen.

    Für nächstes Jahr wird überlegt, das Stück näher an die eigenen Erfahrungen der Omas heranzurücken, etwa indem statt des queeren Paares reale Beschimpfungen eingebaut werden, mit denen sich die Frauen selbst immer wieder auseinandersetzen müssen. In seiner Kürze trägt das Stück für mich alles in sich: eine traumatisierte Generation, die ihr Päckchen weitergibt, falsche Ideologien, und der wiederauferstandene Hass gegen Andersdenkende. Es regt zum Mitmachen an und zum Nachdenken.

    Kommende Termine:
    01.–09.8.26, Friedrichshafen, Kulturufer (Termine noch nicht fixiert)
    02.10.26, 15–20 Uhr, Konstanz, Lange Nacht der Demokratie, Münsterplatz
    11.10.26, 18:30–19:30 Uhr, Heimenkirch, Paul-Beck-Haus, im Rahmen der Interkulturellen Woche der VHS Lindenberg
    Frühjahr 2027: VHS Lindenberg (2. Aufführung im Rahmen eines Projekts zur Aufarbeitung des 3. Reichs) und VHS Lindau

    Ich hoffe, eine der kommenden Aufführungen selbst sehen zu können, und freue mich schon sehr darauf.

  • Itzlings, am Dienstag

    Itzlings, am Dienstag

    Hergatz Itzlings, am Dienstag

    Der Bahndamm ist gesperrt, der Verkehr wird umgeleitet – direkt an der schmalen Bannerabsperrung vorbei, in der die Demonstrierenden Aufstellung genommen haben. Wer hier steht, steht zwangsläufig nah am Geschehen. Die Autos und Lastwagen donnern im Vorbeifahren dicht an den OMAS GEGEN RECHTS und den anderen Protestierenden vorbei. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt, scheinbar ungerührt, der Gasthof Stiefenhofer.
    Das Haus atmet Geschichte: 1680 als Schenke eröffnet und seit 1740 im Besitz der Familie Stiefenhofer, war es über Jahrhunderte der unbestrittene Mittelpunkt des dörflichen Lebens – bekannt für seinen Wurstsalat, die gesellige Atmosphäre und als fester Anlaufpunkt für Reisende. Mit den Einschränkungen der Corona-Pandemie gaben die Wirtsleute den regulären Gastbetrieb auf; der Eigentümer Alois Stiefenhofer junior konzentrierte sich fortan ganz auf die Landwirtschaft. Doch seit Herbst 2024 herrscht hier einmal im Monat eine völlig neue Dynamik: Der AfD-Kreisverband Westallgäu-Lindau nutzt die Räumlichkeiten für seinen regelmäßigen Stammtisch.
    Als ich versuchte, die Straßenseite zu wechseln, um das Gebäude aus einer besseren Perspektive zu fotografieren, wurde ich von der Polizei abgehalten. Die Begründung: Privatgrund, der gesamte Bereich gehöre zum Gasthof. Rechtlich ist daran rein gar nichts auszusetzen – es ist das verbriefte Eigentum des Wirts, sein Haus und somit seine legale Ausübung des Hausrechts. Eine Schikane ist es nicht, sondern schlicht geltendes Recht.
    Als Gegenbewegung zu diesen Treffen formierte sich bereits im Januar 2025 – und damit seit mehr als einem Jahr – das überparteiliche Bündnis „Hergatz bleibt bunt“. Seither ruft es an jedem ersten Dienstag im Monat zum „Demokratie-Dienstag“ auf. Eine Petition gegen die Treffen hat mittlerweile mehr als 800 Unterschriften eingebracht – beachtlich ist dabei, dass ein gutes Drittel der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner direkt aus Itzlings und der unmittelbaren Umgebung stammt.
    Was in dem kleinen Allgäuer Ort verhandelt wird, berührt im Kern eine fundamentale Frage des öffentlichen Raums: Wer darf sich wo Gehör verschaffen, wer wird an den schmalen Rand der Straße verwiesen – und wo genau verläuft die Grenze, ab der die Öffentlichkeit nicht mehr mitreden darf, weil das Hausrecht des Einzelnen beginnt? Die OMAS GEGEN RECHTS besetzen an diesem Dienstag den wohl engsten Platz an der Straße – und sie werden, so viel steht fest, auch im nächsten Monat wieder dort stehen.

  • Margot

    Margot

    Margot / Basel

    Margot kommt aus der Frauenbewegung. Das prägt sie bis heute.

