Portfolio Category: Zürich

  • Doris Zürich

    Doris Zürich

    Doris / Zürich

    Politik war bei Doris immer schon zu Hause. Aufgewachsen in der Nähe von Zürich, in einer Familie, in der das Zeitgeschehen zum Alltag gehörte wie das Essen selbst. Ihre Eltern, beide politisch interessiert und linksorientiert, ohne je einer Partei beizutreten, diskutierten alles: das Inland, das Ausland, die Welt. Sonntags gab es beim Braten den Internationalen Frühschoppen mit Werner Höfer, Korrespondenten aus England, Frankreich, vier Ländern gleichzeitig am Tisch. In der Schule fiel sie damit auf, dass sie sich für Politik interessierte. Das war nicht üblich in diesem Alter.

    Was sie früh prägte, war auch das, was sie an ihrer Mutter beobachtete. An Abstimmungssonntagen war diese schlecht aufgelegt, pfütterte den ganzen Tag: das ist eine Schweinerei, das geht doch nicht. Das eidgenössische Frauenstimmrecht kam erst 1971. Bis dahin durfte Doris‘ Mutter bei den wichtigen Entscheiden nicht mitbestimmen. Als es endlich so weit war, zog die ganze Familie ins Wahllokal, in Sonntagskleidern, wie es sich gehörte. Das hat Doris nie vergessen.

    Sie wusste früh, was sie wollte: Familie, ja, aber kein Grund, den Beruf aufzugeben. Als Pflegefachfrau arbeitete sie immer mindestens sechzig Prozent, auch als die Kinder klein waren. Krippen gab es kaum, im ganzen Stadtkreis gerade zwei, auf Jahre hinaus belegt. Also half man sich: Grosseltern, eine Kinderfrau, eine Nachbarin in ähnlicher Situation. Es war streng. Und es war ihr wichtig.

    Am 14. Juni 1991 war ihr erster Sohn drei Monate alt. Trotzdem war sie dabei, beim ersten grossen Schweizer Frauenstreik, unter dem Motto „Wenn Frau will, steht alles still.“ Ihre Mutter kam mit, zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Demo, mit über sechzig. Ihr Mann bekam von seinem Chef einen bezahlten Urlaubstag, mit den Worten: Wir Männer müssen doch zusammenhalten. Doris lacht noch heute darüber, aber der Unterton ist unüberhörbar.

    Jahrelang engagierte sie sich in der Berufspolitik, für die Pflegenden, für einen Frauenberuf, der endlich als solcher gehört werden sollte. Dann kamen Schule, Karriere, Leitungsfunktionen. Das politische Engagement schlief ein wenig ein. Nicht das Denken. Nur der Moment, wieder öffentlich zu werden.

    Der kam mit Trumps Wiederwahl. Was sie daran traf, war nicht nur das Ereignis selbst, sondern was es in der Sprache und im Ton bewirkte: dass Verächtlichkeit wieder salonfähig wurde. Sie sah, wie das Pendel sich bewegte, und sie sah, dass es die Schweiz nicht ausließ. Dabei hatte sie das schwerfällige, langwierige politische System der Schweiz oft verflucht. Jetzt war sie froh darum. Weil es ein Korrektiv ist – und weil dieses Korrektiv unter Druck geraten ist. Die SVP, die ursprüngliche Bauernpartei, die unter Christoph Blocher zur dominanten Kraft des Landes umgebaut wurde, setzt die direkte Demokratie geschickt als Instrument ein, untergräbt aber gleichzeitig ihre Grundlagen. Volksentscheide werden umgangen, Parlamentsmehrheiten für Dinge mobilisiert, die das Volk längst entschieden hatte – etwa den Ausstieg aus der Atomkraft.

    Dann stieß sie darauf: Eine Gruppe plante, die OMAS GEGEN RECHTS in der Schweiz zu gründen. Sie nahm Kontakt auf. Und sie dachte: Das ist es. Das ist der Teil der Politik, der mich wirklich umtreibt.

    Was sie meint, wenn sie sagt „gegen Rechts“, erklärt sie genau. Das Problem sind jene, die schweigen, wenn jemand wie Andreas Glarner Sibel Arslan, eine Grünen-Nationalrätin, vor laufender Kamera „Arschlan“ nennt, oder die Handynummer einer Lehrerin öffentlich macht und Hunderte Schmährufe folgen. Der Kern sind die anderen, die das alles sehen und nichts sagen. Die machen sich mitschuldig. Die sind gefährlicher für die politische Kultur als jene, die laut poltern.

