Archiv: Portfolio

  • Über das Projekt

    Über das Projekt

    „Oma bitte kommen“

    So hieß eine Zeichentrickserie meiner Kindheit. Wann immer jemand in Not war, wurde die Oma gerufen — und sie kam. Im Zeppelin, mit Katze, mit Monokel. Kreativ, unerschrocken, mit einer Lösung für alles.
    Die OMAs GEGEN RECHTS rufen sich selbst.
Ich bin Corinna, Fotografin aus Graz — und seit einiger Zeit bin ich unterwegs. Durch Österreich, durch Deutschland, durch Europa. Überall treffe ich aktive Omas. Und sie kommen. Nicht weil jemand sie bittet — sondern weil sie sehen, was gerade passiert. Weil sie nicht wegschauen wollen. Mit Trommeln und Töpfen, mit Transparenten, in Chören. Bei wilder Akrobatik, in stillem Schweigen vor Parlamenten. Laut, bunt, manchmal leise — aber da und anwesend. Weil es gerade jetzt jemanden braucht, der aufsteht. Der erinnert. Der laut ist, wenn andere schweigen.Der erinnert.
    Denn rechtsextreme Bewegungen und Parteien gewinnen in Europa an Boden. Demokratische Grundrechte werden in Frage gestellt, Minderheiten angegriffen, das Erinnern politisch bekämpft. Die OMAs GEGEN RECHTS — entstanden 2017 in Österreich, heute in vielen Ländern aktiv — stellen sich diesem Zeitgeist entgegen. Aus ihrer Geschichte, ihrer Erfahrung, ihrer Wachheit heraus.
    „Was hat dich zu einer Oma gegen Rechts gemacht?“
    Das ist die Frage, die mich interessiert. Nicht die Organisation, sondern der Mensch dahinter. Die Frau, die irgendwann nicht mehr wegschauen wollte. Ich begleite sie auf der Straße, bei Aktionen und Demonstrationen. Und wenn sie es möchte, besuche ich sie zuhause — für ein Einzelporträt in ihrer eigenen Welt, ein Gespräch, ein Interview.
    Die Omas sind so verschieden wie die Städte und Länder, in denen sie aktiv geworden sind. Genau das macht sie so stark.
    Bist du eine Oma gegen Rechts — oder kennst du eine? Ich würde mich freuen, dich zu porträtieren. Melde dich gerne : co(at)micori.de

  • PRÜF-Demo Hamburg 04 26

    PRÜF-Demo Hamburg 04 26

    In Hamburg habe ich die Trommelgruppe der Omas gegen Rechts bei der PRÜF-Demo begleitet — Frauen, die mit Kochtöpfen, Pfannen und Haushaltsgegenständen lautstark für Demokratie eintreten. Und es war gleichzeitig der allererste Auftritt der neuen Blechbläsertruppe, die die Hamburger Omas von nun an begleiten wird.

    Die PRÜF-Demos finden jeden zweiten Samstag gleichzeitig in allen Landeshauptstädten statt — mit einer Forderung: Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft werden, sollen vom Bundesverfassungsgericht geprüft werden. → pruef-demos.de

  • Rosemarie

    Rosemarie

    Rosemarie / Berlin

    Rosemarie wollte Ägyptologin werden. Nach 1945 wurde das Fach in West-Berlin nicht angeboten — nur privat in Freiburg. Aber Freiburg war zu weit, kein Stipendium, kein Geld, und die Mutter wollte sie nicht alleine lassen. Also Theologie. Nebenbei heimlich Gesang am Konservatorium — heimlich, weil die Mutter eine Opernsängerin als Tochter ungefähr so willkommen geheißen hätte wie eine Straßenkünstlerin. Dann Querflöte. Dann Lyrik, Hieroglyphen, Altgriechisch. Dann, irgendwann, TikTok — für die OMAS GEGEN RECHTS.