    In den frühen 1980er Jahren war sie Kindergärtnerin in Basel, engagiert in einer Frauenorganisation namens OFRA. Mit einer Gruppe von Kolleginnen, Kindergärtnerinnen, Hauswirtschafts- und Werklehrerinnen stellte sie fest, dass ihre Berufsgruppen systematisch schlechter entlöhnt wurden als andere Lehrerberufe. Typische Frauenberufe, typisch schlecht bezahlt. Sie entschlossen sich zu klagen. Es dauerte fünf Jahre, der Kanton wies sie immer wieder ab. Am Ende zogen sie vor das Bundesgericht und gewannen. Die gesamte Berufsgruppe bekam rückwirkend Lohn ausbezahlt. Als der Kanton dann auch noch die Steuern auf einmal einziehen wollte, klagten sie erneut und gewannen erneut. Margot hat dabei gelernt, wie Politik abläuft. Und was es bedeutet, wenn Frauen zusammenhalten.

    In den Nullerjahren erkrankte sie. Der Rollstuhl kam, und mit ihm eine neue Realität: Türen, die zu schmal sind. Häuser, die nicht zugänglich sind. Eine Stadt, die nicht für sie gebaut wurde. Aber auch eine Erfahrung, die sie selbst überraschte sie wurde nie angefeindet wegen des Rollstuhls. Und sie stellte fest, dass der Rollstuhl ihr bei Aktionen sogar eine Art Narrenfreiheit gibt. Sie fährt auf Menschen zu, fragt, ob sie abstimmen gehen, ob sie sich informiert haben. Die meisten bleiben stehen. Die meisten reden.

    Nach Corona merkte sie, dass sie sich wieder engagieren wollte. Nicht nur für Frauenrechte — auch für das grössere Bild. Der Rechtsrutsch in der Schweiz, in Europa, in der Welt beschäftigte sie. Dann las sie, dass sich eine Gruppe OMAS GEGEN RECHTS in der Schweiz gründen würde. Sie schrieb sich ein — mit einem mulmigen Gefühl. Nicht wegen der Politik, sondern wegen der Menschen. Wie würden sie mit ihr umgehen? Würde der Rollstuhl ein Hindernis sein? Sie wollte nicht als die arme „Behinderte„wahrgenommen werden. Sie wollte als ganze Frau wahrgenommen werden, mit allem, was sie mitbringt.

    Beim ersten Treffen in einem Café in Basel schaute sie genau hin. Sie fand Frauen, die sie interessierten. Als es darum ging, wo man sich das nächste Mal treffen sollte, machte Margot einen Schritt, der ihr nicht leichtfiel: Sie lud die Gruppe zu sich nach Hause ein. Sie wohnt in der Nähe des Bahnhofs in Basel, hat einen grossen Raum, einen riesigen Tisch. Kommt doch zu mir, sagte sie. Seitdem bereut sie es keinen Tag.

    Was ihr die OMAS gegeben haben, sagt sie, ist ein Geschenk. Im Alter neue tolle Frauen kennenzulernen — das soll schwierig sein. Bei ihr ist es das Gegenteil. Frauen, mit denen sie am gleichen Strick zieht. Und ihr Rollstuhl, sagt sie, spielt dabei überhaupt keine Rolle.

    Ihr Ausblick ist ehrlich. In Basel sind etwa 40 bis 50 Frauen als Mitglieder eingetragen — aber aktiv sind es wenige. Als sie von einer Freiburger Gruppe hörte, die 50 aktive Omas hat, dachte sie: wo sind wir? Sie hofft auf Wachstum, auch im Baselland. Und sie denkt an die Migrantinnen in der Stadt — fast die Hälfte der Basler Bevölkerung hat Migrationshintergrund. Diese Frauen zu erreichen wäre wichtig. Und schwierig. Aber es wäre ein nächster Schritt.

  • Mahnwache Zürich Paradeplatz

    Mahnwache Zürich Paradeplatz

    Am 20. Juni 2026 begleitete ich die OMAS GEGEN RECHTS Zürich bei ihrer monatlichen Mahnwache am Paradeplatz. Kurz zuvor hatte es stark geregnet, die Pflastersteine glänzten noch nass, als die Frauen Aufstellung nahmen. Wegen des Wetters hielten sie die Mahnwache kurz – aber sie hielten sie.

    Der Paradeplatz ist das Finanzzentrum Zürichs, flankiert von den Hauptsitzen der Großbanken UBS und Credit Suisse, und an Samstagen ein belebter Durchgangsort für Touristen und Einkaufende. Das Publikum hier ist gemischt, viele Reisende aus dem Ausland, aber auch Zürcherinnen und Zürcher – und gelegentlich heftige Diskussionen.

    Die Frauen verteilten Buttons und kleine Puppen, kamen ins Gespräch. Der Zuspruch war gut.