    Bei den OMAS GEGEN RECHTS ist sie heute Matronin der Regiogruppe Zürich und Teil des gesamtschweizerischen Matronats. Ihren Ausblick formuliert sie realistisch, ohne Bescheidenheit. Sie ist bald siebzig, hat längst damit abgeschlossen, die Welt retten zu müssen. Aber wenn sie zwei, drei Frauen in ihrem Leben dazu bringen kann, ein paar Dinge anders zu sehen, dann hat sie viel vollbracht. Eine Freundin, seit fünfundzwanzig Jahren bekannt, ist in all dieser Zeit nie zur Abstimmung gegangen. Doris meldet sich jetzt vor wichtigen Abstimmungen bei ihr. Manchmal geht die Freundin hin. Das reicht.

    Bei den Mahnwachen kommen junge Frauen auf die OMAS zu. Die finden es toll, was die Alten machen. Doris sagt ihnen: Das ist eure Zukunft. Ihr Mann trägt inzwischen einen OMAS-Button. Ihre Söhne sind politische junge Männer geworden. Ob es im Kleinen bleibt oder größer wird, das ist ihr egal. Dass es etwas mitgibt, das reicht.

  • Uschi /Zürich

    Uschi /Zürich

    Uschi / Zürich

    Wut ist ihr Antrieb. Nicht die stille, die sich nach innen frisst, sondern die laute, die nach außen will. Was gerade passiert auf der Welt, ist dermaßen furchtbar. Und dann ist da noch die Scham. Die Welt, die ihre Generation hinterlässt, ist keine gute. Die Babyboomer waren wie die Maden im Speck. Keine Generation vor ihnen hatte es so gut, keine nach ihnen wird es wohl so gut haben. Und was haben sie daraus gemacht? Die Klimakatastrophe. Die Demokratie, die den Bach runtergeht. Zwei Enkelkinder, denen sie ins Gesicht schauen muss.

    Aufgewachsen ist Uschi im Schwarzwald, in einem politischen Haushalt, der von Widersprüchen geprägt war. Ihr Vater kam aus dem Krieg zurück und drehte sich komplett um. Er baute die SPD im Schwarzwald auf, wurde der rote Max genannt, war durch und durch politisch. Zu Hause war er Sadist. Er schlug sie, war Alkoholiker, lebte zwei Leben, die kaum jemand zusammenbrachte. Ihre Mutter, Malerin aus gutem Haus, still und introvertiert, entpuppte sich erst beim Ausräumen des Hauses als das, was sie wirklich war: hinter Willy Brandt-Büchern standen ihre Nazi-Romane. Wie die beiden zusammengekommen waren? Es waren die frühen Fünfzigerjahre. Als Frau hatte man genommen, was man kriegen konnte. Wenig Männer kamen aus Krieg und Gefangenschaft zurück.

    Geprägt hat sie auch etwas anderes: die Fahrten als Kind mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ins Elsass, auf die Soldatenfriedhöfe des Ersten Weltkriegs. Gräber pflegen, Lagerfeuer, junge Leute, Spiele. Als sie dann 15, 16, 17, 18 war, arbeitete sie mit. Und Verdun. Die Wälder, wo die Erde immer noch verletzt ist. Das Beinhaus, wo die Knochen der Soldaten immer noch liegen. Das hat sich eingebrannt.

    Sie wurde Sozialpädagogin, erkannte aber früh, dass Sozialarbeit Flickwerk ist. Pflaster auf Wunden der Gesellschaft kleben, mehr ist nicht möglich. Man heilt nicht wirklich. Das war ihr nicht genug.Sie sattelte komplett um, lernte zu programmieren, wurde Qualitätssicherung in der IT, dann Trainerin und Moderatorin, Coach, Projektmanagerin, europaweit unterwegs.Politisch bei den Berliner Jusos vorbeigeschaut, abgeschreckt von der Vetternwirtschaft, dem Schachern zwischen Realos und Fundis. Und dann immer grün gewählt.

    Ihre eigenen Ideale hat sie nie verraten.

