
Nora / Berlin
Nora hat sich früh dafür interessiert warum Menschen so handeln wie sie handeln. Zu Verstehen war und ist ihr Antrieb. Aus der beginnend naiven Frage wurde ein Beruf. Ihre Überzeugung ist, dass Menschen, die bewusster mit sich umgehen und sich selber besser verstehen zufriedener miteinander leben können.
Den Anstoß politisch aktiv zu werden gab die Correctiv-Recherche über die Remigrationspläne. Ihr und ihrer Frau wurde endgültig klar: Wegschauen ist keine Option. „Wer jetzt schweigt, ist mitverantwortlich.“ Was folgte, war die spontane Anmeldung bei den OMAS GEGEN RECHTS.
Was sie dort miteinbringt, ist genau das, was ihr wichtig ist: Die Fähigkeit hinzuschauen, auch wenn es wehtut und einen Umgang damit zu finden. Menschen, sagt sie, haben eine große Unfähigkeit negative Gefühle auszuhalten. Das Verdrängen und Meiden sind die Wurzel von viel Leid. Darin sieht sie einen zentralen Schlüssel der Wirksamkeit rechter Propaganda. Ihr Erklärungsmodell ist so einfach wie überzeugend: Unser Gehirn funktioniert noch im „Urmodus“. Durch die aktuell krisengeschüttelte und bedrohlich empfundene Zeit sind wir im Daueralarm. Diese Daueranspannung kann nicht durch einen klar identifizierbaren Feind (z.B. Tiger) mit Flucht, Sieg oder Niederlage aufgelöst werden. Das nutzen rechte Propagandisten und schaffen „Ersatztiger“. Greifbare Feindbilder, an denen sich Angst und Aggression ausrichten kann. Das wirkt entlastend. Wer das nicht erkennt ist offen für Manipulation.
Sie sieht das wichtigste Gegenmittel nicht primär in mehr Information.Es geht eher um Gefühle, darum eine größere Unsicherheitskompetenz zu ermöglichen und bewusster auch mit unangenehmen Gefühlen umgehen zu können. Dabei sind stabile Zonen durch Gemeinschaft und Teilhabe wichtig. Das bedeutet auch erfahrbar zu machen, dass Freiheit und Demokratie keine Last sind, sondern etwas, was sich gut anfühlt. „Guck mal, wie geil ist das denn hier leben zu dürfen!“
Diese Inhalte und Anliegen versucht sie in unterschiedlichen Medien, auf Podien oder Veranstaltungen der OMAS GEGEN RECHTS einzubringen.
Das Schlimmste, was sie erlebt hat: eine sogenannte „Friedensdemonstration“ in Berlin, bei der 15.000 Rechtsextremisten, Querdenker und Sympathisanten durch die Stadt zogen. Die OMAS GEGEN RECHTS wurden von der Polizei in einem kleinen abgesperrten Bereich geschützt — ein Schutz, der sich wie ein Käfig anfühlte. Die Masse zog vorbei, einige fotografierten und waren in Wort und Haltung aggressiv.“ Wir fühlten uns bedroht und ie wie diejenigen, die falsch waren.“ Danach fuhr Nora mit dem Fahrrad am Kudamm vorbei. Die Menschen saßen im Café, schoben Kinderwagen. Normale Welt. Der Tanz auf dem Vulkan. Es wirkte auf sie surreal und deprimierend.
Das Schönste: der erste CSD in Marzahn. Eine Handvoll OMAS GEGEN RECHTS mit großen Schildern, auf dem Weg zur Demonstration. Die Teilnehmenden sahen sie von Weitem — und jubelten. Dass ihr hier seid. Danke.
Besonders beeindruckt hat sie die Aussage einer Historikerin: „Der Beginn menschlicher Gemeinschaft und sozialer Kompetenz lässt sich an einem verheilten urzeitlichen Oberschenkelknochen ausmachen. Jemand hat für diesen Menschen gesorgt, obwohl er nicht mehr laufen konnte.“ Das ist eine zentrale menschliche Entwicklung, die Nora für erhaltenswert hält. Und für die sie sich — neben ihrem Beruf, neben allem anderen — einsetzt.