    Die Mahnwachen finden einmal im Monat statt, abwechselnd am Paradeplatz und in Oerlikon – einem Stadtteil, der früher Arbeiterviertel war und heute von einer gemischten Mittelschicht bewohnt wird. Dort, auf dem Wochenmarkt, ist die Stimmung eine andere: mehr Zuspruch, mehr Gespräche, öfter auch Spenden. Die Gruppe überlegt, künftig weitere Stadtteile einzubeziehen.

    Die Themen der Mahnwachen richten sich nach der politischen Landschaft – laufende Initiativen, Petitionen, aktuelle Debatten. Geplant sind unter anderem Aktionen zur SVP-Neutralitätsinitiative. Zum Schweizer Frauenstreik sind die OMAS GEGEN RECHTS Zürich ebenso dabei wie bei den 16 Tagen gegen Gewalt an Frauen im November, wenn Frauen aus der ganzen Schweiz mit orangenen Pulswärmern nach Bern fahren.

  • Ute

    Ute

    Ute / Basel

    Ute ist in Berlin aufgewachsen, in einer Familie, die die ganze Widersprüchlichkeit der deutschen Nachkriegsgeschichte in sich trug. Ihr Vater, Jahrgang 1923, war SS. Er hat es nie wirklich zugegeben — nur scheibchenweise, spät, und nie ganz. Die Tätowierung am Arm erklärte er dem Kind als Erinnerung aus russischer Gefangenschaft. Erst später hat Ute selbst recherchiert, hat die Jahreszahlen zusammengezählt und verstanden, was sie bedeuten. Er war blond, blauäugig, gross — und er hatte sich aktiv beworben, in einer Zeit, als man sich noch bewerben musste. Später ist er in die SPD gegangen. Ein Umdenken, aber kein ehrliches Eingestehen.

    Ihre Grossmutter, bei der sie aufwuchs, war keine überzeugte Nationalsozialistin — aber von der Rassenlehre durchdrungen, kaisertreue Preussin, die Hitler vor allem wegen seines Auftretens ablehnte. Zu brüllig für einen Staatsmann. Utes Mutter wiederum kam aus einer bürgerlichen Beamtenfamilie, ging später zu den Jusos. Ute hatte also alles auf einmal: die preussische Strenge, das beschämte Schweigen, den linken Aufbruch.

    Mit 13, 14 war sie, wie sie selbst sagt, richtig radikal. Sie rebellierte — gegen die Herkunft, gegen das Stillhalten, gegen das Funktionieren. Den Gerechtigkeitssinn hatte sie schon als Kind, in der Schule, wenn es hiess: das geht dich doch nichts an. Und sie dachte: aber es ist nicht fair. Das hat sich nie geändert.

    In Berlin fand sie früh Anschluss an feministische Kreise, die Friedensbewegung, die Anti-AKW-Bewegung. Sie machte eine Ausbildung zur Krankenschwester — damals hiess es noch so — und arbeitete ehrenamtlich im feministischen Gesundheitszentrum, hatte früh Kontakt zu vergewaltigten und misshandelten Frauen. Bei einer Demo für den Paragraphen 218 malte sie sich einen Embryo auf ihr T-Shirt-Kleid, dazu die Worte: Mein Bauch gehört mir — durchgestrichen. Ein Kameramann der Tagesschau hielt drauf. Das Bild lief. Ihr Arbeitgeber zitierte sie danach zu sich: Als Krankenschwester in Ausbildung sei man ein Vorbild. So verhalte man sich nicht. Ute fand: Es war Freizeit. Sie hatte sich nicht krank gemeldet. Und sie hatte ein Statement gemacht, das in die Zeit gehörte.

    Dann kam die eigene Familie, weniger Zeit, weniger Kapazität. Aber der Blick auf die Welt blieb. Als der Rechtsruck sich weltweit ausbreitete, dachte sie: du bist noch fit, du kannst noch was machen. Eine Partei kam nicht in Frage — keine entsprach wirklich dem, was sie sagen würde. Dann hörte sie von den OMAS GEGEN RECHTS in Deutschland, fuhr zweimal nach Heidelberg zu Demos. Und dachte irgendwann: das kann es ja nicht sein, immer von Basel nach Heidelberg. Sie suchte, stiess auf die Grossmütterrevolution, und über sie auf die Schweizer OMAS GEGEN RECHTS. Seitdem ist sie dabei.

    Was sie beschäftigt: dass sich alles rückwärtsbewegt. Das Recht auf Abtreibung, das in der Schweiz wie in Deutschland keine echte Freiheit ist, sondern eine geduldete Ausnahme. Die Tradwives auf TikTok, die zurück in die Fünfzigerjahre wollen — oder noch weiter. Der gleiche Hass wie damals, nur anders verpackt. Früher kamen Männer vom Strassenrand und brüllten: scheiß Weiber. Heute kommen sie mit Diskussionsangeboten, stellen Fangfragen, und wenn man mit Fakten antwortet, kommt der eigentliche Hass — über das Äussere, über Catcalling, über Drohungen. Intellektuell verbrämt, sagt Ute, aber im Kern dasselbe.