    Das Muster ist klar: Wenn etwas sie interessiert, macht sie es. Nicht für den Beruf, nicht für den Lebenslauf. Einfach um es zu wissen, um es zu können. Das hat sie von ihrem Vater, der sich als Privatgelehrter durch verschiedene Wissensgebiete bewegte und in seinem Hause jeden als Gast willkommen hieß — Künstler, Wissenschaftler, Handwerker. Nur Politiker nicht. Die haben alle schmutzige Hände, soll er gesagt haben.

    Das Elternhaus war preußisch-evangelisch, humanistisch, mit einem klaren Grundsatz: Wer privilegiert ist, hat Pflichten. Nicht Rechte — Pflichten. Sich um andere kümmern, die weniger haben. Nicht aus Mitleid, sondern weil es selbstverständlich ist. Rosemarie betont das ausdrücklich: Es ist einfach der Boden, auf dem sie gewachsen ist. Was man daraus macht, ist die eigene Sache.

    Bei den OMAS GEGEN RECHTS ist sie nicht deswegen, weil sie besonders politisch wäre. Sie bezeichnet sich selbst als eher karitativ, sozial, mitmenschlich. Aber was gegen die Menschlichkeit geht, wie das Programm der AfD, das geht ihr gegen den Strich — und darum geht sie auf die Barrikaden. Die Stolpersteine liebt sie besonders: nicht das Putzen selbst, denn sie ist dafür nicht mehr beweglich genug, sondern das Gedenken an den betreffenden Menschen, dem der Stein gehört. Und das Laufen dazwischen, die Gespräche, die dabei entstehen. Da lerne ich die Frauen wirklich kennen — ihre Seele, ihre Einstellung, ihr Sein. Im Plenum redet man fürs Plenum. Auf dem Weg zum nächsten Stolperstein redet man miteinander.Ihre Enkelinnen in Frankfurt sind längst dabei — sie gehen zu OMAS-Veranstaltungen und CSDs mit, wenn sie können. Und sind stolz auf ihre Oma. Das freut sie weil es zeigt, dass etwas weitergeht.

    Ihre Analyse der politischen Lage ist scharf und ohne Illusionen. Die Rechten bedienen Emotionen — Zugehörigkeit, Angst, Neid — die in jedem Menschen stecken und sich nicht wegargumentieren lassen. Was fehlt, sind Gegennarrative, die genauso einfach und genauso menschlich sind. Nicht elitär. Nicht komplex. Einfach wahr.

    Ob es eine Lösung gibt? Rosemarie überlegt — und gründet dann kurzerhand eine neue Partei. Zumindest gedanklich. Erstmal würde sie sehr viele Menschen auf anspruchsvolle humanitäre Gedanken und Ziele einstimmen. Gar nicht philosophisch — einfach mitmenschlich. Schon das schafft ja kaum einer.

    Bis dahin schreibt sie Gedichte, Kurzgeschichten und TikTok-Limericks, geht zu Stolpersteinen und Demos mit den OMAS GEGEN RECHTS, liest in Kitas aus pädagogisch und demokratisch wertvollen Kinderbüchern vor, unterstützt den Deutschunterricht in einer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und Migranten — und wird 120.

  • Karin

    Karin

    Omas gegen Rechts Celle – Gründerin

    Karin ist kein mutiger Mensch. Das sagt sie selbst. Und trotzdem stellte sie sich 2019 allein mit einem selbst gebastelten Schild – „Oma gegen Rechts“, montiert auf  einen Besenstiel – vor die Touristinformation am Alten Rathaus in Celle. Weil sie einen Fernsehbericht gesehen hatte. Weil die Rechten mehr wurden. Weil sie dachte: Da müsste man was tun. Man müsste sich hinstellen.

    Zwei, drei Bekannte hatte sie gefragt. Die wollten nicht. Also stand sie allein.

    Die Marktfrauen, die sie vom Einkaufen kannten, sagten: „Wenn Ihnen hier einer was tut, wir beschützen Sie.“ Das hat sie gestärkt. Sie blieb. Und kam wieder. Und wieder. Mit der Zeit wurden sie bekannter, die Gruppe wuchs – und sie kamen sogar in die Zeitung.

