Portfolio Category: Berlin

  • Stern Demo berlin

    Stern Demo berlin

    Am Samstag, den 12. September 2026, eine Woche vor der Berlin-Wahl, fand in Berlin die Sterndemo statt, unter dem Motto „Zeit, dass sich was dreht“. Sieben Demozüge liefen sternförmig aus der ganzen Stadt zum Roten Rathaus zusammen, mehr als 80 Organisationen und Initiativen waren beteiligt. Die Polizei zählte rund 18.000 Menschen, die Veranstalter sprachen von 32.000, am Roten Rathaus selbst wurde von der Bühne aus sogar eine Zahl von rund 38.000 genannt, solche Differenzen zwischen Polizei-, Veranstalter- und Bühnenangaben sind bei Großdemonstrationen keine Seltenheit.

    Meine Freundin Anna, selbst Fotografin, und ich haben die OMAS an diesem Tag begleitet und fotografisch festgehalten. Einer der Demozüge kam zunächst an der Kreuzung Friedrichstraße vorbei, wo Franziska mit ihrer Trommelgruppe in neuen T-Shirts stand und laut und kraftvoll gegen rechts trommelte. Von dort ging es weiter zur Neuen Wache Unter den Linden, wo die OMAS GEGEN RECHTS von 13:30 bis 15:15 Uhr ihre eigene Kundgebung abhielten, unter dem Motto „Schutz der Demokratie und Menschenrechte, klare Kante gegen Rechts!“, mit Reden, Musikbeiträgen und gemeinsamem Singen. Aufgetreten ist dort das Rap-Duo Global Origins, ein Berliner Projekt um den MC Selim Toth, seit 2020 aktiv, das auf Deutsch und Spanisch gegen Rassismus rappt, ihr Oma-Shoutout hatte echt Wumms. Anschließend schlossen sich die OMAS dem Demozug zum Roten Rathaus an.
    Am Roten Rathaus fand ab 16 Uhr die Abschlusskundgebung statt, mit zahlreichen Redebeiträgen und Musik-Acts bis etwa 17:30 Uhr. Katja Karger vom DGB Berlin-Brandenburg sprach, Luisa Neubauer spielte mit einer Band Schlagzeug und coverte Songs gegen rechts, und der queere Popsänger Leopold trat mit seinem Song „Love is no Utopia“ auf. Auch Angelika von der OMAS-GEGEN-RECHTS-Ortsgruppe Mitte hielt dort eine Rede. Auch die rechten Streamerinnen waren wieder da, die wir schon aus Charlottenburg kannten. Ein als Krokodil verkleideter Demo-Teilnehmer verhinderte diesmal, dass sie ungestört filmen konnten, immer wieder hielt er ihnen seine Antifa-Flagge vor die Kamera. Bis in den Abend wurde anschließend bei einem Abschluss-Rave weitergefeiert.

  • Treffen der AG Demokratie Lesen

    Treffen der AG Demokratie Lesen

    Am 28. August 2026 durfte ich Rosemarie zu einem Treffen der AG Demokratie Lesen der OMAS GEGEN RECHTS begleiten.
    Die AG ist eine von vielen Arbeitsgruppen der Regionalgruppe Berlin Süd/West der OMAS GEGEN RECHTS. Seit fast drei Jahren besuchen die Frauen als Leseomas Kindertagesstätten in Steglitz-Zehlendorf und lesen dort über einen Zeitraum von etwa sechs Wochen einmal wöchentlich Bilderbücher vor, die sich mit Vielfalt, Weltoffenheit, Inklusion und Zusammenhalt beschäftigen. Vorgelesen wird dialogisch oder mit Kamishibai, inzwischen auch als Bilderbuchkino oder sogar als interaktives Bilderbuchkino. Diese Methoden haben sich die Frauen in Fortbildungen bei der Bürgerstiftung angeeignet, ebenso wie Übungen zur Sprachförderung, die ihnen mittlerweile besonders am Herzen liegt, denn Sprachfähigkeit ist eine der wichtigsten Grundlagen für gemeinschaftliches und demokratisches Handeln sowie für den Bildungserwerb und zur Integration besonders der Kinder mit migrantischem Hintergrund. Im Anschluss ans Vorlesen wird mit den Kindern über das Gehörte gesprochen, gemeinsam nachgedacht und am Ende abgestimmt, welche Geschichte am besten gefallen hat, ein kleines Stück gelebte Demokratie und Mitbestimmung schon im Kita-Alter. Als Ehrenamtliche des Mittelhof e.V. verfügen alle Leseomas über ein erweitertes Führungszeugnis.
    Nach der Sommerpause gab es beim Treffen einiges zu besprechen, um die neue Saison in den Kitas zu planen. Viel Raum nahmen bürokratische Fragen ein, etwa dass das Führungszeugnis für die Arbeit in den Kitas nicht älter als drei Monate sein darf als Voraussetzung für die Tätigkeit im Kontakt mit den Kindern. Während die Runde im Anschluss noch über das Wahlprogramm der AfD in Berlin diskutierte, bin ich mit Rosemarie zur Bibliothek gegangen, wo sie Bücher zurückgegeben hat, und habe diesen Vorgang fotografisch begleitet. Die Bücher dort sind gezielt zu einzelnen Themen der demokratischen Bildung ausgesucht, etwa Kinder halten zusammen, Kinder sind unterschiedlich, Kinder sind stark und bestimmen selbst, Kinder leben ihre eigene Identität oder Kinder erleben Flucht und Heimatverlust. Diese Themen bilden die Grundlage für die Gespräche und Diskussionen mit den Kindern.

