
Roya / Berlin
Roya wächst im Nordosten des Iran auf, in einer turkmenischen Region, in der Stadt Gonbad-e Kavous, als Kind einer Bahai-Familie. Der Glaube ihrer Eltern ist im Iran keine geschützte Minderheit, sondern Ausschlussgrund: Bahai dürfen offiziell nicht studieren, nicht verbeamtet werden, nur selbstständig arbeiten. Schon als Jugendliche fragt sie sich, warum manche Menschen sehr reich sind und mehrere Häuser und Villen besitzen, während andere zur Miete in einem Zimmer mit fünf Kindern hausen müssen. Diese frühe Wut über Ungerechtigkeit wird zum Ausgangspunkt für alles, was folgt.
Politisiert wird sie mit siebzehn Jahren durch ihren älteren Bruder, der der linken Volksfedajin-Bewegung nahesteht und ihr verbotene Flugblätter und Zeitschriften mitbringt. Die Eltern dürfen davon nichts wissen, denn politische Aktivität eines Kindes gefährdet im Iran die ganze Familie. Kurz nach der Machtübernahme der Islamisten beginnt Roya ein Studium in Maschhad, fünfhunert Kilometer von zuhause entfernt. Es dauert nur anderthalb Semester. An einem gewöhnlichen Samstag erlebt sie mit, wie vor der Universität ein Feuer brennt und Bücher aus der Bibliothek hineingeworfen werden, begleitet von Rufen, die Universität müsse von anders Denkenden gereinigt werden. Was im Iran als Kulturrevolution bezeichnet wird, schließt die Universität für zweieinhalb Jahre und zerstreut die Studierenden über das ganze Land.
Roya bleibt zunächst in Maschhad, arbeitet im Krankenhaus, oft im Zwölf-Stunden-Takt, und unterstützt aus der Ferne ihre Eltern, denn das Baumwoll- und Getreidegeschäft ihres Vaters wurde vom islamischen Regime verschlossen und plombiert. Roya darf als Bahai politisch nicht aktiv sein, dennoch überschreitet sie dieses Verbot und setzt ihre politische Arbeit im Untergrund fort, in konspirativen Treffen in Cafés rund um die geschlossene Universität. Als die Repression gegen die Linke zunimmt und frühere „Verbündete“ wie die Tudeh-Partei zu Gegnern werden, gerät sie auf eine Fahndungsliste. Sie flieht bei Nacht und ohne Ankündigung aus ihrer Wohnung, überlässt ihr Zimmer der Schwester und sorgt auch für sie aus Sicherheitsgründen für eine neue Unterkunft. Roya zieht weiter nach Teheran. Dort begegnet sie einem Genossen wieder, mit dem sie aus Sicherheitsgründen eine formale Ehe eingeht. Als alleinstehende Frau im Iran zu leben ist damals kaum möglich, ohne sofort Verdacht zu erregen; die Ehe dient als pragmatischer Schutzschild und als Tarnung für geheime Parteisitzungen in der gemeinsamen Wohnung. Aus dieser Notwendigkeit entsteht in der Ausnahmesituation des Untergrunds eine echte Partnerschaft, und die beiden bekommen eine Tochter. Als die Familie über drei Jahre lang innerhalb Irans immer wieder den Wohnort wechseln muss, um unentdeckt zu bleiben, beschließen sie, das Land zu verlassen. Zuerst geht ihr Mann, die Flucht wird aus dem gemeinsamen Vermögen finanziert. Roya hält sich danach noch eine Zeitlang an wechselnden Orten auf, bis sie schließlich ihren gesamten Schmuck verkauft, um Geld für sich und ihre Tochter aufzubringen. Dann kommt die Familie in Deutschland wieder zusammen.
Erst in Deutschland formiert sich Royas feministische Haltung vollends: Sie erteilt der Erzählung eine Absage, wonach sich die Frauenfrage im Sozialismus von selbst löse. Sie sieht, dass die unbezahlte Care-Arbeit, Kochen, Putzen, Kinderversorgung, selbst in linken Bewegungen weiterhin an den Frauen hängenbleibt. Diese Erkenntnis der Doppelbelastung macht Frauenrechte für sie zu einer eigenständigen Aufgabe, die nicht auf spätere Zeiten verschoben werden darf.