    Kurz verheiratet, alleinerziehende Mutter. Vor fünfzehn Jahren kam sie nach fast 40 Jahren Leben in Berlin dann in die Schweiz, wegen eines Partners. Seit einem halben Jahr ist sie Schweizerin, hat den deutschen Pass behalten, wegen Europa, nicht wegen Deutschland. Zwei Enkelkinder, heiss geliebt und weit weg in Berlin.

    Was sie von Anfang an gesehen hat und wofür sie lange in Deutschland belächelt wurde: dass Deutschland runterkommt. Die Bahn, die Straßen, die Brücken. Das Dauermeckern, das Warten auf die da oben. Die Schweiz denkt anders. Problem erkannt, Maßnahmen entwickelt, umgesetzt, Problem weg. Nicht weil das System perfekt ist, sondern weil die Haltung eine andere ist: Ich bin der Staat. Wenn ich es nicht richte, wer dann?

    Ihre erste Abstimmung in der Schweiz war ein Aha-Erlebnis. Ein Umschlag, einen Zentimeter dick, sechzehn Punkte, Ja oder Nein. Schulhausbau im Quartier und noch mehr lokale Entscheidungen. Und gesamtschweizerische Punkte. Sie durfte Kandidatinnen und Kandidaten streichen, durch andere ersetzen, quer durch Parteilisten. Anderthalb Stunden hat sie gebraucht. Es hat sie ermächtigt.

    Und dann, nach Trumps Wiederwahl, war ein Punkt erreicht. Das Unflätige wurde wieder salonfähig. Die Verachtung bekam wieder Vorbilder. Sie sah, wie das auf die Schweiz übergriff, wo die SVP seit Jahren daran arbeitet, unter dem Deckmantel der Neutralität eine Gesellschaft umzubauen. Die SVP wird als die Mutter der rechtsradikalen Parteien Europas bezeichnet. Die anderen haben von ihr gelernt, wie man in einer direkten Demokratie Opfergeschichten fährt, wie man im Konsens mitentscheidet und hinterher trotzdem so tut, als wäre man übergangen worden.

    Sie las einen Artikel über die OMAS GEGEN RECHTS, erinnerte sich, dass sie die Bewegung aus Deutschland kannte, und fand heraus, dass sich in Basel eine Gruppe traf. Sie fuhr hin. Irgendwann schälte sich eine Kerngruppe heraus, die sagte: Nägel mit Köpfen. Vereinsgründung. Statuten. Uschi ist Vorständin, mit dabei von Anfang an.

    Was sie bei den OMAS auch antreibt, ist die Frauenfrage. Nicht als Nebenthema, sondern als Kern. Die Schweiz hat das eigenständige Bürgerrecht der Frau erst 1990 per Gesetz verankert. Bis 1952 verlor eine Schweizerin, die einen Ausländer heiratete, automatisch ihren roten Pass, über 85.000 Frauen waren davon betroffen. Für jüdische Frauen und ihre Kinder bedeutete das während dem Dritten Reich oft die Deportation und Ermordung, denn zurück durften sie nicht mehr. Das wird jetzt erst aufgearbeitet.

    Als alte Frau kann sie den Mund aufmachen. Sie hat nichts mehr zu verlieren. Sie kann böse werden, direkt sein, Dinge sagen, die andere nicht sagen. Das ist ihr Oma-Sein. Nicht die kuschelige Alte. Das alte Revoluzzerhuhn.

    Was sie trägt: der Zusammenhalt unter den Aktiven beginnt. Dass Freundschaften entstehen. Dass es ein Netzwerk jenseits der Familie gibt, gerade für Frauen, die zugereist sind und keine familiären Strukturen mehr haben. Dass junge Menschen bei Aktionen stehenbleiben, Buttons nehmen, sagen: macht weiter.
    Aufbegehren und laut werden – auch und gerade für die Enkelkinder.

    Ihr Traum: OMAS GEGEN RECHTS schweizweit, auch in der französischen, der italienischen, der rätoromanischen Schweiz. Eine gesellschaftliche Stimme mit Gewicht. So wie die Klimaseniorinnen, die durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg die Schweizer Klimapolitik vor Gericht brachten und damit europaweit Aufsehen erregten. Es gibt die Schweizer OMAS seit einem Jahr. Dafür haben sie schon verdammt viel auf die Beine gestellt.