    Von den Omas gegen Rechts hatte sie gelesen – gegründet 2017 in Österreich, längst in vielen Städten aktiv. In Celle gab es sie nicht. Also gründete Karin sie. Allein, mit einem Besenstiel.

    Mit 70 wagte sie einen Neuanfang – allein, ohne Netz, ohne Wurzeln in der Stadt. Sie hatte im Fernsehen von einem Genossenschaftsprojekt in Celle gehört, setzte sich auf die Warteliste und fand schließlich eine kleine Wohnung. In der Nähe alles, was sie brauchte: zwei Apotheken, den Hausarzt, den Friseur, viermal in der Stunde den Bus. Ihren Sohn, Umweltschützer ohne Auto, besucht sie alle sechs Wochen in Bielefeld – mit Zug und Bus natürlich.

    Und dabei trägt sie ihre Omas-Plakette. Man sollte sie abnehmen, sagt sie. Aber sie vergisst es einfach. Und dann passiert etwas Schönes: Junge Leute stellen ihr den Koffer aufs Gleis, begleiten sie zum richtigen Bahnsteig, fragen: „Woher kommen Sie denn? Das machen Sie in Celle?“ Fast immer sagen die Menschen: „Ist ja gut, was Sie da machen.“

    Das Altwerden, sagt sie, muss nicht so schwer sein. Diese Fürsorglichkeit, diese Begegnungen – das hätte sie nicht erwartet. Und das ist auch der Grund, warum ihr das alles so wichtig ist. Ich möchte nicht, dass das verloren geht.

    Sie besuchte einen Vortrag über 1933. Wie einfach es damals ging: ganz systematisch, ganz strukturiert – man erleichterte den Menschen das Leben und zog sie so auf die eigene Seite. Das ist so. Und nichts anderes passiert heute auch. Was sie antreibt, ist eine ganz konkrete Frage: In was für einer Gesellschaft werden die nächsten Generationen leben? Für mich ist es nicht mehr so wichtig. Aber was ist mit denen, die weiterleben müssen?

    Uns kriegt niemand mehr von der Straße runter.

  • Nora

    Nora

    Nora / Berlin

    Nora hat sich früh dafür interessiert warum Menschen so handeln wie sie handeln. Zu Verstehen war und ist ihr Antrieb. Aus der beginnend naiven Frage wurde ein Beruf.  Ihre Überzeugung ist, dass Menschen, die bewusster mit sich umgehen und sich selber besser verstehen zufriedener miteinander leben können.

    Den Anstoß politisch aktiv zu werden gab die Correctiv-Recherche über die Remigrationspläne. Ihr und ihrer Frau wurde endgültig klar: Wegschauen ist keine Option. „Wer jetzt schweigt, ist mitverantwortlich.“ Was folgte, war die spontane Anmeldung bei den OMAS GEGEN RECHTS.

    Was sie dort miteinbringt, ist genau das, was ihr wichtig ist: Die Fähigkeit hinzuschauen, auch wenn es wehtut und einen Umgang damit zu finden. Menschen, sagt sie, haben eine große Unfähigkeit negative Gefühle auszuhalten. Das Verdrängen und Meiden sind die Wurzel von viel Leid. Darin sieht sie einen zentralen Schlüssel der Wirksamkeit rechter Propaganda. Ihr Erklärungsmodell ist so einfach wie überzeugend:  Unser Gehirn funktioniert noch im „Urmodus“. Durch die aktuell krisengeschüttelte und bedrohlich empfundene Zeit sind wir im Daueralarm. Diese Daueranspannung kann nicht durch einen klar identifizierbaren Feind (z.B. Tiger) mit Flucht, Sieg oder Niederlage aufgelöst werden. Das nutzen rechte Propagandisten und schaffen „Ersatztiger“. Greifbare Feindbilder, an denen sich Angst und Aggression ausrichten kann. Das wirkt entlastend. Wer das nicht erkennt ist offen für Manipulation.