  • Roya

    Roya

    Roya / Berlin

    Roya wächst im Nordosten des Iran auf, in einer turkmenischen Region, in der Stadt Gonbad-e Kavous, als Kind einer Bahai-Familie. Der Glaube ihrer Eltern ist im Iran keine geschützte Minderheit, sondern Ausschlussgrund: Bahai dürfen offiziell nicht studieren, nicht verbeamtet werden, nur selbstständig arbeiten. Schon als Jugendliche fragt sie sich, warum manche Menschen sehr reich sind und mehrere Häuser und Villen besitzen, während andere zur Miete in einem Zimmer mit fünf Kindern hausen müssen. Diese frühe Wut über Ungerechtigkeit wird zum Ausgangspunkt für alles, was folgt.

    Politisiert wird sie mit siebzehn Jahren durch ihren älteren Bruder, der der linken Volksfedajin-Bewegung nahesteht und ihr verbotene Flugblätter und Zeitschriften mitbringt. Die Eltern dürfen davon nichts wissen, denn politische Aktivität eines Kindes gefährdet im Iran die ganze Familie. Kurz nach der Machtübernahme der Islamisten beginnt Roya ein Studium in Maschhad, fünfhunert Kilometer von zuhause entfernt. Es dauert nur anderthalb Semester. An einem gewöhnlichen Samstag erlebt sie mit, wie vor der Universität ein Feuer brennt und Bücher aus der Bibliothek hineingeworfen werden, begleitet von Rufen, die Universität müsse von anders Denkenden gereinigt werden. Was im Iran als Kulturrevolution bezeichnet wird, schließt die Universität für zweieinhalb Jahre und zerstreut die Studierenden über das ganze Land.

    Roya bleibt zunächst in Maschhad, arbeitet im Krankenhaus, oft im Zwölf-Stunden-Takt, und unterstützt aus der Ferne ihre Eltern, denn das Baumwoll- und Getreidegeschäft ihres Vaters wurde vom islamischen Regime verschlossen und plombiert. Roya darf als Bahai politisch nicht aktiv sein, dennoch überschreitet sie dieses Verbot und setzt ihre politische Arbeit im Untergrund fort, in konspirativen Treffen in Cafés rund um die geschlossene Universität. Als die Repression gegen die Linke zunimmt und frühere „Verbündete“ wie die Tudeh-Partei zu Gegnern werden, gerät sie auf eine Fahndungsliste. Sie flieht bei Nacht und ohne Ankündigung aus ihrer Wohnung, überlässt ihr Zimmer der Schwester und sorgt auch für sie aus Sicherheitsgründen für eine neue Unterkunft. Roya zieht weiter nach Teheran. Dort begegnet sie einem Genossen wieder, mit dem sie aus Sicherheitsgründen eine formale Ehe eingeht. Als alleinstehende Frau im Iran zu leben ist damals kaum möglich, ohne sofort Verdacht zu erregen; die Ehe dient als pragmatischer Schutzschild und als Tarnung für geheime Parteisitzungen in der gemeinsamen Wohnung. Aus dieser Notwendigkeit entsteht in der Ausnahmesituation des Untergrunds eine echte Partnerschaft, und die beiden bekommen eine Tochter. Als die Familie über drei Jahre lang innerhalb Irans immer wieder den Wohnort wechseln muss, um unentdeckt zu bleiben, beschließen sie, das Land zu verlassen. Zuerst geht ihr Mann, die Flucht wird aus dem gemeinsamen Vermögen finanziert. Roya hält sich danach noch eine Zeitlang an wechselnden Orten auf, bis sie schließlich ihren gesamten Schmuck verkauft, um Geld für sich und ihre Tochter aufzubringen. Dann kommt die Familie in Deutschland wieder zusammen.

    Erst in Deutschland formiert sich Royas feministische Haltung vollends: Sie erteilt der Erzählung eine Absage, wonach sich die Frauenfrage im Sozialismus von selbst löse. Sie sieht, dass die unbezahlte Care-Arbeit, Kochen, Putzen, Kinderversorgung, selbst in linken Bewegungen weiterhin an den Frauen hängenbleibt. Diese Erkenntnis der Doppelbelastung macht Frauenrechte für sie zu einer eigenständigen Aufgabe, die nicht auf spätere Zeiten verschoben werden darf.

    Zu OMAS GEGEN RECHTS kommt Roya über die Demonstration Unteilbar im Jahr 2019. Der Anblick weißhaariger Frauen mit Schildern und Warnwesten beeindruckt sie so sehr, dass sie sich noch am selben Tag entscheidet, sich einzubringen. Weil sie zu dieser Zeit noch berufstätig ist, bleiben ihr vor allem Abende, Wochenenden und die Sitzungen per Zoom, doch das hält sie nicht davon ab, sich zusätzlich in der Feminismus-AG und in der Antirassismus- und Migrations-AG zu engagieren. In diesen AGs erlebt sie, wie Frauen aus ganz Berlin zusammenkommen, quer über die Bezirke hinweg, manche mit weiten und beschwerlichen Anfahrtswegen. Diese Bereitschaft, trotz Mühe zu kommen, beeindruckt sie immer wieder und trägt sie selbst mit.

