Hergatz Itzlings, am Dienstag
Der Bahndamm ist gesperrt, der Verkehr wird umgeleitet – direkt an der schmalen Bannerabsperrung vorbei, in der die Demonstrierenden Aufstellung genommen haben. Wer hier steht, steht zwangsläufig nah am Geschehen. Die Autos und Lastwagen donnern im Vorbeifahren dicht an den OMAS GEGEN RECHTS und den anderen Protestierenden vorbei. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt, scheinbar ungerührt, der Gasthof Stiefenhofer.
Das Haus atmet Geschichte: 1680 als Schenke eröffnet und seit 1740 im Besitz der Familie Stiefenhofer, war es über Jahrhunderte der unbestrittene Mittelpunkt des dörflichen Lebens – bekannt für seinen Wurstsalat, die gesellige Atmosphäre und als fester Anlaufpunkt für Reisende. Mit den Einschränkungen der Corona-Pandemie gaben die Wirtsleute den regulären Gastbetrieb auf; der Eigentümer Alois Stiefenhofer junior konzentrierte sich fortan ganz auf die Landwirtschaft. Doch seit Herbst 2024 herrscht hier einmal im Monat eine völlig neue Dynamik: Der AfD-Kreisverband Westallgäu-Lindau nutzt die Räumlichkeiten für seinen regelmäßigen Stammtisch.
Als ich versuchte, die Straßenseite zu wechseln, um das Gebäude aus einer besseren Perspektive zu fotografieren, wurde ich von der Polizei abgehalten. Die Begründung: Privatgrund, der gesamte Bereich gehöre zum Gasthof. Rechtlich ist daran rein gar nichts auszusetzen – es ist das verbriefte Eigentum des Wirts, sein Haus und somit seine legale Ausübung des Hausrechts. Eine Schikane ist es nicht, sondern schlicht geltendes Recht.
Als Gegenbewegung zu diesen Treffen formierte sich bereits im Januar 2025 – und damit seit mehr als einem Jahr – das überparteiliche Bündnis „Hergatz bleibt bunt“. Seither ruft es an jedem ersten Dienstag im Monat zum „Demokratie-Dienstag“ auf. Eine Petition gegen die Treffen hat mittlerweile mehr als 800 Unterschriften eingebracht – beachtlich ist dabei, dass ein gutes Drittel der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner direkt aus Itzlings und der unmittelbaren Umgebung stammt.
Was in dem kleinen Allgäuer Ort verhandelt wird, berührt im Kern eine fundamentale Frage des öffentlichen Raums: Wer darf sich wo Gehör verschaffen, wer wird an den schmalen Rand der Straße verwiesen – und wo genau verläuft die Grenze, ab der die Öffentlichkeit nicht mehr mitreden darf, weil das Hausrecht des Einzelnen beginnt? Die OMAS GEGEN RECHTS besetzen an diesem Dienstag den wohl engsten Platz an der Straße – und sie werden, so viel steht fest, auch im nächsten Monat wieder dort stehen.
Portfolio Category: Bodensee
-

Itzlings, am Dienstag