    Sie sieht das wichtigste Gegenmittel nicht primär in mehr Information.Es geht eher um Gefühle, darum eine größere Unsicherheitskompetenz zu ermöglichen und bewusster auch mit unangenehmen Gefühlen umgehen zu können. Dabei sind stabile Zonen durch Gemeinschaft und Teilhabe wichtig. Das bedeutet auch erfahrbar zu machen, dass Freiheit und Demokratie keine Last sind, sondern etwas, was sich gut anfühlt. „Guck mal, wie geil ist das denn hier leben zu dürfen!“

    Diese Inhalte und Anliegen versucht sie in unterschiedlichen Medien, auf Podien oder Veranstaltungen der OMAS GEGEN RECHTS einzubringen.

    Das Schlimmste, was sie erlebt hat: eine sogenannte „Friedensdemonstration“ in Berlin, bei der 15.000 Rechtsextremisten, Querdenker und Sympathisanten durch die Stadt zogen. Die OMAS GEGEN RECHTS wurden von der Polizei in einem kleinen abgesperrten Bereich geschützt — ein Schutz, der sich wie ein Käfig anfühlte. Die Masse zog vorbei, einige fotografierten und waren in Wort und Haltung aggressiv.“ Wir fühlten uns bedroht und ie wie diejenigen, die falsch waren.“ Danach fuhr Nora mit dem Fahrrad am Kudamm vorbei. Die Menschen saßen im Café, schoben Kinderwagen. Normale Welt. Der Tanz auf dem Vulkan. Es wirkte auf sie surreal und deprimierend.

    Das Schönste: der erste CSD in Marzahn. Eine Handvoll OMAS GEGEN RECHTS mit großen Schildern, auf dem Weg zur Demonstration. Die Teilnehmenden sahen sie von Weitem — und jubelten. Dass ihr hier seid. Danke.

    Besonders beeindruckt hat sie die Aussage einer Historikerin: „Der Beginn menschlicher Gemeinschaft und sozialer Kompetenz lässt sich an einem verheilten urzeitlichen Oberschenkelknochen ausmachen. Jemand hat für diesen Menschen gesorgt, obwohl er nicht mehr laufen konnte.“ Das ist eine zentrale menschliche Entwicklung, die Nora für erhaltenswert hält. Und für die sie sich — neben ihrem Beruf, neben allem anderen — einsetzt.

  • Jeany

    Jeany

    Jeany / Berlin

    Jeany kommt aus einem Dorf im tiefsten Schwarzwald. Sie wuchs bis zu ihrem 16ten Lebensjahr in einem gut situierten Elternhaus auf, indem Geld und Ansehen wichtiger als menschliche Wärme waren. Sie musste früh lernen und spüren was fehlt. Sowohl ihre früh bewusste Homosexualität, als auch ihre nicht standesgemäßen Freunde erfuhren eine tiefe Abneigung. Freunde durften mit der Begründung: „Wir wollen hier Keinen durchfüttern“, nicht zu Besuch bleiben. Und das war nur ein Beispiel unter vielen, durchaus auch traumatischen Erfahrungen, die sie prägten.

    Mit 13 reagierte sie auf die grundlegende Aussage ihrer Eltern: „Es gibt im Leben zwei Dinge — „Geld oder Liebe“ mit der Erwiderung: „dann lieber die Liebe suchen gehen zu wollen.“ Diese Entscheidung leitet ihr Leben bis heute.

    Mit Anfang 20 war sie politisch sehr aktiv — hat Frauencafés mitaufgebaut, Frauenbegegnungsstätten mitgegründet, sich für homosexuelle Menschen und Minderheiten eingesetzt. Dann kam der Beruf, eine Selbstfindungsphase, das Leben. Die Politik trat vorerst in den Hintergrund.