    Bei Infoständen und Mahnwachen hat die Gruppe gelernt, damit umzugehen. Wenn ein Mann eine Frau stundenlang in ein Gespräch bindet, das keines ist, kommt eine andere dazu und sagt: die brauche ich kurz. Oder man sagt selbst: ich merke, wir kommen hier nicht weiter. Und geht. Es gibt inzwischen Selbstbehauptungstrainings in der Gruppe — das erste lief, das nächste ist bereits ausgebucht.

    Ute weiss, wie das geht. Sie kennt es seit Jahrzehnten. Und sie teilt dieses Wissen jetzt mit Frauen, für die es neu ist. Viele Schweizer Omas, sagt sie, kennen das nicht — dieses Angemacht-werden, dieses Kleingemacht-werden. Das ist nicht ihr Vorwurf. Es ist einfach eine andere Geschichte.

    Ihr Ausblick, auf die Frage nach Hoffnung: dass das Patriarchat endlich brennt. Und für alle, die zuhören — das war kein Aufruf zur Gewalt.

  • Rosmarie

    Rosmarie

    Rosemarie / Basel

    Rosmarie wurde in einem Land geboren, in dem Frauen noch nicht wählen durften. Das Frauenstimmrecht kam in der Schweiz erst 1971 — nicht weil es so beschlossen wurde, sondern weil die Männer es ihnen per Abstimmung erlaubten. Im Kanton Appenzell Innerrhoden dauerte es bis 1991, erzwungen durch das Bundesgericht. Rosmarie war 13, als es endlich so weit war.

    Sie erinnert sich an Kleinigkeiten aus der Kindheit, die ihr gezeigt haben, dass etwas nicht stimmte — ohne dass sie damals hätte sagen können, was. An den Briefkästen in ihrem Haus standen nur Männernamen. Nur bei ihrer Familie stand H. und E. Brunner-Leemann — immerhin erkennbar ein Ehepaar. Die Töchter standen auch dort nicht drauf. Aber immerhin.

    Einmal wollte ihre Mutter auf dem Polizeiposten eine Identitätskarte für die Tochter beantragen — etwas ganz Gewöhnliches. Der Polizist druckste. Das dürfe sie nicht, da müsse ihr Mann kommen. Rosmarie stand daneben, an der Hand ihrer Mutter, und spürte, wie diese neben ihr kochte. Sie gingen wieder, ohne etwas erreicht zu haben. Rosmarie verstand das nicht. Aber sie spürte es.

    In der Schule hatte sie einen Geschichtslehrer, der das Dritte Reich intensiv durchnahm. Das Mittelalter, sagte er, könnt ihr selber nachlesen — aber die jüngste Geschichte, die euch prägt, die müsst ihr kennen. Rosmarie wusste viel, schon bevor sie die Schule abschloss. Dann kam das Theologiestudium. Was nützen die schönsten Gedankengebäude, wenn sie nicht in der Realität stattfinden, fragte sie sich. Die radikale Freundlichkeit — das war etwas, das sie dort trainierte. Und die Anti-AKW-Bewegung beschäftigte sie, auch wenn sie nicht demonstrieren ging. Sie dachte darüber nach. So war sie schon immer: nicht wegschauen, nachdenken, Position beziehen.

    Was sie in der Schweiz beobachtete, beunruhigte sie zunehmend. Seit den 1970er Jahren drängt rechtspopulistisches bis rechtsextremes Denken immer weiter in die Mitte der Gesellschaft — auch über die Sprache. Wörter wie Überfremdung tauchten damals auf. Die Muster kehren seitdem immer wieder, nur leicht verkleidet. Gerade erst wurde über die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative abgestimmt, lanciert von der SVP — ein Label, das Rosmarie als verlogen bezeichnet: Grüne Themen werden von derselben Seite sonst regelmäßig abgeschmettert. Die Initiative wurde abgelehnt. Aber es geht weiter. Immer diese Spaltung: wir und die anderen. Das sei Gift, sagt sie — für die, die so denken, und erst recht für die, die es betrifft.