    Roya betont, dass ihr Engagement nicht allein aus ihrer eigenen Position als Migrantin heraus entsteht, sie versteht es als Arbeit für die Gesellschaft insgesamt. Besonders schätzt sie an den gebürtig deutschen Omas, dass sie sich nicht darauf zurückziehen, das Thema betreffe sie nicht direkt. Statt die Beine hochzulegen oder sich dem Stricken zu widmen, entscheiden sie sich, auf die Straße zu gehen. Für Roya zeigt sich darin ein Denken, das über die eigene Familie hinausreicht, über den Tellerrand der eigenen Generation hin zu den nächsten. Sie beschreibt die Frauen als bemerkenswert frei von Vorurteilen und offen im Umgang miteinander.

    An Infoständen der OMAS GEGEN RECHTS erlebt Roya selbst wiederholt Anfeindungen. Sie wird aufgrund ihrer Haut- und Haarfarbe beschimpft, ihr wird unterstellt, von Sozialleistungen zu leben, obwohl ihre gesamte Arbeit hier ehrenamtlich ist, jede Stunde am Infostand, jedes verteilte Flugblatt, jedes Gespräch mit Passantinnen und Passanten. Manche lassen sich überzeugen, andere reagieren mit offener Ablehnung. Roya lässt sich davon nicht beirren, sie sieht darin weniger einen persönlichen Angriff als die Enge derjenigen, die sich nicht öffnen können. Ihre Haltung dahinter: Es gibt eine Erde und einen Himmel für alle, unabhängig davon, wo jemand geboren wurde.

    Aus ihrer eigenen Geschichte zieht sie eine klare Verbindung zur Gegenwart. Sie selbst konnte vor vierzig Jahren nach Deutschland kommen, Sprache lernen, studieren, Fuß fassen. Menschen, die heute ankommen, stoßen aus ihrer Sicht viel häufiger auf verschlossene Türen, trotz mitgebrachter Traumata. Wo Menschen keine Chance und keine Wertschätzung erfahren, entsteht aus ihrer Sicht der Nährboden für Radikalisierung, gleich ob bei jungen Männern aus patriarchal geprägten Gesellschaften oder bei jungen Menschen, die sich rechtem Gedankengut zuwenden. Genau darin sieht Roya die Verbindung zwischen islamistischen und rechtsextremen Weltbildern: Beide wollen die Frau zurück ins Haus, beide sprechen jungen Menschen ab, dass sie in der bestehenden Gesellschaft Anerkennung finden können. Deshalb ist Feminismus für sie kein Nebenschauplatz, sondern ein Kernstück ihrer politischen Arbeit gegen rechts und Fundamentalismus.

    Aktuell ist Roya an vier von sieben Tagen der Woche politisch aktiv, neben ihrer Berufstätigkeit an vier Tagen. Manchmal fragt sie sich selbst, wie lange sie dieses Tempo noch durchhalten kann, und doch hat sie in ihrem Leben nie aufgegeben, seit siebenundvierzig Jahren nicht. Was sie dabei trägt, ist der Zusammenhalt unter den Frauen, der ihr immer wieder als wohltuend erscheint, ob bei großen Aktionen oder bei kleinen wie einem Vorlesenachmittag für Demokratie in einer Kita oder in der Fußgängerzone am Infotisch.

    Aufgeben ist für Roya keine Option, denn Aufgeben bedeutet für sie, dass am Ende die Rechten und die Diktatoren gewinnen. Sie will weiterhin kämpfen, solange sie lebt und solange ihre Kraft reicht, in der Hoffnung, dass all die investierte Zeit und Energie eines Tages Früchte trägt, für die nächsten Generationen, die sie mit den anderen Omas im Blick hat.