Zu OMAS GEGEN RECHTS kommt Roya über die Demonstration Unteilbar im Jahr 2019. Der Anblick weißhaariger Frauen mit Schildern und Warnwesten beeindruckt sie so sehr, dass sie sich noch am selben Tag entscheidet, sich einzubringen. Weil sie zu dieser Zeit noch berufstätig ist, bleiben ihr vor allem Abende, Wochenenden und die Sitzungen per Zoom, doch das hält sie nicht davon ab, sich zusätzlich in der Feminismus-AG und in der Antirassismus- und Migrations-AG zu engagieren. In diesen AGs erlebt sie, wie Frauen aus ganz Berlin zusammenkommen, quer über die Bezirke hinweg, manche mit weiten und beschwerlichen Anfahrtswegen. Diese Bereitschaft, trotz Mühe zu kommen, beeindruckt sie immer wieder und trägt sie selbst mit.
Roya betont, dass ihr Engagement nicht allein aus ihrer eigenen Position als Migrantin heraus entsteht, sie versteht es als Arbeit für die Gesellschaft insgesamt. Besonders schätzt sie an den gebürtig deutschen Omas, dass sie sich nicht darauf zurückziehen, das Thema betreffe sie nicht direkt. Statt die Beine hochzulegen oder sich dem Stricken zu widmen, entscheiden sie sich, auf die Straße zu gehen. Für Roya zeigt sich darin ein Denken, das über die eigene Familie hinausreicht, über den Tellerrand der eigenen Generation hin zu den nächsten. Sie beschreibt die Frauen als bemerkenswert frei von Vorurteilen und offen im Umgang miteinander.
An Infoständen der OMAS GEGEN RECHTS erlebt Roya selbst wiederholt Anfeindungen. Sie wird aufgrund ihrer Haut- und Haarfarbe beschimpft, ihr wird unterstellt, von Sozialleistungen zu leben, obwohl ihre gesamte Arbeit hier ehrenamtlich ist, jede Stunde am Infostand, jedes verteilte Flugblatt, jedes Gespräch mit Passantinnen und Passanten. Manche lassen sich überzeugen, andere reagieren mit offener Ablehnung. Roya lässt sich davon nicht beirren, sie sieht darin weniger einen persönlichen Angriff als die Enge derjenigen, die sich nicht öffnen können. Ihre Haltung dahinter: Es gibt eine Erde und einen Himmel für alle, unabhängig davon, wo jemand geboren wurde.
Aus ihrer eigenen Geschichte zieht sie eine klare Verbindung zur Gegenwart. Sie selbst konnte vor vierzig Jahren nach Deutschland kommen, Sprache lernen, studieren, Fuß fassen. Menschen, die heute ankommen, stoßen aus ihrer Sicht viel häufiger auf verschlossene Türen, trotz mitgebrachter Traumata. Wo Menschen keine Chance und keine Wertschätzung erfahren, entsteht aus ihrer Sicht der Nährboden für Radikalisierung, gleich ob bei jungen Männern aus patriarchal geprägten Gesellschaften oder bei jungen Menschen, die sich rechtem Gedankengut zuwenden. Genau darin sieht Roya die Verbindung zwischen islamistischen und rechtsextremen Weltbildern: Beide wollen die Frau zurück ins Haus, beide sprechen jungen Menschen ab, dass sie in der bestehenden Gesellschaft Anerkennung finden können. Deshalb ist Feminismus für sie kein Nebenschauplatz, sondern ein Kernstück ihrer politischen Arbeit gegen rechts und Fundamentalismus.
Aktuell ist Roya an vier von sieben Tagen der Woche politisch aktiv, neben ihrer Berufstätigkeit an vier Tagen. Manchmal fragt sie sich selbst, wie lange sie dieses Tempo noch durchhalten kann, und doch hat sie in ihrem Leben nie aufgegeben, seit siebenundvierzig Jahren nicht. Was sie dabei trägt, ist der Zusammenhalt unter den Frauen, der ihr immer wieder als wohltuend erscheint, ob bei großen Aktionen oder bei kleinen wie einem Vorlesenachmittag für Demokratie in einer Kita oder in der Fußgängerzone am Infotisch.
Aufgeben ist für Roya keine Option, denn Aufgeben bedeutet für sie, dass am Ende die Rechten und die Diktatoren gewinnen. Sie will weiterhin kämpfen, solange sie lebt und solange ihre Kraft reicht, in der Hoffnung, dass all die investierte Zeit und Energie eines Tages Früchte trägt, für die nächsten Generationen, die sie mit den anderen Omas im Blick hat.