Portfolio Category: Österreich

  • Ilse

    Ilse

    Ilse / Graz

    Ilses Vater hörte viel Radio und redete gern über Politik — mit seinem besten Freund aus der Weststeiermark, über Kommunismus, Sozialismus, die Schwarzen. Das Kind hörte zu, bekam Erklärungen, und das linke Spektrum war von da an nah. Die Kreisky-Regierung hat den Rest erledigt: Ilse konnte die Matura machen, weil die Bildungsreform Stipendien, Schulgeld und gratis Schulbücher möglich machte. Ohne das wäre es sich für ihre Familie nicht ausgegangen.

    Dann hat sie das  „Das zweite Geschlecht“ von Simone de Beauvoir gelesen, und ein Schleier fiel. Im Parlament keine Frauen, in den juristischen Gremien keine Frauen, in der Regierung Kreisky eine erste einzige Ministerin — die Dr. Firnberg, über die gelacht wurde, weil sie eine Frau war. In den 70er und 80er Jahren lernte Ilse in Graz die ersten Feministinnen des Frauenzentrums Bergmanngasse, Studentinnen der Karl-Franzens-Universität, kennen. Sie war schüchtern, erstarrte vor Ehrfurcht vor diesen Frauen, die entschieden auftraten und reden konnten. Reden lernen war ihr Lebenstraum. Sie kam in politische Kreise, in Lesbenkreise, und man unterstützte sich gegenseitig.

    In einer historischen Frauengruppe entstand während des Geschichtestudiums die Idee der Frauenstadtspaziergänge durch Graz — ein Projekt, das sie über Jahrzehnte begleitete und erst 2007 an zwei jüngere Frauen übergab. Die Spaziergänge gibt es bis heute. Zwei Bücher über Grazer Frauengeschichte hat Ilse mitherausgegeben. 2003 arbeitete sie an den WOMENT-Würdigungstafeln im Rahmen der Kulturhauptstadt Graz — 23 Tafeln, die heute noch in der Innenstadt sichtbar sind und an Feministinnen, Widerstandskämpferinnen und frauenpolitische Einrichtungen erinnern. Frauen, sagt Ilse, waren schon immer widerständig — die Geschichte wird nur meist von Männern geschrieben.

    Als 2017 in Österreich die dritte Regierung mit FPÖ-Beteiligung gebildet wurde, gründeten Monika Salzer und Susanne Scholl in Wien die OMAS GEGEN RECHTS. In Graz bildete sich rasch eine eigene Gruppe. Ilse ging im Jänner 2018 zu einer ersten Sitzung in der Stadtschenke — und fand dort Feministinnen, die sie zum Teil schon kannte: Frauen, die seit Jahrzehnten in der feministischen Szene, in der Weiterbildung, im Frauenrat gearbeitet hatten. Das Vertrauen war sofort da. Dass der Name anfangs wenig einladend klang, gibt sie offen zu. Aber dann sah sie, wer Monika Salzer war, wie die Grazerinnen dachten — und blieb.

    Biologische Oma ist Ilse nicht, sie hat keine Kinder. Aber sie fühlt sich als Omageneration, die über das eigene Umfeld hinaus denkt, für die nächsten Generationen. Die Gruppe in Graz zählt heute rund 25 Aktive — Lehrerinnen, Architektinnen in Pension, Kabarettistinnen — und tritt bei Mahnwachen vor dem Landhaus auf, bei Performances und Marktspaziergängen, im Gespräch mit Menschen über Politik und Wahlverhalten. Ilse gehört zu den fünf Sprecherinnen. Was sie am meisten schätzt, ist die Gemeinschaft und die Stunden, in denen die Sprecherinnen ohne Tagesordnung zusammensitzen und die Gedanken schweifen lassen.

    Als Ilse den Grazer Frauenpreis bekam und ein Interview in der Steirerin erschien, waren in ihrer Herkunftsgemeinde plötzlich alle stolz auf sie. Wegen des Preises — nicht wegen dem, wofür er vergeben wurde. Was sie inhaltlich macht, wofür sie steht, das blieb unkommentiert. In einer Gemeinde, in der traditionell schwarz und blau gewählt wird und über ihre politische Arbeit schlicht nicht gesprochen wird, war die Auszeichnung als solche das Ereignis. Das Zweischneidige daran hat sie nicht übersehen.

    Die jungen offenen und kritischen Menschen und die wunderbaren OMAS ermutigen sie und stimmen sie immer wieder optimistisch. Jüngere Frauen fragen immer öfter, ob sie zu den OMAS GEGEN RECHTS stoßen können — auch wenn sie noch keine Omas sind. Die Antwort ist ja. Die Gruppe arbeitet mit jungen Frauen von der Akrosphäre in Graz zusammen, hat Aktionen der Letzten Generation begleitet und unterstützt. Eine Spange zwischen ganz jung und alt, sagt Ilse. Das sei das Neue daran — dass nicht nur die Jungen auf die Straße gehen, sondern auch die Alten. Und dass alte Frauen laut und sichtbar sind. Das war lange anders.