  • Berlin-Charlottenburg, 22. August 2026

    Berlin-Charlottenburg, 22. August 2026

    Am 22. August 2026 begleitete ich die Berliner OMAS GEGEN RECHTS zu der Aktion „Cornern gegen Rechts“ vor dem Rathaus Charlottenburg. Am späten Nachmittag versammelten sie sich dort gemeinsam mit der Plattform „CW hält zusammen“, lokalen linken Gruppen, der Kiez-Antifa und Vertreter*innen der Partei Die Linke Charlottenburg-Wilmersdorf, um lautstark gegen einen dort stattfindenden AfD-„Bürgerdialog“ mit Beatrix von Storch dagegenzuhalten. Flugblätter, Flyer, Musik aus mobilen Boxen, und ein Ruf, der immer wieder über den Vorplatz schallte, sobald jemand das Gebäude betrat: „Von den Alpen bis an die Spree, keiner braucht die AfD!“
    Dann tauchten 2 rechtsoffene Streamer Teams auf: ein älterer Mann mit Schiebermütze und Funkmikrofon im „Guten Morgen“-Hoodie (Fan-Merchandise des befreundeten sächsischen Netzwerks Weichreite TV), sowie die Frauen des Berliner Kanals StraßenEcho TV.
    Für Außenstehende wirkt so etwas oft wie eine spontane Konfrontation. Wer diese Szene länger beobachtet, erkennt darin ein eingeübtes System aus gezielter Schwarm-Provokation. Mit Dreibeinstativen, mehreren parallel laufenden Smartphones und Gimbals bauen solche Streamer*innen eine Kulisse totaler Überwachung auf und kreisen die Aktivistinnen förmlich ein, bis man kaum noch weiß, aus welchem Winkel man gerade gefilmt wird. Bei den beiden Frauen übernahm eine den psychologischen Part: Mit Mikrofon drang sie unerträglich nah in den geschützten Raum der Omas ein, stellte betont scheinheilige Fragen und versuchte, die Demonstrantinnen aus der Reserve zu locken. Das eigentliche Ziel ist das Publikum im Live-Chat auf YouTube, wo hunderte Zuschauerinnen mitheizen und die Streamer*innen anfeuern, noch näher heranzugehen. Das gefilmte Gegenüber wird so zur wehrlosen Zielscheibe im digitalen Raum.
    Weder die Omas noch die anderen linken Aktivistinnen ließen sich das kampflos gefallen. Die Teilnehmer*innen rückten eng zusammen und verschanzten sich hinter Transparenten und Oma Regenschirmen, um sich den ungewollten Aufnahmen zu entziehen. Eine der Omas stellte sich dem kameraführenden Streamer entschlossen entgegen und hielt ihr Protestschild beharrlich vor sein Objektiv. Es entstand ein skurriles Tänzchen, der Streamer wich genervt nach links und rechts aus, um doch noch ein Gesicht einzufangen, die Oma blockierte die Linse konsequent weiter.
    Als der Streamer merkte, dass er gegen den geschlossenen Protest keine verwertbaren Bilder für seinen Chat bekam, wechselte er augenblicklich in die für diese Szene typische Opferrolle: Er lief zu den bereitstehenden Polizeikräften und beschwerte sich über die Behinderung seiner „journalistischen Arbeit“. Die Einsatzkräfte gingen dazwischen und trennten die Parteien. Die Omas erkundigten sich daraufhin besorgt bei der Polizei, wie nah solche Streamer*innen eigentlich kommen dürfen und ob es keinen rechtlichen Mindestabstand gebe. Die Berliner Polizei verwies lediglich auf die geltende Pressefreiheit. Weil sich diese Akteur*innen formell als „Bürgerjournalist*innen“ inszenieren, behielten sie ihren uneingeschränkten Zugang und filmten aus nächster Nähe weiter.

    Trotz dieser massiven psychischen Druckkulisse blieb das Bündnis aus Omas, linken Initiativen und Kiez-Aktivist*innen stabil, laut und friedlich. Sie haben sich von den beiden Streamer-Teams nicht wegfilmen lassen. Genau diese generationenübergreifende Standhaftigkeit zeigt, wie wichtig sichtbare Zivilcourage auf der Straße ist.

  • Franziska

    Franziska

    Franziska / Berlin

    Wer in der Berliner Waldsiedlung Zehlendorf vor den roten Ziegeldächern steht, blickt auf eine steingewordene Geschichte. 1938 für die SS erbaut, spiegeln die Häuser noch heute in ihrer Anlage die Hierarchie des NS-Regimes wider: Einzelhäuser für die höheren Dienstgrade, Reihenhäuser für die unteren. Franziska ist hier aufgewachsen — und nach Jahren zurückgekehrt. Sie wohnt wieder in derselben Siedlung, deren Geschichte nach dem Krieg unter neuen Eigentümern und vernichteten Akten weitgehend begraben wurde. Was geblieben ist, sind die Mauern — und die Frage, was man damit macht. Franziska hat ihre Antwort gefunden: Ein paar Straßen entfernt trifft sich ihre Gruppe der OMAS GEGEN RECHTS. Die einstigen Bewohner, sagt sie, rotieren hoffentlich im Grab.

    Franziska, Jahrgang 1959, ist mit dem Wirtschaftswunder aufgewachsen, in einem Zehlendorfer Wohlstand, den sie heute als reinen Zufall des Geburtsortes begreift. Aus einer protestantischen Familie stammend — der Großvater Pfarrer, ein Onkel Theologieprofessor — ist sie selbst aus der Kirche ausgetreten, aber mit einem Satz aufgewachsen, der sie nie losgelassen hat: Wer etwas hat, gibt ab. Politisch interessiert war sie immer, aktivistisch engagiert erst seit 2016, als sie begann, Geflüchtete zu unterstützen. Was als Begleitung einer einzelnen Familie begann, führte sie bald in die Steuerungsgruppe einer der größten Berliner Hilfsorganisationen. Dort lernte sie, was es bedeutet, Strukturen aufzubauen, Netzwerke zu knüpfen, Verantwortung zu tragen. Irgendwann reichte ihr das Lindern nicht mehr — sie wollte die Ursachen bekämpfen, politisch eingreifen.

