Portfolio Category: Celle

  • Karin

    Karin

    Omas gegen Rechts Celle – Gründerin

    Karin ist kein mutiger Mensch. Das sagt sie selbst. Und trotzdem stellte sie sich 2019 allein mit einem selbst gebastelten Schild – „Oma gegen Rechts“, montiert auf  einen Besenstiel – vor die Touristinformation am Alten Rathaus in Celle. Weil sie einen Fernsehbericht gesehen hatte. Weil die Rechten mehr wurden. Weil sie dachte: Da müsste man was tun. Man müsste sich hinstellen.

    Zwei, drei Bekannte hatte sie gefragt. Die wollten nicht. Also stand sie allein.

    Die Marktfrauen, die sie vom Einkaufen kannten, sagten: „Wenn Ihnen hier einer was tut, wir beschützen Sie.“ Das hat sie gestärkt. Sie blieb. Und kam wieder. Und wieder. Mit der Zeit wurden sie bekannter, die Gruppe wuchs – und sie kamen sogar in die Zeitung.

    Von den Omas gegen Rechts hatte sie gelesen – gegründet 2017 in Österreich, längst in vielen Städten aktiv. In Celle gab es sie nicht. Also gründete Karin sie. Allein, mit einem Besenstiel.

    Mit 70 wagte sie einen Neuanfang – allein, ohne Netz, ohne Wurzeln in der Stadt. Sie hatte im Fernsehen von einem Genossenschaftsprojekt in Celle gehört, setzte sich auf die Warteliste und fand schließlich eine kleine Wohnung. In der Nähe alles, was sie brauchte: zwei Apotheken, den Hausarzt, den Friseur, viermal in der Stunde den Bus. Ihren Sohn, Umweltschützer ohne Auto, besucht sie alle sechs Wochen in Bielefeld – mit Zug und Bus natürlich.

    Und dabei trägt sie ihre Omas-Plakette. Man sollte sie abnehmen, sagt sie. Aber sie vergisst es einfach. Und dann passiert etwas Schönes: Junge Leute stellen ihr den Koffer aufs Gleis, begleiten sie zum richtigen Bahnsteig, fragen: „Woher kommen Sie denn? Das machen Sie in Celle?“ Fast immer sagen die Menschen: „Ist ja gut, was Sie da machen.“

    Das Altwerden, sagt sie, muss nicht so schwer sein. Diese Fürsorglichkeit, diese Begegnungen – das hätte sie nicht erwartet. Und das ist auch der Grund, warum ihr das alles so wichtig ist. Ich möchte nicht, dass das verloren geht.

    Sie besuchte einen Vortrag über 1933. Wie einfach es damals ging: ganz systematisch, ganz strukturiert – man erleichterte den Menschen das Leben und zog sie so auf die eigene Seite. Das ist so. Und nichts anderes passiert heute auch. Was sie antreibt, ist eine ganz konkrete Frage: In was für einer Gesellschaft werden die nächsten Generationen leben? Für mich ist es nicht mehr so wichtig. Aber was ist mit denen, die weiterleben müssen?

    Uns kriegt niemand mehr von der Straße runter.

  • Gundi

    Gundi

    Omas gegen Rechts Celle / Hannover

    Gundi ist von Natur aus optimistisch. Das sagt sie selbst. Vielleicht hat sie das von ihrem Vater.

    Ihr Vater war Arbeiterkind, aufgewachsen in Hannover-Linden, keine feine Gegend. Sie hatten nichts, spielten auf der Straße. Dann kam Hitler – und sammelte diese Kinder ein. Dem Vater ermöglichte er das Segelfliegen, Ausflüge zum Flugplatz Ithwiesen, Kameradschaft, Abenteuer. Statt auf der Straße plötzlich in der Luft. Er war glücklich. Er war vielleicht vierzehn.

    Er wurde Pilot. Wurde abgeschossen. Kam 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück – ohne Haare, wie alle, wegen der Läuse. Gundis Mutter sah den Zug ankommen, schaute aus dem Fenster des Lazaretts und dachte: Gott, halbe Kinder haben sie da zusammengesammelt. Dann schnappte sie sich den Vater. Der hatte keine Zeit, traumatisiert zu sein.

    Im Alter sagte er: Ich habe eigentlich ein schönes Leben gehabt. Ich musste in den Krieg und bin gesund wiedergekommen. Und ich musste nie einen Totschießen. Das war ihm wichtig. Das hat er festgehalten.

    Aber er hat sich auch immer vorgeworfen, dass er nicht gesehen hat, was sie wirklich vorhaben. Dass er sich hat einfangen lassen. Dass es ihm sogar gefallen hat. Er war noch ein Kind – aber das milderte das schlechte Gewissen nicht ganz. Und er hat immer gesagt: Niemals wieder würde er sich seine Gesinnung auf einen Knopf drucken lassen. Niemals wieder.

    Daraus wurde ein Vollblutgewerkschafter. Betriebsrat, SPD, das Bewusstsein, dass Arbeiter sich zusammentun müssen, um irgendetwas zu erreichen. Gundi ist damit aufgewachsen – als selbstverständliche Wahrheit, nicht als Ideologie.

