
Rosemarie / Basel
Rosmarie wurde in einem Land geboren, in dem Frauen noch nicht wählen durften. Das Frauenstimmrecht kam in der Schweiz erst 1971 — nicht weil es so beschlossen wurde, sondern weil die Männer es ihnen per Abstimmung erlaubten. Im Kanton Appenzell Innerrhoden dauerte es bis 1991, erzwungen durch das Bundesgericht. Rosmarie war 13, als es endlich so weit war.
Sie erinnert sich an Kleinigkeiten aus der Kindheit, die ihr gezeigt haben, dass etwas nicht stimmte — ohne dass sie damals hätte sagen können, was. An den Briefkästen in ihrem Haus standen nur Männernamen. Nur bei ihrer Familie stand H. und E. Brunner-Leemann — immerhin erkennbar ein Ehepaar. Die Töchter standen auch dort nicht drauf. Aber immerhin.
Einmal wollte ihre Mutter auf dem Polizeiposten eine Identitätskarte für die Tochter beantragen — etwas ganz Gewöhnliches. Der Polizist druckste. Das dürfe sie nicht, da müsse ihr Mann kommen. Rosmarie stand daneben, an der Hand ihrer Mutter, und spürte, wie diese neben ihr kochte. Sie gingen wieder, ohne etwas erreicht zu haben. Rosmarie verstand das nicht. Aber sie spürte es.
In der Schule hatte sie einen Geschichtslehrer, der das Dritte Reich intensiv durchnahm. Das Mittelalter, sagte er, könnt ihr selber nachlesen — aber die jüngste Geschichte, die euch prägt, die müsst ihr kennen. Rosmarie wusste viel, schon bevor sie die Schule abschloss. Dann kam das Theologiestudium. Was nützen die schönsten Gedankengebäude, wenn sie nicht in der Realität stattfinden, fragte sie sich. Die radikale Freundlichkeit — das war etwas, das sie dort trainierte. Und die Anti-AKW-Bewegung beschäftigte sie, auch wenn sie nicht demonstrieren ging. Sie dachte darüber nach. So war sie schon immer: nicht wegschauen, nachdenken, Position beziehen.
Was sie in der Schweiz beobachtete, beunruhigte sie zunehmend. Seit den 1970er Jahren drängt rechtspopulistisches bis rechtsextremes Denken immer weiter in die Mitte der Gesellschaft — auch über die Sprache. Wörter wie Überfremdung tauchten damals auf. Die Muster kehren seitdem immer wieder, nur leicht verkleidet. Gerade erst wurde über die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative abgestimmt, lanciert von der SVP — ein Label, das Rosmarie als verlogen bezeichnet: Grüne Themen werden von derselben Seite sonst regelmäßig abgeschmettert. Die Initiative wurde abgelehnt. Aber es geht weiter. Immer diese Spaltung: wir und die anderen. Das sei Gift, sagt sie — für die, die so denken, und erst recht für die, die es betrifft.
2018 las sie in einer Zeitung, dass Monika Salzer in Wien die OMAS GEGEN RECHTS gegründet hatte und dass in Deutschland erste Gruppen entstehen. Das hat sie, sagt sie, wie elektrisiert. Ja genau, genau das. In der Schweiz gab es nichts. Sie recherchierte, knüpfte Kontakte nach Deutschland, traf bei einem Besuch in Berlin eine Berliner Oma. Und sie fand die GrossmütterRevolution — eine Schweizer Organisation, ursprünglich vom Migros Kulturprozent finanziert, seit 2022 als eigenständiger Verein organisiert. Ein grosses Thema dort ist Care-Arbeit: die unbezahlte, unsichtbare Arbeit, die gesellschaftlich kaum anerkannt wird — ein Thema, bei dem alte Frauen, wie Rosmarie sagt, ein Lied mit vielen Strophen singen können. Rosmarie ist heute Präsidentin des Vereins. Und sie erzählte dort von ihrem Traum: OMAS GEGEN RECHTS in der Schweiz zu gründen. Sie fand Gleichgesinnte. Fünf Frauen aus der GrossmütterRevolution Basel taten sich zusammen — in der Schweiz braucht es nicht mehr als das, einen Handschlag, und der Verein ist gegründet. Rosmaries Mann baute die Website.
Im Herbst 2024 erschien im Tagesanzeiger ein Interview mit einem Kenner der rechtsextremen Szene. Er erwähnte, dass es in der Schweiz auch OMAS GEGEN RECHTS gebe — er hatte die Website gefunden. Von da an kamen die Anfragen. Im März 2025 gründeten sie den Verein. Dann luden sie Monika Salzer ein, dazu Dörte Schnell aus Worpswede, und eine Journalistin des Tagesanzeigers. Der Artikel, der daraus entstand, löste eine Welle aus: Innerhalb eines Jahres wuchsen die Schweizer OMAS GEGEN RECHTS von zwei Dutzend auf über 250 Frauen. Heute gibt es aktive Gruppen in fünf Regionen, weitere entstehen gerade.
Die OMAS GEGEN RECHTS Schweiz haben in Basel bereits drei Mahnwachen veranstaltet. Auf dem Barfüßerplatz, dem Theaterplatz und dem Marktplatz klebten sie ein großes Schweizer Kreuz auf den Boden, legten Transparente als Grenzmarkierung aus und gingen mit Passantinnen und Passanten ins Gespräch. Es gab auch Männer, die einem dann die Welt erklären wollten. Manchmal anstrengend. Aber es gab gute Gespräche.
Im Herbst, am 25. November — dem internationalen Gedenktag für Femizide — planen die Schweizer OMAS eine Sternfahrt nach Bern. Orangefarbene Pulswärmer werden gestrickt und verschenkt, als Mahnmal. Strickend, alle in Orange, fahren sie gemeinsam mit dem Zug. Auf dem Bundesplatz dann eine Aktion.
Und wenn sie manchmal in die Welt schaut und denkt, das ist ein Schlamassel, was wir hier veranstalten — dann ist es dieser Zusammenhalt, der sie trägt. Frauen, die sich finden. Die das gleiche beunruhigt. Die gemeinsam ein Gegengewicht setzen wollen. Diese Verbundenheit, sagt Rosmarie, gibt ihr Kraft. Und Mut. Und Lebenslust.