
Gudrun / Graz
Gudrun hat lange unterrichtet – PR, Journalismus, Kommunikation. Und irgendwann hat sie in ihren Seminarräumen etwas bemerkt, das sie nicht loslassen wollte. Junge Frauen, die sagten: Ich möchte eigentlich Familie. Kinder. Zu Hause bleiben. Nichts dagegen – aber es war der Ton. Die Leichtigkeit, mit der Dinge abgegeben wurden, für die Frauen vor ihnen jahrzehntelang gekämpft hatten. Das Recht auf eigenes Geld. Auf einen eigenen Beruf. Auf ein Leben, das nicht durch den Mann definiert wird. Als wären das keine Errungenschaften, sondern Optionen. Nett zu haben, aber verzichtbar.
Das hat in ihr gearbeitet.
Dann kam der Herbst 2024. Die Omas gegen Rechts suchten Frauen für eine Aktion im Rahmen des Steirischen Herbstes – ausdrücklich nicht nur Omas, sondern Frauen aller Generationen. Gudrun sah den Aufruf, meldete sich, und verstand beim ersten Lesen, worum es geht. Die Rückwärtsparade.
Eine Gruppe von Frauen geht die Herrengasse hinunter – rückwärts. Die Musik, zunächst bunt und vielstimmig, wird mit jedem Schritt eintöniger. Die farbigen Blusen verschwinden, darunter nur mehr Grau. Die Bewegungen werden kleiner, langsamer, zuletzt nur noch ein Schlurfen. Am Hauptplatz, vor dem Rathaus, stehen die Frauen schließlich mit Kochtöpfen und Kochlöffeln: Nur noch für Herd und Kind zuständig, für sonst nichts.
Es ist das mahnende Bild einer Gesellschaft, die zwar heute noch immer in patriarchalen Strukturen verhaftet ist, mit diesem Rückwärtsgang aber zeigt, wie viel tiefer die Unfreiheit der Frauen in der Vergangenheit war und wie schnell erkämpfte Rechte wieder im Grau verschwinden können.
Es war geprobt worden, dreimal. Es war poetisch, präzise, wütend auf die richtige Art. Und Gudrun stand mittendrin und dachte: Genau das. Genau das habe ich in meinen Seminarräumen gespürt – und hier steht es als Bild auf der Straße.
Dass diese Aktion danach kaum Medienecho fand, hat sie nicht überrascht – aber als jemand, die ihr Berufsleben damit verbracht hat, Kommunikation zu verstehen, konnte sie es nicht einfach hinnehmen. Wenn eine so kraftvolle Aktion unsichtbar bleibt, stimmt etwas nicht. Seit der Pensionierung hat sie die Zeit, etwas dagegen zu tun. Sie hat den Instagram-Kanal der Omas gegen Rechts Steiermark übernommen.
Die eigentliche Wurzel aber liegt tiefer. Gudruns Großmütter waren beide erwerbstätig – in einer Zeit, in der Frauen ihrer gesellschaftlichen Schicht eigentlich zu Hause zu bleiben hatten. Das Patriarchat hatte klare Vorstellungen: Der Mann verdient, die Frau verwaltet. So gehörte es sich. Ihre Großmütter haben sich nicht daran gehalten. Nicht laut, nicht mit Manifest – einfach mit der Tatsache ihres Lebens. Sie haben gearbeitet, Kinder großgezogen, Haushalt geführt, und waren dabei, soweit Gudrun das als Enkelin erlebt hat, von bemerkenswerter Fröhlichkeit. Nicht weil es leicht war. Sondern weil sie wussten, wer sie sind.
Das ist Feminismus, auch wenn sie dieses Wort nie benutzt haben.
Und genau das hat Gudrun an ihre Tochter weitergegeben: Steh auf eigenen Beinen. Verdien dein eigenes Geld. Nicht als Absicherung für den Notfall – sondern weil Abhängigkeit keine Basis für ein selbstbestimmtes Leben ist. Eine Partnerschaft kann schön sein, eine Bereicherung, eine Erweiterung. Aber sie darf keine Notwendigkeit sein. Und das, merkt Gudrun, verlangt auch etwas von den Männern: den Willen, Macht abzugeben. Eine feministischere Gesellschaft bedeutet, dass Macht geteilt wird – und das ist nicht selbstverständlich. Noch nicht.
Jetzt möchte Gudrun selbst diese Oma sein. Die, die es vorlebt. Die zeigt, dass man nicht wegschaut. Die jetzt erst richtig anfängt. Ihre eigenen Großmütter haben ihr gezeigt, dass es geht – durch ihr Leben, nicht durch ihre Worte. Das ist ihre Geschichte. Und die möchte sie weiterschreiben.