    2018 las sie in einer Zeitung, dass Monika Salzer in Wien die OMAS GEGEN RECHTS gegründet hatte und dass in Deutschland erste Gruppen entstehen. Das hat sie, sagt sie, wie elektrisiert. Ja genau, genau das. In der Schweiz gab es nichts. Sie recherchierte, knüpfte Kontakte nach Deutschland, traf bei einem Besuch in Berlin eine Berliner Oma. Und sie fand die GrossmütterRevolution — eine Schweizer Organisation, ursprünglich vom Migros Kulturprozent finanziert, seit 2022 als eigenständiger Verein organisiert. Ein grosses Thema dort ist Care-Arbeit: die unbezahlte, unsichtbare Arbeit, die gesellschaftlich kaum anerkannt wird — ein Thema, bei dem alte Frauen, wie Rosmarie sagt, ein Lied mit vielen Strophen singen können. Rosmarie ist heute Präsidentin des Vereins. Und sie erzählte dort von ihrem Traum: OMAS GEGEN RECHTS in der Schweiz zu gründen. Sie fand Gleichgesinnte. Fünf Frauen aus der GrossmütterRevolution Basel taten sich zusammen — in der Schweiz braucht es nicht mehr als das, einen Handschlag, und der Verein ist gegründet. Rosmaries Mann baute die Website.

    Im Herbst 2024 erschien im Tagesanzeiger ein Interview mit einem Kenner der rechtsextremen Szene. Er erwähnte, dass es in der Schweiz auch OMAS GEGEN RECHTS gebe — er hatte die Website gefunden. Von da an kamen die Anfragen. Im März 2025 gründeten sie den Verein. Dann luden sie Monika Salzer ein, dazu Dörte Schnell aus Worpswede, und eine Journalistin des Tagesanzeigers. Der Artikel, der daraus entstand, löste eine Welle aus: Innerhalb eines Jahres wuchsen die Schweizer OMAS GEGEN RECHTS von zwei Dutzend auf über 250 Frauen. Heute gibt es aktive Gruppen in fünf Regionen, weitere entstehen gerade.

    Die OMAS GEGEN RECHTS Schweiz haben in Basel bereits drei Mahnwachen veranstaltet. Auf dem Barfüßerplatz, dem Theaterplatz und dem Marktplatz klebten sie ein großes Schweizer Kreuz auf den Boden, legten Transparente als Grenzmarkierung aus und gingen mit Passantinnen und Passanten ins Gespräch. Es gab auch Männer, die einem dann die Welt erklären wollten. Manchmal anstrengend. Aber es gab gute Gespräche.

    Im Herbst, am 25. November — dem internationalen Gedenktag für Femizide — planen die Schweizer OMAS eine Sternfahrt nach Bern. Orangefarbene Pulswärmer werden gestrickt und verschenkt, als Mahnmal. Strickend, alle in Orange, fahren sie gemeinsam mit dem Zug. Auf dem Bundesplatz dann eine Aktion.

    Und wenn sie manchmal in die Welt schaut und denkt, das ist ein Schlamassel, was wir hier veranstalten — dann ist es dieser Zusammenhalt, der sie trägt. Frauen, die sich finden. Die das gleiche beunruhigt. Die gemeinsam ein Gegengewicht setzen wollen. Diese Verbundenheit, sagt Rosmarie, gibt ihr Kraft. Und Mut. Und Lebenslust.

  • Brigitta

    Brigitta

    Brigitta / Basel

    Brigitta ist keine Oma. Das sagt sie selbst, ohne Umschweife. Wenn jemand das anmerkt, antwortet sie inzwischen spontan: aber ich bin gegen rechts. Eine Freundin würde schon das Label abturnen. Brigittas Nichte findet es cool. Brigitta selbst identifiziert sich nicht als Oma — aber sie versteht die Strategie dahinter. Wenn du Oma hörst, denkst du: harmlose alte Frau. Und genau das ist der Trick. Man wird angehört, macht keinen Druck wie der schwarze Block, und sagt trotzdem das Wichtige. Auf einmal sind ältere Frauen die lauteste zivilgesellschaftliche Bewegung — sichtbar, laut, ernst genommen.

    Aufgewachsen ist Brigitta in Frankfurt, in den 1960ern und 70ern. Ihre Mutter war Geschichtslehrerin, die Eltern linksliberal. Nationalsozialismus und Faschismus waren in der Schule ein Thema — was damals keineswegs selbstverständlich war. Mit 16 hat sie Schulstreik gemacht, mit 17 gegen Nazis demonstriert. Es gab Lehrer, die sie wirklich geprägt haben. Und es gab jedes Jahr am 17. Juni einen Naziaufmarsch in Frankfurt — und dagegen Rock gegen Rechts, mit Zehntausenden Menschen und grossen Bands. Das hat sie geformt.

    Dann England, dann Basel. Seit 15 Jahren lebt sie in der Schweiz, und Gleichgesinnte zu finden ist nicht immer leicht. Als sie hörte, dass sich die OMAS GEGEN RECHTS in Basel gründen, hatte sie gerade einen gebrochenen Fuss. Sie ging trotzdem hin. Die Omas kannte sie schon aus deutschen Medien, von den Demos gegen jene Veranstaltung, über die Korrektiv berichtet hatte — die grösste Demonstrationswelle seit langem. Die Omas waren immer dabei. Und Brigitta dachte jedes Mal: schade, ich bin ja in der Schweiz.