    In den letzten Jahren merkte sie zunehmend eine ungute Veränderung in der Gesellschaft, die sie unruhig machte. Der entscheidende Auslöser tätig werden zu wollen, war die Correctiv Recherche und das „Öffentlich Werden“ der Remigrationspläne der AfD. Sie und ihre Frau schauten sich an und beschlossen aktiv zu werden.

    Jeany sagte:  “Ich möchte mir in die Augen gucken können. Ich möchte am Ende meines Lebens vor Gott aufrecht stehen können.“

    Beide meldeten sich bei den OMAS GEGEN RECHTS an, gingen hin und blieben. Dort gab es so viele Möglichkeiten aktiv zu werden. TikTok gehörte von Anfang an dazu, obwohl weder Jeany noch ihre Frau sich vorab für TikTok interessiert hatten. Ihre Mitoma Franzi hatte kurz vorab als eine der ersten in Kenntnis der Bedeutung für jüngere Menschen und des Missbrauchs durch rechtsextreme Propaganda einen eigenen TIKTOK Kanal gestartet.

    Das erste Video floppte. Aber sie machten weiter, wurden kreativer und wuchsen mit ihrer Aufgabe. Ein Waschmittel-Video „AfD: Aris frischer Duft“ wurde ein echter Hit — rot, grün versiffte Flecken ließen sich trotz des Waschmittel AfD einfach nicht entfernen., woraufhin dieses untaugliche Mittel wütend weggeschmissen wurde. Die Kommentare junger Menschen: „Wenn OMAS GEGEN RECHTS Werbung machen würden, würde ich wieder Fernsehen gucken.“

    Heute macht Jeany zusammen mit ihrer Frau TikTok, generiert Ideen, informiert und setzt unterschiedliche Ideen um. Sie arbeitet mittlerweile mit anderen Omas im deutschlandweiten TikTok Kanal und fördert darüber auch die Vernetzung der unterschiedlichen Oma Gruppen.. Es ist ein großer Teil ihrer Freizeit — und manchmal braucht es die Kunst, sich selbst zu bremsen, damit die Energie nicht versiegt.

    Im Austausch mit anderen Menschen gibt es unterschiedliche Reaktionen. Manchmal fühlt sie sich wie das wandelnde schlechte Gewissen der passiven Mitbürger*innen. Dann wird es still, wenn sie erzählt.

    Während ihrer Aktivitäten auf der Straße und im Netz gibt es gelegentlich Anfeindungen. Aber es gibt auch die Momente, die alles tragen: junge Menschen und auch die Queer Community, die auf sie zukommen, sie umarmen und einfach sagen — danke, dass ihr hier seid.

    Was sie antreibt,: „Ich möchte erhalten, was wir errungen haben – das Bewusstsein für unserer Werte wieder schärfen. Demokratie ist die beste Staatsform, die wir haben! Wir sollten mit der Erde leben — nicht von ihr. Als Teil eines Organismus, der nur funktioniert, wenn alle füreinander sorgen.

  • CSD & PRÜF-Demo Potsdam

    CSD & PRÜF-Demo Potsdam

    CSD & PRÜF-Demo Potsdam
    Am 9. Mai hatte ich die Freude, ein paar Omas gegen Rechts aus Potsdam kennenzulernen — und habe die Berliner Trommelgruppe begleitet, die gemeinsam mit den Potsdamer Omas den CSD und die PRÜF-Demo unterstützt hat. Laut, bunt und entschlossen.

    Der Christopher Street Day ist ein Zeichen für die Rechte und Sichtbarkeit von queeren Menschen — und es ist kein Zufall, dass er heute nicht mehr nur in den großen Städten stattfindet. Gerade in Brandenburg, wo die AfD immer stärker wird, ist es wichtig, dass der CSD auch in kleineren Gemeinden auf die Straße kommt. Sichtbarkeit dort, wo sie am meisten gebraucht wird.

