Probenbesuch: Forumtheater der OMAS GEGEN RECHTS Bodensee
Am 8. Juli 2026 durfte ich an der Probe für ein Forumtheaterstück der OMAS GEGEN RECHTS Bodensee teilnehmen und die Gruppe fotografisch begleiten. Es war die Probe zum Stück „Was ist eigentlich los hier?“, das bald wieder zur Aufführung kommt. Künstlerische Leitung: Irmgard Sollinger. Erarbeitet hatten die Frauen das Stück gemeinsam mit Micha Messermann, Mainz, in nur einer Woche im März 2026.
Was ist Forumtheater?
Forumtheater ist eine Form des interaktiven Theaters, entwickelt vom brasilianischen Regisseur Augusto Boal im Rahmen seines „Theaters der Unterdrückten“. Gezeigt wird zunächst eine Szene mit einem ungelösten Konflikt oder einer Unterdrückungssituation. Danach wird die Szene noch einmal gespielt, und das Publikum darf jederzeit „Stopp!“ rufen, selbst auf die Bühne kommen und eine Figur ersetzen, um auszuprobieren, wie sich die Situation anders lösen ließe. Ziel ist nicht die perfekte Lösung, sondern das gemeinsame Durchspielen von Handlungsmöglichkeiten: Theater als Probebühne für echtes Eingreifen.
Das Stück verknüpft thematisch zwei Zeitebenen. Am Anfang steht ein Kriegerdenkmal, ein Chor singt „Lili Marleen“. Aloys, kriegsversehrt, wird von den Erinnerungen eingeholt und übergibt seiner Nachfahrin Hedi einen schweren Sack: die Last der Vergangenheit, die sie widerwillig schultert.
Im zweiten Teil, in einem Supermarkt, geraten Hedi und ihre Freundin Biggi beim Einkaufen in eine Konfrontation: Kevin, ein junger Mann mit Kapuzenpulli, greift ein schwangeres lesbisches Paar verbal an. Hedi stellt sich schützend dazwischen. Biggi dagegen steht für die Menschen, die nicht hinschauen wollen: Sie nimmt die Attacke zwar wahr, wendet sich aber ab, will damit nichts zu tun haben, ist genervt und will lieber in Ruhe Champagner für ihre Geburtstagsparty kaufen. Als Hedi von Kevin bespuckt wird, bleibt Biggi keine Wahl mehr, als ihrer Freundin notdürftig „beizustehen“; doch kaum ist die Situation vorbei, schiebt sie Hedi von sich weg, mahnt sie, ja nicht ihre Party zu versauen, und verschwindet. Hedi bleibt fassungslos allein zurück: „Ich begreife es nicht, ich begreife es einfach nicht.“
Wie mir die Frauen erzählten, hat das Stück in bisherigen Aufführungen mehrfach für Gänsehaut-Momente gesorgt. Meist stellt sich das Publikum schützend vor das angegriffene queere Paar. Nur einmal bekam stattdessen Kevin Unterstützung aus dem Publikum, und sofort formierte sich die gesamte Zuschauerschaft gegen ihn. Bei dieser Gelegenheit ging auch jemand direkt zu Kevin, fragte ihn, ob ihn denn irgendjemand liebe, und Kevin fiel buchstäblich die Maske herunter, er konnte gar nichts mehr sagen.
Für nächstes Jahr wird überlegt, das Stück näher an die eigenen Erfahrungen der Omas heranzurücken, etwa indem statt des queeren Paares reale Beschimpfungen eingebaut werden, mit denen sich die Frauen selbst immer wieder auseinandersetzen müssen. In seiner Kürze trägt das Stück für mich alles in sich: eine traumatisierte Generation, die ihr Päckchen weitergibt, falsche Ideologien, und der wiederauferstandene Hass gegen Andersdenkende. Es regt zum Mitmachen an und zum Nachdenken.
Kommende Termine:
01.–09.8.26, Friedrichshafen, Kulturufer (Termine noch nicht fixiert)
02.10.26, 15–20 Uhr, Konstanz, Lange Nacht der Demokratie, Münsterplatz
11.10.26, 18:30–19:30 Uhr, Heimenkirch, Paul-Beck-Haus, im Rahmen der Interkulturellen Woche der VHS Lindenberg
Frühjahr 2027: VHS Lindenberg (2. Aufführung im Rahmen eines Projekts zur Aufarbeitung des 3. Reichs) und VHS Lindau
Ich hoffe, eine der kommenden Aufführungen selbst sehen zu können, und freue mich schon sehr darauf.