    Den Weg zu den OMAS GEGEN RECHTS fand sie 2019 durch eine Begegnung in einer Kirchengemeinde. Zwei Frauen sagten in der Pause eines Vortrags, sehr stolz: Wir sind OMAS GEGEN RECHTS. Franziska hatte diese Frauen mit ihren Schildern bei Demos gesehen und immer gedacht, das seien Einzelpersonen, die sich ihre Schilder selbst gebastelt hatten — irgendwie putzig. Dass dahinter eine Bewegung steckt, wusste sie nicht. In der Pause ging sie auf die beiden zu. Kurz darauf fuhr sie zu ihrem ersten monatlichen Treffen nach Kreuzberg. Dreißig, vierzig Frauen — das waren damals alle Berliner OMAS. Als man sie fragte, ob sie eine – die erste- Bezirks-Gruppe in Zehlendorf gründen wolle, sagte sie zweimal Nein. Beim Rausgehen sagte sie Ja.

    Inzwischen ist die Bewegung in Berlin auf dutzende Stadtteilgruppen angewachsen — und längst weit mehr als eine Reaktion auf die AfD. Die OMAS sind beim Christopher Street Day, bei Klimademos, bei Mahnwachen für Geflüchtete. Sie putzen Stolpersteine, besuchen Gedenkstätten, setzen sich für queere Menschen ein, gegen Frauenfeindlichkeit, gegen Antisemitismus, für Roma, für alle, die von rechts missachtet und diskriminiert werden. Für Franziska ist das kein Widerspruch, sondern eine ganzheitliche Verteidigung des Grundgesetzes: OMA GEGEN RECHTS zu sein bedeutet, sich gegen alles zu wenden, was diese Demokratie von innen aushöhlt.

    Ihre Entschlossenheit hat sie an Orte geführt, die sie sich früher nicht zugetraut hätte. Nachts hat sie ein rechtes Graffiti übermalt — nach dem Vorbild der Künstlerin Irmela Mensah-Schramm, die das seit vierzig Jahren macht . Und nach der Correctiv-Recherche hielt sie, gemeinsam mit einer anderen OMA, eine Rede vor 150.000 Menschen auf dem Berliner Reichstagsgelände. Die Rede hatte sie kurz zuvor in nur einer Nacht geschrieben. Auf dem Fahrrad nach Hause dachte sie immer wieder: Habe ich das gerade wirklich gemacht? Sie ist keine Profi-Rednerin — aber vielleicht war genau das der Charme.
    Heute trommelt Franziska. Nicht als Freizeitbeschäftigung, sondern als politische Handlung. Wenn Rechte Vorträge halten, stehen sie davor und trommeln so laut, dass kein Livestream dagegen ankommt. Für sie ist das Musik und Widerstand zugleich — und der Moment, in dem sie ganz bei sich ist.

    Was sie antreibt, ist der Wunsch, die Demokratie zu bewahren, in der sie aufgewachsen ist. Nicht weil sie perfekt war — es gab immer Kämpfe, immer Ungerechtigkeiten. Aber sie war nie so existenziell bedroht wie jetzt. Dass ein Antrag zur Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens gestellt wird, ist für Franziska keine abstrakte Forderung, sondern das Dringlichste, was im Moment getan werden kann: den politischen Geldhahn zudrehen, bevor noch mehr Schaden entsteht. Dafür setzt sie ihre gesamte Freizeit ein — und das, sagt sie, tut sie so lange, wie es nötig ist.

  • Rosemarie

    Rosemarie

    Rosemarie / Berlin

    Rosemarie wollte Ägyptologin werden. Nach 1945 wurde das Fach in West-Berlin nicht angeboten — nur privat in Freiburg. Aber Freiburg war zu weit, kein Stipendium, kein Geld, und die Mutter wollte sie nicht alleine lassen. Also Theologie. Nebenbei heimlich Gesang am Konservatorium — heimlich, weil die Mutter eine Opernsängerin als Tochter ungefähr so willkommen geheißen hätte wie eine Straßenkünstlerin. Dann Querflöte. Dann Lyrik, Hieroglyphen, Altgriechisch. Dann, irgendwann, TikTok — für die OMAS GEGEN RECHTS.

    Das Muster ist klar: Wenn etwas sie interessiert, macht sie es. Nicht für den Beruf, nicht für den Lebenslauf. Einfach um es zu wissen, um es zu können. Das hat sie von ihrem Vater, der sich als Privatgelehrter durch verschiedene Wissensgebiete bewegte und in seinem Hause jeden als Gast willkommen hieß — Künstler, Wissenschaftler, Handwerker. Nur Politiker nicht. Die haben alle schmutzige Hände, soll er gesagt haben.

    Das Elternhaus war preußisch-evangelisch, humanistisch, mit einem klaren Grundsatz: Wer privilegiert ist, hat Pflichten. Nicht Rechte — Pflichten. Sich um andere kümmern, die weniger haben. Nicht aus Mitleid, sondern weil es selbstverständlich ist. Rosemarie betont das ausdrücklich: Es ist einfach der Boden, auf dem sie gewachsen ist. Was man daraus macht, ist die eigene Sache.