    Sie selbst hat immer schon gemacht. Schülersprecherin und Mitarbeiterin im AStA, Gewerkschaft, Klimademos, eine Bürgerinitiative im Dorf. Und dann, 2019, ein Zeitungsartikel: In Hannover gründet sich eine Gruppe Omas gegen Rechts. Kommen Sie vorbei. Gundi kam. 40, 50 Frauen standen in einem Raum, der viel zu klein war. Ein Zettel ging rum. Dann gings los.

    Sie standen mit Ständen in der Innenstadt, zwei-, dreimal die Woche. Sie fuhren ins Umland, morgens um sechs zum Burgdorfer Pferdemarkt, weil die Bauern früh sind. Weil die Rechten sich in Dörfern einnisten – als netter Herr Müller, der die Jugendmannschaft trainiert, der brav spendet, der zum Bürgermeister gewählt wird.

    So kam sie auch nach Celle. Irgendeine Veranstaltung, die Hannoveraner fuhren mit. Sie lernte die Celler Gruppe kennen, die war überschaubarer und persönlicher als im großen Hannover und trotzdem hat sie vielfältige und zahlreiche Aktionen. Ausserdem ist demonstrieren vorm Schloss einfach toll

  • Claudia

    Claudia

    Omas gegen Rechts Celle

    Claudia suchte lange nach einer Gruppe in Celle. Während Corona gab es keine. Dann, nach Corona, sah sie auf einer Demonstration jemanden mit einer Omas-Weste. Sie sprach sie an. „Wir treffen uns jeden Mittwoch auf dem Markt. Komm einfach dazu.“ Claudia kam. Dann zum ersten Stammtisch. Seitdem ist sie dabei.

    Der Auslöser war nicht ein einzelner Moment. Die AfD wurde stärker, die Stimmen mehr, die Gefahr größer. Und ihre ältere Schwester in Lübeck war längst bei den Omas – das hatte sie noch einmal aufmerksamer gemacht. Es ist jetzt Zeit, was zu tun.

    Damals waren sie vier, maximal fünf. Sigrid übernahm die Koordination als Sprecherin, baute Netzwerke auf, gab der Gruppe Sichtbarkeit. Lange trafen sie sich zum Stammtisch in einem Mutter-Kind-Café – dem einzigen Ort in Celle, der sie haben wollte. Als die Gruppe wuchs, zogen sie weiter in den Stadtteiltreff. Dort sind sie heute gerne gesehen, machen gemeinsam Aktionen. Eine tolle Truppe, sagt Claudia.

    Die AfD mache es gerissen, sagt sie. Über TikTok und soziale Medien, mit einfachen Antworten, mit Sündenböcken. Nichts anderes als das, was die NSDAP gemacht hat. Das macht mich so wütend. Junge Menschen fragten nicht nach, weil sie unzufrieden seien und Angst hätten. Und die alten Parteien? Die könnten davon lernen – tun es aber nicht.

    Am Infostand sagte einmal jemand zu ihr: Alle Ausländer müssen raus. Claudia fragte ruhig: „Was machen Sie, wenn Sie in drei Wochen einen Herzinfarkt haben? Sie gehen ins Krankenhaus? Ist aber keiner mehr.“ Wer macht denn die Arbeit, die viele nicht machen wollen? In den Siebzigern waren es die Gastarbeiter. Heute sind es Menschen, die hierher gekommen sind und dieses Land längst mitaufbauen. Das sind Deutsche. Viele hier geboren.

    Vor Wahlen standen sie bei Infoständen im Winter, frierend, in der Kälte. Und dann fingen sie an zu singen. Und da dachte Claudia zum ersten Mal: Wie toll ist das. Wir sind nicht alleine.

    Ihre Hoffnung: Dass sie etwas bewirken. Dass noch mehr Menschen kommen. Dass die AfD niemals allein regiert. Man kann auch bescheidener leben und trotzdem glücklicher sein – wenn es nicht immer nur darum geht, was kaufe ich mir als nächstes. Die Omas geben ihr diese Hoffnung. Weil sie gemeinsam dastehen. Sollte wirklich das Allerschlimmste passieren – wir sind immer noch da.

  • Mahnwache Celle am Marktag

    Mahnwache Celle am Marktag

    OMAS GEGEN RECHTS Celle — Mahnwache am Markt

    Jeden Mittwoch um 11 Uhr, wenn in Celle Markttag ist, treffen sich die OMAS GEGEN RECHTS vor der Nordsee-Filiale am Markt — und singen. Eine Stunde lang. Mit Liedern, die sie selbst schreiben: auf die Zeit, auf die Lage, auf das, was gerade passiert. Laut, kreativ und unüberhörbar mitten im Alltagstreiben der Stadt.
    Was banal klingen könnte, ist in Wirklichkeit eine der beständigsten Formen des Widerstands — Woche für Woche, bei jedem Wetter, mit selbst gemachten Texten und viel Herzblut.