    Was sie am meisten beunruhigt: dass Menschen nicht wahrnehmen, wie gefährlich der Rechtsextremismus ist. Dass die hetzerischen und oft verharmlosenden Reden der FPÖ geglaubt werden. Dass der ORF in der Steiermark die OMAS GEGEN RECHTS seit dem rechts/rechtsextremen Regierungswechsel 2025 nicht mehr interviewt. Das nennt sie nicht traurig. Das nennt sie erschreckend.

  • Für die Demokratie – auf den Märkten von Graz

    Für die Demokratie – auf den Märkten von Graz

    Für die Demokratie – auf den Märkten von Graz

    Einen Monat lang, jeden Samstag, waren die OMAS GEGEN RECHTS Steiermark auf den Grazer Märkten unterwegs. Nicht um Wahlkampf zu machen – sondern um Menschen daran zu erinnern, dass ihre Stimme zählt. Vor der Gemeinderatswahl am 28. Juni 2026 sprachen sie Marktbesucher*innen an, verteilten Informationen und machten deutlich: Demokratie braucht Beteiligung.

    Das Ergebnis am Wahlabend zeigte, dass Graz seinen eigenen Weg geht. Die KPÖ unter Bürgermeisterin Elke Kahr gewann die Wahl mit deutlichem Abstand und bleibt stärkste Kraft im Grazer Gemeinderat. Sie erhielt rund 36 Prozent der Stimmen – ein nochmaliger Zuwachs gegenüber 2021. Die FPÖ erzielte 12,2 Prozent – ein leichtes Plus gegenüber 2021, aber weit unter dem bundesweiten Trend.
    Graz bleibt damit ein bemerkenswerter Sonderfall in der österreichischen Politiklandschaft.

  • Gudrun

    Gudrun

    Gudrun / Graz

    Gudrun hat lange unterrichtet – PR, Journalismus, Kommunikation. Und irgendwann hat sie in ihren Seminarräumen etwas bemerkt, das sie nicht loslassen wollte. Junge Frauen, die sagten: Ich möchte eigentlich Familie. Kinder. Zu Hause bleiben. Nichts dagegen – aber es war der Ton. Die Leichtigkeit, mit der Dinge abgegeben wurden, für die Frauen vor ihnen jahrzehntelang gekämpft hatten. Das Recht auf eigenes Geld. Auf einen eigenen Beruf. Auf ein Leben, das nicht durch den Mann definiert wird. Als wären das keine Errungenschaften, sondern Optionen. Nett zu haben, aber verzichtbar.

    Das hat in ihr gearbeitet.

    Dann kam der Herbst 2024. Die Omas gegen Rechts suchten Frauen für eine Aktion im Rahmen des Steirischen Herbstes – ausdrücklich nicht nur Omas, sondern Frauen aller Generationen. Gudrun sah den Aufruf, meldete sich, und verstand beim ersten Lesen, worum es geht. Die Rückwärtsparade.

    Eine Gruppe von Frauen geht die Herrengasse hinunter – rückwärts. Die Musik, zunächst bunt und vielstimmig, wird mit jedem Schritt eintöniger. Die farbigen Blusen verschwinden, darunter nur mehr Grau. Die Bewegungen werden kleiner, langsamer, zuletzt nur noch ein Schlurfen. Am Hauptplatz, vor dem Rathaus, stehen die Frauen schließlich mit Kochtöpfen und Kochlöffeln: Nur noch für Herd und Kind zuständig, für sonst nichts.

    Es ist das mahnende Bild einer Gesellschaft, die zwar heute noch immer in patriarchalen Strukturen verhaftet ist, mit diesem Rückwärtsgang aber zeigt, wie viel tiefer die Unfreiheit der Frauen in der Vergangenheit war und wie schnell erkämpfte Rechte wieder im Grau verschwinden können.

    Es war geprobt worden, dreimal. Es war poetisch, präzise, wütend auf die richtige Art. Und Gudrun stand mittendrin und dachte: Genau das. Genau das habe ich in meinen Seminarräumen gespürt – und hier steht es als Bild auf der Straße.

    Dass diese Aktion danach kaum Medienecho fand, hat sie nicht überrascht – aber als jemand, die ihr Berufsleben damit verbracht hat, Kommunikation zu verstehen, konnte sie es nicht einfach hinnehmen. Wenn eine so kraftvolle Aktion unsichtbar bleibt, stimmt etwas nicht. Seit der Pensionierung hat sie die Zeit, etwas dagegen zu tun. Sie hat den Instagram-Kanal der Omas gegen Rechts Steiermark übernommen.