    Bei den OMAS GEGEN RECHTS ist sie nicht deswegen, weil sie besonders politisch wäre. Sie bezeichnet sich selbst als eher karitativ, sozial, mitmenschlich. Aber was gegen die Menschlichkeit geht, wie das Programm der AfD, das geht ihr gegen den Strich — und darum geht sie auf die Barrikaden. Die Stolpersteine liebt sie besonders: nicht das Putzen selbst, denn sie ist dafür nicht mehr beweglich genug, sondern das Gedenken an den betreffenden Menschen, dem der Stein gehört. Und das Laufen dazwischen, die Gespräche, die dabei entstehen. Da lerne ich die Frauen wirklich kennen — ihre Seele, ihre Einstellung, ihr Sein. Im Plenum redet man fürs Plenum. Auf dem Weg zum nächsten Stolperstein redet man miteinander.Ihre Enkelinnen in Frankfurt sind längst dabei — sie gehen zu OMAS-Veranstaltungen und CSDs mit, wenn sie können. Und sind stolz auf ihre Oma. Das freut sie weil es zeigt, dass etwas weitergeht.

    Ihre Analyse der politischen Lage ist scharf und ohne Illusionen. Die Rechten bedienen Emotionen — Zugehörigkeit, Angst, Neid — die in jedem Menschen stecken und sich nicht wegargumentieren lassen. Was fehlt, sind Gegennarrative, die genauso einfach und genauso menschlich sind. Nicht elitär. Nicht komplex. Einfach wahr.

    Ob es eine Lösung gibt? Rosemarie überlegt — und gründet dann kurzerhand eine neue Partei. Zumindest gedanklich. Erstmal würde sie sehr viele Menschen auf anspruchsvolle humanitäre Gedanken und Ziele einstimmen. Gar nicht philosophisch — einfach mitmenschlich. Schon das schafft ja kaum einer.

    Bis dahin schreibt sie Gedichte, Kurzgeschichten und TikTok-Limericks, geht zu Stolpersteinen und Demos mit den OMAS GEGEN RECHTS, liest in Kitas aus pädagogisch und demokratisch wertvollen Kinderbüchern vor, unterstützt den Deutschunterricht in einer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und Migranten — und wird 120.

  • Nora

    Nora

    Nora / Berlin

    Nora hat sich früh dafür interessiert warum Menschen so handeln wie sie handeln. Zu Verstehen war und ist ihr Antrieb. Aus der beginnend naiven Frage wurde ein Beruf.  Ihre Überzeugung ist, dass Menschen, die bewusster mit sich umgehen und sich selber besser verstehen zufriedener miteinander leben können.

    Den Anstoß politisch aktiv zu werden gab die Correctiv-Recherche über die Remigrationspläne. Ihr und ihrer Frau wurde endgültig klar: Wegschauen ist keine Option. „Wer jetzt schweigt, ist mitverantwortlich.“ Was folgte, war die spontane Anmeldung bei den OMAS GEGEN RECHTS.

    Was sie dort miteinbringt, ist genau das, was ihr wichtig ist: Die Fähigkeit hinzuschauen, auch wenn es wehtut und einen Umgang damit zu finden. Menschen, sagt sie, haben eine große Unfähigkeit negative Gefühle auszuhalten. Das Verdrängen und Meiden sind die Wurzel von viel Leid. Darin sieht sie einen zentralen Schlüssel der Wirksamkeit rechter Propaganda. Ihr Erklärungsmodell ist so einfach wie überzeugend:  Unser Gehirn funktioniert noch im „Urmodus“. Durch die aktuell krisengeschüttelte und bedrohlich empfundene Zeit sind wir im Daueralarm. Diese Daueranspannung kann nicht durch einen klar identifizierbaren Feind (z.B. Tiger) mit Flucht, Sieg oder Niederlage aufgelöst werden. Das nutzen rechte Propagandisten und schaffen „Ersatztiger“. Greifbare Feindbilder, an denen sich Angst und Aggression ausrichten kann. Das wirkt entlastend. Wer das nicht erkennt ist offen für Manipulation.

    Sie sieht das wichtigste Gegenmittel nicht primär in mehr Information.Es geht eher um Gefühle, darum eine größere Unsicherheitskompetenz zu ermöglichen und bewusster auch mit unangenehmen Gefühlen umgehen zu können. Dabei sind stabile Zonen durch Gemeinschaft und Teilhabe wichtig. Das bedeutet auch erfahrbar zu machen, dass Freiheit und Demokratie keine Last sind, sondern etwas, was sich gut anfühlt. „Guck mal, wie geil ist das denn hier leben zu dürfen!“

    Diese Inhalte und Anliegen versucht sie in unterschiedlichen Medien, auf Podien oder Veranstaltungen der OMAS GEGEN RECHTS einzubringen.

    Das Schlimmste, was sie erlebt hat: eine sogenannte „Friedensdemonstration“ in Berlin, bei der 15.000 Rechtsextremisten, Querdenker und Sympathisanten durch die Stadt zogen. Die OMAS GEGEN RECHTS wurden von der Polizei in einem kleinen abgesperrten Bereich geschützt — ein Schutz, der sich wie ein Käfig anfühlte. Die Masse zog vorbei, einige fotografierten und waren in Wort und Haltung aggressiv.“ Wir fühlten uns bedroht und ie wie diejenigen, die falsch waren.“ Danach fuhr Nora mit dem Fahrrad am Kudamm vorbei. Die Menschen saßen im Café, schoben Kinderwagen. Normale Welt. Der Tanz auf dem Vulkan. Es wirkte auf sie surreal und deprimierend.