    Jetzt ist sie dabei. Was ihr am besten gefällt: dass sie bei Demos nicht mehr allein rumläuft. Dass Frauen zusammen sind, gemeinsam Ideen entwickeln und Aktionen machen. Das trägt.

    Was sie über die Schweiz denkt, sagt sie direkt. Die Schweizer Volks Partei hat 30 Prozent. Ihre Wahlkämpfe und Plakate wurden zumindest zeitweise von SVP-nahen Leuten für die AfD konzipiert — die Verbindungen sind eng. Die Schweiz ist kein EU-Mitglied, aber über Schengen und bilaterale Verträge eng eingebunden — und die SVP lanciert trotzdem alle zwei Jahre eine Initiative dagegen. Immer das gleiche Thema: Migration, Ausländerfeindlichkeit, Anti-EU. Basel hat die letzte Masseneinwanderungsinitiative mit 75 Prozent abgelehnt — der höchste Wert im ganzen Land. Die Städte denken anders als das Land. Aber gegen 30 Prozent SVP kommt man nicht mit einer Handvoll Omas an — das weiss Brigitta selbst.

    Und trotzdem: dranbleiben, Schritt für Schritt, immer wieder Präsenz zeigen. So haben sie es in den 70ern und 80ern mit der Klimabewegung gemacht. Und sie glaubt, dass die OMAS GEGEN RECHTS gerade für junge Menschen ansprechend sind. Junge Männer wählen heute rechts — Krisen machen Angst, und die Rechten bieten einfache Antworten. Aber viele junge Menschen haben Omas. Und wenn man nur ein oder zwei mitnimmt, ist schon etwas gewonnen.

    Man tut, was man kann.

  • Ilse

    Ilse

    Ilse / Graz

    Ilses Vater hörte viel Radio und redete gern über Politik — mit seinem besten Freund aus der Weststeiermark, über Kommunismus, Sozialismus, die Schwarzen. Das Kind hörte zu, bekam Erklärungen, und das linke Spektrum war von da an nah. Die Kreisky-Regierung hat den Rest erledigt: Ilse konnte die Matura machen, weil die Bildungsreform Stipendien, Schulgeld und gratis Schulbücher möglich machte. Ohne das wäre es sich für ihre Familie nicht ausgegangen.

    Dann hat sie das  „Das zweite Geschlecht“ von Simone de Beauvoir gelesen, und ein Schleier fiel. Im Parlament keine Frauen, in den juristischen Gremien keine Frauen, in der Regierung Kreisky eine erste einzige Ministerin — die Dr. Firnberg, über die gelacht wurde, weil sie eine Frau war. In den 70er und 80er Jahren lernte Ilse in Graz die ersten Feministinnen des Frauenzentrums Bergmanngasse, Studentinnen der Karl-Franzens-Universität, kennen. Sie war schüchtern, erstarrte vor Ehrfurcht vor diesen Frauen, die entschieden auftraten und reden konnten. Reden lernen war ihr Lebenstraum. Sie kam in politische Kreise, in Lesbenkreise, und man unterstützte sich gegenseitig.

    In einer historischen Frauengruppe entstand während des Geschichtestudiums die Idee der Frauenstadtspaziergänge durch Graz — ein Projekt, das sie über Jahrzehnte begleitete und erst 2007 an zwei jüngere Frauen übergab. Die Spaziergänge gibt es bis heute. Zwei Bücher über Grazer Frauengeschichte hat Ilse mitherausgegeben. 2003 arbeitete sie an den WOMENT-Würdigungstafeln im Rahmen der Kulturhauptstadt Graz — 23 Tafeln, die heute noch in der Innenstadt sichtbar sind und an Feministinnen, Widerstandskämpferinnen und frauenpolitische Einrichtungen erinnern. Frauen, sagt Ilse, waren schon immer widerständig — die Geschichte wird nur meist von Männern geschrieben.

    Als 2017 in Österreich die dritte Regierung mit FPÖ-Beteiligung gebildet wurde, gründeten Monika Salzer und Susanne Scholl in Wien die OMAS GEGEN RECHTS. In Graz bildete sich rasch eine eigene Gruppe. Ilse ging im Jänner 2018 zu einer ersten Sitzung in der Stadtschenke — und fand dort Feministinnen, die sie zum Teil schon kannte: Frauen, die seit Jahrzehnten in der feministischen Szene, in der Weiterbildung, im Frauenrat gearbeitet hatten. Das Vertrauen war sofort da. Dass der Name anfangs wenig einladend klang, gibt sie offen zu. Aber dann sah sie, wer Monika Salzer war, wie die Grazerinnen dachten — und blieb.