    Die PRÜF-Demos finden jeden zweiten Samstag gleichzeitig in allen Landeshauptstädten statt — mit einer Forderung: Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft werden, sollen vom Bundesverfassungsgericht geprüft werden. → pruef-demos.de

  • Angelika

    Angelika

    Angelika / Berlin

    Angelikas politisches Bewusstsein erwachte in Namibia. Als sie knapp 13 Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie in das damalige Südwestafrika. Sie erlebte die Brutalität der Apartheid unmittelbar, doch zu Hause wurde darüber geschwiegen.

    Ihre Eltern gehörten zur Kriegsgeneration, die das Schweigen perfektioniert hatte: Es wurde weder über den Nationalsozialismus noch über das Unrecht in Afrika gesprochen. Erst viel später erfuhr Angelika, dass ihre Mutter beim BDM gewesen war und zeitlebens tief in rassistischen Denkmustern verhaftet blieb.

    Ihr Vater war ein Widerspruch. Als Sohn eines evangelischen Pfarrers und geprägt durch eine Kindheit in Shanghai, war er ein Humanist, der eine lebendige Gesprächskultur am Esstisch etablierte — stundenlang wurde über Bücher, Tagesaktuelles und „Gott und die Welt“ diskutiert. Doch auch diese Offenheit hatte eine klare Grenze: Über seine eigene Vergangenheit verlor er kein Wort. Dieser Teil seiner Geschichte blieb unangetastet
    Trotz dieses selektiven Schweigens prägte die Diskussionsfreude im Hause Angelika und später ihr Kind. Ihre Tochter bemerkte schon früh den Unterschied zu ihrem Umfeld: „Mama, meine Klassenkameraden kennen das gar nicht, dass man stundenlang am Tisch sitzt und diskutiert. Bei denen wird gegessen und dann geht jeder seiner Wege.“

    Angelika zog Anfang der 80er Jahre nach Berlin und wurde alleinerziehende Mutter einer schwarzen Tochter. Plötzlich war Rassismus für sie kein abstraktes Thema mehr, sondern eine persönliche, tägliche Erfahrung.

    Nach der Unabhängigkeit Namibias wollte Angelikas Vater sie und seine Enkelin einladen, mit ihm dorthin zu reisen. Angelika lehnte ab und konfrontierte ihn mit der schmerzhaften Wahrheit: „Papa, hast du nie gemerkt, was das für ein faschistisches System war? Deine Enkelin und ich hätten dort damals nicht einmal mit dir im selben Hotel wohnen dürfen. Wir hätten im Slum leben müssen.“ Ihr Vater fuhr schließlich allein. Erst nach seiner Rückkehr konnte er das Schweigen brechen und gestand ein: „Du hattest recht. Es war ein faschistisches System.“ Dass er diese Realität am Ende anerkannte, bedeutet Angelika bis heute viel.

    Heute sitzt sie wieder am Tisch, diesmal mit ihrer erwachsenen Tochter. Doch die Gespräche haben eine bedrückende Wendung genommen: Sie überlegen ernsthaft, wohin sie ausweichen könnten, falls die politische Lage in Deutschland weiter eskaliert. Es ist nicht nur diese Sorge um die Zukunft ihrer Familie, die Angelika 2018, angetrieben durch die Pegida-Aufmärsche, zu den OMAS GEGEN RECHTS führte.

    In der AG Feminismus bringt Angelika sich aktiv ein, und in der Stadtteilgruppe Mitte hat sie heute den Hut auf — eine von dreien, die die Gruppe gemeinsam leiten. Ihr Ziel ist es, dass die Gesellschaft das Reden nicht verlernt. Ihr Plädoyer: Wir müssen wieder an einen Tisch kommen — über alle Unterschiede hinweg, ohne populistische Phrasen, dafür mit echtem Zuhören. „Wir haben der nächsten Generation diese Welt mit eingebrockt“, sagt Angelika bestimmt, „jetzt ist es unsere Pflicht zu helfen, dass die Demokratie erhalten bleibt und auch die nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt haben.“ Aufgeben ist für sie keine Option.