    Das Schönste: der erste CSD in Marzahn. Eine Handvoll OMAS GEGEN RECHTS mit großen Schildern, auf dem Weg zur Demonstration. Die Teilnehmenden sahen sie von Weitem — und jubelten. Dass ihr hier seid. Danke.

    Besonders beeindruckt hat sie die Aussage einer Historikerin: „Der Beginn menschlicher Gemeinschaft und sozialer Kompetenz lässt sich an einem verheilten urzeitlichen Oberschenkelknochen ausmachen. Jemand hat für diesen Menschen gesorgt, obwohl er nicht mehr laufen konnte.“ Das ist eine zentrale menschliche Entwicklung, die Nora für erhaltenswert hält. Und für die sie sich — neben ihrem Beruf, neben allem anderen — einsetzt.

  • Jeany

    Jeany

    Jeany / Berlin

    Jeany kommt aus einem Dorf im tiefsten Schwarzwald. Sie wuchs bis zu ihrem 16ten Lebensjahr in einem gut situierten Elternhaus auf, indem Geld und Ansehen wichtiger als menschliche Wärme waren. Sie musste früh lernen und spüren was fehlt. Sowohl ihre früh bewusste Homosexualität, als auch ihre nicht standesgemäßen Freunde erfuhren eine tiefe Abneigung. Freunde durften mit der Begründung: „Wir wollen hier Keinen durchfüttern“, nicht zu Besuch bleiben. Und das war nur ein Beispiel unter vielen, durchaus auch traumatischen Erfahrungen, die sie prägten.

    Mit 13 reagierte sie auf die grundlegende Aussage ihrer Eltern: „Es gibt im Leben zwei Dinge — „Geld oder Liebe“ mit der Erwiderung: „dann lieber die Liebe suchen gehen zu wollen.“ Diese Entscheidung leitet ihr Leben bis heute.

    Mit Anfang 20 war sie politisch sehr aktiv — hat Frauencafés mitaufgebaut, Frauenbegegnungsstätten mitgegründet, sich für homosexuelle Menschen und Minderheiten eingesetzt. Dann kam der Beruf, eine Selbstfindungsphase, das Leben. Die Politik trat vorerst in den Hintergrund.

    In den letzten Jahren merkte sie zunehmend eine ungute Veränderung in der Gesellschaft, die sie unruhig machte. Der entscheidende Auslöser tätig werden zu wollen, war die Correctiv Recherche und das „Öffentlich Werden“ der Remigrationspläne der AfD. Sie und ihre Frau schauten sich an und beschlossen aktiv zu werden.

    Jeany sagte:  “Ich möchte mir in die Augen gucken können. Ich möchte am Ende meines Lebens vor Gott aufrecht stehen können.“

    Beide meldeten sich bei den OMAS GEGEN RECHTS an, gingen hin und blieben. Dort gab es so viele Möglichkeiten aktiv zu werden. TikTok gehörte von Anfang an dazu, obwohl weder Jeany noch ihre Frau sich vorab für TikTok interessiert hatten. Ihre Mitoma Franzi hatte kurz vorab als eine der ersten in Kenntnis der Bedeutung für jüngere Menschen und des Missbrauchs durch rechtsextreme Propaganda einen eigenen TIKTOK Kanal gestartet.

    Das erste Video floppte. Aber sie machten weiter, wurden kreativer und wuchsen mit ihrer Aufgabe. Ein Waschmittel-Video „AfD: Aris frischer Duft“ wurde ein echter Hit — rot, grün versiffte Flecken ließen sich trotz des Waschmittel AfD einfach nicht entfernen., woraufhin dieses untaugliche Mittel wütend weggeschmissen wurde. Die Kommentare junger Menschen: „Wenn OMAS GEGEN RECHTS Werbung machen würden, würde ich wieder Fernsehen gucken.“

    Heute macht Jeany zusammen mit ihrer Frau TikTok, generiert Ideen, informiert und setzt unterschiedliche Ideen um. Sie arbeitet mittlerweile mit anderen Omas im deutschlandweiten TikTok Kanal und fördert darüber auch die Vernetzung der unterschiedlichen Oma Gruppen.. Es ist ein großer Teil ihrer Freizeit — und manchmal braucht es die Kunst, sich selbst zu bremsen, damit die Energie nicht versiegt.

    Im Austausch mit anderen Menschen gibt es unterschiedliche Reaktionen. Manchmal fühlt sie sich wie das wandelnde schlechte Gewissen der passiven Mitbürger*innen. Dann wird es still, wenn sie erzählt.

    Während ihrer Aktivitäten auf der Straße und im Netz gibt es gelegentlich Anfeindungen. Aber es gibt auch die Momente, die alles tragen: junge Menschen und auch die Queer Community, die auf sie zukommen, sie umarmen und einfach sagen — danke, dass ihr hier seid.