    Biologische Oma ist Ilse nicht, sie hat keine Kinder. Aber sie fühlt sich als Omageneration, die über das eigene Umfeld hinaus denkt, für die nächsten Generationen. Die Gruppe in Graz zählt heute rund 25 Aktive — Lehrerinnen, Architektinnen in Pension, Kabarettistinnen — und tritt bei Mahnwachen vor dem Landhaus auf, bei Performances und Marktspaziergängen, im Gespräch mit Menschen über Politik und Wahlverhalten. Ilse gehört zu den fünf Sprecherinnen. Was sie am meisten schätzt, ist die Gemeinschaft und die Stunden, in denen die Sprecherinnen ohne Tagesordnung zusammensitzen und die Gedanken schweifen lassen.

    Als Ilse den Grazer Frauenpreis bekam und ein Interview in der Steirerin erschien, waren in ihrer Herkunftsgemeinde plötzlich alle stolz auf sie. Wegen des Preises — nicht wegen dem, wofür er vergeben wurde. Was sie inhaltlich macht, wofür sie steht, das blieb unkommentiert. In einer Gemeinde, in der traditionell schwarz und blau gewählt wird und über ihre politische Arbeit schlicht nicht gesprochen wird, war die Auszeichnung als solche das Ereignis. Das Zweischneidige daran hat sie nicht übersehen.

    Die jungen offenen und kritischen Menschen und die wunderbaren OMAS ermutigen sie und stimmen sie immer wieder optimistisch. Jüngere Frauen fragen immer öfter, ob sie zu den OMAS GEGEN RECHTS stoßen können — auch wenn sie noch keine Omas sind. Die Antwort ist ja. Die Gruppe arbeitet mit jungen Frauen von der Akrosphäre in Graz zusammen, hat Aktionen der Letzten Generation begleitet und unterstützt. Eine Spange zwischen ganz jung und alt, sagt Ilse. Das sei das Neue daran — dass nicht nur die Jungen auf die Straße gehen, sondern auch die Alten. Und dass alte Frauen laut und sichtbar sind. Das war lange anders.

    Was sie am meisten beunruhigt: dass Menschen nicht wahrnehmen, wie gefährlich der Rechtsextremismus ist. Dass die hetzerischen und oft verharmlosenden Reden der FPÖ geglaubt werden. Dass der ORF in der Steiermark die OMAS GEGEN RECHTS seit dem rechts/rechtsextremen Regierungswechsel 2025 nicht mehr interviewt. Das nennt sie nicht traurig. Das nennt sie erschreckend.

  • Für die Demokratie – auf den Märkten von Graz

    Für die Demokratie – auf den Märkten von Graz

    Für die Demokratie – auf den Märkten von Graz

    Einen Monat lang, jeden Samstag, waren die OMAS GEGEN RECHTS Steiermark auf den Grazer Märkten unterwegs. Nicht um Wahlkampf zu machen – sondern um Menschen daran zu erinnern, dass ihre Stimme zählt. Vor der Gemeinderatswahl am 28. Juni 2026 sprachen sie Marktbesucher*innen an, verteilten Informationen und machten deutlich: Demokratie braucht Beteiligung.

    Das Ergebnis am Wahlabend zeigte, dass Graz seinen eigenen Weg geht. Die KPÖ unter Bürgermeisterin Elke Kahr gewann die Wahl mit deutlichem Abstand und bleibt stärkste Kraft im Grazer Gemeinderat. Sie erhielt rund 36 Prozent der Stimmen – ein nochmaliger Zuwachs gegenüber 2021. Die FPÖ erzielte 12,2 Prozent – ein leichtes Plus gegenüber 2021, aber weit unter dem bundesweiten Trend.
    Graz bleibt damit ein bemerkenswerter Sonderfall in der österreichischen Politiklandschaft.

  • Franziska

    Franziska

    Franziska / Berlin

    Wer in der Berliner Waldsiedlung Zehlendorf vor den roten Ziegeldächern steht, blickt auf eine steingewordene Geschichte. 1938 für die SS erbaut, spiegeln die Häuser noch heute in ihrer Anlage die Hierarchie des NS-Regimes wider: Einzelhäuser für die höheren Dienstgrade, Reihenhäuser für die unteren. Franziska ist hier aufgewachsen — und nach Jahren zurückgekehrt. Sie wohnt wieder in derselben Siedlung, deren Geschichte nach dem Krieg unter neuen Eigentümern und vernichteten Akten weitgehend begraben wurde. Was geblieben ist, sind die Mauern — und die Frage, was man damit macht. Franziska hat ihre Antwort gefunden: Ein paar Straßen entfernt trifft sich ihre Gruppe der OMAS GEGEN RECHTS. Die einstigen Bewohner, sagt sie, rotieren hoffentlich im Grab.