  • Gudrun

    Gudrun

    Gudrun / Graz

    Gudrun hat lange unterrichtet – PR, Journalismus, Kommunikation. Und irgendwann hat sie in ihren Seminarräumen etwas bemerkt, das sie nicht loslassen wollte. Junge Frauen, die sagten: Ich möchte eigentlich Familie. Kinder. Zu Hause bleiben. Nichts dagegen – aber es war der Ton. Die Leichtigkeit, mit der Dinge abgegeben wurden, für die Frauen vor ihnen jahrzehntelang gekämpft hatten. Das Recht auf eigenes Geld. Auf einen eigenen Beruf. Auf ein Leben, das nicht durch den Mann definiert wird. Als wären das keine Errungenschaften, sondern Optionen. Nett zu haben, aber verzichtbar.

    Das hat in ihr gearbeitet.

    Dann kam der Herbst 2024. Die Omas gegen Rechts suchten Frauen für eine Aktion im Rahmen des Steirischen Herbstes – ausdrücklich nicht nur Omas, sondern Frauen aller Generationen. Gudrun sah den Aufruf, meldete sich, und verstand beim ersten Lesen, worum es geht. Die Rückwärtsparade.

    Eine Gruppe von Frauen geht die Herrengasse hinunter – rückwärts. Die Musik, zunächst bunt und vielstimmig, wird mit jedem Schritt eintöniger. Die farbigen Blusen verschwinden, darunter nur mehr Grau. Die Bewegungen werden kleiner, langsamer, zuletzt nur noch ein Schlurfen. Am Hauptplatz, vor dem Rathaus, stehen die Frauen schließlich mit Kochtöpfen und Kochlöffeln: Nur noch für Herd und Kind zuständig, für sonst nichts.

    Es ist das mahnende Bild einer Gesellschaft, die zwar heute noch immer in patriarchalen Strukturen verhaftet ist, mit diesem Rückwärtsgang aber zeigt, wie viel tiefer die Unfreiheit der Frauen in der Vergangenheit war und wie schnell erkämpfte Rechte wieder im Grau verschwinden können.

    Es war geprobt worden, dreimal. Es war poetisch, präzise, wütend auf die richtige Art. Und Gudrun stand mittendrin und dachte: Genau das. Genau das habe ich in meinen Seminarräumen gespürt – und hier steht es als Bild auf der Straße.

    Dass diese Aktion danach kaum Medienecho fand, hat sie nicht überrascht – aber als jemand, die ihr Berufsleben damit verbracht hat, Kommunikation zu verstehen, konnte sie es nicht einfach hinnehmen. Wenn eine so kraftvolle Aktion unsichtbar bleibt, stimmt etwas nicht. Seit der Pensionierung hat sie die Zeit, etwas dagegen zu tun. Sie hat den Instagram-Kanal der Omas gegen Rechts Steiermark übernommen.

    Die eigentliche Wurzel aber liegt tiefer. Gudruns Großmütter waren beide erwerbstätig – in einer Zeit, in der Frauen ihrer gesellschaftlichen Schicht eigentlich zu Hause zu bleiben hatten. Das Patriarchat hatte klare Vorstellungen: Der Mann verdient, die Frau verwaltet. So gehörte es sich. Ihre Großmütter haben sich nicht daran gehalten. Nicht laut, nicht mit Manifest – einfach mit der Tatsache ihres Lebens. Sie haben gearbeitet, Kinder großgezogen, Haushalt geführt, und waren dabei, soweit Gudrun das als Enkelin erlebt hat, von bemerkenswerter Fröhlichkeit. Nicht weil es leicht war. Sondern weil sie wussten, wer sie sind.

    Das ist Feminismus, auch wenn sie dieses Wort nie benutzt haben.

    Und genau das hat Gudrun an ihre Tochter weitergegeben: Steh auf eigenen Beinen. Verdien dein eigenes Geld. Nicht als Absicherung für den Notfall – sondern weil Abhängigkeit keine Basis für ein selbstbestimmtes Leben ist. Eine Partnerschaft kann schön sein, eine Bereicherung, eine Erweiterung. Aber sie darf keine Notwendigkeit sein. Und das, merkt Gudrun, verlangt auch etwas von den Männern: den Willen, Macht abzugeben. Eine feministischere Gesellschaft bedeutet, dass Macht geteilt wird – und das ist nicht selbstverständlich. Noch nicht.