    Was sie antreibt,: „Ich möchte erhalten, was wir errungen haben – das Bewusstsein für unserer Werte wieder schärfen. Demokratie ist die beste Staatsform, die wir haben! Wir sollten mit der Erde leben — nicht von ihr. Als Teil eines Organismus, der nur funktioniert, wenn alle füreinander sorgen.

  • Angelika

    Angelika

    Angelika / Berlin

    Angelikas politisches Bewusstsein erwachte in Namibia. Als sie knapp 13 Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie in das damalige Südwestafrika. Sie erlebte die Brutalität der Apartheid unmittelbar, doch zu Hause wurde darüber geschwiegen.

    Ihre Eltern gehörten zur Kriegsgeneration, die das Schweigen perfektioniert hatte: Es wurde weder über den Nationalsozialismus noch über das Unrecht in Afrika gesprochen. Erst viel später erfuhr Angelika, dass ihre Mutter beim BDM gewesen war und zeitlebens tief in rassistischen Denkmustern verhaftet blieb.

    Ihr Vater war ein Widerspruch. Als Sohn eines evangelischen Pfarrers und geprägt durch eine Kindheit in Shanghai, war er ein Humanist, der eine lebendige Gesprächskultur am Esstisch etablierte — stundenlang wurde über Bücher, Tagesaktuelles und „Gott und die Welt“ diskutiert. Doch auch diese Offenheit hatte eine klare Grenze: Über seine eigene Vergangenheit verlor er kein Wort. Dieser Teil seiner Geschichte blieb unangetastet
    Trotz dieses selektiven Schweigens prägte die Diskussionsfreude im Hause Angelika und später ihr Kind. Ihre Tochter bemerkte schon früh den Unterschied zu ihrem Umfeld: „Mama, meine Klassenkameraden kennen das gar nicht, dass man stundenlang am Tisch sitzt und diskutiert. Bei denen wird gegessen und dann geht jeder seiner Wege.“

    Angelika zog Anfang der 80er Jahre nach Berlin und wurde alleinerziehende Mutter einer schwarzen Tochter. Plötzlich war Rassismus für sie kein abstraktes Thema mehr, sondern eine persönliche, tägliche Erfahrung.

    Nach der Unabhängigkeit Namibias wollte Angelikas Vater sie und seine Enkelin einladen, mit ihm dorthin zu reisen. Angelika lehnte ab und konfrontierte ihn mit der schmerzhaften Wahrheit: „Papa, hast du nie gemerkt, was das für ein faschistisches System war? Deine Enkelin und ich hätten dort damals nicht einmal mit dir im selben Hotel wohnen dürfen. Wir hätten im Slum leben müssen.“ Ihr Vater fuhr schließlich allein. Erst nach seiner Rückkehr konnte er das Schweigen brechen und gestand ein: „Du hattest recht. Es war ein faschistisches System.“ Dass er diese Realität am Ende anerkannte, bedeutet Angelika bis heute viel.

    Heute sitzt sie wieder am Tisch, diesmal mit ihrer erwachsenen Tochter. Doch die Gespräche haben eine bedrückende Wendung genommen: Sie überlegen ernsthaft, wohin sie ausweichen könnten, falls die politische Lage in Deutschland weiter eskaliert. Es ist nicht nur diese Sorge um die Zukunft ihrer Familie, die Angelika 2018, angetrieben durch die Pegida-Aufmärsche, zu den OMAS GEGEN RECHTS führte.

    In der AG Feminismus bringt Angelika sich aktiv ein, und in der Stadtteilgruppe Mitte hat sie heute den Hut auf — eine von dreien, die die Gruppe gemeinsam leiten. Ihr Ziel ist es, dass die Gesellschaft das Reden nicht verlernt. Ihr Plädoyer: Wir müssen wieder an einen Tisch kommen — über alle Unterschiede hinweg, ohne populistische Phrasen, dafür mit echtem Zuhören. „Wir haben der nächsten Generation diese Welt mit eingebrockt“, sagt Angelika bestimmt, „jetzt ist es unsere Pflicht zu helfen, dass die Demokratie erhalten bleibt und auch die nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt haben.“ Aufgeben ist für sie keine Option.

  • Demo gegen Lena Kotré, Berlin-Lichterfelde Ost, 25. März 2026

    Demo gegen Lena Kotré, Berlin-Lichterfelde Ost, 25. März 2026

    Demo gegen Lena Kotré, Berlin-Lichterfelde Ost

    Am 25. März war ich dabei, als die OMAS GEGEN RECHTS in Berlin-Lichterfelde Ost auf die Straße gingen — singend, trommelnd, marschierend. Direkt vor der sog. „Staatsreparatur“, beschützt von der Polizei. Ein Ort, von dem man annehmen darf, dass seine Besucher gewöhnlich lieber den Hintereingang nehmen.

    Anlass war ein Auftritt von Lena Kotré — AfD-Landtagsabgeordnete in Brandenburg, die vom Verfassungsschutz als Rechtsextremistin eingestuft wurde. Innerhalb der AfD gilt sie als radikale Ideologin des Konzepts der „Remigration“ — mit Forderungen, die einen deutlichen Bruch mit rechtsstaatlichen Prinzipien markieren, und vernetzt mit europaweiten extrem rechten Netzwerken.
    Die OMAS ließen das nicht unkommentiert.