    Franziska, Jahrgang 1959, ist mit dem Wirtschaftswunder aufgewachsen, in einem Zehlendorfer Wohlstand, den sie heute als reinen Zufall des Geburtsortes begreift. Aus einer protestantischen Familie stammend — der Großvater Pfarrer, ein Onkel Theologieprofessor — ist sie selbst aus der Kirche ausgetreten, aber mit einem Satz aufgewachsen, der sie nie losgelassen hat: Wer etwas hat, gibt ab. Politisch interessiert war sie immer, aktivistisch engagiert erst seit 2016, als sie begann, Geflüchtete zu unterstützen. Was als Begleitung einer einzelnen Familie begann, führte sie bald in die Steuerungsgruppe einer der größten Berliner Hilfsorganisationen. Dort lernte sie, was es bedeutet, Strukturen aufzubauen, Netzwerke zu knüpfen, Verantwortung zu tragen. Irgendwann reichte ihr das Lindern nicht mehr — sie wollte die Ursachen bekämpfen, politisch eingreifen.

    Den Weg zu den OMAS GEGEN RECHTS fand sie 2019 durch eine Begegnung in einer Kirchengemeinde. Zwei Frauen sagten in der Pause eines Vortrags, sehr stolz: Wir sind OMAS GEGEN RECHTS. Franziska hatte diese Frauen mit ihren Schildern bei Demos gesehen und immer gedacht, das seien Einzelpersonen, die sich ihre Schilder selbst gebastelt hatten — irgendwie putzig. Dass dahinter eine Bewegung steckt, wusste sie nicht. In der Pause ging sie auf die beiden zu. Kurz darauf fuhr sie zu ihrem ersten monatlichen Treffen nach Kreuzberg. Dreißig, vierzig Frauen — das waren damals alle Berliner OMAS. Als man sie fragte, ob sie eine – die erste- Bezirks-Gruppe in Zehlendorf gründen wolle, sagte sie zweimal Nein. Beim Rausgehen sagte sie Ja.

    Inzwischen ist die Bewegung in Berlin auf dutzende Stadtteilgruppen angewachsen — und längst weit mehr als eine Reaktion auf die AfD. Die OMAS sind beim Christopher Street Day, bei Klimademos, bei Mahnwachen für Geflüchtete. Sie putzen Stolpersteine, besuchen Gedenkstätten, setzen sich für queere Menschen ein, gegen Frauenfeindlichkeit, gegen Antisemitismus, für Roma, für alle, die von rechts missachtet und diskriminiert werden. Für Franziska ist das kein Widerspruch, sondern eine ganzheitliche Verteidigung des Grundgesetzes: OMA GEGEN RECHTS zu sein bedeutet, sich gegen alles zu wenden, was diese Demokratie von innen aushöhlt.

    Ihre Entschlossenheit hat sie an Orte geführt, die sie sich früher nicht zugetraut hätte. Nachts hat sie ein rechtes Graffiti übermalt — nach dem Vorbild der Künstlerin Irmela Mensah-Schramm, die das seit vierzig Jahren macht . Und nach der Correctiv-Recherche hielt sie, gemeinsam mit einer anderen OMA, eine Rede vor 150.000 Menschen auf dem Berliner Reichstagsgelände. Die Rede hatte sie kurz zuvor in nur einer Nacht geschrieben. Auf dem Fahrrad nach Hause dachte sie immer wieder: Habe ich das gerade wirklich gemacht? Sie ist keine Profi-Rednerin — aber vielleicht war genau das der Charme.
    Heute trommelt Franziska. Nicht als Freizeitbeschäftigung, sondern als politische Handlung. Wenn Rechte Vorträge halten, stehen sie davor und trommeln so laut, dass kein Livestream dagegen ankommt. Für sie ist das Musik und Widerstand zugleich — und der Moment, in dem sie ganz bei sich ist.

    Was sie antreibt, ist der Wunsch, die Demokratie zu bewahren, in der sie aufgewachsen ist. Nicht weil sie perfekt war — es gab immer Kämpfe, immer Ungerechtigkeiten. Aber sie war nie so existenziell bedroht wie jetzt. Dass ein Antrag zur Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens gestellt wird, ist für Franziska keine abstrakte Forderung, sondern das Dringlichste, was im Moment getan werden kann: den politischen Geldhahn zudrehen, bevor noch mehr Schaden entsteht. Dafür setzt sie ihre gesamte Freizeit ein — und das, sagt sie, tut sie so lange, wie es nötig ist.