    Jetzt möchte Gudrun selbst diese Oma sein. Die, die es vorlebt. Die zeigt, dass man nicht wegschaut. Die jetzt erst richtig anfängt. Ihre eigenen Großmütter haben ihr gezeigt, dass es geht – durch ihr Leben, nicht durch ihre Worte. Das ist ihre Geschichte. Und die möchte sie weiterschreiben.

  • Gundi

    Gundi

    Omas gegen Rechts Celle / Hannover

    Gundi ist von Natur aus optimistisch. Das sagt sie selbst. Vielleicht hat sie das von ihrem Vater.

    Ihr Vater war Arbeiterkind, aufgewachsen in Hannover-Linden, keine feine Gegend. Sie hatten nichts, spielten auf der Straße. Dann kam Hitler – und sammelte diese Kinder ein. Dem Vater ermöglichte er das Segelfliegen, Ausflüge zum Flugplatz Ithwiesen, Kameradschaft, Abenteuer. Statt auf der Straße plötzlich in der Luft. Er war glücklich. Er war vielleicht vierzehn.

    Er wurde Pilot. Wurde abgeschossen. Kam 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück – ohne Haare, wie alle, wegen der Läuse. Gundis Mutter sah den Zug ankommen, schaute aus dem Fenster des Lazaretts und dachte: Gott, halbe Kinder haben sie da zusammengesammelt. Dann schnappte sie sich den Vater. Der hatte keine Zeit, traumatisiert zu sein.

    Im Alter sagte er: Ich habe eigentlich ein schönes Leben gehabt. Ich musste in den Krieg und bin gesund wiedergekommen. Und ich musste nie einen Totschießen. Das war ihm wichtig. Das hat er festgehalten.

    Aber er hat sich auch immer vorgeworfen, dass er nicht gesehen hat, was sie wirklich vorhaben. Dass er sich hat einfangen lassen. Dass es ihm sogar gefallen hat. Er war noch ein Kind – aber das milderte das schlechte Gewissen nicht ganz. Und er hat immer gesagt: Niemals wieder würde er sich seine Gesinnung auf einen Knopf drucken lassen. Niemals wieder.

    Daraus wurde ein Vollblutgewerkschafter. Betriebsrat, SPD, das Bewusstsein, dass Arbeiter sich zusammentun müssen, um irgendetwas zu erreichen. Gundi ist damit aufgewachsen – als selbstverständliche Wahrheit, nicht als Ideologie.

    Sie selbst hat immer schon gemacht. Schülersprecherin und Mitarbeiterin im AStA, Gewerkschaft, Klimademos, eine Bürgerinitiative im Dorf. Und dann, 2019, ein Zeitungsartikel: In Hannover gründet sich eine Gruppe Omas gegen Rechts. Kommen Sie vorbei. Gundi kam. 40, 50 Frauen standen in einem Raum, der viel zu klein war. Ein Zettel ging rum. Dann gings los.

    Sie standen mit Ständen in der Innenstadt, zwei-, dreimal die Woche. Sie fuhren ins Umland, morgens um sechs zum Burgdorfer Pferdemarkt, weil die Bauern früh sind. Weil die Rechten sich in Dörfern einnisten – als netter Herr Müller, der die Jugendmannschaft trainiert, der brav spendet, der zum Bürgermeister gewählt wird.

    So kam sie auch nach Celle. Irgendeine Veranstaltung, die Hannoveraner fuhren mit. Sie lernte die Celler Gruppe kennen, die war überschaubarer und persönlicher als im großen Hannover und trotzdem hat sie vielfältige und zahlreiche Aktionen. Ausserdem ist demonstrieren vorm Schloss einfach toll