    Die eigentliche Wurzel aber liegt tiefer. Gudruns Großmütter waren beide erwerbstätig – in einer Zeit, in der Frauen ihrer gesellschaftlichen Schicht eigentlich zu Hause zu bleiben hatten. Das Patriarchat hatte klare Vorstellungen: Der Mann verdient, die Frau verwaltet. So gehörte es sich. Ihre Großmütter haben sich nicht daran gehalten. Nicht laut, nicht mit Manifest – einfach mit der Tatsache ihres Lebens. Sie haben gearbeitet, Kinder großgezogen, Haushalt geführt, und waren dabei, soweit Gudrun das als Enkelin erlebt hat, von bemerkenswerter Fröhlichkeit. Nicht weil es leicht war. Sondern weil sie wussten, wer sie sind.

    Das ist Feminismus, auch wenn sie dieses Wort nie benutzt haben.

    Und genau das hat Gudrun an ihre Tochter weitergegeben: Steh auf eigenen Beinen. Verdien dein eigenes Geld. Nicht als Absicherung für den Notfall – sondern weil Abhängigkeit keine Basis für ein selbstbestimmtes Leben ist. Eine Partnerschaft kann schön sein, eine Bereicherung, eine Erweiterung. Aber sie darf keine Notwendigkeit sein. Und das, merkt Gudrun, verlangt auch etwas von den Männern: den Willen, Macht abzugeben. Eine feministischere Gesellschaft bedeutet, dass Macht geteilt wird – und das ist nicht selbstverständlich. Noch nicht.

    Jetzt möchte Gudrun selbst diese Oma sein. Die, die es vorlebt. Die zeigt, dass man nicht wegschaut. Die jetzt erst richtig anfängt. Ihre eigenen Großmütter haben ihr gezeigt, dass es geht – durch ihr Leben, nicht durch ihre Worte. Das ist ihre Geschichte. Und die möchte sie weiterschreiben.

  • On Your Shoulders“ Performance

    On Your Shoulders“ Performance

    „On Your Shoulders“ Performance
    Ich durfte die Probe zu „On Your Shoulders“ begleiten — und was ich dort gesehen habe, war wirklich beeindruckend. Leider konnte ich nicht bei der Aufführung selbst am 8. März im Schauspielhaus Graz dabei sein.
    Hier dafür der Link zum Youtube Video

    „On Your Shoulders“ ist eine gemeinsame Produktion von Akrosphäre, F8 und den OMAS GEGEN RECHTS Steiermark, unter der künstlerischen Leitung von Christine Teichmann — die für das Projekt für den Grazer Frauenpreis nominiert wurde. Drei Generationen schaffen gemeinsam ein Bild, das den weitergetragenen Kampf um Frauenrechte sichtbar macht: Wir stehen auf den Schultern derer, die vor uns gekämpft haben — von der Suffragetten-Bewegung über Simone de Beauvoir bis zu Johanna Dohnal. Nicht nur die Älteren tragen die Jungen — auch die Jungen stützen die Alten. Im Austausch zwischen den Generationen entsteht ein eindrucksstarkes Bild gegenseitiger Unterstützung. Denn der Kampf ist nicht abgeschlossen: Es gilt noch viel umzusetzen — und Erreichtes zu verteidigen.

  • Mahnwachen vor dem Grazer Landtag

    Mahnwachen vor dem Grazer Landtag

    Mahnwachen vor dem Grazer Landtag
    In meiner Heimatstadt Graz begleite ich die Omas gegen Rechts Steiermark bei ihren Mahnwachen vor dem Landhaus in der Herrengasse — bei jeder Landtagssitzung stehen sie dort, singen, sprechen mit Passantinnen und Passanten, machen auf die aktuelle Lage aufmerksam. Und dann gehen sie hinein — um den Sitzungen beizuwohnen und einfach da zu sein. Aufpassen.
    Im steirischen Landtag tagt gerade die FPÖ unter Landeshauptmann Mario Kunasek — zum ersten Mal in der Geschichte der Zweiten Republik steht damit ein FPÖ-Politiker an der Spitze der Steiermark. Die Folgen sind spürbar: Die neue Landesregierung kürzt im Sozial- und Kulturbereich, betroffen sind Integrationsprogramme, Gewaltschutz und Beratungsangebote. Auch das Kulturbudget 2026 wurde deutlich gekürzt — und Landeshauptmann Kunasek kündigte an, die ORF-Landesabgabe ab 2027 abzuschaffen, eine wichtige Finanzierungsquelle für die Kultur.
    Die steirischen Omas hatten 2025 hochgerechnet jede Woche eine Aktion — weil, wie sie selbst sagen, leider sehr viel zu tun ist.